1894
NK. 220 Zweites Blatt. Donnerstag den 20. September
Amts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gieren
Hratisbeitage: Gießener Kamittenötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Vierteljähriger , Zibonncmentspreisr, 2 Mark 20 Pfg. mir Bringcrlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
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Vermischte»
♦ DLfseltzorf, 17. September. Der Postcassirer Robert G'raichen auS Essen a. d. R. ist nach Unterschlagung von Postkassengeldern in Höhe von 30,000 Mk. seit 6. September flüchtig. Gratchen ist am 6. September Abends in Darmstadt gesehen worden, seitdem sehlt jede wettere Spur. Graichen stammt aus Ziegelheim (Kr. Zwickau), ist 1,75 Meter groß, hat schlanke Gestalt, dünnes schwarzes Haar (Platte), schwarzen, nicht starken Schnurrbart mit Fliege, gebräunte Gesichtsfarbe, trägt Stahlbrille. Seine Kleidung bei der Abreise bestand in Jaquetanzug aus dunklem, blaucarrrrt und roth melirtem Stoffe und weichem schwarzem Filzhut. Der Flüchtling spricht sächsischen Dialect und ist auch des Französischen und Englischen mächtig. Auf Ergreifung Graichens und Wiedererlangung des Geldes hat die Oberpoftdirectton in Düffeldorf 1200 Mk. Belohnung ausgesetzt. Von etwaiger Festnahme ist die Staatsanwaltschaft in Effen zu benachrichtigen.
* Ein Dachdeckergeselle aus Querfurt, der bei der Arbeit auf dem Dach eine« Neubaus ein etwa s/i Centner
Schiffsnachrrchterr.
Hamburg, 17. September. Neueste Nachrichten über die Bewegungen der Dampfer der Hamburg-Amertka-Ltnie. Dampfer -Virginia" ist am 15. September von Newyork in Kopenhagen angekommen. Dampfer „Polynesia" ist am 15. September, 2 Uhr Nachmittags, von Newyork via Scandinavien nach Stettin abgegangen. Postdampfer „Persta" ist am 15. September, 6 Uhr Nachmittags, von Newyork nach Hamburg abgegangen. Dampfer „Albtngia »st am 15. September in Neworleans angekommen. Postdampfer „Grasbrook", von Westindien kommend, hat am 1b. Septembn^, 9 Uhr Abends, von Havre die Reife nach Hamburg fortgefetzt. Post- dampser „Borussia" ist am 15. September, 2«/i Nachmittags, von Hamburg via Havre nach Westindten abgeyangen. Dampfer „Wandrahm" ist am 15. September, 9 Uhr Morgens, von Montreal nach Hamburg abgegangen. Postdampfer „Bavaria", von Westindten kommend, hat am 16. September, 11 Uhr Morgens, von Havre die Reife nach Hamburg fortgesetzt. Dampfer „Hungarta", von «altiuwre nach Hamburg zurückkehrend, passirte am 16. September, 6 Uhr Morgens, Lizard. Postdampfer „Prüfst-" ist am 16. September Morgens von Hamburg via Havre nach Newyork abgegangen. Pofl- dampfer „Eheruskta" ist am 16. September in Colon angekommen. Postdampfer „Rhenania", von Westindien nach Hamburg zurück- kehrend, ist am 16. September, 1 Uhr Nachmittags, in Havre ang^ kommen. Dampfer „Baumwall", von Montreal via Antwerpen nach Hamburg zurückkehrend, p»sstrte am 16. September, 7 Uhr Morgens, Ltzard. Postdampfer „Moravia" ist am 17. September Morgens von Newyork in Hamburg angekommen. Dampfer „Stetnhoft ist am 15. September Nachmittags von Hamburg via Antwerpen nach Montreal abgegangen. Postdampfer „Russia" ist am 16. September, 7 Uhr Morgens, von Hamburg via Havre in Newyork angekommen.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslande- nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener A-amilienvtLlter werden dem Anzeiger wächentlich dreimal beigelegt.
Theil.
Großherzogliche Fachschule für Elfenbein- und Holzbildhauerei und verwandte Gewerbe zu Erbach i. O.
Das Wintersemester beginnt Montag, den 8. October Lehrfächer: Zeichueu und Modellieren, Schnitzen in Elfenbein und Holz, Borträge über plastische Anatomie, Stillehre und Materialieuknnde; Unterricht in Buchführung, Rechnen, Deutsch rll. s. w.
Schulgeld pro Halbjahr 10 Mark.
Unbemittelten Schülern kann die Entrichtung des Schulgeldes nachgelaffen, auch die Stellung der Zeichenmaterialien und die unentgeltliche Ueberlaffung der Werkzeuge für die Dauer des Besuches der Schule bewilligt, sowie auswärtigen der Besuch der Schule durch einen Unterstützungsbeitrag erleichtert werden.
Bei Gesuchen um Gewährung der einen oder anderen Art dieser Erleichterungen, welche bei dem Hauptlehrer einzu- reichen sind, werden neben der Vermögenslage des Schülers auch die Vermögensverhältniffe der Heimathsgemeinde oder das Vorhandensein geeigneter Stiftungsmittel in Betracht gezogen.
Anmeldungen nimmt der unterzeichnete Hauptlehrer entgegen und ist auch zur weiteren AuskunstSertheilung bereit.
Der Vorsitzende des Aufsichtsrathes. Der Großh. Hauptlehrer.
I. V.: Mülberg^er. Görig.
Mchener Anzeiger
Generat-Mnzeiger.
oder einem Lappen auf. Die feinsten wie die gröbsten Gegenstände aus Stahl und Elfen können damit geschützt werden. Die Salb« ollte immer tn Bereitschaft fein und befonderS vor Eintritt de« Winters, bevor die Gcräthe aufgehoben werden, in Anwendung kommen. DaS Verhüten des Rostes besteht .bekanntlich darin, den Sauerstoff der Luft abzuhalten, und jdieS ist am besten zu erreichen mit Ueberziehen der Gegenstände mit einem Fettfirniß, wie oben angegeben. ______________
— «in wichtiges «eneS verfahre« in der vniter- bereitung. Müller tn Königsfeld erh,elt aus ein „Säuerungs» verfahren" ein Patent. Da dieses Verfahren tn verschiedenen mtlch- wirthfchaftlichen Versuchsstationen sich practifch günstig bewahrt hat, so theilen wir über d-Sselbe Folgendes mit: Dieses neue Der^hrm besieht darin, daß man dem zu verarbeitenden Rahm, bezw. der Milch, den zur Verbutterung erforderlichen SäuerungSgrad willkürlich zu passender Zeit durch Beimischung einer entsprechenden Menge chemisch reiner Salzsäure verleiht und darauf sofort die Butterung bytnnt. Eine Säurenmenge von 2 bis 4 Gramm pro Liter Rahm ist ausreichend, um die augenblickliche Herbeiführung deSfmtgem Rahm- zustandes zu bewirken, welchen man practifch als die „ButterunaS- reife" bezeichnet. Abgesehen von dem großen Nutzen, der durch die Befchleunigung und Vereinfachung deS ganzen MolkeretwefenS erzielt wird, ergtebt sich durch Anwendung des Müller sch en Verfahren« eine größere Ausbeute an Butter, gleichzeitig fällt dieselbe seiner und gleichartiger aus und erweist sich außerdem haltbarer als die nach dem früheren Säuerungsoersahren gewonnene Maare. -^ Molkereien machen wir auf dieses Säuerungsoersahren für Butterbereitung ganz besonders aufmerksam.
schweres Stück Dachpappe so unvorsichtig neben sich gelegt | hatte, daß es ins Rollen kam und herabstürzend eine Frau auf der Stelle tobt schlug, ist am Montag von der Strafkammer in Naumburg mit 3 Monaten Gefängniß bestraft worden.
* Spremberg, 18. September. In der Friedrichshainer Juliusgrube fand eine Explosion schlagender Wetter statt- zwei Fördermänner wurden getödtet.
* Constantine, 17. September. Der Tischler Brun erwachte in der letzten Nacht infolge eines Geräusches. Er ergriff sein Gewehr und schoß auf eine Gestalt die er im Garten wahrnahm. Ein Schrei ertönte, der Tischler hatte seine Mutter getödtet.
• Die neueste Volksbelustigung. In der „Jenaischen Zeitung" stndet sich folgendes Inserat: Schützenptatz Jena. Sonntag den 9. und Sonntag den 16. September: Zwei große Volksfeste, verbunden mit '.Ausstellen, Schießen und Braten eines mächtigem braunen Bären. Derselbe ist drei Jahre alt und wiegt 280 Psund. Nächsten Sonntag, als dem 9. September, wird derselbe auf der Schützenwtese aus- gestellt, um 3 Uhr und um 5 Uhr gefüttert und nachdem von dem berühmten Bärenjäger Mr. Johnson auS Grönland vor den Augen des Publikums erlegt. Sodann abgezogen, ausgeweidet, acht Tage auf Eis gelegt und Sonntag den 16. September am Spieß gebraten und portionsweise verspeist. Großes Concert, Caroussel, Schießbude, Kinder- belustigungen zur Stelle. Die Vorkehrungen sind so getroffen, daß jede persönliche Gefahr ausgeschlossen ist.
Verkehr, Caub» unb Vott»«> irth schaft.
— Soll man die Pferde Morgen« oder Übend« pntzen l Durch das Putzen, besonders das Striegeln, wird bie Hautlhättgkett ungemein angespornt, baS Blut drängt nach der Körperoberfläche, die Blutgefäße tn derselben erweitern sich und es entsteht größere Disposition zu Erkältungskrankheiten. Geschieht das Striegel» Abends, foj ist der Retz bis zum nächsten Gebrauch der Thtere vorüber, nicht aber, wenn dasselbe Morgens kurz vor der Arbeitszeit geschieht. Der plötzliche Temperaturwechsel, welcher im Minier nichl zu umgehen ist, kann, namentlich bet edleren Pferden, dann besonders leicht üble Folgen nach sich ziehen. Es kommt hinzu, daß beim Striegeln am Abend die erhöhte Hautthätigkett den Thteren die ganze Nacht im warmen Stalle zu Gute kommt. Der festgesetzte Schmutz und Schweiß, welche die Poren der Haut verstopfen, hindern die RespirattonSthätigkett und muffen Abends entfernt werden, denn nur bei guter RefptrationSthättgkett ist auch eine hohe Leistungsfähigkeit denkbar.
— Gegen da« Rosten der «ikergerLthe «nd landwirlh- schaftttche« Maschtnenthetle. Da die Landwtrthe, zumal in nassen Zähren, viel Verdruß und Nachthetl von dem Rosten der Ackergerälhe und dem Etnrosten landwtrthschaftltcher Maschtnenthetle haben, so sei erwähnt, daß das Rosten von Ackergeräthen und anderen Eifensachen durch einen einfachen Ueberzug von Speck und Harz leicht vermieden werden kann. Man schmilzt drei Theile Speck mit.einem I Theile Harz zusammen und trägt die Mischung mit einer Bürste
Fenilleton.
Aennchkn will ins Kloster.
Von Göza GLrdonyt.
(Autortsirte Uebersetzung.)
(Nachdruck verboten.) — 10. Juni'.
Ich that eine Gelübde, Nonne zu werden. Die Nonnen find lieb und gut und haben ein reines Herz. Gott hat sie gern. Ich konnte mir das Himmelreich nie ohne Nonnen vorstellen.
Seit drei Tagen bin ich zu Hause. Ich durchstreifte Wald und Flur. Der Wald ist jetzt feierlich und ernst. Die Bäume beten, die Bienen singen und die Seelen der Blumen steigen zum Himmel empor. Die Felder und Fluren haben noch daffelbe Aussehen wie vor fünf Jahren. Die großen weißen Gänse führen kleine gelbe Gänschen im Grase spazieren. Wie seltsam, daß ich Julie nicht mehr vorfinde. Ein anderes Mädchen hütet jetzt die Gänse. Julie ist heran- gewachsen und hat geheirathet, die Arme. O, mein Gott! Ihr Mann hat sie schon zweimal geprügelt.
Mama sagte, daß ich auch schon ein großes Mädchen lei- es werde nun bald an der Zeit sein, mich zu ver- heirathen. „Niemals! Niemals!" rief ich verzweifelt. Und ich ging in den Garten hinaus. Ich verbarg mich zwischen den Johannisbeersträuchern und weinte.
— 11. Juni.
Heute war Herr Balogh bei uns. Ein junger Guts- Besitzer. Unser Nachbar. Er will mich heirathen. Und er ifi es, der nicht zugeben will, daß ich Nonne werde.
Ich fühlte, wie ich bleich wurde. Meine Glieder bebten. Ich sah ihn an, wie man einen Mörder anblicken mag, und ließ ihn in meinen Augen lesen, daß ich ihn Haffe. Er lächelte und ergriff meine Hand. Er wagte es, sie anzufaffen. Dann meinte er, sie sei klein und weiß.
„Mama," sagte ich und riß meine Hand los, „ich habe Kopfweh."
Die Mutter gab dem Zug die Schuld. Kathi vergeffe immer sechs, acht Fenster zu schließen, wenn sie mit dem Abstäuben fertig sei. Ich küßte der Mama die Hand, grüßte Herrn Balogh mit einem kurzen eisigen Kopfnicken und begab mich in mein Zimmer.
In der That, ich war betäubt. Infolge der aus- gestandenen Aufregung durchglühte mich fieberische Hitze. . . Ich schaute meine Hände an. Sie find wirklich klein und weiß. Wie gut wird es mir paffin, wenn ich sie in der Kirche zum Gebete falte.
Ich sank auf das Sopha, und wie ich so ruhte, kam es mir vor, als ob das Kleid der Aebtisfin in meiner Nähe rauschte. Ich schloß die Augen. Ich vermag auf dtese Weise ihre Erscheinung mir immer hervorzurufen. Da stand sie nun vor mir in ihrem dunkelblauen Gewände und dem über ihre Schultern herabwallenden großen weiten Kragenmantel, himmlische Güte auf ihrem geheiligten, bleichen Antlitz und tiefe Andacht in den flachsblumenblauen Augen. Um mich herum höre ich das einschläfernde heilige Brausen der Orgel. Und die Aebtisfin flüstert: „Gebet Acht, daß Ihr nicht in Versuchung geführt werdet!"
O, nun begreife ich erst die heilige Mahnung, jetzt erst erleuchtet sie mich. Der Versucher ist erschienen. Mein Herz, meine Seele, nun seid stark! *
— 12. Juni.
Heute war Familienrath. Papa sagte, er habe Herrn Balogh's Besitzung angesehen und im Grundbuche nachschlagen lassen. „Die Heirath ist wünschenswerth." Damit schloß er den Bericht und setzte seine Pfeife in Brand, ohne mich auch nur um meine Meinung befragt zu haben.
Mama nickte fortwährend mit dem Kopfe, sah mich dann hinter dem Augenglas hervor an und wiederholte leise: „Die Heirath ist wünschenswerth."
„Papa," sprach ich mit erstickter Stimme, „ich möchte Nonne werden."
Daraushin warf Papa den FidtbuS zu Boden, wendete sich heftig zu mir und rief zornig: „Komm mir nicht wieder mit Deinen Nonnen, die alle . . ."
Ich hielt mir die Ohren zu und lief in mein Zimmer, um seine Lästerung nicht zu hören. O, wie schrecklich ist doch dieser Papa manchmal! Man merkt ihm an, daß er nicht von Nonnen erzogen wurde. *
— 13. Juni.
Kathi, welche durchs Schlüsselloch den wetteren Verlauf des Familienraths belauscht hatte, erzählte mir dann, daß man mich zur Heirath nicht mehr zwingen werde- Herr Balogh möge auch weiter ins Haus kommen, so oft es ihm beliebt, aber zu mir werde man nichts mehr über die Sache reden. In meiner Freude schenkte ich Kathi das Bild der heiligen Genovefa, auf welches Schwester Theresia geschrieben hatte: „Aennchen Nagy zum Lohne für die Tugend de« Schweigens."
„Nun magst Du schon kommen, Versucher!" dachte ich. — Und er kam auch.
(Fortsetzung folgt.)


