Nr 243 Zweites Blatt. Mittwoch dm 17. Oktober
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1894
Der
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Gr. Ortsgericht Gießen.
Gros.
ftrikenden Brauerei Arbeiter entschieden verweigerten, während die Socialdemokraten, in erster Linie die Herren Auer und Singer, auf dieser Wiedereinftellung bestanden. Der „Bierkrieg" in der Reichshauptstadt wird demnach weiter gehen, schließlich dürfte er indessen „versumpfen", wie dies bei der Lage der in Betracht kommenden Verhältnisse auch nicht gut anders sein kann.
Die landwirthschaftliche Winterschule in Alsfeld bett.
Die landwirthschaftl. Winterschule Alsfeld beginnt ihren 23. Wintercursus Montag, den 5. November. Indem wir hiermit zum Besuche desselben einladen, bemerken wir, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirthen die- jenigen Fachkenntnisie, welche heute zur rationellen Bewirth- schaftung bäuerlicher Güter nothwendig sind, in zwei fünfmonatlichen Wintercursen zu vermitteln. Zur Erreichung dieses Zieles lehren an der Schule zwei Landwirthschaftslehrer und vier Hilfslehrer. Die Schule ist mit einer reichen Lehrmittelsammlung zweckentsprechend ausgerüstet.
Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben; in den oberen Cursus nur solche, welche schon den unteren Cursus mit Erfolg besucht haben, oder welche nachweisen, daß sie die Kenntnlsie, welche der untere Cursus vermitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwirthe können als Hospitanten ausgenommen werden.
Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer und müssen sich der Schulordnung unbedingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien und können Pensionen zu 30—40 Mk. pr. Monat von dem Vorsteher der Schule, Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger, nachgewiesen werden. Das Schulgeld beträgt für das Wintersemester 25 Mk.
Anmeldungen sind an den Aufsichtsrath oder an Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger zu richten, welcher auch bereit ist, speciellere Anfragen zu beantworten.
Alsfeld, den 30. August 1894.
Der Aufsichtsrath der landwirthschaftl. Winterschule Alsfeld: v. Grolman.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. October. In interessirten Kreisen hat man sich schon häufig gewundert, daß Prinz Heinrich noch immer den Rang eines Capitäns zur See bekleidet (was der Stellung eines Obersten im Landheer gleichkommt) und noch nicht zum Admiral befördert worden ist. Wie nun von unterrichteter Seite erklärt wird, entspricht dies Verbleiben in der Capitäns - Charge den persönlichen Wünschen des Prinzen, der, durch und durch Seemann, sich als Führer eines Schiffes mehr in Berührung mit seinen Leuten fühlt, als es ihm als Admiral und Commandeur eines Geschwaders möglich wäre.
— Ueber die vom preußischen Staatsminifte- r i u m in seiner jüngsten Sitzung gefaßten Beschlüsse find zunächst widerspruchsvolle Meldungen in Umlauf, wie dies nun einmal bei jedem einigermaßen wichtigeren Vorgänge in unserer inneren Politik die Regel zu werden scheint. Während man auf der einen Seite wissen will, es sei in dem genannten Mtnisterrathe eine allgemeine Uebereinstimmung in Betreff des geplanten Vorgehens gegen die Umsturzparteien erzielt worden, wird auf der anderen Seite versichert, es sei das Staatsministerium infolge der zu überwindenden Schwierigkeiten noch zu keiner Verständigung gelangt. Anscheinend treffen die in letzterem Sinne gehaltenen Meldungen das Richtige, denn es sollen in diesen Tagen noch weitere Ministercon- ferenzen in der Frage stattfinden, was allerdings darauf hindeutet, daß vorerst noch kein Einverständniß über die vom Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg angeblich unterbreiteten gesetzgeberischen Vorschläge zur Bekämpfung der Umsturz- beftrebungen erzielt worden ist.
— Dec Berliner Bierboycott wird also fortdauern — das ist das Endergebnisse der Etnigungsverhand- lungen, die zwischen den vereinigten boycottirten Brauereien und der socialdemokratischen Boycottcommission seit Wochen im Gange waren. Auf beiden Seiten hatte man im Lause der bisherigen Verhandlungen Mäßigung und Entgegenkommen gezeigt, desto schroffer nimmt sich der in der Besprechung zwischen beiden Parteien vom vergangenen Sonnabend erfolgte Abbruch der „Friedensverhandlungen" aus. Sie scheiterten an dem Umstande, daß die Brauerei-Vertreter die Wiedereinstellung der eigentlichen Rädelsführer der
Ausland.
— In Havre waren dieser Tage eine ganze Dampfer- ladung von Bomben, Kugeln, Kartuschen, Explosivstoffen, alten Waffen u. s. w. aus Southampton eingetroffen und von der Polizei sofort beschlagnahmt worden. Es entstanden alsbald Gerüchte, wonach die Sendung zur Ausführung eines großen Attentates hätte dienen sollen, inzwischen hat sich jedoch das Unbegründete dieser Gerüchte herausgestellt, denn die beschlagnahmten Colli sind erweislich für einen zu ihrer Empfangnahme legitimirten Kaufmann in Havre bestimmt gewesen, die verdächtigen Bomben u. s. w. müssen also harmloser Natur sein.
— König Alexander von Serbien hat seine Reise zum Besuche des Berliner Hofes angetreten, auf welcher er zunächst der Gast des Kaisers Franz Joseph in Pest gewesen ist. König Alexander traf am Sonntag Nach- mittag in der ungarischen Hauptstadt ein, wo dem jugendlichen Serbenfürsten eine ungemein glänzende und auszeichnende Aufnahme bereitet wurde. Nach der Ankunft des erlauchten Gastes in der Hofburg spielten sich die bei solchen Anlässen üblichen Ceremonien und Formalitäten ab, dann folgte eine Festtafel, an welcher neben den Majestäten und den Erzherzögen die ungarischen Minister und Bannerherren, das Gefolge des Königs Alexander, Minister Graf Kalnoky, der serbische Gesandte in Wien, Simitsch, sowie die übrigen zur Zeit in Pest anwesenden Diplomaten, die Hofwürdenträger, die Spitzen der Militär- und Civilbehörden u. s. w. Thetl nahmen. Vor Beginn der Tafel conferirte der Kaiser mit dem serbischen Gesandten und mit dem Gesandten Oesterreich- Ungarns in Belgrad, Freiherr von Thömmel, während sich König Alexander mit den Ministern Gras Kalnoky und Dr. Wekerle unterhielt. Bei der Tafel erhob sich der Kaiser nach dem vierten Gange und brachte in französischer Sprache einen kurzen, politisch gänzlich belanglosen, Trinkspruch auf seinen erlauchten Gast aus, welchen derselbe sofort mit einem Toast auf den Kaiser Fanz Joseph beantwortete. König Alexander betonte hierbei, wie es sein stetes Bestreben sein werde, das Seinige zur immer größeren Festigung der guten Beziehungen zwischen Oesterreich - Ungarn und Serbien zu thun. Nach Beendigung der Tafel hielten die Majestäten Cercle ab, worauf beide Monarchen der Opern- Vorstellung beiwohnten.
Vermischtes.
* Duisburg, 12. October. Drei Eisenbahn- Zusammenstöße an einem Morgen auf einem Bahnhof, das hat man heute hier erlebt. Ein Deutzer Güterzug fuhr zwischen 5 und 6 Uhr auf einen anderen Güterzug, der bei der Ausfahrt bereits mit einem Rangirzug in Collision gerathen war. Der materielle Schaden ist erheblich. Personen sind nicht verunglückt, da das Personal rechtzeitig absprang. Der Führer des Deutzer Zuges wollte wegen des dichten Nebels und bei der bekannten Gefährlichkeit der Duisburger Centralbahnhof-Einrichtung nicht einsahren ohne persönliche Weisung des dienstthuenden Assistenten. Dieser kam und gab den Befehl. Gleichzeitig erfolgte der erste Zusammenstoss und sofort darauf auch der zweite. V/2 Stunden später fuhr von der nördlichen Einfahrt auf der Köln- Mindener Strecke ein Personenzug aus Oberhausen von hinten in einen vor dem Signale stehenden Güterzug. Oberhausen hatte ihn abgelassen, ohne erst das Eintreffen des Gürerzuges in Duisburg abzuwarten. Auch hier ist der materielle Schaden bedeutend. Mehrere Güterwagen wurden zertrümmert oder stark beschädigt. Zwei Colliwagen schoben sich ineinander und die Personenzug-Locomotive fuhr in den letzte» Güterwagen wie in ein Futteral. Außer zwei Fahr- Post-Beamten, welche Kopfverletzungen erlitten, sind die Reisenden mit dem Schrecken und vielen leichteren Quetschungen i davongekommen. Der Personenzug soll an der Ruhrbrücke ; Warnungssignale durch Platzpatronen erhalten, sie aber nicht 1 beachtet haben. Die Doppelftörung machte sich natürlich ' durch Zugsverspätungen weit über Duisburg hinaus fühlbar. I Gegen 11 Uhr Mittags war die Köln-Mindener Strecke 1 wieder fahrbar. (Frkf. Ztg.)
* Weltausstellung Antwerpen 1894. Die internationale Jury hat der Firma Heinrich Lanz in Mannheim die höchsten Preise zuerkannt, nämlich: der Locomobil-Fabrtk den großen Preis, einzige höchste Auszeichnung für Locomobilen, Claffe 22, Motoren für industrielle Zwecke, den landwirth- schastlichen Maschinen-Fabrtken den großen Preis, höchste Auszeichnung in Claffe 63.
* Ein fatales Hochzeitabeoteuer hat ein junger Berliner in Celle erlebt, wo er dieser Tage in den heiligen Stand der Ehe trat. Er hatte beim Hochzeitsmahl des Guten zu viel gethan und mußte schließlich, da er auf den Straßen trotz aller Zurechtweisungen tobte, die erste Nacht als glücklicher Ehemann im Polizeigefängniß hinter Schloss und Riegel verbringen.
* Halloh! Eine Ratte! Das „Wiener Tagblatt" berichtet vom 12. ds.: ES war ein ungewohnter Anblick, den gestern Vormittag der weitbogige Arkadenhof der Wiener Universität bot. Wo sonst die Studenten sich zu ergehen pflegen, hatte sich eine Anzahl eleganter Damen eingefunden, junge und ältere. Es waren die rührigen Mitglieder des Damenkomitees für den Naturforscher« und Aerztetag. Die Damen sollten im Arkadenhos in einem photographischen Gruppenbild vereinigt werden, das sicherlich eine schöne Erinnerung für alle Betheiligten gebildet haben würde. Die Studenten räumten bereitwillig den Hof, aber die Fenster der Gänge, welche den Auslug in denselben gewähren, waren dicht besetzt von den neugierigen Musensöhnen, welche die Vorbereitungen der photographischen Aufnahme mit vielem Vergnügen betrachtete. Der Photograph hatte da kein leichtes Spiel. Sechzig Damen so zu placiren, daß keine vernachlässigt erscheint, ist eine durchaus nicht beneidenswerthe Aufgabe. Nach einigen Versuchen schien denn auch Alles in Ordnung zu sein. Schon stand der Photograph hinter dem Apparat und der erwartete Augenblick des „Bitte, meine Damen, nur einen Moment um Ruhe!" war da. Alles schwieg still, die Damen blickten in tadellosen Stellungen auf das Objectiv, eben wollte der Photograph die Gesellschaft aufnehmen, da . . . klang plötzlich von einer Studeutengruppe, die bei einem Fenster stand, der laute Ruf: „Halloh, da schau die Ratte da unten!" Dieser Rattenspuck übte eine verhängntßvolle Wirkung. Im Nu war die schön geordnete Gruppe zerstoben. Man sah nur flüchtende Damen, welche entsetzt auskreischten und vor der imaginären Ratte das Weite suchten. Wie man sieht, ist der Ulk in der Studentenschaft noch nicht ausgestorben. Allein so gut der Spaß auch war, so wenig taktvoll war es, all den Damen und Töchtern der Professoren einen so heillosen Schrecken einzujagen um ein Phantom wie Hamlets Ratte.
Technische Fortschritte.
— Praetische Politur. Um ältere, feingeschnitzte Möbel Schnitzereien und sonstige Artikel von Holz wieder aufzupoliren, mischt man Vi Liter Leinöl, Va Liter englische Ale, das Weiße eines Eies, 32 Gramm französischen Sprit und 32 Gramm Ammontak- spirttus zusammen und schüttelt diese Mischung vor dem Gebrauche wohl durcheinander. Ein wenig davon wird dann auf ein Bündelchen weicher Leinwand getröpfelt und eine Minute lang der betreffende Artikel überstrtchen und mit einem Setdenlappen aufpolirt. Diese Politur flüssigkett hält sich lange Zelt, wenn sie gut verkorkt ist. Sie läßt sich nicht bloß an Tischlerarbeiten, sondern auch an Artikeln von Papiermachöe verwenden. Diese Politurflüssigkett kann sowohl Tischlern, als auch Haushaltungen empfohlen werden.
— «ine treue sehr leiftuugsfLhige Lichtart. Nach der „Chemiker-Zeitung" und nach anderen Blättern ist in dem sogenannten „Dürrlicht" dem eleltrtschen Licht und zumal auch dem Auer'schen Glasglühlicht ein großer Concurrent entstanden, welches Licht in Bezug auf Leuchtkraft und Billigkeit alle anderen Beleuchtungsarten verhSltnißmäßtg ungemein übertiifft. Dieses neue Licht wird durch selbstthätige Verdampfung und Ueberhitzung der Dämpfe von gewöhnlichem Lampenpetroleum erzeugt, indem dasselbe aus einem etwa 1 Meter über dem Brenner liegenden Behälter dem eigenartig con- struirten Vergaser tropfenweise zugeführt wird und sodann nach erfolgter Entzündung als eine weiße, mächtige Stichflamme auS dem Brenner tritt. Hinter dem Brenner, welchem die Lichtfülle entströmt, befindet sich ein zweiter Brenner, der das fortwährende Erzeugen und Ueberhitzen des Dampfes besorgt, gleichzeitig aber auch den vorderm Brenner vollständig mit einer starken Flamme umgiebt, wodurch, selbst bet starkem Winde, ein Verlöschen des Lichtes fast unmöglich gemacht wird. Das Dürr-Licht brennt mit rauchfreier Flamme; es arbeitet selbstthättg, ohne Anwendung von künstlicher Preßluft, und befitzt trotz geringen Petroleumoerbrauches (etwa 1 Liter pro Stunde und 1000 Kerzen Lichtstärke) eine bedeutende Leuchtkraft. — Von ganz besonderer Wichtigkeit ist das Dürr-Licht für Eisenbahnen, große Werkstätten und Lagerplätze, Schiffswerften, Hütten- und Kohlenwerke, Gerbereien und Zuckerfabriken, ferner für Feuerwehr, und Rettungszwecke, Canal- und Hafenbauten. — Für militärischen Gebrauch ist von dem Dürrlicht ein ganz besonderer Apparat, der leicht ausetnandergenommen und zusammengesetzt werden kann, construtrt. Diesen Apparat kann ein Mann bequem in einem eigens dazu hergestellten Tornister tragen, und beträgt die Leuchlstärke dieses Apparates etwa 3500 Kerzenftärke.


