Ausgabe 
19.8.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Nr. 193 Zweites Blatt. Sonntag den 19. August

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Die Handelsintereffen Deutschlands in Japan und China.

Angesichts deS zwischen Japan und China ausgebrochenen Krieges erscheint ein Blick auf den Stand der Handelsver­bindungen Deutschlands mit den beiden kriegführenden Mächten des asiatischen Ostens gewiß nur zeitgemäß. Wir geben nachstehend eine summarische Uebersicht über die Einfuhr auS Japan und China nach dem Deutschen Rkiche und über die Ausfuhr Deutschlands nach diesen beiden Ländern während der letzten vier Jahre. ES betrug der Import Deutschlands aus

in 100 kg

China

Werth in Mark

Japan

in 100 kg Werth in Mark

1890

90 537

8 806 000

97 178 5 741 000

1891

106 523

13 504 000

316 885 11240 000

1892

103 926

13 994 000

407 189 12 671 000

1893

117 884

17 133 000

323 712 11 189 000

Dagegen stellte sich Deutschlands China

Export nach

Japan

in 100 kg

Werth in Mark

in 100 kg Werth in Mark

1890

305 326

30 128 000

350140 18 806 000

1891

338 373

33 280 000

330 530 14 926 000

1892

290 717

30 115 000

372 353 17 800 000

1893

336 795

33 443 000

401 137 19 326 000

Aus dieser Zusammenstellung erhellt die nicht geringe Bedeutung des Handelsverkehrs zwischen unserem Vaterlande und den zwei jetzt mit einander im Kriegszustände befindlichen asiatischen Reichen. Die Ausfuhr aus denselben nach Deutsch­land hat im Laufe der genannten vier Jahre ebenso eine im Allgemeinen steigende Zunahme erfahren, wie die deutsche Waarenausfuhr nach Japan und China- wenn hierbei die deutsche Ausfuhr nach beiden Ländern den Import Deutsch­lands aus denselben erheblich überragte, so ist die Erscheinung für Deutschland selbstverständlich nur höchst erfreulich. Da­

gegen ist der Handelsverkehr Deutschlands mit Korea, dem Streitgegenstände zwischen China und Japan, kaum der Rede werth, denn von 1890 bis 1893 bezog Deutschland auS Korea nur für 13000 Mk. Maaren und versandte nach dort im gleichen Zeitraum für 138 000 Mk.

Jedenfalls sind die Handelsintereffen Deutschlands in Japan und China nicht unerhebliche, und es begreift sich daher, daß man in den commerciellen und industriellen Kreisen unseres Vaterlandes keineswegs mit Gleichgültigkeit dem zwischen den beiden asiatischen Reichen im Gange befindlichen Kriege zusieht.

Ob nun die Feindseligkeiten, falls sie noch länger an­dauern sollten, den deutschen Handel mit den zwei krieg­führenden Mächten und damit in Ostasien überhaupt bedenklich beeinträchtigt werden, wie man auf der einen Seite befürchtet, oder ob er trotz der kriegerischen Ereignisse sich gedeihlich weiter entfalten wird, wie man anderseits behauptet, das muß einstweilen noch dahingestellt bleiben. Daß aber die Reichsregierung auf alle Fälle ihre Pflicht zur energischen Wahrung der gesummten deutschen Interessen im fernen Osten Asiens thun wird, dies beweist wohl schon hinlänglich die beschloffene und theilweise bereits in der Ausführung begriffene Zusammenziehung eines aus sieben bis acht Schiffen be­stehenden stattlichen deutschen Geschwaders in den ostasiatischen Gewässern.

PermW«

* Dillenburg, 13. August. Auf Veranlassung des Königl. Bezirks-Commandos Wetzlar fand gestern durch Vermittelung des hiesigen Kgl. Landrathsamtes eine Probe Mobilmachung unseres Kreises auf dem Stahlroß statt. Zweck dieser Ver­anstaltung war festzusiellen, in welch kürzester Zett es möglich ist, den einzelnen Bürgermeistereien Gestellungs-Ordres zuzu­stellen. Das Resultat toiy: ein äußerst günstiges. Trotz der, infolge des häufig niedergegangenen Regens vielfach schlechten

Wege und eines öfters ziemlich heftigen Gegenwindes haben die hiesigen Fahrer ihr Ziel in erstaunlich kurzer Zeit erreicht. Gegen s/48 Uhr am gestrigen Morgen stellten sich 18 hiesige Fahrer vor dem Kreishause auf- für jede einzelne Tour waren 2 Fahrer vorgesehen. Punkt 8 Uhr übergab Herr Landrath Fromme in mit der Aufschrift der einzelnen Orte versehenen Couverts die Legitimationspapiere, auf welchen die OrtS- bürgermetster die Ankunftszeit mit Unterschrift und Stempel beglaubigen mußten und dann hieß es:Aufgesessen" und mit fröhlichemAll Heil" fuhren die Radler nach den ver­schiedenen Richtungen auseinander. Zwei Fahrer über­brachten die für das frühere Amt Herborn bestimmten Legitimationspapiere nach Herborn, wo dieselben vor dem Rathhaus Herr Bürgermeister Siegfried in Empfang nahm und den Herborner Fahrern aushändigte, die dann auch sofort ihre Räder in Bewegung setzten. Es waren im Ganzen 140,73 Kilometer, auf welche sich eine Fahrzeit von 11 Std. 27 Min. vertheilt incl. 81 Min. Aufenthaltszeit. Die weiteste und beschwerlichste Tour wurde in 2 Stunden 4 Min. zurückgelegt. In einer Minute wurden durchschnittlich 232 Meter gefahren, 1 Kilometer also in 48/10 Minuten, eine bei unserm bergigen Terrain und den aufgeweichten Wegen gewiß gute Leistung. Nach 11 Uhr versammelten sich die Radfahrer zu einem gemüthlichen Zusammensein im Neuhoffschen Garten, gelegentlich dessen Herr Landrath Fromme die einzelnen Resultate in Empfang nahm, seine Bewunderung über die Leistungen und seinen Dank für die wackere Arbeit aussprach. Hoffentlich tritt eine Wiederholung der gestrigen Mobilmachungsfahrt im Ernst nie an uns heran, aber wenn es doch, was Gott verhüten möge, einmal der Fall sein sollte, dann sind unsere wackeren Radfahrer, die sich in den Dienst des Bezirkscommandos gestellt haben, auf dem Plan.All Heil."

Feuilleton.

Zwei Helden.

ErtnnerungS-Novellette an Kaiser Friedrich. Von K. Loos.

(Schluß.)

Gut, daß Du kommst," sagte Frau Maurer, ohne auf die sonderbare Haltung weiter zu achten.Hilf mir jetzt, den Stuhl des Vaters ins Haus rollen."

Das Mädchen rührte sich nicht, es blickte unverwandt nach der Straße. Dort zogen die Soldaten herauf, deren Lied man schon längst hörte. Einer, ein schmucker Bursche mit keckem Schnurrbart und gebräuntem Gesicht, hatte sich von seinen Kameraden loSgewacht und kam eiligst auf die Gruppe unter der Linde zu.

Grüß Gott, Vater Maurer!" rief er und schüttelte dem Alten und dann der Frau die Hand.Grüß Gott, Anna!"

Sein leuchtendes Auge flog zu dem Mädchen, das den Lkopf gesenkt hatte und verwirrt mit den Enden der röthlich- blonden Flechten spielte. Fast zögernd ergriff sie die dar­gebotene Hand.

//Nun, August, Du bist in Urlaub?" fragte der In­valide, deffen Auge mit Wohlgefallen an der kräftigen Ge­stalt des Soldaten hing.

Ja, in Urlaub, Herr Maurer!" war die Antwort. Eine ganze Woche darf ich bleiben und zum Spätherbst werde ich entlaffen. Auch Gefreiter bin ich geworden und Unteroffizier soll ich werden, wenn ich weiterdienen will."

Aber Du kommst lieber ins Dorf zurück, August?" frug der Invalide.

Gewiß! Ich will im Herbst nach Hause, um mein Erbe anzutreten. Die Mutter kaunS nicht mehr mit fremden Knechten und auf dem Hofe geht sonst die Wirthschast zurück. Und dann werde ich"

Er sprach nicht weiter, aber sein Blick sagte alles. DaS Mädchen flog ins HauS, als fürchte es, der fchmucke Urlauber sage ein Wort zu viel.

* »

Es war Abend geworden. Der Invalide hatte sich eher zur Ruhe begeben als sonst, denn er fühlte sich sehr elend. Auch Anna war sehr schweigsam und wurde 'verlegen, wenn iie Eltern von dem in Urlaub heimgekehrten Soldaten sprachen. Und doch hörte sie es gern, wenn August wegen seines männlichen Wesens gelobt wurde. Er war schon als

Kind ihr Spielkamerad gewesen, und später, als sie größer geworden, hatte sie feste Freundschaft verbunden. Der kräf­tige, nur ein paar Jahre ältere Knabe war ihr immer ein Schutz und Schirm gewesen, wenn sie unter dem Uebermuth der Dorfjugend zu leiden hatte.

So ganz allmählich war die Freundschaft zwischen August und Anna verblaßt, aber eS wuchs ein Helles Licht daraus empor, das Licht, welches das^Dasein junger Menschenherzen verschönert und erfreut: Die Liebe.

Ja, sie liebten sich schon lange, die beiden so ganz in aller Heimlichkeit, aber dafür um so inniger. Eine heilige Scheu hielt sie davon ab, irgend einer Menschenseele ein Sterbenswörtchen davon zu sagen, denn die Liebe ist eine Wunderblume, die in der Stille sich entfaltet und duftet.

Die glückliche Zeit währte nicht lange, August mußte Soldat werden. Jetzt warens schon drei Jahre her, daß er Abschied von seinem Mädchen nahm. Hinter dem Häuschen des Invaliden lag eine von großen Fliederbüschen umsäumte Baumwiese. Dort, wo er ihr Treue fürs Leben versprach, um dann fortzuziehen in die große Stadt, wo es viele schöne Mädchen gibt.

Heute, als es dunkel geworden und die Sterne auf­gezogen waren, hörte man an derselben Stelle leises Flüstern.

Die meisten hier in Urlaub befindlichen Kameraden Augusts waren Abends unter der Linde versammelt, um den Bewohnern des Dorfes von dem lustigen Soldatenleben zu erzählen und von dem Treiben in der Stadt. Es fiel Nie­manden auf, daß der Gefreite nicht da war. Warum sollte auch seine Abwesenheit auffallen? Waren doch viele andere auch nicht da. Der eine blieb daheim bei den Eltern, der andere suchte sein Schätzchen auf und der dritte saß im WirthShaus, um sich an einem Trünke gütlich zu thun. Wer aber an die Fliederhecke gegangen wäre, hätte den Gefreiten sehen können.

Der nächste Morgen verkündigte einen ttüben Tag. In das stille Thal war [bic Kunde gedrungen, daß der Kaiser Friedrich im Sterben läge. Alt und jung trauerte, denn der ritterliche Held war einmal während des Manövers durch das Dorf gekommen und hatte sich in seiner herzlichen leutseligen Manier mit den Landleuten unterhalten, und dann dachte man auch gerne daran, daß der damalige Kronprinz den alten, kranken Invaliden Maurer besucht und mit dem Kriegs­kameraden geplaudert hatte, als sei er nichts oder weniger wie ein einfacher Soldat.

Jetzt lag Kaiser Friedrich an einer unheilbaren Krank­heit darnieder. Die Nackricht hatte den Invaliden furchtbar angegriffen. Sein Antlitz glich dem eines Sterbenden und

Frau Maurer schickte in ihrer Angst nach dem Arzt im nächsten Städtchen. Maurer wollte heute nicht ins Freie, sondern er bat, man möge ihn ans Fenster setzen, damit er wenigstens das frische Grün sehen könne. Anna befand sich in peinvoller Stimmung. Sie ängstigte sich um den kranken Vater und lief immer voller Unruhe zur Thüre, um die Dorfstraße hinabzusehen.

Wenn ich Euch versorgt wüßte," sprach der Kranke, dann wollte ich gern sterben."

Sprich nicht so," sprach die Frau,Du regst Dich auf. Sieh, unsere einzige Sorge bist doch Du. Wir haben nur einen Wunsch, und der ist, Du möchtest doch wieder gesund werden."

Da ist keine Hoffnung mehr, ich fühls, es geht zu Ende. Der Kaiser nimmt seine Getreuen mit sich zur großen Heerschau." Damit rief er sein Kind zu sich und legte ihm die Hand auf den Scheitel.Anna," sagte er,Du bist immer ein braves Mädel gewesen. Sei Deiner Mutter ein Trost und ein Beistand, ein Schutz wird Dir noch werden."

Ja, Herr Maurer," tönte eine sonore Stimme von der Thüre her,sie wird einen Schutz finden, wenn Sie Ihr Jawort geben, werde ich ihr Beschützer sein."

Der Urlauber wars, der sachte eingetreten war und Hand in Hand mit Anna vor dem Alten niederknieete, der nur stammeln konnte:August, Anna, was soll das?"

O, Herr Maurer, das soll unsere Verlobung sein. Vielleicht haben Sie es schon lange geahnt, daß wir uns gern haben und gestern Abend haben wir unß besprochen und find einig geworden, so bald als möglich Mann und Frau zu werden. Ich werd ein guter Sohn sein, Herr Maurer!"

August, gib mir die Hand," sprach der Invalide ge­rührt.Anna, gib mir auch die Deine!" Und er legte die Hände der Liebenden ineinander und segnete sie. Die Mutter stand dabei und weinte helle Freudenzähren.

Da horch! ES klangen plötzlich die Glocken vom Kirch- thurme in feierlichem Geläute. Die in dem kleinen Zimmer Versammelten sahen sich stumm an, als wollten sie fragen, was das bedeuten soll, als ein Nachbar herbeigesprungen kam und durch das Fenster rief:Wißt Ihrs schon, Maurer, unser Kaiser Friedrich ist soeben gestorben!"

Maurer stieß einen schweren Seufzer auS und lehnte sich in seine Kiffen zurück.

Der Kaiser hatte seinen Getreuen mit sich genommen er war tobt.