Ausgabe 
18.8.1894 Zweites Blatt
 
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Rr. 192 Zweites Blatt. SamStaz den 18. August

Der Gießener Anzeiger »rscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamitienötatter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Generat-Unzeiger.

1894

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Deutsches Reich.

Berlin, 16. August. Kaiser Wilhelm ist zur Stunde auS England wieder nach dec deutschen Hetmath zurück- gekehrr. Der jüngste Besuch des erlauchten Monarchen aus englischem Boden wies zwei bemerkenSwerthe Momente auf, seinen Aufenthalt im Truppenlager von Aldershot und seinen Besuch bei der Kaiserin Eugenie in Farnborough. Kaiser Wilhelm hat die Truppen von Aldershot einer eingehenden Besichtigung unterworfen und mit ihnen dann in einem größeren Scheingefecht manövrirt. Die äußer­liche Haltung der Truppen wie ihre Leistungen und ihre Führung haben den Kaiser offenbar befriedigt, da er wiederholt Gelegenheit nahm, sich mit Genugthuung hierüber zu äußern; sicherlich darf die englische Armee auf diese Anerkennung aus dem Munde des deutschen Herrschers stolz sein. Der Besuch aber, welchen Kaiser Wilhelm der Kaiserin Eugenie in ihrem Wittwensitz Farnborough abgestattet, bildet einen neuen Beweis für die den kaiserlichen Herrn in so hohem Maße auszeichnende Courtoisie und echte Ritterlichkeit. Der gekrönte Enkel Wilhelms I. hat darauf gehalten, der vom Schicksal so tief­gebeugten Frau die Erinnerung an eine ihr schmerzliche Ver­gangenheit möglichst abzuschwächen; er ging zu ihr als Ver­treter eines nicht nach kriegerischen Lorbeeren strebenden neuen Geschlechts, das längst nur noch herzliche Thetlnahme für das Geschick der Wittwe deS Besiegten von 1870 empfindet. In Deutschland würdigt man vollauf das Hochherzige dieses Schrittes des Kaisers hoffentlich wird dies auch bet allen einsichtigen Franzosen der Fall sein!

Die kürzliche Anarchisten-Affaire in Berlin, bei welcher der Anarchist Schewe mehrere Revolverschüsse auf seine Verfolger abgab, lenkt den Blick auch auf den Stand der anarchistischen Propaganda in Deutschland. Die frei- conservativePost" bringt anläßlich dieses Vorganges einen Leitartikel, in welchem es heißt, daß die bei uns übliche manchesterltche Praxis des ruhigen Gewährenlassens der

anarchistischen Propaganda schwere Gefahren in sich berge, die um so größer seien, als möglicher Weise zahlreiche Anarchisten, denen der Boden in Frankreich, Italien u. s. w. zu heiß geworden sei, nach Deutschland kommen könnten. Einstweilen hat der erwähnte Vorgang zur Folge gehabt, daß die Berliner Polizei eine Anzahl bekannter Anarchisten verhaftete und Zugleich bei ihnen Haussuchungen oornahm, welche ein erhebliches Belastungsmaterial ergeben haben sollen.

In Osten unseres Vaterlandes droht noch immer die Choleragefahr. Zu den sporatischen Cholera- sällen in Westpreußen haben sich eine größere Anzahl von Cholerafällen in Ostpreußen gesellt. Hoffentlich gelingt es den getroffenen Gegenmaßregeln der Behörden, ein weiteres Umsichgreifen der gefürchteten Krankheit zu verhüten.

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Ausland.

Frankreich kann durch das soeben mit dem Congo- staate getroffene Abkommen einen neuen bedeutsamen colonialpolitischen Erfolg verzeichnen. Der Vertrag befriedigt die Ansprüche Frankreichs auf größere Landstriche im Gebiet des oberen Congo vollständig, so daß die französischen Besitz­ungen am Congo eine erhebliche Ausdehnung erfahren haben. Außerdem besitzt aber das Abkommen noch dadurch eine be­sondere Bedeutung, daß die jetzt Frankreich zugesprochenen Gebiete im centralen Afrika hiermit England entgehen, wo­durch der englische Plan, eine Verbindung zwischen Süd­afrika und der britischen Interessensphäre im nordöstlichen Afrika herzustellen, definitiv vereitelt worden ist. In London soll man denn auch sehr schlecht auf das Abkommen zwischen Frankreich und dem Congostaate zu sprechen sein.

Vermischtes.

* Meseritz, 14. August. In der Nähe unserer Stadt veranstalten gegenwärtig das 6. Grenadier- und das 46. In­

fanterie-Regiment aus Posen Regimentsexercitien, wobei gefechtsmäßiges Schießen mit scharfer Munition statt­findet. Eine Frau begab sich trotz Warnung der Sicherheits­posten über das gefährdete Gelände in den Wald, um Beeren zu suchen. Kaum dort angelangt, sank sie, von einer Kugel getroffen, tobt nieder.

Ä Bremen, 13. August. Der Sport hat hier zwei Menschenleben gefordert. Ein 20jähriges Mitglied des Bremer Schwimmvereins von 1885 wirkte bei einem Wett­schwimmen mit, das zum Besten der Ausbildung mittelloser Knaben im Schwimmen veranstaltet war. Er war schon mehrmals im Wasser und befand sich nicht wohl, als er auch beim Hechttauchen sich betheiligte. Unter den Zuschauern be- sanden sich auch seine Eltern. Alles wartete mit Spannung, als der Schwimmer lange unter Wasser blieb. Endlich wurde man besorgt, einige Collegen sprangen nach und holten ihn heraus. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende be­reitet. Im andern Falle ertrank ein Mitglied des Segel­vereins Weser, als eine Regenboe das Segelboot umwarf.

Schiff-nachrichten.

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos und I. M. Schulhof.

Bremen, 15.August. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II., Capt. L. Störmer, vom Nordd. Lloyd in Bremen, welcher am 8. August von Bremen und am 5. August von Southampton abgegangen war, ist gestern 7 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.

Hamburg, 15. August. Hamburg - Amerikanische Packetfahrt- Actien-Gesellschaft. Neueste Nachrichten über die Bewegungen der Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie. PostdampferHelvetia" ist am 14. August in Havana etngetroffen. PostdampferAscania" ist am 14. August in Colon angekommen. PostdampferRaetia* hat am 14. August, 8 Uhr Abends, von Havre die Reise nach New­york fortgesetzt.

Feuilleton.

Zwei Helden.

Erinnerungs-Novellette an Kaiser Friedrich. Von K. Loos.

(Nachdruck verboten.)

Ein Junitag. Brütende Schwüle lag auf der Land­schaft und selbst von den Kuppen der Schwarzwaldriesen kam kein erfrischendes Lüftchen her. Da wars wohl kein Wunder, daß die Menschen so verdrossen dreinschauten und so müde aussahen, als würden sie erdrückt von dieser Naturstimmung. Sogar die Singvögel, die sonst mit ihrem munteren Ge­zwitscher dem ganzen Dorf einen Anstrich gaben, verhielten sich ruhig und suchten Schutz in dem dichten Geäste der großen Linde, diesem Schmuckstück deS Dorfes, wo Abends Alt und Jung zusammenkam, um unter Scherzen und Ge­plauder den Tag zu beschließen.

Jetzt war Niemand zu finden unter dem mächtigen Blätterdach, als ein Manu im Rollstuhl. Ein schmales, von einem Vollbart umrahmtes Gesicht, das mit dem eisernen Kreuz auf der Brust gar seltsam contrastirte. Auf dem Haupte trägt der Mann eine alte Soldatenmütze und die beiden kriegerischen Attribute würden uns schon verrathen haben, daß wir einen Invaliden vor uns haben, wenn uns die Leute im Dorfe nicht schon gesagt hätten, daß der alte Maurer, der dort droben bei der Linde sein Häuschen hat, auch einer von Denen sei, die damals in Frankreich waren. Sie sind gar stolz, die Bewohner des freundlichen Schwarz­walddörfchens auf den Invaliden Maurer, und wenn ein Fremder sich einmal in das entlegene Thal verirrt und Abends imGoldenen Löwen" bleibt, dann unterläßt eS der Wirth nicht, neben anderen merkwürdigen Dingen, die der Ort bietet, wie zum Beispiel die geschnitzte Kanzel der Kirche, die neue Bergwafferleitung und das Spritzenhaus, auch des Invaliden Maurer zu erwähnen, der 1870 mit auszog in den Krieg und sein junges Weib und sein Kind daheim ließ, der viele Schlachten mitgemacht und sich so tapfer gehalten habe, daß ihm der damalige Kronprinz, der verstorbene Kaiser Friedrich, in Versailles unter dem Stand- bilde des großen Franzosenkönigs selbst daS eiserne Kreuz auf die Brust heftete.

Ja, fast seit jener großen Zeit kennt man den Mann als Invaliden. Jahre kamen und vergingen, die Zeit und die Schmerzen haben sein Antlitz vor der Zeit gefurcht und sein Haar gebleicht, schon viele Tage sitzt er so da, wie heute, an dem heißen Junitag, das Auge wie abwesend in die Ferne gerichtet.

Da tönten Klänge von Menschenstimmen durch das Thal herauf. ES ist ein bekanntes Soldatenlied, was da gesungen wird. Maurer kennt es wohl auch, denn sein vorher so mattes Gesicht belebt sich und seine Augen funkeln, als wollte er die Strophe mitfingen:Soldatenleben und das heißt lustig sein!"

Ja, lustig ift's freilich manchmal!" brummte der In- valide vor sich hin.Und ich war einer der tollsten, ich habe in Ernst und Scherz immer meinen Mann gestellt, nicht umsonst trag ich den eisernen Schmuck auf der Brust."

Und er griff wie liebkosend nach dem eisernen Kreuz, von dem er die Flecken wegzuwischen suchte, welche durch die lange Zeit des Tragens entstanden waren.

Aber der lebhaftere Zug wich bald aus seinem Gesicht, um dem gewöhnlichen Ausdruck des Leidens wieder Platz zu machen.

Aus dem Hause trat nun eine munter und rüstig aus­sehende Frau. Es schien so, als habe sie nur ihre Haus­haltungsgeschäfte unterbrochen, um nach dem Invaliden zu sehen.

Gelt, Mann," sagte sie,die Sonne macht warm, aber hoffentlich thut sie Dir gut 1"

Der Jnvalde seufzte auf.

Ach.was, Christoph," fuhr die Frau fort,laß den Kopf nicht hängen. Im Spätjahr gehst Du nach Wildbad, das wird Dir gut helfen, den Winter leidlich zu ertragen."

Nach Wildbad? Ich wollte, ich könnte wo ganz anders hingehen."

Wie meinst Du das, Christoph?" Besorgt drückte die Frau des Leidenden Hand.

Schau, Schatz, es ist mir schrecklich, zu sehen, wie ich Dir jahraus, jahrein eine Last bin. Eben dachte ich darüber nach, wie viel Qual Dir erspart würde, wenn der liebe Gott mich zu sich nehmen wollte. Hab nur Geduld, die Zeit wird ja wohl bald kommen, daß ich zum großen Appell mich versammeln muß. Dann brauchst Du Dich nicht Tag und Nacht abzurackern für mich"

Sprich nicht so, Christoph, und sei ein Christ! Der Herr Kaiser in Berlin drinnen har sich auch was geholt im Krieg und muß jetzt Geduld haben mit seiner schrecklichen Krankheit."

Haft eigentlich recht, Weib, ich will Geduld haben. Siehst Du, Mutter, wenn ich so in der Zeitung lese, was unser Kaiser Friedrich alles ertragen mußte, dann schäme ich mich ob meiner Kleinmüthigkeit-"

Ein furchtbarer Huftenanfall unterbrach die Unterredung für einige Minuten.

Frau Maurer reichte ihrem Manne einige stärkende Tropfen, worauf der Anfall nachließ. Dann reichte sie ihm die Hand und sagte:

Christoph sieh, Du plagst Dich nur immer selbst. Sind wir nicht, abgesehen von Deinem Leiden, in einer ganz er­träglichen Lage? Gott sei Dank, ich bin gesund und habe immer gern gearbeitet. Es macht mir sogar Freude, sagen zu können: Ich habe die Noth ferngehalten von unserem Hauswesen, wir hatten bis jetzt alles, was wir brauchten. Unsere Anna ist groß geworden und eines der fleißigsten und bravsten Mädchen im Dorfe. Der Herr Pfarrer sagte da­mals, als sie Dich mit hölzernem Bein und zerschoffener Brust nach Hause brachten und ich bei dem Unglück furchtbar jammerte: Vertraut auf den dort oben, der uns Menschen so vieles gibt und der uns so vieles nehmen kann! Und auf den lieben Gott, der Dich uns bis jetzt erhalten hat, habe ich Vertrauen! Ich habe ersehen, wie groß seine Güte ist, als er meinem Kinde den Vater ließ und dem Fabrikanten oben in Hochdorf ein so gutes Herz gab, daß er mir Arbeit gab, damit ich den Unterhalt für uns alle verdienen konnte. Der Fabrikant hat freilich dabei gesagt, Du habest ihm, als Ihr miteinander in Frankreich gewesen, manche Gefälligkeit gethan."

Ach, Weib, davon spricht man nicht. Es war dort einer immer für den andern gut, und der Fabrikant war sroh, daß er mit gesunden Knochen aus dem Kriege heimkam. Er ist ordentlich zu uns gewesen, er gab die Arbeit Gott wird eS ihm segnen"

Der Invalide griff nach der Hand der Frau und drückte sie gerührt, indem eine Thräne langsam und schwer über die eingesunkene Wange hinabrollte.

Jetzt ist es wohl Zeit, daß Du ins Haus zurückkehrst, denn es will Abend werden," sagte Frau Maurer.

Der Invalide nickte. Das frische Soldatenlied, das vorher wie aus weiter Ferne klang, war näher gekommen und nun tauchten sie auf, die Sänger unten in der Dorf­straße erschienen sie und alle Fenster öffneten sich, sie zu sehen.

Auch die Thüre zum Häuschen des Invaliden war auf­gegangen, und umrahmt von dem satten Grün des wilden Weinlaubes erschien das Bild eines Mädchens, jugendfrisch, wie das Lied der Lerche, die in den Lüften jubelt. Als sie nach den Sängern sah, verfärbte sich daS liebliche Oval des Ge­sichtchens, daß es aussah, wie mit Purpur übergossen.

(Schluß folgt.)