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Zweites Blatt.Dienstag den 20. Februar
1894
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Leuilleton.
Ker Jughsrddrunnkn im 19. Jahrhundert.
Bon Dr. O. Buchner.
(Schluß.)
Durch die Bauarbeiten war das Pflaster In der Unb tzerfitStSstraße sehr schadhaft geworden und beauftragte deshalb der KreiSrath den Baumeister Hofmann mit der Ausführung der Arbeit, denn ihre Besorgung „von städtischer Seite würde ohnehin nur wie gewöhnlich zu traurigen Resultaten führen." Doch sei der Bürgermeister zur erforderlichen Zahlung bereit.
Da stürzte im December 1837 ein beträchtlicher Theil deS Stollens ein und war dadurch der Verkehr auf der Straße wesentlich gehemmt. Zwar wurde rasch Holz zur Verzimmerung des Stollens angefahren, gleichzeitig wurde durch den Provinzialbaumeister Hofmann der die Stollenarbeit leitende Bergmann Kirchdörfer verklagt wegen vertragswidriger, schlechter und leichtsinniger Aussührung der Arbeit, denn dadurch seien der Stadt bedeutende Kosten entstanden.
Hofmann machte gegen Kirchd örser geltend, daß er 1) vom Schacht am Gendarmerieftall den Stollen aufwärts nicht In gerader Richtung gelegt habe, sondern dieser bald nach rechts, bald nach links abweiche. 2) Er habe das Profil deS Stollens nicht gleichmäßig eingehalten, 3) auch fei die Steigung nicht gleichmäßig und beim Stallmeister Vebhard'schen Hause (jetzt von Meibom) ein Unterschied von 2% bis 3 Fuß, an dieser Stelle sei auch die Abweichung von der geraden Linie am größten. 4) Die Ver- sprießnng sei höchst leichtfinnig auSgeführt.
Um dem über ihm hängenden Gewitter zu entgehen, entwich Kirchdörfer nach Gladenbach, doch wurde er mit Gewalt zurückgebracht. Die Kosten, die durch seine schlechte Arbeit entstanden waren, betrugen weit über 200 fl., die er freilich nicht ersetzen konnte. Doch wurde er im Januar 1838 entlassen.
An seine Stelle traten nun die beiden Bergleute Heinrich Kroppach und Johann Jung aus dem Nasiauischen. Doch konnten dieselben nur ganz kurze Zeit arbeiten, weil starker Frost etnfiel, sodaß selbst beträchtliche EiSmafien im Stollen sich ansetzten. So mußte die Arbeit bis zum Eintritt befferen Wetters ausgesetzt werden- doch hielt man Kroppach mit 36 Krz. Tagegeldern zurück. In der Arbeitszeit bekam dagegen jeder der beiden 1 fl. 12 Krz. täglich.
Als Anfang Februar 1838 die Arbeit wieder ausgenommen werden konnte, entstand aber auch gleich Klage, daß die Bezahlung zu gering sei. Doch im April erst streikten die beiden Bergleute mit den zugezogenen 3 Maurern. Sie wurden ebenfalls entlassen.
Nun richtete sich die Aufmerksamkeit auf den jungen Bergpraktikanten König er, der als theoretisch und prac- lisch gebildeter Bergmann gerühmt wurde. Auf Anfrage erklärte derselbe, er wolle sich gerne und aus reinem Patriotismus der Sache unterziehen, verweigerte aber standhaft die Annahme einer Vergütung für seine Mühewaltung. Der KreiSrath Knorr war aber der Meinung, man werde nicht umhin können, „nach glücklicher, vollkommen gelungener Vollendung der Arbeit ein entsprechendes donum gratuituin zu machen."
So wurde König er im April 1838 in die Arbeit eingewiesen. ES wurden neue Lieferungsverträge abgeschlosien, neue Werkzeuge angeschafft, und so war das Jahr noch lange nicht zu Ende, so war auch das Guthaben dafür verbraucht und überschritten. Schon im Juli waren 1828 fl. verbraucht und von Königer weiter 382 fl.
So sah sich das Kreisamt in der unangenehmen Lage, um nicht die seitherigen Ausgaben ganz nutzlos erscheinen zu laffen, den Betrag für 1838 im September sehr wesentlich zu erhöhen.
Um die Kosten zu vermindern, wurde nun vorgeschlogen, den Stollen ganz fallen zu lassen und die eisernen Röhren nur in die Erde zu legen, dem aber widersetzte sich Hofmann aufs entschiedenste. Aber dem Unternehmen drohte Gefahr, namentlich durch die Erschütterungen, welche das Fuhrwerk auf der Straße hervorbrachte. Aber auch an Prozessen von Anliegern, die sich durch die Stollenarbeit beeinträchtigt fühlten, fehlte es nicht. Doch endeten die mit dem Verwalter Peppler und Schreiner Verdrieß (jetzt Ackermann) schließlich mit billigen Vergleichen.
KönigerS Geschäftsleüung dauerte aber nur wenige Monate- sie endete schon Ende September 1838. In der Klageschrift gegen denselben heißt es: „Der Bergpractikant
Königer hat das in ihn gesetzte Vertrauen auf unverantwortliche Weise getäuscht, indem er nicht nur allein, wie es ich erwiesen, bei der Leitung der in rubro genannten Ar- beiten die gröbsten, auch jedem Laien auf den ersten Blick ich kundgebenden technischen Fehler beging, sondern auch noch sie bei der Sache interessirten Behörden durch falsche Vor- piegelungen über den guten Fortgang des Werkes täuschte, und eS liegt die dringendste Nothwendigkeit vor, denselben von der ihm übertragenen Direction augenblicklich zu entbinden."
So hatte dann der dritte Leiter abgewirthschastet und wieder war die Stadt genöthigt, sich nach einem Sachver« ständigen umzusehen. AIS solcher wurde der Bergmeister Storch vom Dorheimer Bergwerk vorgeschlagen. Da aber die Arbeiten dringend der sofortigen Aufsicht bedurften, so wurde unterdeß der Maurer Strauch von Gießen damit betraut.
Die Kosten waren schon auf 2583 fl. 42 Krz. an- gewachsen. Unterdeß wurde mit Storch verhandelt. Er erklärte sich am Schluß eines ausführlichen Gutachtens über die nölhigen Arbeiten zur Uebernahme der Ausführung nur dann bereit, wenn ihm gestattet werde, Bergleute und Maurer vom Dorheimer Bergwerk anzustellen, welche aufs Wort ge^ horchen müss.n und von denen er überzeugt sein kann, daß die Arbeiten nach Vorschrift auSgeführt werden. Steiger Plock vom Dorheimer Bergwerk solle bei der Arbeit die Aussicht führen. Eine Reihe von Nebenarbeiten veranschlagte er zu 278 fl., die Hauptarbeit aber zu 1222 fl.
Nun tarn auch noch der Brunneninspector LooS mit dem Oberbaurath Lerch von Darmstadt nach Gießen, um ihr Gutachten abzugeben. Nach den Meffungen von Loos betrage die Wassermenge deS JughardbrunnenS in 24 Stunden 347 Ohm, wäre aber der Stollen nur einige Fuß tiefer gelegt worden, so hätte man auf gewiß 120 Ohm mehr rechnen können. Die vorhandene Wassermenge reiche nicht aus für die ganze Stadt, wohl aber für 7—8 Vorraths- brunnen.
Auch 1839 rückte die Arbeit nur langsam voran, sodaß sich im August Storch beklagte, durch die Verzögerung könnten einzelne Theile des Stollens zubruch kommen, da einzelne Theile der Verzimmerung verfault seien. Die Befürchtung wurde im September 1839 zur Wirklichkeit. Der Hülfsschacht war zubruch gegangen, jenseits desselben waren drei kleine Brüche und dann folgte ein Hauptbruch von drei Klafter Länge. Dabei war der Stollen auf 3 Fuß Höhe verschlammt. Um die Arbeit wieder auf den Zustand des Jahres vorher zu bringen, sei ein Kostenaufwand von 297 fl. und acht Wochen Zeit erforderlich.
Was blieb da übrig, als abermals in den Stadtsäckel ju steigen. Am 25. Oetober 1839 wurden die Arbeiten versteigert. Maurer Strauch übernahm die Fertigstellung des Stollens für 1470 fl. und den Brunnenkasten für 300 fl., Kaufmann Kümmich in Friedberg die Lieferung der eisernen Röhren für 700 fl. und Steiger Plock das Legen derselben für 135 fl.
Nun ging die Arbeit sachgemäß und rasch voran. Schon im Januar 1840 wurde Strauch mit dem Stollen zur Zufriedenheit des die Oberleitung führenden Storch fertig, gegen Ende Februar konnte das Holz der Verzimmerung als unnöthig geworden, versteigert werden und die Werkzeuge wurden der Stadt zurückgeliefert- Mitte März begann das Legen der Röhren und war auch in 3 Wochen beendet und Anfang April sprang das Waffer am Dietz'schen Hause ununterbrochen. Zwar drang es auch dem Geh. Rath Dietz in den Keller unb seine Gartenmauer war schief geworden, doch konnte dem leicht abgeholfen werden.
Jetzt erst wurde ernstlich erwogen, wohin der Kasten- brunnen zu stellen fei, an das abgerundete Eck der Mauer des Klinikgartens vor der Wohnung des Profeffor Adrian, oder etwas weiter abwärts neben das Haus des Geh. Rath Dietz, wo eine große Wiese und Platz für Gartenanlagen um den Brunnen herum war. Das Ministerium in Darmstadt entschied sich im August 1840 für letzteren Platz, wo sich auch jetzt noch der Brunnen befindet. Ueber die Ge- sammtkosten findet sich kein Vermerk- aber die 530 fl. im ersten Voranschlag Hofmanns waren sicher zehnfach überschritten.
Damit ist baß vorhandene Actenmaterial erschöpft und die Geschicht des JughardbrunnenS, soweit sie sich auf Ge- fchriebenes stützt, zu Ende. Alles weitere beruht nur auf mündlichen Überlieferungen. Die einzige damals in Gießen erscheinende Zeitung, das Wochenblatt, war armseliger alS etwa 100 Jahre früher unb enthielt nur Anzeigen, gar nichts aber von Ortsnachrichten, viel weniger noch politische Mit-
iheilungen. Doch giebt eS noch alte Leute, bie Augenzeugen der Festlichkeiten waren, die bei der Einweihung deS Brnn- nenS veranstaltet wurden. Diese erzählen:
Nun wo die Platzfrage entschieden war, wurde nameet» Ich von Polizeirath Zulehn er, dem bestgehaßten Ma« der Stadt, darauf gedrängt, daß die Einweihung deS Brunnens am 25. August, dem Namenstage des Großherzogs, stattfinde. Hals über Kopf wurden die Vorbereitungen getroffen. Wirklich bewegte sich ein stattlicher Festzug em Nachmittag des LudwigstageS 1840 von der Stadt aus auf den Seltersberg. Musik an der Spitze, der Stadtvorstand, ein paar Bergleute in Knappentracht, der evangelische Geistliche Pfarrer Engel im Einspänner, dessen Pferd vorn Rathsdiener Moll geführt wurde, obgleich eS nicht anS Durchgehen dachte, und andere Betheiligte zogen hinaus nach der neuen Stadtanlage, wo eine große Menge von Zuschauer» v'.rsammelt war. Pfarrer Engel hielt eine salbungsvolle Weiherede, während der neue Brunnen auS beide» Röhren Wasser spie. Aber die Rede war länger, als der Wasservorraih, die Strahlen wurden immer mäßiger, Geschrei über Betrug entstand und wurde immer lauter. Engel mußte seine Rede abbrechen, wie daS Waffer sein Fließe» abbrach. Man hatte bemerkt, daß hinter dem Brunnenkaste», der im Rohranschluß nicht ganz fertig geworden war, et» paar Fässer mit Waffer ausgestellt waren, und dieses lief s» lang als der Vorraih reichte, dann aber wars fertig. Unter heftigem Schreien wollte das über den Betrug erboste Volk dem Polizeirath an den Kragen. Da kam zufällig ein Wage» mit Professoren, die nach dem Ludwigstag-Fefteffen die Spazierfahrt machen wollten, an die Stelle, wo Zulehner bedrängt wurde, sie nahmen ihn rasch auf und entwichen, s» schnell als es den Pferden gefiel.
Der Volkswitz aber konnte eine so günstige Gelegenheit sich kund zu thun nicht Vorbeigehen lassen. Man nannte >e» Brunnen lange Zeit nach dem Hauptleiter des ganzen Banes, dem höchst einflußreichen Kammerrath und ProvinzialBau- meister Hofmann HofmannS-Tropfen.
Ader jetzt ist schon über 50 Jahre der Brunnen ein Segen für den Seltersberg. Nun gegen Ende deS Jahrhunderts könnte noch ein dritter Theil der Geschichte des JughardbrunnenS geschrieben werden, der die Abzweigung der Leitung mitten in das Gäßchen an Ackermanns HanS, das nach der Brücke über die Oberhesfische Bahn führt, genauer betrachtete. Auch da fehlt es nicht an Humor. Doch mag das ein anderer unternehmen.
Verruchtes
Ms. flaffel, 16. Februar. Neue Kasseler Stnbt- anleihe. Die städtischen Behörden KaffelS hatten die Absicht zu erkennen gegeben, von der beschloßenen neuen Kasseler Stadtanleihe, welche wie die seitherigen Anleihen zu 31/» % verzinslich sein soll, einen größeren Betrag von etwa zwei Millionen Mark zu vergeben. ES wurde deshalb eine engere Submission ausgeschrieben, worauf Angebote von einer großen Zahl hiesiger und auswärtiger Bankiers in Berlin, Hannover, Frankfurt unb Darmstadt rc. erfolgten. Wie ich vernahm, wurde daS niedrigste Gebot von einem hiesigen Bankier abgegeben, indem derselbe sich bereit erklärte, die Anleihe zu einem Eourse von 95V» % zu übernehmen. Die Höchstgebote wurden dagegen von den Firmen Louis Pfeiffer unb Mauer & Plaut Hierselbst im Verein mit ihren Berliner Verbindungen mit 97 % und von Ephraim Meyer & Sohn in Hannover mit 97,05% abgegeben. Indessen hat der Stadtrath in seiner gestrigen Abend-Sitzung, wie mir rmtge- theilt wird, beschloßen, den Zuschlag auf diese Gebote nicht zu erteilen, wahrscheinlich weil ihm Uebernahmecours unb bie Bebingungen, welche bei den Geboten Vorbehalten wurden, nicht zusagten. Es gewinnt darnach den Anschein, als ob auch in Zukunft wieder, wie seither, die Stadtverwaltung eß vorziehen wird, die neue Anleihe je nach dem Bedürfniß in kleinen Quoten bei den hiesigen Bankiers zum Verkauf z» bringen.
♦ Selse»kircheo, 15. Februar. In einem Garten wurden fünf Dynamitpatronen nebst 14 Zündhütchen, in Papier eingewickelt, gefunden. Ein Hund hatte sich den gefahrvolle» Stoff bereits zum Spielzeug gemacht. Der Dynamitdieb hat jedenfalls auS Furcht vor Strafe sich seiner Beute entledigt.
♦ Esse», 16. Februar. Gestern Mittag wurde ans Zeche „Herkules" ein Hauer verschüttet. Er konnte erst AbendS auß den Gesteinsmassen tobt hervorgeholt werden.


