Nr 245 Zweites Blatt. Freitag den 19. October
1894
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Venntschte».
• Hanau, 16. October. Das Schwurgericht verurtheilte den Tüncher Felix Hergen Han von HilderS wegen Todt- schlagS und Raubes, begangen an seiner eigenen Mutter, zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe.
* Köln, 15. October. Eine bittere Ueberraschung wurde einer hiesigen angesehenen Familie in diesen Tagen zu Theil, indem während eines in einem hiesigen Hotel arrangirten glänzenden Soupers der Verlobte der Tochter inmitten des größten Festtrubels plötzlich verhaftet wurde. Der Verhaftete hatte sich als holländischer Baron hierselbft aufgespielt und infolge seines liebenswürdigen Wesens bald Eingang in verschiedene angesehene Familien verschafft. Man schenkte den Aeußerungen des „BaronS", daß er sich zu seiner Erholung im Rheinland aushalte, allseitigen Glauben, einige wollten seine Verwandten, alte holländische. Patrizier, kennen und so kam es, daß er bald ein gern gesehener Gast in den verschiedenartigsten Gesellschaftskreisen und der Verlobte einer hübschen Kölner Dame wurde. Die Vorbereitungen zur offiziellen Verlobung wurden getroffen und man hatte vereinbart, den zahlreich geladenen Gästen, Freunden und Freundinnen die frohe Kunde der Verlobung im gemüthlichen Beisammensein an jenem Abend zu unterbreiten. Es sollte anders kommen: in der THÜre des Saales erschien plötzlich die untersetzte Gestalt eines Geheimpolizisten, der den Bräutigam in dringendem Tone ersuchte, ihn zur Polizeiwache zu begleiten. Hier stellte sich heraus, daß man es mit einem Schwindler ZU thun hat, der wegen mehrfacher Zechprellerei unter An- klage steht. Der „Bräutigam" kam sofort in Haft.
* Koblenz, 15. October. Eine eigenthümliche Körperverletzung hatte der Hausknecht Peter W., der in einem hiesigen Hotel bedienstet war, begangen. Er hatte am 14. April den Kellnerlehrling Aug. Sellbach, jetzr zu Rolandseck, als dieser in den Keller kam, mit seiner Backe durch das Gesicht gefahren und ihn mit den Stoppeln seines BarteS so fest gerieben, daß der junge Mensch laut aufschrie. Als S. am folgenden Tage noch einen rothen Fleck auf der Backe hatte, zog er einen Arzt zu Rathe und dieser constatirte nicht nur eine wunde Stelle, sondern auch die Uebertragung einer Flechtenkrankheit. S. wurde längere Zeit ärztlich be- handelt. DaS Schöffengericht, vor dem sich W. zu verantworten hatte, verurtheilte letzteren zu einer Geldstrafe von 15 Mark.
* Naunheim, 15.October. Einsam gestorben. Als heute Morgen Leute von hier an die hiesige Lahnfähre kamen, um sich übersetzen zu lassen, war der alte Fährmann nicht zur Stelle, auch wurde auf wiederholtes lautes Rufen keine Antwort gegeben. Der Grund wurde bald entdeckt: Der Fährmann, ein schon bejahrter Mann Namens Jacob Wagner, war in der Nacht in seinem Häuschen gestorben. Kein Mensch hat die letzten Stunden des armen Alten ge- iehen, keine freundliche Hand seine müden Augen zugedrückt. Er schlummere tu Frieden.
* Danzig, 12. October. Die „Deutsche TageSztg." berichtet: Ein Aufsehen erregender Vorfall hat sich bei dem hiesigen Leibhusaren-Regiment ereignet. Der Rittmeister der in Pr. Stargard garnisonirenden 4. Schwadron wurde plötzlich zum Regimentscommandeur befohlen, wo er seinen Säbel abgeben und sich darauf sofort in Weichselmünde als Arrestant melden mußte. Auch ein Unteroffizier derselben Schwadron ist gleichzeitig verhaftet und eine große Anzahl von Gemeinen an Ort und Stelle vernommen worden. Ueber der ganzen Angelegenheit schwebt noch vollkommenes Dunkel.
* Hamburg. 16. October. Der Lederhändler Rothgardt ist nebst vier Söhnen im Alter von fünf bis elf Jahren am Sonntag zweifellos bei einer Bootsahrt verunglückt. Die Leiche des jüngsten Sohnes ist bet Finkenwärder aufgefischt worden. Das Boot wurde mit dem Kiel nach oben gestern im Hafen treibend gesehen.
* Lübeck, 16. October. Dringende Hochwassergefahr wurde heute früh durch Alarmschüsse signalisirt.
* Wien, 16. October. In Glogow (Galizien) wurden mehrere Frauen, die ein dortiges Dampfbad besuchten, beim Baden im Basfin durch heiße Wasserdäwpfe derart hetäubt, daß sie ertranken, ehe ihnen Hilfe zu Theil ward.
* Wien, 16. Ociober. Aufsehen erregt der Selbstmord des Minlfterialraths Hoffmann aus dem Handelsministerium, der sich heute Nachmittag in einer Droschke mit einem Revolver erschoß. Hoffmann verübte die That wegen dringender Schulden. *
♦ Die Unterschlagungen bei der Stadtkaffe. Die „Frkf. Ztg." ist in der Lage, eine Mittheilung zu veröffentlichen, die nicht verfehlen wird, großes und berechtigtes Aussehen zu machen. Es hat sich bei der im Gange befindlichen, den „Fall Fischer" betreffenden Revision herausgestellt, daß die Fischer'schen Unterschlagungen bereits im Jahre 1887 die Höhe von Mk. 700,000 erreicht hatten.
* Die „Fränkischen Nachrichten" erzählen folgende Mauövergeschtchte: Kommt da eines Tages in ein Ober- fränkisches Dorf ver Quartiermacher einer Infanterie-Compagnie. Der Quartiermacher hat Durst und begibt sich nach dem Wirthshaus, macht aber, als er wieder herauSkommt, ein bedenkliches Gesicht. Ursache: daS Bier ist schlecht und kostet 12 Pfg. Zum Glück erfährt er, daß im Dorf noch eine zweite Bierquelle fließe, die den doppelten Vorzug habe, daß das Bier gut sei und nur 10 Pfg. koste. Der Mann macht eine Probe, die zur vollen Zufriedenheit ausfällt, und will berappen. Wie groß ist aber sein Erstaunen, als man die Annahme deS Geldes verweigerte: von Fremden dürfe man kein Geld nehmen- hier sei ein Co nsumv erein, und nur wer Mitglied sei, könne sein Geld loswerden. Darauf entspinnt sich ein kurzes Hin und Her: Der Quartiermacher will nichts geschenkt haben und der Bierverzapfer nichts annehmen. Schließlich findet sich ein Ausweg: der Soldat tritt dem Verein bei! Sein Name wird in die Vereinsliste
eingezeichnet, und der Nickel darf nun eingesteckt werden. Der Quartiermacher hat aber ein kameradschaftliches Herz,- was hilft ihm das gute und billige Bier, wenn die ganze Compagnie schlechtes zu 12 Pfg. trinken muß? Aber auch diesen Knoten weiß er zu lösen: er schreibt die Compagnie- liste ab, und — am Abend ergötzt sich die ganze Compagnie als Mitglied des Consumvereins am billigen Gerstensaft! Der Wirth des Ortes schnaubte Rache. Er geht zum Hauptmann und „steckt" ihm, daß Leute der Compagnie einem Verein beigetreten seien. Der Hauptmann verspricht ein Exempel zu ftatuircn; er hält, als die Compagnie versammelt, eine „von echt militärischem Geist zeugende" Ansprache. Mit tiefem Bedauern habe er vernehmen müssen, daß Leute seiner Compagnie sich unterfangen, einem Verein beizutreten, ohne sein Wissen und ohne seine Zustimmung - wie sich solches mit der militärischen Zucht vertrage u. s. w. u. s. to.; er wolle nicht hoffen, daß am Ende gar politische Dinge dahtnter- steckten. Jeder, der dem Verein beigetreten, solle daS „Gewehr über" nehmen. In diesem Augenblick klappt ein Griff, wie er selten so präcis gesehen worden, und die ganze Compagnie steht mit „Gewehr über" da. Der Hauptmann macht trotz des Prachtgriffes ein betroffenes Gesicht, ruft dann auf Geradewohl einen Mann heraus und inquiriert. „Sie sind also Mitglied- was haben Sie Aufnahmsgebühr bezahlt?" — „Nichts, HerrHauptmann." — „Welches sind dieStatuten?" Der Mann schweigt und ein Zweiter wird herausgerufen- auch dieser schweigt. Der Hauptmann ändert die Fragestellung: „Welchen Zweck hat denn der Verein?" Nun kommt's heraus: Bierverschank, weil den Leuten daS Bier im Wirthshaus nicht mehr behagte. Das Gesicht des Hauptmanns wird schon heller- er läßt sich den Hergang berichten, reitet dann ein paar Schritte auf und ab und fragt weiter: „Sie glauben also, daß das der ganze Grund tft?" — „Jawohl, Herr Hauptmann." — „Die Halbe kostet nur 10 Pfg.?" — „Jawohl Herr Hauptmann." — „Und daS Bier ist gut?" — „Jawohl, Herr Hauptmann!" ruft die Compagnie wie aus Einem Munde. — „Nun," sagt der Hauptmann, mit dem ganzen Gesicht lächelnd, und winkt den zwei Mann, wieder einzutreten, „wenn's so tft, dann trete ich auch bet!"
Schiff-nachrichten.
Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos und I. M. Schulhof.
Bremen, 16. October. (Per transatlantischen Telegraph.^ Der Schnelldampfer Ems, Capttän W. Reimkasten, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 6. October von Bremen und am 7. October von Southampton abgegangen war, ist gestern 8 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
Verkehr, unb Vottswirthschaft.
Limburg, 17. October. Fruchtmarkt. Rother Weizen X 11.70, weißer Weizen X 11.40, Korn X 8.80, Gerste 0.00, Hafer X 5.40.
Feuilleton.
Em Rkisebrief vom Ishre 1810 über Gießen.
Mitgetheilt von Dr. phil. Dem bskt.
Zum Vergleich öeS Gießen von heute und dem Gießen zu Anfang unseres Jahrhunderts liefert ein Schreiben aus Frankfurt a. M. vom 13. Juli 1810 eines Geschäftsmannes an seinen Freund August Mahlmann, den Herausgeber der damals vielgelesenen literarisch werthvollen „Zeitschrift für die elegante Welt" in Leipzig, interessantes Material. Nachdem der Briefschreiber vorauSgeschickt, wie fühlbar auch die neueren Zeitbegebenheiten die Spuren von Verarmung und moralischer Verdorbenheit hie und da äußern, doch auch nicht zu leugnen sei, daß sie auf daS gesellschaftliche Leben in solchen bedeutenderen Provinzialstädten (wie Gießen) einen sichtbar vortheilhaften Einfluß gehabt hätten — fährt er also wörtlich fort:
So fand ich mich wahrhaft überrascht, als ich in diesem Städtchen, das 700 Häuser und gegen 7000 Einwohner enthält, ein regsames, in gewissem Wohlstand sich befindendes Völkchen fand, das zwischen Arbeitsamkeit und öconomischer Benutzung seiner Nahrungsquellen ein ungemein angenehmes gesellschaftliches Leben führt. Hier gibt es keinen Unterschied der Stände mehr, hier sah ich in wahrhaft traulichem verein die gemischtesten Gesellschaften. Der Gouverneur, der Pro- seffor, der Rath, der Offizier, der Student, der gebildete Bürger, alle- vereinigt sich, um gesellschaftliche Erholungen im gemeinschaftlichen und anständigen Genuffe zu theilen. Ich fand die furchtbaren Festungswerke geschleift und an
deren Stelle niedliche Anlagen und Gärten im Entstehen, während auch in der Stadt selbst neue, im besseren Styl erbaute Wohnhäuser die älteren verdrängen. Die alten Gesellschaftssäle waren zu klein geworden, eS werden neu: gebaut. Ich fand mich aufs Angenehmste überrascht, in diesem Städtchen ein nicht übles Theater, unter Direction eines Dr. Ritlers zu finden, der wöchentlich vier Vorstellungen gibt und mehrere ausgezeichnete Subjekte unter feiner Gesellschaft besitzt. Ferner: ein ganz gut orgamsirtes Liebhaber- concert und wöchentlich zwei Casinos im Busch'schen Garten und Gasthause zum Löwen. Viele der größten Städte haben sich keiner so zweckmäßigen herrlichen Badeanstalt zu rühmen, als ich hier fand. Das Publikum verdankt ihre Errichtung dem Oberöconomus Oßwald. Es wird kaum möglich fein, in einem angenehmem Locale mehr Anstand, Reinlichkeit und Bequemlichkeit fo vereint zu finden wie hier. Es ist übrigens dem Privat- und öffentlichen Gebrauche gewidmet, und das Publikum scheint den Werth dieser nützlichen Anstalt auch nicht zu verkennen. Die dasige Landesuniverfität stützt sich auf ihre eigenthümliche und wahre Solidität. Man findet da eine Anzahl Lehrer in allen Facultäten, welche der größten Lehranstalt Ehre machen würden- ihre Namen als Schriftsteller sind bekannt. Der Großherzog von Hessen, ein echt deutscher biederer Fürst, hat immer mit Liebe und möglichem Aufwande, aber ohne viel Geräusch, diese gelehrte Bildungsanstalt zu unterhalten gesucht. So hat er vor Kurzem dem geiftl. Geh. Rath und Primar-Theologen Schmidt al» Würdigung ausgezeichneter Verdienste den hessischen Verdienstorden mit den gnädigsten Aeußerungen verliehen. Professor
Jaup hatte einen Rus nach Göttingen- allein der groß- müthige Fürst erhielt ihn der Universität und ertheilte ihm eine bedeutende Gehaltserhöhung. — Die Mediciner entbehren bis jetzt ein Klinikum und ein Entbindungshaus. Ein bedeutendes Kapital wurde angewiesen, um beides zu erbauen, und noch diesen Nachsommer wird dieser Bau beginnen. Ich fand ferner einen öconomisch-forftbotanifchen Garten unter Professor Walthers Direction, ein neu und gut eingerichtetes astronomisches Observatorium unter Direction des Professors Schmidft, welche beide Anstalten unter den besseren in Deutschland eine Stelle verdienen. Einzig in ihrer Art fand ich die dasige Reitbahn und den Großherzoglichen Marstall unter der Direction des äußerst geschickten Stallmeisters Frankenfeld. Mit einer Thierarzneifchule verbunden, müßte diese Anstalt keiner in Europa nachftehen. — Der Ton unter den Studirenden, deren 250 hier sind, fand ich nicht weniger über meine Erwartung gut. Der Student, der seine Ehre im Fleiß und in gesittetem Betragen sucht, siehet sich alle Gesellschaften geöffnet, die bei der großen Menge von Angestellten in Dicafterien sehr zahlreich und mit sichtbarem Nutzen für seine Ausbildung stattfinden. Die hiesige Besatzung besteht aus dem Grobherzoglichen Leibregiment, das sich gleich ruhmvoll vor dem Feinde in beiden letzten Kriegen ausgezeichnet hat, und nun ein musterhaftes Betragen In der Garnison beobachtet. Ich reife nach Frankfurt zurück, aber daS Andenken an die genußreichen Tage gesellfchaftlicher Freuden, die ich in Gießen verlebte, werden mir unvergeßlich bleiben.


