Nr. 295 Zweites Blatt. Sonntag den 16 December
1894
Amts- und Anzeigeblatt für den Ttveis Grenzen.
Hratisöeikage: Hießener Jamikienökätter.
Literatur und ^ttunsr.
- Im Verlag von Emil Roth in Gießen ist soeben er. schienen: DevtsMe Lagen itt ihrer Entstehung, Sortbildung und poetischen Gestattung. Von Plofessir 0r. Jacob Nover. Band I. Fäust. Till Eulenspiegtt. Der ewige Jude. Wilhelm Tell. Hochelegante Ausstattung. 8°. 26 Bogen mit 4 Titelbildern. Preis br. Mk. 2 50, eleg. ge". Mk. 3- In dem vorstehend an- gereigten Buche sind die vier Sagen, nämlich: Faust-, Tell-, Eulen- svtegel Sage und die uralte Mythe vom ewigen Juden in Hinsicht auf ihre Entstehung und dichterische Ausgestaltung in erschöpfender Weise behandelt. Es darf als ein löbliches Unternehmen bezeichnet werden, dem deutschen Volke diejenigen Stoffe aus der den chen Sagenwelt näher zu bringen, die thetlweise den Untergrund bilden, aus welchem das deutsche Volksgemüth Jahrhunderte hindurch Antriebe zu verschiedenen dichterischen Schöpfungen, wie „Goethes Faust
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stürzte und mit zerschmettertem Kopfe liegen blieb. Der schnell hinzugerufene Arzt konnte nur den bereits eingetretenen Tod feststellen. , .
• Einen aamuthigen Drohbrief hat kürzlich ein deutscher Lehrer erhalten, dem die polnische Bevölkerung die größten Schwierigkeiten bei seinen Bemühungen, den Schulkindern Deutsch beizubringen, entgegensetzt: „Es würd am besten sein für Dier Du dummer Esel, daß Du heute von die Kinder abschüd nimst, denn Du bist hier nigst nuz, toter haben hier doch schon Ortzarme genug, die die Kammerer bedirftig sein Du bist noch so ein Bengel, Du kannst noch Ziegen Hütten gehen und nich hier die Kinder Tresiren, ob sie die deutsche Dummheit kennen so viel oder nich, Drer fehlt alaine noch ein Lehrer, der Dier noch möcht was bet bringen. Gez warne ich Dier und mach Dier auf die soken, denn wen Du Ihn meine Hende seist, den wierft Du schon gerne die Wacht am rein auf Polnisch singen, den wierd aber zu schpett sein. Die Deutsche zunge werde Ich Dier schon auö Deinen Rachen raus kriegen, Du dummer zieken treiber, nun mach reis aus nun is zett mit Dier. ‘
* Der Hase. Ein kleines Mädchen hat über den Hasen folgenden Aufsatz geliefert: „Der Hase hat ein Maul wie ein kleiner runder Apfel. Er hat zwei Augen und zwei Ohren, die sehr groß sind und rund wie ein Löffel. Er hat Zähne, die immer nachwachsen. Wenn er einmal nicht srlßt, dann wachsen sie ihm aus dem Munde heraus. An den Ecken hat er vier Beine. Mit Sahnsauce schmeckt er gut. Mama macht ihn so, Tante Milli kann keinen Hasen kochen. Die Jäger schießen ihn gern. Er ißt ungekochten Sauerkohl. Die Jäger nennen ihn eine Lampe."
und „Schillers Wilhelm Tell" schöpfte, und damit zu einem nich unbedeutendem Factor für die Gestaltung unserer heut gm potttisch octalen und reltgiösen Anschauungen wurden. Wer denkt bei der Sage vom ewigen Juden nicht an den gejangenen Christus mit dem Kreuz beladen auf seinem Wege nach Golgatha i Wer bei der Faust- Sage nicht an den vermessenen Dr. Faust, der einen «unb mit bem Satan schließt, um sich in den Genuß aller Herrlichkeit dieser Wett zu setzen? Werbet Till Eulenspiegel nicht an das Urbild au« Schalksnarren, immer und überall die Hand im Spiele, wo eS g , einen kecken Schelmstreich auSzuspielen? Wer bentt„ bei Wilhelm Tell nicht an den Rächer flcflen die Macht der Willkür, harlherztge Bedrückung und ungerechtes Begehren? ES bedar inur Ider Erinne^ rung an diese im Volksaeiste ewig alt und ewig jungbleibenden Gestalten, um den ewigen Quell der Dolksphantaste mdie"ebUchste Strömung zu versetzen. Die Entstehung dieser Sogen, ihre wettete Ausbildung, ihre Verbreitung bis zu ihrem heutigen Stande.klar zu legen, ist dem Versasser, der seine Arbeit dem genialen Neugestatt« deutscher Sagen Herrn Julius Wolfs verehrungsooll gewidmet hat.'vortrkffltch gelungen^ Wer das Bedüifniß fühlt.
Born der deutschen Sagenwelt zu schoben und stch ta ihrm^hischm Inhalt zu vertiefen, der greife nach »Nover Deutsche Sagen dn Buch, das sowohl in Bezug auf seinen Lesestoff, wie auf seine elegante, künstlerilche Ausstattung, bei der Wahl einesLiteratur Werkes auf jeden WeihnachtStilch, die allerbeste Empfehlung verdient.
— Die Weihnachtsvtrmmer der „«odernen
(SRerloa von Rich Bong, Berlin) ist eine Fcstnummer im schönsten Sinnendes Wortes! Wir kennen keine ähnliche Publikation, in der bie F-teri-Muft des a-86ten F-»-s Im Jahre gl-t»
»NM Ausdruck käme. Das ganze Heft erscheint wie von Festesfreuoe Lrditätitflt mit seinen farbigen Extrakunstbetlagen seinem vollen Dutzend Aquarell - Facstmiledrucken und seinen 6 großen »oUfetten Hottscknitten. Landschaftliche Stimmungsbilder, wie Müller.Kurz wellys „Christabend im Walde" und A. Schweizers 'Muterzauber wechseln mit lustig belebten Gesillschaflsbildern ab, wteA. SÄ®“1» Vier gegen Einen", desselben Künstlers „VerlobungSkuß , F. DineaS "Zum Festball gerüstet" und E. Blaaß' „Festvorstellung"; Weih nachten bei den Pyramiden, eine Novelette von F-v. Zobettitz zu prächtigen Aquarellen von Charles Wilder geschrieben, ^elllust bis in das Land der Pharaonen, und eine novellistische Skizze von Heinrich Mann, „Ein Jrrthum", läßt in den Christbaumjubel die Töne wehmüthtger Erinnerung hineinklinge^ Die rettgiose Grundbedeutung der Christfeier kommt in e'nem „Wtthnachtsengel von Eroit auf Goldgrund, und in einem prächtigen Aquarell- Facsimtledruck nach J. Wengels „Frstde aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" zum Ausdruck. Was dem Publikum hier geboten wird, erscheint bei dem geringen Preis - 1 2DM.
3 Mk im Einzelverkauf — als eine unvergleichliche Leistung, der sich im Buchhandel des In- und Auslandes nichts AehnlicheS an die Seite stellen I56L__________________ .. _ ———
Der Hießener Anzeiger crscheint täglich, nu Ausnahme de» Montags.
Die Gießener A»a«tkte»vlätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mzeiger.
• Zur Wohnungsfrage. In Berlin und feinen nächsten Dororten sollen gegenwärtig nach einer oberstächlichen Schätzung, die man auf Grund einer Umfrage in den Hausbesitzerkreisen vorgenommen hat, 60,000 beziehbare Wohnungen leerstehen. Dieses Angebot hat nun die merkwürdigsten Erscheinungen zur Folge. Die Hausbesitzer in den Bororten preisen die gesunde Lage, die bequemen Berkehrsgelegen- heiteu, den Comfort und die Eleganz ihrer leerstehenden Wohnungen- sie haben in den Bororten Wohnungsnachweise- «ureaus gebildet, in denen der Miether kostenlos jede gewünschte Auskunft über die zu vermietenden Wohnungen erhält. Kein Wunder, daß mancher Beamte, dem seine dienst- lichen Verhältnisse dies gestatten, seine Wohnung in einem ber Vororte wählt. Solchen Miether vermiffen aber die Berliner Hausbesitzer höchst ungern und wiederholt haben sie Stritte berathen, um den städtischen, tote Staatsbeamten, bie in Berlin ihr amtliches Domicil haben, die Pflicht aufzuerlegen, auch im Stadtbezirk von Berlin ihre Wohnung zu wählen; namentlich sollten die Behörden angegangen werden, die erforderliche dienstliche Erlaubniß zur Wahl einer Woh- . uung außerhalb des Amtsbezirks zu versagen, da es doch namentlich recht und billig sei, wenn die städtischen Beamten, die aus dem städtischen Steuersäckel bezahlt werden, ihre «othwendigen LebenSbedürfniffe in Berlin .befriedigen. Diese | Agitation würde vielleicht einen größeren Umfang angenommen haben, wenn nicht die Eingemeindung der Vororte derselben alS drohendes Gespenst gegenüberstände. So bewerben sich denn alle HauSeigenthümer angelegentlichst um die Verbesserung der Verkehrsqelegenheiten in ihrer Stadtgegend. Die Wirkung der 60,000 leerstehenden Wohnungen ist in dieser Richtung eine bedeutende- nur eine Wirkung vermißt »an bisher vergeblich: ein Sinken der Miethspretse in den bereits länger bewohnten Stadttheile«.
♦ Ein ergreifender Austritt spielte sich in voriger Woche vor einem Hause der Eiisabethstraße in Berlin ab, auf dessen Dach der Dachdecker Kleißner mit Ausbesserungsarbeiten auf einer Setter beschäftigt war. Sein kleiner Sohn rief ihm zu. „Vater, komme doch zum Mittagessen herunter." Wahrscheinlich erfreut über deS Knaben fröhlichen Ruf, kletterte Kleißner rasch die Leiter hinunter, und wie er die Worte laut zurief: „Ja, ich komme gleich!", rutschte er auS, sodaß er rückwärts auf den gepflasterten Hof hinunter-
Vrieskaften.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
Feuilleton.
Graue Theorie.
Ein Stück Wirklichkeit.
Erzählt von Adele Hin der mann.
(Schluß.)
„Kommen Sie," sagte ich leise und eindringlich, schlang weinen Arm um sie und führte sie fo, langsam, aber stetig, aus dem gefährlichen Bereich.
Erst leise widerstrebend, gab sie doch bald jedes Sträuben auf. Schwer und müde hing sie in meinem Arm, die Augen geschlossen. Ein Zustand totaler körperlicher Erschöpfung schien sich nach den furchtbaren Erregungen ihrer bemächtigt zu haben.
Langsam und ohne zu sprechen schritten wir denselben Weg zurück, den wir vor fast zwei Stunden, jeder für sich, gekommen waren.
Vorüber an den dunklen Mauern der Kirche, über den Marktplatz, der j-tzt fast ganz menschenleer dalag.
Nur ein paar Theaterbesucher, Damen, tief vermummt, wit farbigen Kopfhüllen und Abendmänteln, huschten schnell vorüber. Ein Schlachtergeselle, der neben seinem blank- geputzten Kessel heiße Würstchen anbot, trampelte zähneklappernd hin und her und schlenkerte die Hände auf den Rücken.
Ja, richtig- eS war ja kalt, entsetzlich kalt! Ich hatte eS vergessen in den letzten Stunden.
Ein paar sehr geräuschvoll fröhliche Stadenten mit stark verhauenen Gesichtern kamen uns entgegen.
„Ah, zwei famose kleine Mädchen," sagte ber eine mit etwas unsicherer Zunge, „das Leben ist langweilig, Kinderchen, »nd das „Dunkle" bei Ranold mousfirt heute nicht- nehmt mm» ein Stückchen mit, was?"
ES war spät, ich durfte mich nicht wundern.
Mein eisigster Blick, den ich fertigbringen konnte, flog 16er den Sprechenden hin und schnitt den Faden feiner Rede, bie im schönsten Schwünge war, ab.
„Ich bitte Sie, Rücksicht zu nehmen," sagte ich halb- , laut, „sehen Sie denn nicht, daß ich eine kranke Dame führe? Sie begreifen, daß nur außergewöhnliche Umstände um diese Zeit —"
Mit einem Ruck nahm er feine Knochen zusammen.
„Tausendmal Pardon- gnädiges Fräulein gestatten" — hier flog die grüne Mütze vom tadellos frrsirten Kopf — „von Krondorff: befehlen die Damen über mich! Vielleicht Droschke holen?"
Ich dankte, freute mich jedoch, wie rasch die angeborene Ritterlichkeit durchgebrochen war.
Wir gingen unbehelligt weiter. Frieda hatte zu meiner Beruhigung von der kleine» Scene kaum Notiz genommen.
Welche Rlchtung nun? — Ich schlug aufs Gerathewohl die Straße ein', von welcher sie mit der Stadtbahn gekommen war.
Sie sagte nichts und ich fragte auch nichts.
Ein krampfhaftes Seufzen nur, wie man es nach heftigem Weinen bei Kindern oft hören kann, stahl sich von Zeit zu Zeit Über ihre Lippen.
„Meine arme Mama, wie sie sich wohl geängstigt haben mag," sagte sie plötzlich leise.
„Gott sei Dank," dachte ich innerlich, „so weit wären wir erst mal- — zunächst hat die Welt Dich wieder, Du Angstkind!"
„Um so mehr wird sie glücklich sein, ihre Frieda nun heil und gesund wieder zu haben," sagte ich mit einigem Nachdruck.
Sie erhob ihr Gesichtchen zu mir.
WarS Täuschung? Etwas wie stumme Dankbarkeit schien mir in ihrem Blick zu liegen.
Fast unmerklich hatte sie nun die Führung übernommen. Bald rechts, bald links gingen wir, bis sie schließlich vor einem großen eleganten Hanse stehen blieb.
„Hier!"
Eine Secunde lang standen wir uns stumm gegenüber, dann ergriff ich ernst ihre Hand.
„Frieda, ich verlasse Sie jetzt. Geben Sie mir Ihr
Wort — und daran glaube ich — daß Sie bis zu dem Tage, den ich bestimmte, nichts unternehmen wollen."
„Ja, ja I
„Ihr Ehrenwort!"
//Ja, gewiß."
„Sprechen Sie eS wörtlich aus!
Gequält schlang sie die Hände ineinander. Sie kämpfte mit sich selbst.
„Ich — gebe — Ihnen — mein — Wort."
Endlich!
„Und nun noch Eins, Frieda. Nach dem ersten Februar find Sie von Ihrem Worte frei, Sie können thun, was Sie wollen. Wenn Sie aber einem Menfchenkinde, was den innigsten Antheil an Ihnen nimmt, eine unendliche Freude machen wollen, so schreiben Sie mir am ersten Februar : „Ich will es auch weiterhin versuchen, denn ich müßte mich ja schämen, meinem Mütterchen solch unendliche« Leid zuzufügen."
Dabei gab ich ihr meine Karte, auf die ich zuvor mtt Bleistift meine dernnächstige Adresse gekritzelt hatte.
Frieda nahm fie apathisch an sich und schüttelte schweigend daS Köpfchen.
Wenige Minuten später stand ich allein.
* *
Arn 2. Februar erhielt ich ein Schreiben aus Halle, worin eS hieß:
Ich lebe noch und will mich auch jetzt noch nicht heimlich von der Welt schleichen. WennS nur nicht so schwer wäre, daS „am Leben bleiben!" Jeder Tag ist eine neue Arbeit - aber ich habe viel guten Willen. — Meine Mutter weiß alles, dankt Ihnen tausendmal.
Darf ich wohl noch einmal an Sie schreiben?
In steter Dankbarkeit
Frieda.


