Ausgabe 
17.10.1894 Erstes Blatt
 
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1894

Mittwoch den 17 October

Erstes Blatt

Amts- unb Anzeigeblcrtt für den lireis Gieren.

Hratisöeikage: Gießener Kamitienökätter.

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Neueste Ua^ric^cth

WolffS telegraphische« Corresvondenr-Burea».

Schlosie fuhr. /

Am Main-Neckar Bahnhof fand großer Empfang statt, und hatte sich Se. Kgl. Hoheit der Großherzog, Prinz Wilhelm, Staatsminister Finger, Finanzminister W e b c r, Provinzial - Director v. Marquardt, Oberbürgermeister Morne weg sowie Polizeirath Feh eingefunden. Ferner waren zum Empfang des Kaisers erschienen: General v. Wittich, Commandeur des 11. Armee-Corps, General- lieuteuant v. Bülow, Commandeur der 25. Hess- Division sowie die sämmtlich in Darmstadt anwesenden Generale und Stabsoffiziere. _

Außerhalb des Bahnsteigs hatten die Truppen der ge- sammten Garnison, die Kriegervereine, sowie das Ehren- Cortvge, bestehend aus einer combinirten Escadron des 24. Dragoner-Regiments unter der Führung des Rittmeisters von Geldern-Cnispendorf Aufstellung genommen.

Um 10 Uhr 52 Mtn. nahte der kaiserliche Extrazug, bestehend aus sechs imposanten Salonwagen, in derem zweit­letzten Kaiser Wilhelm am Fenster stand.

Die unter dem Commando des Hauptmanns v. Cleve stehende Ehrencompagnie des 115. Jns.-Regiments präsentirte das Gewehr, die Musik intonirte die Königshymne und das am Bahnhof anwesende Publikum begrüßte den Kaiser mit endlosem Jubel.

Elastischen Schrittes entstieg nun der Kaiser seinem Salonwagen und umarmte den auf ihn zueilenden jugend­lichen Großherzog, wobei er ihm beide Wangen küßte; in ebenso herzlicher Weise begrüßte er den Prinzen Wilhelm von Hefien. Der Kaiser schien sich überhaupt in der freudigsten Stimmung zu befinden, denn mit herzgewinnender Freundlich­keit gab er all den ihm vorgestellten Herren die Hand, an jeden einige freundliche Worte richtend. Nach erfolgter Bor-

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

hielt.

Nunmehr begaben fich der Kaiser und der Großherzog durch den aufs herrlichste mit Blumen und Fahnen ge- schmückten Kaiser-Salon zu den bereitstehenden vierspännigen Wagen ä la Daumont und fuhren, mit zwei Spitzenreitern vorauf und escortirt von der Ehrenescadron, unter dem nicht endenwollenden Jubel der Bevölkerung, besonders aber der in der Rhetnstraße mit ihren Fahnen aufgestellten Schulen, zum Großherzoglichen Residenzschloß.

Hier begrüßte zunächst Se. Majestät die Prinzessin A lix, worauf der Kaiser von dem Oberhofmarschall v. .Wester- weller und dem Oberceremonienmetster v. Weinher in seine Gemächer geleitet wurde.

Sofort nach seiner Ankunft begab sich der Kaiser in das Großherzogliche Palais am Wilhelminenplatz, um die Groß­herzogin, die einem freudigen Ereigniß entgegensieht und deßhalb bei dem Empfang nicht anwesend war, zu begrüßen. Um 1 Uhr nimmt der Kaiser mit der Großherzoglichen Familie das Luncheon ein. Um 5 Uhr findet Galatafel mit 60 Ge­decken, um 7 Uhr Festvorstellung im Hoftheater statt.

Der Kaiser in Darmstadt.

nn. Darmstadt, 15. October.

Vierteljähriger Afonncmf ntspreU : 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Psg.

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Schutstrahc $r.7.

Fernsprecher 51.

Schleifsteine scheinen infolge ihrer Geschwindigkeit still zu stehen und vor jedem Stein liegen zwei Männer wie tobt auf dem Boden ausgestreckt, ein Bild, das an Lichtwers Fabel von den seltsamen Leuten erinnert. Erst bei näherer Betrachtung entdeckt man, daß die Schleifer auf ausgehöhlten Holzblöcken liegen und mit einem kleinen Holzstäbchen die zu schleifenden Steine gegen den Schleifstein preßen, ^it um glaublicher Geschicklichkeit wissen sie mit diesen rohen Werk­zeugen die kleinsten Steinchen, z. B. Opale von Stecknadel, kopfgröße, zart zu bearbeiten und mit mathematischer Genauigkeit die regelmäßigsten Facetten herauszubringen. Natürlich ist. die Arbeit eine sehr ungesunde, besonders das stete Liegen auf Brust und Leib wirkt schädlich. Die Gesichtsfarbe der Schleifer ist durchgehends bleich. Man hat daher neuerdings mit staatlicher Hilfe die Einführung von Gestellen versucht, woran sitzend gearbeitet werden kann, doch erklären die Schleifer übereinstimmend, daß man so nicht den nöthtgen Druck gegen den Stein ausüben könne, suchen auch noch andere Mängel anzugeben, hauptsächlich scheint aber das Kleben am Althergebrachten ein Hinderniß für die neuen Apparate zu sein. Die Stahlscheibe, wie sie in Diamant- schleisereien gebraucht wird, soll für diese Zwecke zu klein und zu kostspielig sein.

Die Schleifer sind an Fremdenbesuch gewöhnt und zeigen mit einer Bereitwilligkeit, deren Größe offenbar nicht nur von der des zu erwartenden Trinkgeldes abhängig ist, die Einrichtung und den Betrieb ihrer Werkstatt. Sie find überhaupt, in wohlthuendem Gegensatz zu der Bevölkerung anderer Industrie-Gegenden, sreundlich und höflich und man wird zuweilen erstaunt sein über ihre manntgsachen Kennt- niffe, die im Gespräche zu Tage treten.

Jeder weiß die verschiedenen Quarzarten mit dem richtigen mineralogischen Namen zu bezeichnen, sodaß Belehrungen, wie sie Lessing dem weiland Kunstschriftsteller Klotz angedeihen lasten mußte, vollkommen unnöthig sind. In kurzer Zeit schleifen sie vor den Augen des Besuchers auS dem rohen Steinsplitter, der zunächst mit einem spitzen Hammer ober­flächlich behauen wird, einen Ring- oder Nadelstein, der dann auf einer gleichfalls durch Master getriebenen Holzwalze seine letzte Politur erhält. Amethyste werden auf einem Rade mit bleiernem Reif polirt, die Holzwalze soll die scharfen Kanten zu sehr angreifen. Der Mineraloge kennt keinen Unterschied in der Härte der Amethyste und der übrigen Bergkiystall-

Heute Morgen um 10 Uhr 50 Min. traf Kaiser Wilhelm zu einem zweitägigen Besuche des G r o ß h e r z o g S hier ein. Zu seinem Empfang prangt die Stadt in schönstem Fahnenschmuck und Kops an Kopf gedrängt, stand die Be- völkerung in den Straßen, durch welche der Kaiser zum

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Feuilleton.

Die Steinlchlriferei im Idarthsle.

(Aus derKöln. Ztg.")

Die schönen Herbsttage verlockten mich noch zu einem kleinen Ausflug und mein mineralogisches Gemüth steuerte mich nach dem Jdarthale. Auch ohne ein solches Steckenpferd wird der nalursreudige Wanderer dort seine Rechnung finden die malerische Ansicht der am Zusammenfluß von Idar und Nahe liegenden Stadt Oberstem ist wohl weltbekannt und die in die steile Felswand wie ein Salanganennest hineingebaute Kirche ist jedenfalls einzig in ihrer Art. Ein nicht näher bekannter Ritter von Oberstein soll einst die Kirche zur Sühne seines früheren unkirchlichen Lebenswandels mit seinen Nägeln in den Stein hineingekratzt haben wenigstens nehme ich dies so an, denn mit dem nöthigen Werkzeug wäre es keine hervorragende Leistung. Leider hat der bußfertige Ritter vergessen, ein Capital zum Unterhalt zu stiften und so ist denn das Innere vor 21 Jahren zum letzten Male gestrichen, angeblich weiß.

Der Weg von Oberstein an der Idar hinauf bildet einen köstlichen Spaziergang- Wälder, Felsen und Bäche mit rauschenden Mühlrädern ziehen sich ununterbrochen stunden­lang in reizvollem Wechsel dahin. Wie lacht aber erst dem Mineralogen das Herz im Leibe auf dieser Wanderung 1 Die Gegend besteht nicht aus langweiligem, in jeder Bedeutung niedergeschlagenem Meeresschlamm, sondern feurig ist sie auS ber Tiefe emporgequollen und in der noch glühenden Maffe haben salamanderartige Gnomen gehöhlt, geschliffen, polirt und die in seltsamen Farben leuchtenden Metalldämpfe in vielkantige Krystalle hineingebrannt. Ein Schlag mit dem Gezähe an die Felswand und hinter dem herabprasselnden Gestein blitzen die bunten Flächen auf, zum ersten Mal vom Strahl der Sonne, zum ersten Male von einem Menschen­auge getroffen, nachdem sie Aeonen hindurch in schweigender Oede geschlummert haben. Man blickt in die urweltlichen Zeiten des Chaos zurück, überwältigend drängt sich die Vor­stellung geheimnißvoller, riesenhafter Naturkräfte dem Gemüth auf, die Partitur der schreckhaft gewaltigen Schöpfungs- symphonie liegt offen aufgeschlagen. Eisen-, Blei- und Kupfer­erze in grellen Farben sind am Wege verstreut, vermischt mit Amethysten, Topasen, Achaten und Chalcedonen, darunter

Wiesbaden, 15. October. DasTageblatt" erfährt, der Vorstand des Local-Gewerbe-Vereins habe beschloffen, von der für 1895 geplanten Industrie- und Gewerbe- Ausstellung für Naffau wegen der vorgeschrittenen Zeit ganz abzusehen und an deren Stelle zur 50jährigen Jubiläumsfeier eine andere Ausstellung vorzubereiten.

Essen a. Rh., 15. October. DieRheinisch-Westfälische Zeitung" meldet: Gestern sand in Bochum .eine Festver-

manches Stück, dem ein bescheidener Sammler einen Ehrenplatz anweisen würde.

Die Natur selbst wies den Bewohnern des Jdarthales ihre Beschäftigung an und seit Jahrhunderten haben sie sich daher ziemlich ausschließlich mit der Bearbeitung der edlen Steine besaßt und bis heute versorgen sie die ganze Erde mit ihren Erzeugnissen. Früher wurden hier die Steine nur geschliffen, das Fassen und Graviren geschah in Paris. Als aber im Jahre 1870 die Ausfuhr auS Paris stockte, die Käufer jedoch auf die Nothlage der Pariser nicht die billige Rücksicht nehmen wollten wunderbarerweise nicht einmal die Ruffen! so verlegte man sich auch an der Idar auf diese Zweige und hat Paris auf dem Weltmärkte längst den Rang abgelaufen. Eine Collection in Chicago ausgestellter Prachtstücke hat großen Beifall gefunden.

Dicht hinter Oberstem beginnt die Reche der 67 Schleis- Hütten, welche auf einer Strecke von etwa 10 km an der Idar hinauf liegen. In wohlthuend richtiger und sprach­kräftiger Weise nennt man eine solche Hütte nicht etwa eine Schleiferei", sondern eineSchleife", was sich viele unserer eien" zum Exempel dienen lasten könnten. Die Schleifen sind meistens kleine einstöckige Gebäude mit großen Fenster- wänden. Im Innern drehen sich, durch ein unterschlachttges Wasterrad getrieben, vier bis sechs Schleifsteine mit einer Geschwindigkeit von 180 bis 200 Umdrehungen in der Minute. Sie haben einen Durchmesser von l1^ biß l3/4 m, eine Breite Don etwa 40 cm, ein Gewicht von 30 bis 40 Centner und werden meist aus Kaiserslautern bezogen. Sie müssen aus sehr gleichartigem, fehlerfreien Sandstein bestehen, denn bet dem geringsten Riß fliegt der Stein infolge der raschen Um­drehung in Stücken auseinander und zwar saust gewöhnlich, wie man erzählt, ein Stück senkrecht durch das Dach hinaus, das andere fliegt horizontal durch das Fenster, das dritte schlägt nach unten und man kann froh sein, wenn es ohne Verlust an Menschenleben abgeht. In den Stein sind, wie in einen Bilderrahmen, verschiedenförmige Rinnen eingearbeitet. Er ragt nur zur Hälfte aus dem Fußboden heraus. Wenn man sich das Treiben in einer Schleife sehr belebt vorstellt, ist man durchaus im Jrrthum. Allerdings herrscht ein lautes Getöse darin, welches durch das Rauschen des Wassers und das Drehen der Walzen und Riemen hervorgebracht wird, blickt man aber im Vorbeigehen durch das große Fenster hinein, so bemerkt man nicht die geringste Bewegung. Die

Gießener Anzeiger

Generat-Mzeiger.

sammlung der Angestellten des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation zur Feier des 50jährigen Bestehens der Gußstahlfabrik, des 40jährigen Jubiläums des Bochumer Vereins und des 40jährigen, 30jährigen oder 25jährigen Jubiläums von 298 Beamten, Meistern und Arbeitern statt. Die Versammlung richtete an den Kaiser ein Huldigungstelegramm, auf welches zu Händen des Geheimen Commerzienrathes das nachfolgende kaiserliche Antworttelegramm eingegangen ist:Darm­stadt, 15. October. Ich spreche den Jubilaren meine An­erkennung darüber aus, daß dieselben auf eine so lange Arbeitszeit an einer und derselben Stelle zurückblicken können und danke für die mir zum Ausdruck gebrachten Gesinnungen. ,

Prag, 15. October. In der gestrigen Versammlung von Vertrauensmännern der Deutschen Böhmens wurde eine Resolution angenommen, worin die geschlossene Haltung und Einigkeit der deutschen Abgeordneten als die wichtigste Bürgschaft der erfolgreichen allseitigen Abwehr der immer ungestümer auftretenden Angriffe auf den ererbten Besitzstand des deutschen Volkes Böhmens erklärt wird. Ferner heißt es darin: Die Vertrauensmänner verharren unverbrüchlich bei den Grundsätzen des wahren Freisinnes und des Fort­schritts- tte billigen die allgemeine Wahlreform mit der Er- Weiterung des politischen Wahlrechts und der Vermehrung der Zahl der Abgeordneten unter gleichzeitiger Wahrung des politischen Besitzstandes der deutschen Bürger und Bauern - sie drücken ihre Anhänglichkeit an den einheitlichen Staat, ihre unbegrenzte Liebe zu Kaiser und Reich, ihre Bereitwillig­keit, die bestehende Coalition der drei gemäßigten großen Parteien des Reichsraths vertrauensvoll zu unterstützen, sowie schließlich die Erwartung aus, die Regierung werde den nationalen Besitzstand der Deutschen Oesterreichs schützen. Auf Antrag Strackes wurde ein Zusatz angenommen, der lautet: Wir erwarten von unseren Abgeordneten auf dasBe stimmteste, daß sie die Errichtung einer slavischen Unterrichts­anstalt in Cilli entschieden ablehnen. .

Paris, 15. October. Sechs spanische Stier­kämpfer, die Theilnehmer der gestrigen mit Tödtung von Stieren verlaufener Kämpfe in Nimes und in Dox wurden

Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener IlamikienStälter merden dem Anzeiger .Wöchentlich dreimal beigelcgt.

stellung des Gefolges schritt der Kaiser mit dem Großherzog [ die aufgestellte Ehrencompagnie ab, wobei die MusikHeil | Dir im Siegerkranz" spielte. Den Schluß des Empfanges bildete ein trefflicher Parademarsch vor dem Kaiser und dem Großherzog. Eine besondere Aufmerksamkeit hatte der Groß­herzog seinem hohen Gaste dadurch bereitet, daß ein Com- mando von Unteroffizieren deS Kaiser - Wilhelm » Regiments in Gießen, die Ehrenwache an dem Kaisersalon deS Bahnhofs