Nr 114 Erstes Blatt. Samstag den 19. Mai 1894
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Zlnzeigeblatt für den Aveis Gietzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
chratisöeikage: chießener Aamilienbkätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger- entgegen.
Amtliche» Theil.
Gießen, den 17. Mai 1894. Betr. Die Vertilgung der Blutlaus.
Das Großherzogliche KreiSamt Sietzeu an die (Srosth. Bürgermeistereien bezw. Orts polizeibeamten des Kreises.
Nach dem in obiger Angelegenheit erlassenen Reglement vom 3. Februar 1888 — Kreisblatt Nr. 32 — hat im Laufe des Monats Mai durch die zu bestellende Commission eine Untersuchung der Aepfelbäume auf das Vorhandensein der Blutlaus stattzusinden. Wir beauftragen Sie, diese Untersuchung vornehmen zu lasten und über das Resultat zu Ende Mai zu berichten. In die Commission sind möglichst dieselben Männer zu wählen wie in früheren Jahren, da bei denselben eine bestere Erfahrung im Aufsinden der Blutlaus vorausgesetzt werden darf. Besondere Aufmerksamkeit muß bei der Besichtigung denjenigen Bäumen geschenkt werden, an welchen in den letzten Jahren die Blutlaus gesunden wurde. In den Berichten ist anzugeben, ob sie sich hier wieder gezeigt hat.
Wird das Jnsect gefunden, so ist mit der Reinigung der Bäume nach den Vorschriften des Reglements alsbald vorzugehen. Wegen der besten Art der Vertilgung verweisen wir auf unser Ausschreiben vom 9. Juli 1887 — KreiS- blatt Nr. 160.
v. Gagern.
Nr. 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 12. d. Ms. enthält:
(Nr. 2172). Gesetz, betreffend die Abänderung des § 41 der Concursordnung. Vom 9. Mai 1894.
(Nr. 2173). Bekanntmachung, betreffend die Verein» barung erleichternder Vorschriften für den wechselseitigen Ver- kehr zwischen den Eisenbahnen Deutschlands und Luxemburgs. Vom 10. Mai 1894.
Gießen, den 17. Mai 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
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Zur larrdwirthschaftlicher, Conferenz
in Preußen.
Die Conserenz, welche aus Veranlassung der preußischen Regierung für den 28. Mai nach Berlin einberufen worden ist, um die Maßregeln zu berathen, welche zur Erhaltung und Kräftigung des ländlichen Grundbesitzes und der ein» heimischen Landwirthschaft geeignet sind, darf gegenwärtig alS daS wichtigste Ereigniß nicht nur der preußischen, sondern der gesammten inneren deutschen Politik angesehen werden, denn damit ist nun von der Regierung des größten deutschen Bundesstaates anerkannt worden, daß die Nothlage oder KrisiS, in welcher sich die Landwirthschaft befindet, zu entsprechenden Reformen drängt. Die weitere Folge der durch die Conserenz in eine neue Bahn zu lenkenden landwirth- schaftlichen Bewegung wird ferner höchst wahrscheinlich die» jemge sein, daß sich die Gesetzgebung in Preußen und wahrscheinlich auch in den übrigen Bundesstaaten mit der Bekämpfung landwirthschastlicher Calamitäten beschäftigen wird, denn einen anderen Zweck, als Untersuchungen über die KrisiS der Landwirthschaft anzustellen und gesetzgeberische Acte vorzubereiten, kann die Conferenz ja gar nicht haben, und gelangt man dabei in Preußen zu gewissen Beschlüßen, so muß dies im Hinblick auf die solidarischen Jnteresten der deutschen Landwirthschaft in ähnlicher Weise später auch in den übrigen Bundesstaaten geschehen. Der auS 33 Mit» gliedern bestehenden und wahrscheinlich unter dem Vorsitze Les preußischen LandwirthschaftSministerS von Heyden tagenden Conserenz ist im Großen und Ganzen aber and eine sehr schwierige Aufgabe gestellt, denn daS vom Minister von Heyden für die Conferenz aufgestellte Arb^stbprogramm umfaßt erstens alle Ursachen, welche ein Sinken der Landwirthschaft herbeigeführt haben, und schlägt zweitens Maßregeln zur Hebung der landwirthschaftlichen Erwerbszweige vor. In ersterer Hinsicht sind zunehmende Verschuldung deS Grundbesitzes, steigendes Angebot von verkäuflichen Gütern, Mangel an Zuwachs der ländlichen Bevölkerung, Rückgang der Preise der Rohproducte, Concurrenz des Auslandes, Mangel an Arbeitern zur Berathung erwähnt. Auch wird vom Minister v. Heyden die Frage aufgeworfen, ob in den letzten Jahren in Bezug auf Verkehrswesen, Steuern und Unterstützungswohnsitz die Gesetzgebung mehr
zu Gunsten der Industrie und deS Handels gearbeitet und daS landwirthschaftliche Jnrereffe hintenan gesetzt habe.
AlS Hauptmittel zur Bekämpfung der landwirthschaft- lichen KrisiS empfiehlt der Minister die Hebung der Reinerträge der Landwirthschaft und zur Errerchung dieses Zieles legt er daS Hauptgewicht auf die Maßregeln gegen daS Ueberhandnehmen der Verschuldung der Landgüter. Dabei find wieder als Ursachen angeführt: die übermäßige Belastung deS Besitzes durch Erbantheile und die meist für die Landwirthschaft nicht günstigen Ereditverhältnisse. Die Erbregu- lirung nach dem WirthschaftSwerthe der Güter zu beeinfiuffen und den Real- und Personal-Credit der Landwirthe zu heben, erscheint daher eine der zunächst liegenden Aufgaben zur Hebung der Landwirthschaft.
In Bezug auf die Zusammensetzung der Conferenz erwähnen wir, daß dieselbe aus hervorragenden Vertretern der Landwirthschaft aus dem preußischen Landtage und dem deutschen Reichstage, sowie aus berühmten Nationalökonomen, Finanzministern und Juristen besteht, daß aber leider Vertreter des kleineren Grundbesitzes (Bauern) in der Conferenz ganz fehlen.
Deutsche» Reich.
Berlin. 17. Mat. Die am Mittwoch vorgenommene Nachwahl im ReichStagSwahlkreise Jnowrazlaw» Strelno an Stelle des Herrn v. KoscielSkt hat die Wahl des polnischen Candidaten Dr. Krzyymicki gegenüber seinen deutschen Mitbewerbern, dem Conservativen Timm und dem Antisemiten Priebe, ergeben. Dr. Krzymicki nimmt zwischen der sogenannten polnischen Hospartei und der polnischen Volkspartei eine vermittelnde Stellung ein, so daß es ihm gelang, die Stimmen der polnischen Wähler beider Richtungen in dem genannten Wahlkreise auf sich zu vereinigen.
— Zwischen Deutschland und Spanien ist seit dem 15. Mai der Zollkrieg trotz der bereits erfolgten Genehmigung deS neuen deutsch-spanischen Handelsvertrages durch den Reichstag im Gange. Die Verantwortung für diese immerhin bedauerliche Störung in den gegenseitigen handelspolitischen Beziehungen der beiden Länder tragen lediglich die Schutzzöllner im spanischen Parlament, welche es durch ihre Verschleppungstaktik gegenüber dem Handelsverträge mit Deutschland dahin zu bringen wußten, daß derselbe bis zum 15. Mai, dem Tage des Ablaufs des deutsch- spanischen Zollprovisoriums, in den Cortes noch nicht erledigt war. Vom genannten Tage ab unterliegen daher die aus Spanien kommenden Maaren dem autonomen deutschen Zolltarif, während andererseits Spanien auf die deutschen Erzeugnisse seinen Generaltarif anwendet. Wie lange dieser unerquickliche Zustand dauern wird und ob überhaupt Aussicht vorhanden ist, in Bälde wieder normale handelspolitische Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien herzustellen, daS muß noch abgewartet werden.
Ausland.
— In Ungarn steht das Civilehegesetz zur nochmaligen Entscheidung. Dasselbe ist dem Abgeordnetenhause am Donnerstag vom Ministerpräsidenten Dr. Wekerle wiederum vorgelegt worden und kann eS als zweifellos gelten, daß die ungarische Volksvertretung das Gesetz auch bei der zweiten Berathung mit großer Mehrheit gutheißen wird. Dermuth- lich wird sich diesmal auch im Oberhause eine Mehrheit für die Civilehe-Vorlage zusammentrommeln lasten, ein kleiner PairSschub im Sinne der letzteren und das Fehlen der civil» ehefeindlichen Hofwürdenträger, denen vermutlich ein entsprechender Wink von oben ertheilt werden wird, dürften genügen, um auch in der ungarischen PairSkammer bei der zweiten Abstimmung über daS Civilehegesetz besten Annahme herbeizuführen.
Neueste Nachrichten,
Depeschen deS Bureau .Herold'.
Berlin. 17. Mai. Der Chef deS CivilcabinetS, Lucanus, erklärte den Mitgliedern des ArbeitSauSschusteS der Berliner GewerbeauSstellung, der Kaiser halte das Lietzenseegelände für daS geeignetste AuSstellungSterrain - der Hippodromplatz ist dafür zu klein.
Berlin. 17. Mai. Auf der Tagesordnung des Berg- arbeiter-Cougresses stand heute Vormittag der Achtstundentag. Der Congreß hält am Principe des Achtstundentages, einschließlich Ein- und Ausfahrt, und zwar für alle Nationen fest. Die Engländer sind in der Frage, ob der
Achtstundentag gesetzlich festzulegen fei, uneinig, dafür spräche« Harvey und Stanley, dagegen Young und Johnson. Heute Nachmittag spricht der Maire Calvignac über die achtstündige Arbeitszeit. In der BormittagSsitzung wurde aufgefordert, kein Bier auS den boykottirten Brauereien zu trinken.
Berlin. 17. Mai. Der „Reichsanzeiger" publicirt die Verleihung des SternS zum Rothen Adlerorden zweiter Klaste mit Eichenlaub an den deutschen Botschafter am italienischen Hose, von Bülow.
Berlin, 17. Mai. Die Freie Bereinigung de« Abgeordnetenhauses trat heute Vormittag 9 Uhr int Abgeordnetenhause zusammen, um die practischen Vorschläge für die zweite Lesung des LandwirthschaftSkammer-Gesetzes vorzubereiten. ES wurde eine allgemeine Besprechung über die Fragen, ob obligatorische oder facultative Einrichtung, wie der WahlmoduS zu regeln sei, geführt. Seiten« der Staatsregierung ergriff Geheimer RegierungSrath Dr. Thiel daS Wort zu eingehender Darlegung deS RegterungSstaud- Punktes. Auf alle Fälle wünsche die StaatSregierung, daß die Vorlage noch in dieser Tagung zu Stande käme. Um 12 Uhr wurde die erste Sitzung auf gehoben.
Lemberg. 17. Mai. In dem Dorfe Bohorodczanix ist die Erregung der Bauern wegen der Absicht des Pfarrers, die Kirchenbilder zur Landesausstellung zu schicken, in eine Revolte auSgeanet. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.
Mährifch Ostrau, 17. Mai. Die Verhandlungen der strikenden Bergarbeiter mit den Grubendirectoren nehmen guten Fortgang- der Ausstand wird voraussichtlich noch in dieser Woche ein Ende nehmen. Neuerdings haben in Polnisch-Ostrau einige unbedeutende Exceste stattgefunden.
London, 17. Mai. Strikend e Kutscher haben Nachts in der Nähe deS HydeparkeS mehrere Wagen um- gestürzt. Die Excedenten wurden von der Polizei auseinander- getrieben und zahlreiche davon verhaftet. Hundert Wager.- besitzer haben bereits die Forderungen der AuSständischen bewilligt.
London. 17. Mai. Die „Times" bringt einen sensationellen Artikel deS Militärschriftstellers ForbeS, in welchem ein künftiger Krieg so grausam dargestellt wird, daß daS civilifirte Europa davor zurückschrecken und unter allen Umständen den Krieg abschaffen müßte. In dem Artikel werden hauptsächlich die entsetzlichen Qualen dargestellt, welche die mit den neuen Geschosten verwundeten Soldaten auS- zustehen haben; außerdem wird nachgewiesen, daß der Ambulanzdienst wegen der allzu großen Ausdehnung der Feuerlinie, welche durch die verbesserten Gewehre bedingt wird, vollständig unzulänglich sei.
Lüttich, 17. Mai. Die Studenten Victor Leblanow und Arnolds wurden verhaftet unter der Anschuldigung, über beide Attentate vorher unterrichtet gewesen zu sein und den angeblichen russischen Baron in Maastricht besucht zu haben. Die Untersuchung ergab, daß die letzthin verteilten Manifeste von dem russischen Pseudobaron in Holland gedruckt worden.
Antwerpen, 17. Mai. Während des Besuches de« Königs in der Ausstellung näherte sich thm die Tochter der wegen des dreifachen Mordes verhafteten Frau Joniaux und überreichte ihm eine Bittschrift, welche die provisorische Hastentlaffung der Mutter verlangt. Obwohl dem. König vor der Berurtheilung kein Begnadigungsrecht zusteht, nahm er doch die Bittschrift an.
Sitzung der Stadtverordneten
am 17. Mai 1894.
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi und Grüneberg, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Emmelius, Faber, Flett, Grünewald, Dr. Gutfleisch, Habenicht, Helfrich, Heß, Heyligenstaedt, Hornberger, Jughardt, Keller, 256er, Orbig, Petri, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Scheel, Schmall, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels.
Den Hauptgegenstand der heutigen Berathung bildete der Antrag des Herrn Stadtverordneten Schmall auf Einsetzung einer Commission behufs Reform deS Octroi- wefenS in Gießen. Gelegentlich der Budgetberathung für 1894/95 hatte Herr Schmall empfohlen, der seit Jahren schwebenden Frage der Octroireform endlich einmal näher zu treten. Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärte hieraus, unter besonderem Hinweis auf einen im Juni 1891 gefaßt«-. Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung, daß ohne gewin: Directive auS der Mitte der Versammlung er zur Ausarbeitung eines Octroi-ReglementS sich nicht entschließen könne, nachdem


