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19.8.1894 Drittes Blatt
 
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1894

Nr. 193 Drittes Blatt. Sonntag den 19. August

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Deutsche» Reich.

Berlin, 17. August. Die Kaiserin Augusta Victoria hat ihre Sommer-Biüeggtatur auf Schloß Wil- helmShöhe bei Cassel beendigt und ist am Donnerstag Nach­mittag mit den kaiserlichen Kindern wieder irn Neuen PalaiS bei Potsdam eingetroffen- die erlauchten Herrschaften er­freuen sich sämmtlich des besten Wohlseins. Im Laufe des Freitag erfolgte daun auch die Heimkehr des Kaisers nach dem Neuen PalaiS.

Die Königin Victoria soll dem Kaiser Wilhelm bedingungsweise einen Gegenbesuch für nächstes Frühjahr in Potsdam zugesagt haben. Doch würde, wie weiter verlautet, dieser angefagte Besuch der greisen eng­lischen Monarchin am kaiserlichen Hofe einen ausschließlich privaten Charakter tragen, also wohl unter Ausschluß größerer Hoffestlichkeiten stattfinden.

Die Frage nach dem Arbeitsprogramm der nächsten Reichstagssession ist in der Tagespresse schon wieder­holt aufgeworfen worden und har es hierbei nicht an specielleren Angaben über die zu erwartenden Gesetzentwürfe gefehlt. Dies sind indessen doch nur Vermuthungen, denn offenbar sind nicht einmal im Kreise der verbündeten Regierungen in dieser Hinsicht bereits bestimmte Beschlüffe gefaßt worden, was vielmehr erst nach dem Wiederzusammentritte des Bundes- ratheS geschehen wird. Zum Ueberflusse versichern jetzt vsficiöse Berliner Stimmen, es sei durchaus verfrüht, die Einbringung einzelner Vorlagen für die kommende Reichs- lagSsession anzukündigen, soweit dieselben nicht eine Noth- wendigketl seien, wie der EtatSentwurf oder die Steuer­vorlagen. Nur so viel stehe zur Zeit fest, daß die nächste Tagung des Reichsparlaments nicht so belastet werden dürfe, daß die Vorlagen, deren Erledigung dringlich geboten sei, darunter leiden könnten. Diese Auslastung von officiöser Sette deckt sich mit den Wünschen weiter Bevölkerungskreise, in denen man mit steigendem Mißmuth die förmlich Mode gewordene Ueberproduction an gesetzgeberischen Stoffen für den Reichstag betrachtete. Hoffentlich kommt endlich die Regierung dem Reichstage in der nächsten Session nur mit solchen Sachen, deren Erledigung wirklich Noth thut.

Die verschiedenen antisemitischen Gruppen in Deutschland unterhandeln gegenwärtig mit einander über ihre Verschmelzung zu einer einzigen Nationalpartei. Für den 26. August ist ein allgemeiner Parteitag der Antisemiten in Hamm behufs Abschlusses dieser Unterhandlungen angekündigt.

Feuilleton.

Wochenbriefc aus drr Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 17. August. Nachklange von der Wirihschaflsausstellnug. Iohanuiskirche. Gustav-Adolf-Festspiel. Wettsahren deS Bicycleclubs.

Die mit der H o t e l- u n d W i r t h s ch a f t s a u s ft e l l u n g verbundenen Festlichkeiten, von denen ich Ihnen schon voriges Mal des.Näheren berichtete, haben nun ihr Ende erreicht. Sowohl die Aussteller, als auch die Saalbauverwaltung können mit dem finanziellen Erträgniß zufrieden sein. Es wurde im Ganzen doch recht viel verkauft und mancher zu­künftige Absatz angebahnt, zumal ja auch wirklich nur das Beste in jeder Art geboten wurde. Auch die Concerte, die zweimal jeden Tag stattfanden, erfreuten sich stets eines riesigen Besuches, der oft so bedeutend war, daß Viele um­kehren mußten, da die doch gewiß geräumigen Saalbau- localitäten nicht Alle zu fasten vermochten. So hat also auch endlich einmal die Saalverwaltung ihre Rechnung mit ihrem Schmerzenskind gesunden, das sonst gewöhnlich viel mehr kostete, als es eintrug.

Der Saalbau ist eben für eine großstädtische Entwicklung unseres lieben Darmstadt berechnet, und diese Entwicklung kommt zwar langsam, aber sicher. So hat sich schon seit einiger Zeit in der evangelischen Gemeinde bedeutender Kirchenmangel eingestellt, dem man zwar jetzt durch die Er­bauung eines neuen Gotteshauses abgeholsen hat. Wer seit einem Jahre nicht in Darmstadt war, wird, wenn er etwa die Wilhelminenstraße hinuntergeht, erstaunt sein, im Norden der Stadt einen vorher noch nie gesehenen schlanken Thurm ausragen zu sehen. Dieser ist das stattliche Wahrzeichen der neuen Kirche, die sich auf dem Liebigsplatz erhebt und den NamenJohanniskirche" trägt, da bei der Eintheilung der evangelischen Stadtgemeinde in vier kleinere Gemeinden der Nordwesten die BenennungJohannisgemeinde" erhielt.

Als Name für die zu gründende neue Partei wird die BezeichnungDeutsch-sociale Reformpartei" vorgeschlagen.

Vermischtes.

* Bukarest, 12. August. Gegen Ende vorigen Monats traf Frau Eliza Dimitriade, die Wittwe eines Bukarester Advokaten, in Begleitung einer Dienerin im Bade Lacul- Sarat zum Kurgebrauche ein. Eine bei der genannten Dame in Pflege befindliche sechsjährige Nichte hatte Frau Dimitriade angeblich zu Hause gelüsten. Wenigstens hatte sie sich in diesem Sinne ihrer Dienerin gegenüber geäußert, als diese sich bei der Ankunft in Lacul-Sarat nach dem Kinde erkundigte. Nach siebentägigem Aufenthalte im Badeorte glaubte die Dienerin aus einem im Zimmer ihrer Herrin befindlichen Koffer ein leises Wimmern vernommen zu haben. Doch wurde ihre Frage nach dem Ursprung dieser Töne von Frau Dimi­triade in barscher Weise mit der Erklärung abgesertigt, daß sich im Koffer eine WachSpuppe mit Spielwerk befinde und daß ein Dienstbote nicht Alles zu wissen und zu sehen brauche. Der Magd kam jedoch diese Geschichte mit der Wachspuppe nicht recht glaubwürdig vor und sie machte auch betreffs ihrer diesbezüglichen Zweifel der Polizei gegenüber kein Hehl, bei welcher sie ihre seit dem Verschwinden der Nichtslhrer Herrin gemachten Wahrnehmungen zur Anzeige brachte. Die Folge davon war eine in der Wohnung der Frau Dimitriade vor- genommeue gerichtliche Hausdurchsuchung, bei welcher auch der verdächtige Koffer geöffnet und darin das von der Dienerin vermißte Mädchen in wahrhaft erbarmungswürdigem Zustande aufgefunden wurde. Die arme Kleine hatte seit dem Tage, an welchem man sie in Bukarest in den Koffer gesperrt und als Frachtstück nach Lacnl-Sarat mitgenommen hatte, außer einigen ihr in das enge Gefängniß mitgegebenen Brodkrumen gar keine Nahrung erhalten und es ist geradezu als ein Wunder zu bezeichnen, daß ein sechsjährige- Kind bei dieser Behandlung eine volle Woche lang am Leben bleiben konnte. Körperlich furchtbar herabgekommen, scheint das arme Mädchen durch die Qualen seiner siebentägigen Dunkelhaft auch geistigen Schaden genommen zu haben. Selbstverständlich ist gegen die unnatürliche Tante sofort die gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden und es sprechen nach den diesbezüglich in die Oeffentlichkeit gedrungenen Mittheilungen alle Anzeichen dafür, daß man es hier mit einem wohlvorbereiteten Ver­brechen kalt überlegender Habgier zu thun habe. Madame Dimitriade ist nämlich die nächste erbberechtigte Verwandte

Da ich glaube, daß sich Ihre Leser für das Aussehen der neuen Kirche interessiren, will ich eine kurze Schilderung derselben versuchen. Sie besteht aus hellgrauem Sandstein, der auf einem Fundament von blaugrauem Granit ruht. Der Stil ist natürlich, wie bet fast allen neuen protestantischen Kirchen, gothisch, und zwar in diesem Falle von sehr einfacher Gothik. Am Prächtigsten ausgeführt ist das Hauptportal mit dem darüber befindlichen Thurm. Hier ist die Ornamen- tirung wirklich reich und die Farben stimmen vorzüglich zu- fammeu; namentlich das Zifferblatt der Thurmuhr, das in stumpfem (Sarmin ausgeführt ist, mit den mattgoldenen Ziffern bildet mit dem weißgrauen Grundton des Steines eine aller- liebste Farbenzusammenstellung. Der Thurm selbst, der sich nach oben sehr stark verjüngt, nimmt fast die ganze Breite der Frontseite ein, sodaß die beiden Eckthürmchen, die den Haupt- thurm flankiren, etwas dürftig ausfallen mußten. Ueberhaupt ist die ganze Kirche etwas sehr schmal gerathen, was ja leider bei den meisten unserer modernen Kirchenbauten infolge des Mangels an Raum und vielleicht auch an Mitteln der Fall ist. Die Seiten des neuen Gotteshauses sind zum großen Theil ausgefüllt durch je sechs große Fenster, deren Bemalung sich in wohlthuenden sanften Tönen hält. Nicht sehr wohlthuend für das Auge sind an den Seiten nur die massiven eichenen Thüren, die einen etwas aufdringlichen ockergelben Anstrich zeigen. Der Chor fällt bis jetzt noch sehr einfach nach hinten ab, doch wird die nähere Aussührurg wohl noch nachgeholt werden. Die neue Kirche ist nämlich noch nicht ganz fertig. Sie sollte eigentlich zu der im September dahier stattfindenden Hauptversammlung des Gustav-Adolf Vereins vollendet sein, aber die Frist war zu kurz, sodaß wohl erst zu Ende dieses Jahres die Kirche wird eingeweiht werden können.

Den Mitgliedern des Gnstav-Adolf-VereinS wird übrigens doch ein bedeutender Genuß hier geboten werden, nämlich die Aufführung des Gustav Adolf-Festspieles von dem kürzlich verstorbenen Devrient. Die Rollen, welche sämmtlich mit Ausnahme der beiden Hauptrollen deS Königs und der Königin, die durch Herrn Dr. Bassermann vom Hoftheater in Mannheim und Frl. Gündel vom Frankfurter

deS ihrer Obhut anvertraut gewesenen Mädchens und eS liegt demnach der Verdacht nur zu nahe, daß sie dasselbe dem Hungertode bloß deshalb überantworten wollte, um in den Besitz des nicht unbeträchtlichen Vermögens ihrer Nichte zu gelangen.

* Je weiter die Reise-Saison in den Alpen vorrückt, desto mehr Tourifien-Uufslle giebt es. Im Sellrainthal unweit des Lisenser Ferners verunglückte ein in Innsbruck angestellter junger Photograph, Namens Schwarz, ein sonst sehr tüchtiger Bergsteiger, indem er über Felsplatten abglitt und sich hierbei mehrere, wie aber scheint, nicht lebensgefährliche Verletzungen zuzog. Am Kellerjoch bei Schwaz stürzte der 18 Jahre alte Tischler in der Schwazer Tabakfabrik, Joh. Payr, bei einer Parthie auf der Zillerthaler Seite ab. Er wurde hierbei lebensgefährlich verletzt und liegt ohne Bewußtsein dar­nieder. In Innsbruck sind die Berge ziemlich weit herab angeschneit.

* Ein galanter Postbote. Kam da neulich in Würz­burg ein Brief aus München an mit der Adresse:An die schöne Elise in Würzburg, Kaiserstraße." Der Postbote gab sich alle Mühe, die Adressatin zu entdecken, schließlich mußte er doch den Brief als unbestellbar zurückgehen laffen mit dem Vermerk:Elisen giebt es in der Kaiser- straße mehrere- überhaupt sind aber alle Damen in Würzburg schön!"

Verkehr, Canb* rrnd Volkswirthschafi,

Lebensversicherungs-Gesellschaft zu Leipzig, aus Gegenseitigkeit gegründet 1830 (alte Leipziger). Es sind vom 1. Januar bis Ende Juli 1894 3699 Versicherungen über 26372700 Mk. bean­tragt worden, 265 Versicherungen über 2 471000 Mk. mehr als im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Als gestorben wurden in derselben Zeit angemeldet 454 Mitglieder, die mit 2 857 200 Mk. versichert waren. Der Versicherungsbestand stellte sich Ende Juli 1894 aus 60 500 Personen mit 419 Millionen Mark Versicherungs­summe. Bet der alten Leipziger Gesellschaft, die eine reine Gegenseittgkeitsanstalt ist, fließen alle Ueberschüsse den Versicherten wieder zu. Die Dividende der letzteren beträgt für die länger als fünf Jahre bestehenden Versicherungen im laufenden Jahre 42pCt. der ordentlichen Jahresprämie und bei abgekürzten Ver­sicherungen außerdem l'/rpEt. der Summe der gezahlten jZusatz- prämien, was mit Rücksicht auf anderweite Auslastungen über diesen Punkt hier ausdrücklich hervorgehoben werden mag. Wurde eine Dividende auf die Zusahprämie nicht gezahlt, so wäre der Dtvi- dendensatz auf die ordentliche Jahresprämie noch wesentlich höher aI8 42 pCt.

Stadttheater gegeben werden von Dilettanten unserer Stadt dargestellt werden, sind jetzt alle besetzt, manche sogar doppelt, welchem schwierigen Geschäft sich Herr Regisseur Dalmoniko unterzog. Besonders sind die Damen stark ver­treten, die als Ehrenjungfrauen, Patricierinnen, Bettlerinnen, Waschfrauin je in beliebiger Anzahl verwendet werden können. Die Proben zu den Aufführungen, die nicht weniger als 12 betragen sollen, sind schon in vollem Gang, und hat somit die wegen ihrer Schönheit berühmte Darmstädter Damenwelt wieder einmal die so angenehme Gelegenheit, sich zu einem wohlthätigen Zweck allgemein bewundern zu laffen.

A propos, um zum Schluffe auf etwas ganz anderes zu kommen, wissen Sie schon, daß Darmstadt jetzt im Begriff steht, Sportsplatz ersten Ranges zu werden?

Die Velocipedisterei nämlich hat sich hier zu einer ganz bedeutenden Blüthe entwickelt. Der hiesige Bicycle-Club nämlich, der übrigens der drittgrößte im ganzen deutschen Radfahrerbund ist (nur der berühmte Bicycle-Club Frankfurt und ein Berliner Verein haben mehr Mitglieder), hat vor einigen Tagen bei der Versammlung des allgemeinen deutschen Radfahrerbundes in Hannover bei dem Preiskorso den dritten Preis errungen, bei einer Concurrenz von circa 160 Vereinen mit 3000 Fahrern. Am Sonntag wird nun noch ein Wett­rennen, vom Bycycle-Club Darmstadt veranstaltet, hier statt­finden, zu dem sich eine ganze Schaar bedeutender Fahrer gemeldet hat. Ich nenne von Auswärtigen nur den kräftigen Dauerfahrer Gehrig und den schneidigen Spurter Verheyen, beide von Frankfurt. Doch wird diesen die Palme des Tages von unseren einheimischen Kräften Haun, Biermann, Lauter- mann u. a. sehr bestritten werden- insbesondere ist für baß zum ersten Mal in Darmstadt vorgeführte 30 Kilometer­rennen (Record von August Lehr 47 Minuten) wohl Haun als Hauptfavorit zu betrachten, der in diesem Sommer in Berlin bei demselben Rennen mit einem Meter hinter dem berühmten Rivalen von Lehr, F. Opel, zweiter wurde, nachdem er in 68 von 90 Runden das Feld geführt hatte. Nun, im nächsten Brief werde ich Ihnen die jedenfalls höchst inter­essanten Details dieses Renntages bringen.