Nr L71 Zweites Blatt. Sonntag den 18. November
1894
Der
-ießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener Aamikienbtätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal drigrlegt.
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Vic^tcljä^^r Avounememsj^eW r
2 Mark 20 Pfg. mit
Bringer lohn.
Durch die Post dezogn» 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Lxpeditiost
und Druckerei:
Sch»tstraße 3W.
Fernsprecher 61.
Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Giefzen.
| Gratisbeilage: Gießener Aamilienßlätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgmden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
—----- । 'i
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Jur Frage des Niidchen- unb krauen-8ur«eas.
Wir alle hängen am Alten, am Gewohnten und Alltäglichen. Was unsere Väter und Vorväter gethan und gelassen haben, das thun und lassen wir auch. „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen." Es ist häufig unendlich schwer dem „Altbewährten" Abbruch zu thun- und im Allgemeinen mit Recht. Des Menschen Geist sieht nur wenig in die Zukunft, und so ist es nur natürlich, wenn et sich auf etwas Neues ungern einläßt, wenn er es nur annimmt, wenn es in Wahrheit am Alten, trotz des scheinbar- neuen Gewandes, nicht rüttelt oder wenn es sich über Herkunft und Ziele genau ausweist. Das Turnen des weiblichen Geschlechts ist nun etwas rechtNeues, ja von den seltenen Amazonenvölkern abgesehen, dürfte die organisirte Uebung des Körpers beim weiblichen Geschlechte in der Weltgeschichte kaum irgendwo bekannt geworden sein. Wenn es also Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang ohne solches Turnen gegangen ist, wie kommt nun plötzlich dieseBestrebung auf, welche Berechtigung hat sie, und weshalb bedarf sie gerade heutzutage der festenOrganisation? Wir wollen versuchen im folgenden diesen Fragen Antwort zu stehen.
I. Zunächst wäre es eine Erörterung ohne festen Grund und Boden, wollten wir auf die Frage des Mädchen- und Frauen-Turnens eingehen, ohne bezüglich der Turn frage überhaupt festen Fuß gefaßt zu haben. Wo es noch Hunderttausende, die es sehr nöthig hätten, für unnöthig halten, zu turnen, da kann von Einmüthigkeit in den Grundlagen noch keine Rede sein. Wir wollen also zunächst einmal die Geschichte — alle wichtigen Fragen haben eine Geschichte, so auch die Turn frage — um Auskunft angehen.
Es ist unbestritten, daß die lebenden Cultürvölker noch heutigen Tages keine bewunderungswürdigere Epoche der Weltgeschichte kennen, als die Blüthezeit klassischer Cultur bei dem edelsten aller Volksstämme, den Hellenen. Und eben bei ihnen finden wir schon frühzeitig eine hohe Entwicklung der Pflege körperlicher Hebungen. Dieses verhältnißmäßig kleine Volk war und ist noch heute der Lehrer der Völker in der Staatskunst, der Kunst und der Pflege körperlicher Schönheit. Mens sana in corpore sano. Und doch sein Sturz, welche Tragödie! Zwei Jahrtausende liegen zwischen damals und heute. Wo liegt der tragische Confliet, wo die Schuld dieses Volkes? Nur ein gewaltiger Jrrthum konnte diesen Sturz herbeiführen. Denn ein Volk, begabt mit den schönsten Talenten und den edelsten sittlichen Eigenschaften, unter welch' letzteren vor allem die Mäßigkeit, die Grundbedingung körperlicher und geistiger Tüchtigkeit, zu rühmen ist, ein Volk, das diese Blüthe klassischer Cultur erreichte, solch' ein großes Volk konnte nur ein solch' gewaltiger Jrrthum vernichten,
Humoristisches.
Die Geschicht vun dere Ratt.
Hockt d r do neilich Eener in seiner Bud un schafft so stillschweigens sei' Aerwet un denkt an gar nix Böses vun d'r Welt. Uff emol fangt's im Owe so an zu rischple un zu kratze. Er horcht — Deiwel denkt 'r, waff iff do in dem Owe? — 'S rischpelt alS noch ärjer, 's werd dem Mann zeletscht ganz unheemlich. Herrsch, denkt ’r, 'S werd doch kee' Ratt in dem Owe hocke! Er schleicht sich sachte enauS un ruft sein Nochber- der iff aach bereit, mit'm zu gehe, awer erscht nemmt ’r sich noch e orndlich Latteschtick mit, damit ’r sich wehre kann, wann Noth an de Mann geht. Unnerwegs iff'n noch Eener begejent, den hawe se aach noch mit genumm un alle drei hawe fich mit orndliche Latteschticker bewaffent, for de Ratt ze mafsakrire. Wie se ins Haus kumm fin, hawe se emol zuerscht hauS an d'r Dheer ge- lauschtert.
„Sie hockt noch drei'," seggt d'r Eene, „awer wie krie'n m’r se?"
„Ja, wann m’r s Owedheerche uffmacheu," seggt d'r Anner, „do schpringt se eraus un hupft Aehm am Enn inS Gesicht, oder krawwelt em am Hoffeebee' enuff !M
„Nee ," seggt d’r Dritte, „'S Owedheerche derf m’r riet uffrnache, mter misse sehe, daß m’r se zum Rohr enausjage!"
„A ba," meent d'r Erscht wieder, „deff dhut se ntt, am beschte iff, mer machen e orndlich Feierche unner de Rooscht, do v'rbrennt se."
„Du hoscht recht," sage die Annere, „allo, mool Babier un Holz her!"
No Hann se dann e Feierche unner de Rooscht gemacht, daß m’r e Ochs druff hätt' brote kenne. Quiek! Quiek!
wie er in der Unkenntniß des ersten Gebotes aller christlichen Moral gelegen war- dem Hellenen war nur der Hellene Mensch, alles andere waren Barbaren und nur dazu da als Sclaven die tagtägliche Arbeit, alles Triviale und doch so Nothwendige im menschlichen Leben zu verrichten. Und wenn auf der einen Seite zweifellos nur die Sclaverei es den Hellenen ermöglichte, sich der Politik, der Kunst und der Körperpflege in dem hohen Grade zu widmen, wie es der Fall gewesen ist, so mußte auch sie gerade den Sturz herbeiführen, der mit der Verbreitung christlicher Weltanschauung ein vollendeter ward. Leider ging bei diesem Falle auch ein gut Stück ächter Cultur mit zu Grunde und so auch die volksthümliche Idee der Pflege körperlicher Tüchtigkeit und Schönheit. Diese einem ganzen Volke eingepflanzte Ueber- zeugung finden wir bis auf den heutigen Tag seit der Blüthe hellenischer Cultur nicht wieder. Den Römern fehlte vor allem der ideale Sinn der Griechen; sonst hätten die übrigen Verhältnisse auch bei ihnen einer hohen Cultur nicht im Wege gestanden, da ja auch hier die Sclaverei dem freien Römer die alltägliche Arbeitslast abnahm. Mit dem Durchdringen der christlichen Idee mußte auch bei ihnen schneller und schneller das Ende herannahen.
Ganz außer aller Berührung mit diesen Völkern lernen wir dann durch Tacitus die Germanen, unsere Vorfahren, kennen, ein starkes, freies, sittenreines Geschlecht. Sie kennen nicht die Sclaverei imSinnedes klassischen A l t e r t h u m s, wohl, aber den st e t e n K a m p f u m s L e b e n, durch den in den einfachen urwüchsigen Verhältnissen nur körperliche Tüchtigkeit hindurchführt. Doch eben das Leben bringt bei ihnen auch dic körperliche Hebung mit sich und zwar in umfangreichster Weise, vor allem in Krieg, Jagd und Ackerbau. Aber eine Turnorganisation war in solchem Leber, natürlich überflüssig. So war gerade dieser Stamm, wie kaum ein anderer vorbestimmt zur Fortentwicklung des christlichen Gebotes: alle Menschen gleichzuachten wie sich selbst, ein einig Volk von Brüdern zu werden, ein Ziel, das freilich noch heute in weiter Ferne steht. Das Leben dieses Volkes war von Natur rauh, und jeder, der den Kampf des Lebens bestehen wollte, mußte persönlich dafür sorgen, er mußte selbst Mitarbeiten. Andere Entwicklungen traten ein, aber alle blieben sich darin gleich, daß ohne harte körperliche Tbätigkeit das Leben nicht gefristet werden konnte. Das stete Kriegshandwerk, das Waidwerk, die Feldarbeit und das herumziehende Handwerk, alle erforderten sie einen starken Körper und schufen ihn sich selbst. Einer gesonderten künstlichenKörperpflege bedurfte es lange Zeit noch nicht. Nur die adeligen Geschlechter, nach und nach der Noth des Lebens mehr und mehr entwachsen, übten sich in ritterlichen Spielen, den Turnieren. Es folgte die Zeit der Städtegründungen-
macht s drin im Owe un Hot noch e klee' bisje gerischpelt, dann war's schtill. Sie Hann dann noch e Zeit lang gewaart', bis se gedenkt Han, daß kee' Hnglick meh' kassiere kennt, dann hawe se ganz vorsichtig 's Owedheerche uffgemacht, un was Hot do drei' gelege — e armselig verbrennt Rot hs chw änzche, deß wo fich dorch's Rohr in de Owe vererrt Hot. No hawe se fich enanner angeguckt, ^wie e Kuh e neu Scheuerdhor un sin mit ihre Latteschticker un mit ihr errungene Lorbeers wider abgezoge. Nächschtens sollen se die lederne Medallje aus ’ne alte Schlappe g'schnitte un uff Holz uffgenagelt krieje, wie mer hört!
Das „Katerlin".
Die Gemeinde Gabelbach ist wiederum den anderen Eulturstaaten vorausgeeilt, indem sie ein neues Heilserum obligatorisch eingeführt und damit die wunderbarsten Erfolge erzielt hat. Die freudige Stimmung sämmtlicher Nachbarn drückt fich in folgendem Liede des Gemeindepoeten aus.
D«S Heilserum.
Von B. Schäffer.
Run ist befiegt der Menschheit Leid!
Ein Serum ward geschaffen, Das gegen Spitz und Kater fet't, Unmöglich macht die Affen. Es ist Bacill-Anti-Toxtn
Und heißt mit Namm „Katerlin".
O jerum, jerum, jerum!
Hoch leb' das neue Serum!
Durch Impfung oder Jnjection
Ward es versucht an Thterm .... Triumph! Beim erstm Male schon Ließ Wirkung sich verspüren.
Ein älterer Karnickelbock
Trank schadlos 20 Gläser Grogk.
O jerum, jerum, jerum!
Welch wunderbares Serum!
eine rohe, unentwickelte Theilung der Arbeit trat ein, das Handwerk, und dieses selbst ward seßhaft- und diese Entwicklung ist weiter und weiter fortgeschritten, immer rnehr Menschen ernanzipirten sich von der körperlichen Arbeit, und diese selbst, wo sie nicht ganz vermieden werden konnte, ward immer einseitiger. Die Folgen blieben nicht aus: Unser Volk hat seinen Zufarnmenbruch Ende deS vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts erlebt und überlebt, überlebt mit Hülfe des Volksheers und der Organisation körperlicher Pflege und Hebung in diesem, wie in der von Vater Jahn gegründeten Turnerei. In dieser Entwicklung stehen wir hepte mitten drin - vor allem durch die immer umfangreicher gewordene geistigcArbeit, durch die Verrichtung körperlicher Arbeitsleistungen durch Maschinen ist das heutige Geschlecht anStelle der mangelnden natürlichen Körperübung einer künstlichen Körperpflege bedürftig geworden. Möchte diese Erkenntniß in die weitesten Schichten der modernen Cultürvölker bringen. Dann wird vielleicht dereinst die Maschine an die Stelle des griechischen Sclaven getreten sein, und eine culturelle Entwicklung erfolgen, Lie nicht mehr neidisch auf die Blüthe klassischen AlterthumS zu sein braucht. Aber niemand erwarte ohne körperliche Pflege und Hebung dies Ziel zu erreichen. Die Turnsache muß zur Volkssache werden, zu einer Volkssache, die vielleicht dereinst berufen ist an die Stelle des Volksheeres zu treten. Nur so kann zur Erreichung der Gesundheit im edelsten Sinne deS Wortes von hier aus etwas beigetragen werden und muß es auch, denn: Mens sana in corpore sano: Nur im gesunden Körper eine gesunde Seele.
Damit hoffen wir in kurzen Zügen die Nothwendigkeit, mit der die Turnerei aufkommen mußte und sich immer weiter entwickeln muß, dargethan zu haben, und wollen nur bezüglich der Art ihrer Pflege, ohne hierbei vorläufig ins Einzelne einzugehen, die Grundsätze noch aufstellen, die unseres Erachtens maßgebend sein müssen: Erstens: Das Turnen ist in erster Linie Mittel zum Zweck- der Zweck aber ift eine allseitige Ausbildung unseres Körpers, die körperliche Gesundheit und Energie gewährleistet. Zweitens: Das Turnen muß unb barf um seiner selbst willen, also als Selbstzweck, nur betrieben werben, soweit dies im Hinblick darauf nothwendig erscheint, daß nur so dasjenige Interesse und die Liebe dazu wachgerufen wird, welche seine genügende Pflege sicherstellen. Drittens: Das Turnwesen bedarf der Organisation, da bei weitem die Mehrzahl der Menschen es ohne eine solche nicht lange betreiben, vielmehr bald vernachlässigen würde. — Der zweite und dritte Grundsatz dienen also dem ersten und finden in ihm ihre Grenze. (Fortsetzung folgt.)
Und ein Kanarienvogel trank Zehn Flaschen Aßmannshäufer, Blieb gänzlich nüchtern — Gott sei Dank — Und sang nicht einmal leiser.
Sv wett war er noch bet Verstand, Daß er den Heimweg selber fand.
O jerum, jerum, jerum!
Das nennt man doch ein Serum!
An Menschen ward versucht alsdann
Der neue Heil-Artikel.
Sich selbst bot an manch durst'ger Mann Gern als VrrsuchS-Karntckel.
Ein Schreiberletn getrunken hat
Den ganzen Bieroorrath der Stadt.
O jerum, jerum, jerum!
Hoch leb' das neue Serum!
Ist jetzt geimpft der Ehemann, So kann ihm nichts pasfiren, Weil nie sein Weib taxiren kann, Was er verknackt an Bieren.
Kommt er nach Hause noch so spat, Sein Schritt blieb fest, die Haltung grad'!
O jerum, jerum, jerum!
Hoch leb' das neue Serum!
Wie ist jetzt Morgens ftisch und klar
Der brave Forstverwalter,
Und beim Termin dec Referendar,
Der Postmann auch am Schalter, Der Meister ist verkatert nie Wie sonst gar oft am Montag früh.
O jerum, jerum, jerum!
Heil Hell Heil Hell Hetl-Serum!
Wer war's der allen Ruhm der Welt
Auf seinem Haupt vereinte?
Wer dal das Serum hergettellt?
Die Gabelbach-Gemeinde!
Froh fingen ihre Mannen nun:
Trinkt, Brüder, trinkt! Wir find immun, O jerum, jerum, jerum!
Hoch leb' das neue Serum!


