1894
Mittwoch den 18. Juli
Nr. 165
Gießener Anzeiger
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Deutsche» Reich.
Berlin, 16. Juli. Die Weiterfahrt des Kaiser- paares an der norwegischen Küste entlang über Bergen nach Drontheim hat längere Zeit in Anspruch genommen, als nach dem ursprünglichen Programm festgesetzt war. Denn erst am Sonnabend Morgen hatten die Majestäten die alte Hansastadt Bergen wieder verlassen und die Reise weiter nach Norden an Bord der „Hohenzollern" fortgesetzt. Am Sonntag früh trafen die hohen Reisenden in Arlesund ein, machten sodann einen Abstecher nach Molde und unternahmen Nachmittags einen Ausflug nach dem Romsdal. Im Laufe deS Dienstag wurde die Ankunft der Majestäten in Dront- heim erwartet.
— Der Bundesrath ist in voriger Woche mit einem Beschlüsse, welcher die Reichstags-Resolution auf Wiedereinführung derFreisahrtkarten für d t e Reich stag's- abgeordneten auf sämmtlichen Eisenbahnen Deutschlands ablehnt, in seine Sommerferien gegangen. Dieser ablehnende Beschluß wird von officiöser Sette mit dem Hinwette darauf, zu begründen versucht daß die Gewährung von lLisenbahn- freifahrtkarten für die Retchstagsmitgliedcr eine Verletzung der Reichsverfassung bedeuten würde. Letztere bestimme in Art. 32 ausdrücklich, daß die Mitglieder des Reichstages als solche keine Entschädigung oder Besoldung beziehen dürften, und hiermit verbietet sich auch die Gewährung eines Benefizes, wie solches das Recht beliebig freier Eisenbahnfahrten für die Reichstagsabgeordneten sein würde. — Das ist allerdings ein überaus kühner Schluß des betreffenden Ofsiciosus, es gehört ein ganz besonderer Scharfsinn dazu, aus einer solchen Berechtigung eine Berfassungsverletzung herauszuspüren. Und übrigens — die Eisenbahnfretfahrtkarten mit unbeschränktem Gebrauch haben ja für die Reichstagsabgeordneten von 1877 bis 1884 bestanden — hat damals je ein Mensch in diesem „Benefiz" eine Verletzung der Reichsverfassung erblickt? Man wird darum annehmen dürfen, daß derselbe eigentliche Grund, welcher 1884 augenscheinlich zur Wiederaufhebung des erwähnten Vorzugsrechtes der Reichstagsobgeordneten führte, nämlich der Wunsch, die Agitationsreisen radicaler Abgeordneten durch das Land möglichst einzuschränken, wohl auch bei dem obigen Beschlüsse des Bundesraths maßgebend gewesen ist.
— In dem aufblühenden Cuxhaven wurde am Sonntag die Jubelfeier der 500 jährigen Vereinigung des Amtes Ritzebüttel mit dem Staate Hamburg festlichst begangen.
Ausland.
Paris, 16. Juli. Die Franzosen haben am vergangenen Sonnabend, als dem 14. Juli, das Nationalfest der Republik gefeiert. Es war diesmal aber angesichts des tragischen Heimganges des Präsidenten Carnot eine sehr stille Feier, nur in der Hauptstadt hat eine „ziemlich angeregte" Stimmung geherrscht, doch ist auch hier das Nationl- fest weniger glänzend verlaufen, als in früheren Jahren. Auch bei der diesjährigen Feier des Nationalfestes in der französischen Hauptstadt fehlte nicht die bekannte Demonstration der elsässischen Vereine vor der Statue der Stadt Straßburg und dem Gambetta - Denkmal, doch scheinen sich die Demonstranten politischer Kundgebungen enthalten zu haben. Vor dem Gambetta-Denkmal kam es zu einem Zwischenfall, indem ein Mann auSrief: „Im Namen Gambettas Freiheit für uns, wie in Deutschland!" Die Menge stürzte sich sofort auf den vermeintlichen „Prussien", der nur durch seine schleunigste Verhaftung dem Schicksal, mindestens furchtbar durchgcprügelt zu werden, entging. Auf dem Polizei- commissariate erklärte der Verhaftete, Eugen Felden zu heißen, aus Straßburg zu stammen und gebürtiger Franzose zu sein. Weiter deponirte er, allzeit sei er ein Vertheidiger der Frei- heit gewesen und diese Gesinnung habe er im Augenblicke, wo man in Frankreich das Recht der Presse und des Wortes bedrohe, an der Statue Gambettas bekunden wollen/ im Uebrigen sei er ein guter französischer Patriot. Der Unvorsichtige wurde schließlich wieder entlassen. — In Bastia auf Corsica ist ein Individuum, Namens Oreste Bucchesi, verhaftet'worden, welches von Livorno kam und des Mordes des italienischen Journalisten Bandt verdächtig ist.
Hcucfte Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Köln, 16. Juli. Wie die „Köln. Ztg." aus Mailand meldet, gelang es der dortigen Polizei, am Samstag in später Abendstunde in einer Weinschänke vor der Porta Romana eine aus 30 Personen bestehende anarchistische Versammlung aufzuheben und die Theilnehmer zu verhaften. Unter diesen durchgehends jungen Leuten im Alter von 17 bis 22 Jahren befanden sich mehrere gefährliche, längst gesuchte Individuen. Die Verschwörer leisteten keinen Widerstand und wurden unter starker Bedeckung der Polizei in Gewahrsam abgeführt.
Barmen, 16. Juli. Am Hauptpostamt ist der Dachstuhl niedergebrannt. Die Telephon- und
Telegraphenleitungen sind zerstört, die Apparate gerettet/ das Feuer ist im Erlöschen.
München, 16. Juli. Das Tornado-Gebiet (s. Privat- depesche in vor. Nr.) durchzieht die Bezirksämter ElberSbrrg, Dorfen und Haag, etwa 4'/z Stunden lang und V2 Stunde breit. Auf dieser Strecke sind fast alle Häuser, alle Bäume und mehrere Hundert Tagwerk Waldung zerstört. Man schätzt die Zahl der zerstörten Gebäulichkeiten auf 400 HauS- nummern und 600 Firste, den dtrccten Gesammtschaden aus mehrere Millionen. Der indirecte Schaden ist ebenfalls groß, da meist die ganze Existenz der Betroffenen vernichtet ist. Die Windhose entstand im Zusammentreffen zweier Hochgewitter, die bei lichten Wolken schlossen von 100 bis 500 Gramm warfen. Plötzlich senkten sich die Wolken im Wirbel zur Erde, unter plötzlicher Finsterniß und mit dumpfem Getöse der Luft bewegte sich der Wirbel rasch vorwärts. Der Sturm war nach einer Viertelstunde vorüber. Innerhalb des Weges, den der Wirbel nahm, fielen wenig Schloffen. Die Häuser sind theils zu Boden gedrückt, theils zerrissen, theils umgestülpt und abgedeckt. Die Dachbalken und Mauerreste sind mit Streu und Heuvorräthen umwunden, Be- dachungstheile weit ins Feld verstreut. Alle Bäume sind ausgerlssen, zerknickt, zerrissen und umhergeschleudert. An allem Zerstörten sieht man, wie es vom Sturm zusammengedreht wurde. Schwer mit Blöcken beladene Wagen wurden umgeworsen. Am stärksten heimgesucht ist die zweieinhalb- stündige Strecke Mooshäusel - Forstinnig - Forstern. Hier ist Alles bis auf einige weniger beschädigte Häuser vollkommen verwüstet. An der Kirche in Forstern wurde die halbe Seite der Thurm-Kuppel mit den Glocken auf das Ktrchendach geschleudert, das Gewölbe durchbrochen und der Altar verschüttet. Auffällig ist, daß kein Brand entstand. Nur ein Knabe wurde getödtet und nur einige Stück Vieh sind umS Leben gekommen. Trotz der fürchterlichen allgemeinen Zerstörung stellen sich auch die Verletzungen geringer heraus. Außer einigen Arm- und Beinbrüchen sind nur leichte Verletzungen vorgekommen. Ein Knabe wurde eine Viertelstunde weit durch die Luft geführt ohne Schaden zu nehmen. Eine Frau wurde verschüttet, blieb aber unverletzt-eine andere Frau wurde schwer verletzt, weil sie in die Spitzen einer Egge geworfen wurde. Ein Kind wurde durch die Luft entführt und wird noch vermißt. Das Eisenbahnbataillon sichert die gefährdeten Häuserreste.
Wien, 16. Juli. Josephine v. Wertheimstein, eine in literarischen und künstlerischen Kreisen vielfach bekannte Dame, deren Salon der Mittelpunkt der geistigen Bewegung
Einiges über Erdbeben.
(Schluß.)
Ueberhaupt ist es unstatthaft, nur eine einzige Ursache für sämmtliche Erdbeben annehmen zu wollen. Als in den Jahren 1772 und 1810 Felsmassen von der Shakespeare- Klippe ins Meer stürzten, hatte Dover eine ziemlich starke Erderschütterung und ebenso erregte der Erdsturz bei Zella am 12. November 1869, der einen tiefen Erdspalt erzeugte, eine so heftige Bodenerschütterung, daß in der Nähe Kamine einstürzten. Das Zusammenbrechen unterirdischer Hohlräume, künstliche Sprengungen, ja, die Schläge deS Krupp'schen Rtesenhammers. verursachten Bodenerschütterungen, endlich hat man in Japan einen Zusammenhang der leisen Erzitterungen der Erde mit den Schwankungen des Luftdrucks und der Heftigkeit des Windes erkannt. Der Erdboden erscheint hiernach trotz seiner Starrheit wie eine elastische Maffe, und daß dies wirklich der Fall ist, hat sich auf der Sternwarte zu Greenwich gezeigt, an deren Instrumenten eine zitternde Bewegung des Bodens besonders lebhaft auftritt an Feiertagen und besonders dann, wenn der umgebende Park stark besucht ist. Diese Bodenerzitterungen sind nur oberflächlich und ihre Ausbreitung wird schon durch einen steilen Einschnitt aufgehalten. Dies erinnert an die Thatsache, daß bei starken Erdbeben in oft erschütterten Gegenden gewisse Stellen unberührt bleiben, die vom Volke Erdbebenbrücken genannt werden. Die meisten und von allem die großen, weithin ausgedehnten Erderschütterungen stehen in engem Zusammenhang mit der Gebirgsbildung und werden verursacht durch die Ablösung größerer Erdschollen in der Tiefe, weßhalb man sie als tektonische oder Dislocationsbeben bezeichnet. Alle Bewegungen im festen Gerüst unserer Erde, wodurch bte Gebirge aufgethürmt und Senkungen und Einstürze hervorgerufen wurden, waren als solche Erdbeben von furchtbarster Gewalt. So sind auch die heutigen Bodenerschütte- rangen Aeußerungen der langsam fortschreitenden Gebtrgs- stauungen, des Schrumpfungsprozesses unserer sich allmählich
abkühlenden Erde. Sie erfolgen auf Zonen oder Linien längst vorhandener Lagerungsstörungen (Brüchen und Fal- tungen) der Erdrinde als ruckweise, wettere Ausbildung derselben. In Kettengebirgen, die durch horizontale Faltung der Erdrinde entstanden, wie die Alpen und die Cordtlleren, sind Erdbeben deßhalb häufig, ebenso in Küstengebieten, wo der abgesunkene Meeresboden von Gebirgen unmittelbar umgrenzt wird- dagegen sind sie seltener in alten, längst zur Ruhe gekommenen Gebirgen und in Gegenden mit wenig gestörtem Schichtenbau. So erscheinen also die Erdbeben als Auslösungen von Spannungen im Gerüste der Erde, und alle-, was diese Auslösungen erleichtert, muß das Eintreten von Erdbeben begünstigen. Nun zeigten die statistischen Zusammenstellungen, die zuerst von Parry, dann besonders von Julius Schmidt geliefert worden, daß zu den Zeiten der stärksten Meeresfluthen auch die Erdbeben zahlreicher sind als sonst und daß in der Erdnähe des Mondes mehr Tage mit Erdbeben verzeichnet sind, als bei gleichmäßiger Vertheilung der Fall sein würde. Es findet also ein Einfluß des Mondes aus die Erderschütterungen statt und zwar in äbnlicher Weise wie auch das Anschwellen und Sinken des Meeres in den Gezeiten. Eine irrige Auffaffung der Sachlage aber wäre es, dies durch Fluth und Ebbe eines glühend flüssigen Erdinnern erklären zu wollen, denn solche könnten die wirklich eintretenden Erscheinungen nicht Hervorrufen. Die einzig zulässige Erklärung, die ich an diesem Orte bereits bet einer anderen Gelegenheit gegeben habe und die ich bet diesem Anlaß wiederholen will, ist vielmehr folgende: Die Gezeiten (Ebbe und Fluth) unserer Weltmeere sind bekanntlich eine Folge der Anziehung des Mondes und der Sönne- diese Anziehung bewirkt aber auch Deformationen des festen Gerüstes der Erde, die freilich viel geringer sind als die der flüssigen Oberfläche. Die ganze Erdoberfläche wird durch die gewaltige Anziehung von Sonne und Mond in geringerem Grade wie eine elastische Maffe gehoben und gesenkt, und in diesem periodisch wiederkehrenden, bald schwächeren, bald stärkeren, aber lediglich von der Mond-
(und Sonnen-) Stellung abhängigen Pressen und Dehnen der Schichten ist der Factor zu suchen, welcher den sonst durchschnittlich zu allen Zeiten gleich häufigen Erschütterungen eine periodisch größere Häufigkeit verleiht. Erdbeben würden auch ohne die Mondanziehung stattfinden, aber diese ver- ursacht periodisch häufigere Auslösungen, und es ist daher ganz richtig, zu erwarten, daß um die Zeit, in welcher hie flutherregende Kraft des Mondes am stärksten wirkt, Erdbeben häufiger eintreten werden als zu anderen Zeiten. Natürlich kann man aber niemals im Voraus den Ort bestimmen, wo dann Erdbeben sich ereignen werden, und ebensowenig läßt sich etwas Näheres über den Verlauf derselben, ihre Heftigkeit oder die Ausdehnung ihres Erschütterungsgebietes voraussagen. Jedes Prophezeien von Erdbeben, da« über die oben bezeichneten allgemeinen Angaben hinausgeht, ist unwissenschaftlich, ja völliger Humbug. Auch sichere An- zeichen kommender Erdbeben gibt es nicht. Aus dem Zustande des Wetters kann man nicht auf demnächstiges Ein- treten von Erdbeben schließen und das vom Volke so genannte „Erdbebenwetter" ist nicht nachweisbar. In Italien behauptet man, daß kurz vor Erdbeben der Wasserspiegel der Brunnen zu sinken pflege und man die Brunnenfeile verlängern müsse, sichere und ausreichend zahlreiche Beobachtungen liegen aber hierüber nicht vor. De Rossi behauptet, eine ungewöhnliche Aenderung der Temperatur der warmen Quellen fei in Italien ein ziemlich sicheres Anzeichen bald eintretender Erdstöße, und er batte schon früher d,n Antrag gestellt, auf Ischia Tag für Tag die Wafferwärme der dortigen Thermen messen zu lassen. Man har dies dort nicht gethan, vielleicht weil man fürchtete, solche Beobachtungen könnten von den Fremden als Zeichen naher Gefahr angesehen werden. Bei dem heutigen Zustande des Wiffens kann man Erscheinungen wie den in Rede stehenden gegenüber alles und nichts als Warnung gelten lassen, und kein besonnener Forscher wird es auf sich nehmen, Ort und Zeit eines kommenden Erdbebens speziell voraus anzukündrgen.


