Ausgabe 
19.12.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 297 Zweites Blatt. Mittwoch den 19 December

1894

Der cht,Heuer Anzeiger «icheint täglich, nm Ausnahme deS Montag».

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Gießener Anzeiger

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Aus dem Vogelsberg, 14. December. Eine gleich tiefe Preisstufe wie gegenwärtig hat das Getreide seit 1849 nicht eingenommen. Als damals nach vorausgegangenen und nachfolgenden theueren Jahren, in denen das Malter Wetzen auf 28 und 30 fl. zu stehen kam, daS Malter Korn 5 fl. und das Malter Weizen ca. 9 fl. kostete, glaubte man, so billig werde das Getreide während desselben Menschenalters nicht wieder werden. Es ist aber nicht bloß so billig wieder, sondern noch billiger geworden. Gilt doch jetzt das Malter Weizen (100 kg) im Durchschnitt erst 11 bis 11.80 Mk. waS kaum den Werth von 7 fl. damaligen Geldes erreicht. Ja, vom letzten Fruchtmarkt in Grünberg brachte ein Land, wirth seinen Weizen wieder mit, da man ihm erst 9.50 Mk. filr den Doppelcentner geboten hatte. ES ist ganz zweifellos, daß der Landwtrth unter diesen Schleuderpreisen empfindsam zu leiden hat. Ist auch der Vogelsberg keine Fruchtkammer wie die Wetterau, so ist doch der Vogelsberger Bauer mehr noch auf den Erlös auS ein paar Malter Frucht angewiesen, wie der Wetterauer, da letzterer durch beffere Viehzucht und anderen Einnahmequellen den niedrigen Getreidepreisen leichter begegnen kann. Namentlich fehlt auch dem Vogelsberg die Industrie anderer Gegenden, wodurch stets mehr Geld in die kleinen landwirthschaftlichen Haushaltungen kommt, als wo solche gänzlich mangelt. Es hat fich wohl auch hierin im Vogelsberg Vieles gebessert in letzter Zeit, voller Um- und

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« «olqkndcn Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Ubonnements^Einla-ung

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebens! ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist derGießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur'Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschäft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- ttkeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, 'wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

Aufschwung wird aber erst dann etntreten, wenn b<r Vogels- berg durch Verbindungsbahnen an die großen DerkehrSstraßen angeknüpft wird. BeklagenSwerth bleibt es, daß bet der Projectirung dieser Verbindungsbahnen auch im Vogelsberg das Allgemeininteresse mit dem Sonderinteresse streiten muß. Was nun die tiefe Stufe der Getreidepreise angeht, über die man die Landwirthe lebhaft klagen hört, so empfiehlt man mit Recht eine Verbesserung der Viehzucht durch Verfütterung des billigen Getreides. Diese Verbesserung der Viehzucht kann im Vogelsberg nur auf die Schweinezucht bezogen werden. Von dem durch den vorjährigen Futternothstand aufs Aeußerste beschränkten Viehftand hat der Landwirth hier nichts übrig- er hat seine Noth, seinen Biehstand wieder zur gewohnten Stärke heranzuziehen. Das schließt allerdings nicht aus, daß er auch vereinzelt ein Mastvieh abzusetzeu vermag, allein im Allgemeinen ist hier kein Nutzen zu er­warten. Desto mehr von der Schweinezucht. Wer den Viehmärkten unseres Vogelsbergs sein Interesse schenkt, dem wird nicht entgehen, daß alljährlich Tau'ende von Mark auS den Gemeinden hinauswandern an die Händler, die die Jung­schweine waggonweise auS Hannover, Westfalen rc. herholen. Hierin liegt in der That ein großer Verlust, der aber durch verbesserte Schweinezucht vollständig vermieden werden kann. Die Landwirthe müssen eben die Schweinezucht fo vergrößern, daß sie hierdurch die Nachfrage zu decken vermögen und ein Import von Ferkeln überflüssig erscheint. Wenn man erwägt, daß im Frühjahr für ein einziges Pärlein Ferkel 60 Mk. bezahlt werden, so kann man die Höhe der Beträge ermessen, die doch durch bessere Schweinezucht den Landwirthen zufließen würden. Wenn auch durch Verbesserung der Schweinezucht ein Niedergehen des hohen Preises der Schweine erfolgte, so hätten diese Preise wohl immer noch eine Höhe, die unter den jetzigen Verhältnissen lohnend genug erschienen.

Freiensteinau. 11. December. Von einer recht ergiebigen Jagd können die Birsteiner Jäger erzählen. Dieselben, fünf an der Zahl, brachten heute in ihren Jagdgründen iu der Gemarkung Freiensteinau in der Zeit von 10 Uhr Vor­mittags bis 4 Uhr Nachmittags einen ganzen Hasen

zur Strecke.

Stammhei», 14. December. Bei der heute hier abge- haltenen Beigeordneten-Stichwahl wurde der seitherige Beigeordnete Earl mit 62 Stimmen abermals gewählt. Sein Gegencandidat, Gastwirth Musch, erhielt 58 Stimmen. Der Wahlkampf war ein heftiger. In der vor acht Tagen stattgehabten ersten Wahl erhielt jeder der Genannten 40 Stimmen. Darmst. Ztg.

Mainz. 16. December. Der Commandeur deS Pionier-Bataillons Nr. 11 hat letzter Tage an die hiesige Staatsanwaltschaft und au das Gouvernement eine Eingabe gerichtet, in welcher neben der Stellung von Strafanträgen gegen verschiedene Personen lebhafte Beschwerde gesührt wird, daß die Soldaten und insbesondere die Unteroffiziere und Gefreiten des genannten Truppentheils fortgesetzt t- Kastel Ihätltchen Angriffen dortiger junger, roher Burschen ausgesetzt sind, ohne daß bis jetzt irgendwie Remedur eingetrelen wäre. Nächster Anlaß zu der Beschwerde, in welcher eine Reihe Vorgänge bewegter Art aufgeführt sind, gab ein Vorkommniß, welches sich vor acht Tagen gelegentlich eines Unteroffizier­balles abspielte. Mehrere junge Burschen suchten sich dabei Eingang in den Ballfaal zu verschaffen, wurden aber an der Thüre zurückgewiesen. Als nun einer der Unteroffiziere bet der alsbald statifindenden Tanzpause mit einem Mädchen in das Freie trat, stürzten die Burschen über denselben her und brachten ihm mit Flaschen und Aehnlichem solche Ver- wundungen bei, daß er befiunungslos vom Platze getragen werden mußte. Nach dieser Helbenthat verschwanden die Thäter in der Dunkelheit der Nacht. Der verletzte Unter­offizier wird in dem hiesigen Spital noch an den erlittenen Verwundungen verpflegt.

Bretzenheim. 11. December. Die Seiltänzer-Gesellschaft Knie, welche schon seit einiger Zeit hier Vorstellungen g'bt, hat eine Wohnung gemiethet und gedenkt den Winter über hier zu bleiben. Ein Mitglied der Gesellschaft gewann in einer auswärtigen Lotterie 20,000 Mk., dadurch verliert die Direction eine tüchtige Künstlerin.

Alzey. 12. December. Wahrend seiner nächtlichen Pa­trouille machte der Gendarmeriewachtmeifter Müller seinem Leben ein Ende. Er erschoß sich unter einem Viaduct der Kaiserslauterner Bahnstrecke nahe der Stadt mittelst seines Armeerevolvers. Kummer über seinen mißrathenen Sohn, welcher sich zur Zeit in Mainz in Untersuchungshast befindet, hat wahrscheinlich dem Ehrenmann, welcher seine Frau mit zahlreichen Kindern zurückläßt, den Revolver in die Hand gedrückt.

VerMisehte-

Frankfurt a. M., 17. December. Der 27 Jahre alte Kaufmann Sally Eichel, welcher zum Nachtheile seiner Gläubiger W e ch s e l f ä l s ch u n g e n in der Höhe von 84 985 Mk. ausführte, wurde heute von der hiesigen Strafkammer zu sechs Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Rückzahlung nach Belieben. Ein interessanter Eivtt- proceß kam in Frankfurt °. M. zur Entscheidung Je. wand lieh einem Börsenmakler vor sieben Jahren 2500 Mk., wobei ausgemacht wurde, der Empfänger könne das Dar­lehen zurückzahlen,«cmn er wolle". Der Betreffende machte durch all die Jahre nicht Miene, seinem Gläubiger gerecht ru werden. Dieser klagte und das Gericht gab chm Recht, indem es erklärte, die beliebige Rückzahlung fei nur dahi« zu verstehen, daß der Schuldner nicht gedrängt werden solle - nach siebenjähriger Frist sei der Gläubiger aber berechtigt, sein Geld zu fordern, das nicht etwa durch die erwähnte Ab­machung nur für alle Ewigkeit hergeltehen worden sei.

Antwerpen, 11. December. Auf dem Arttllerieschieß- platze von Brasschaet wurde heute während der Schieß- Übung, wahrscheinlich infolge eines irrigen Signals, aus 3000 m Entfernung aus einer 12 cm Kanone ein scharfer Schuß in dem Augenblick abgegeben, als die die Geschoß­wirkungen prüfenden Offiziere sich noch in der Feuerzoue befanden. Der Lieutenant Ban Campenhout wurde schwer verwundet und starb alsbald, während wunderbarerweise die

Alle Lnnnreen-Bureaux bt8 In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

übrigen Offiziere unverletzt blieben.

» Lüttich. 10. December. Auf dem hiesigen Polizeiamte meldeten sich gestern etwa 13 Zulukaffern, die, völlig mittel­los und halbtodt vor Hunger und Kälte, zu Fuß von Ber- viers kamen, um als Eingeborene einer englischen Colonie im Transvaal bet dem hiesigen englischen Consul Schutz z« suchen. Die Leute waren für die Antwerpener Ausstellung geworben worden, hatten darauf in verschiedenen Schaubuden u. s. w. ihre Kriegstänze aufgeführt und waren schließlich von ihrem plötzlich erkrankten Führer auf die Straße gesetzt worden. Einstweilen find sie in der öffentlichen Warmstube in Pflege, um demnächst in Antwerpen nach ihrer Heimath eingeschifft zu werden.

* Das heimliche Loiteriefpiel ist für eine junge Frau recht verhängnißvoll geworden. Die Gattin des in der Ackerstraße in Berlin wohnenden Steinmetz K. spielte tu einer auswärtigen Lotterie ohne Wiffen und Willen ihre- Mannes ein Zehntel-OriginallooS, welches sie in dem Schub- fach einer Kommode aufbewahrte. Der Zufall wollte, daß K. daS Loos sand und seiner Frau wegen der nutzlose« Geldausgabe die heftigsten Borwürfe machte. Der sehr nervöse Mann eonfiscirte baß Loos und verkaufte es nun, um doch wenigstens etwas zu retten, zum Preise von 12 Mk. an einen in der Räbe wohnenden Restaurateur. Der eheliche Frieden war so wieder hergestellt, als Ende voriger Woche ein Telegramm auS einer kleinen sächsischen Stadt bei Hrn. K. einlief, worin der Collecteur meldete, daß das LooS mit 300000 Mk. gezogen worden sei. Dieses Pech regte den Steinmetz derartig auf, daß er sich daS Leben zu nehmen beschloß und sich einen Meisel in den Kopf bohrte; schwer verletzt liegt er jetzt in der Charit«. Der jetzige glückliche Gewinner hat übrigens der Vorbesitzerin des Looses in Anbetracht der sonderbaren Sachlage 1000 Mk. von dem Gewinne al« Schmerzensgeld abgegeben.

* Seltsames Motiv zum Selbstmord. Ein bei einer Breslauer Herrschaft in Dienst stehende« Mädchen war durch das Lesen der Berichte über die Ermordung der Else Groß hterselbst in große Erregung gerathen. Die Herrschaft merkte wohl, daß baß Mädchen unruhig und ver­stört war und erhielt endlich auf vieles Befragen und AuS- forschen die Antwort, ein unbekannter Mann habe tt)r (bcm Mäbcheo) geschrieben, er werbe sie erworben. Diesen Bries zeigte auch baß Mädchen vor- er trug keine Unterschrift. Dieser Tage nun hat man das Mädchen mit einer breiten HalSwunde in der Küche liegend ohnmächtig aufgefunden. Später gestand baß Mädchen, durch Fragen in die Enge ge- trieben, ein, sich die Wunde selbst beigebracht und den Bries an sich selbst geschrieben zu haben. Warum?Weil ich auch so schön begraben werden wollte, wie die Else Groß, lautete die Antwort. _________

verkehr, Land, «nd VoU»n>irth?chaft.

Gründer-, 15 December. Frachtpreise. Weizens 1200, Rom A 11,30 Gerste A 0,00, Hafer ^9^2, Erbsen A 6,66, Linsen A 00,00, Wicken A 00,00, Lein A 00,00, Kartoffeln A 0.00, Samen A 00,00.