Ausgabe 
16.8.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 190

Der Hiezener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aiamittenöläller rverden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigclegt.

Zweites Blatt. Donnerstag den 16. August

1894

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Lierteljähriger Nöonnementsprels: 2 Mark 20 Psg. mit Brmgcrlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaktion, Expedition und Drucker«:

SchnlstraßcAr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- unb Anzeigeblatt für den Uveis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Jamitienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsche» Reich.

Berlin, 14. August. Kaiser Wilhelm hat noch kurz vor seiner Wiederabreise von England der Revue über die im Lager von Aldershot vereinigten Truppen beigewohnt. Die Parade begann am Montag Vormittag 10J/4 Uhr, nach­dem Kaiser Wilhelm aus dem Paradefeld angelangt war. 12 215 Mann Infanterie und 2962 Mann Cavallerie nebst 63 Geschützen, also eine nach englischen Verhältnissen und Begriffen ganz stattliche Truppenmacht, waren zu dem mili­tärischen Schauspiele zusammengezogen worden. Der Kaiser, welcher die Uniform des ihm kürzlich von der Königin Victoria verliehenen Regiments der First - Royal - Dragons (erstes Königs-Dragoner-Regiment) trug, ritt zunächst die Front der aufgestellten Truppen ab, worauf er sein Regiment persönlich vorführte; alsdann nahm er mit dem Herzog von Connaught die Parade ab. Dreimal marschirten die Colonnen in ver­schiedenen Formationen vor den Fürstlichkeiten vorbei, den Glanzpunkt bildete das Vorbeigaloppiren der Cavallerie und Artillerie. Am Schluffe rückten die gesammten Truppen in Linie vor und begrüßten den Kaiser, während die englische Nationalhymne gespielt wurde. Der Kaiser drückte dem Herzog von Connaught die Hand und beglückwünschte ihn zu der Leistung der Truppen.

Die Eröffnung der nächsten Reichstagssession wird nach übereinstimmenden Berliner Meldungen aus letzter Zeit erst im November und ganz unabhängig von der Ein­weihung des neuen Reichstagsgebäudes stattfinden. Die Kreuzzeitung" weiß sogar zu melden, es sei gar nicht beab­sichtigt, die Mitglieder des Reichstages zu einer spectellen Feier der Eröffnung des neuen Reichstagsgebäudes einzube­rufen. Soll das etwa heißen, daß die Einweihung des künf­tigen stolzen Heims des deutschen Parlaments ohne besondere Feierlichkeiten erfolgen werde?

Deutschland zieht anläßlich des japanisch-chinesischen Krieges eine recht stattliche Flottenmacht in den ost asiatischen Gewäffern zusammen. Das bislang an der Küste Südamerikas stationirt gewesene Kreuzergeschwader, aus den SchiffenArcona",Alexandrine" undMarte" bestehend, befindet sich zur Zeit auf der Fahrt nach Ostafien, wo sich die deutschen KanonenbooteWolf" undIltis" be­kanntlich bereits befinden. Ferner werden noch im Laufe des August die beiden KreuzerCondor" undCormoran" zur Verstärkung des deutschen Geschwaders in Ostasien von Kiel aus in See gehen und endlich soll zum gleichen Zweck noch die PanzerfregatteIrene" schleunigst ausgerüstet werden.

Anrlarrd.

In dem Prager Prozeffe gegen die sechs czechi.schen Arbeiter, welche anarchistischer Vergehen angeklagt waren, ist am Montag das Urtheil gesprochen worden. Vier der Angeklagten wurden zu schwerem Kerker in der Höhe von acht Jahren an bis herab zu acht Monaten verurtheilt, die beiden anderen Angeklagten kamen mit geringen Freiheits­strafen davon.

* Koblenz, 12. August. Die Obstpreise werden immer niedriger. Birnen kosten im Centner jetzt Mk. 2,50, Aepfel Mk. 4,50 bis Mk. 10, Pflaumen nur Mk. 1. Für den Centner Aprikosen werden jetzt Mk. 810 gezahlt, für den Centner Reineclauden Mk. 3.

Göttingen, 12. August. Vor mehreren Monaten entwich beim Transport einem Menageriebesitzer ein werthvolles Zebra. Das Thier ist jetzt häufig in der Feldmark Emm en h aus en gesehen worden und scheint in dem dortigen Gehölz einen sicheren Schlupfwinkel gefunden zu haben. Trotz mehrfacher Bemühungen ist es bisher nicht gelungen, den schnellfüßigen Einhufer einzufangen.

* Bromberg, 13. August. Bei einem Brande in Labi- schin sind in der Nacht zum Sonntag eine Frau und drei Kinder im Alter von 18, 16 und 14 Jahren umge­kommen.

* Samter, 13. August. Beim Brande eines Arbeiter- Wohnhauses im Dominium Bräzewo ist ein siebzehnjähriges Mädchen, das seine Habseligkeiten retten wollte, ver­brannt.

* Lewberg, 11. August. In Dokal gerieth ein zwölf­jähriger Knabe beim Baden im Bugflusse in einen Wirbel und sank unter. Die Mutter und die Schwester sprangen dem Knaben nach, ertranken jedoch. Der Knabe wurde noch gerettet.

* Antwerpen, 13. August. Radfahrer L e h r von Frank­furt a. M. wurde nach seinem gestrigen Sieg in der Welt­meisterschaft über die englische Meile von belgischen Sportgenossen eine großartige Ovation dargebracht. Abends fand ihm zu Ehren ein großes Bankett statt, an dem sich die deutsche Colonie betheiligte. Die an dem Rennen betheitigten Engländer, Franzosen und Amerikaner wurden von Lehr und Jaap Eden, der als Zweiter dichtauf folgte, um bedeutende Distanzen geschlagen.

* Ein Zaquet als Shestlfter. Als Herr Max Sch., der

Feuilleton.

Die Erdbeben in dem griechischen Meer.

Von Heinrich Becker, Frankfurt a. M.

(Schluß.)

Am 11.13. Februar 1893 wird auch die Insel Samo-Thrake im Osten Archepelagos von einem Erd­beben verwüstet. Die Insel, von ihren Vulcankegeln die Thrakische Warte" geheißen, war schon im Alterthum ihrer - vulcanischen Ausbrüche und Erdbeben wegen bekannt. Hier­her verlegten die Griechen den Sitz der Persephoneia, der Gemahlln des Unterwelt-Gottes Pluton, der als der Urheber der unterirdischen Revolution betrachtet wurde.* *) Nach dem Beben am 13. Februar war die ganze Stadt Kastro (Samothrake) zerstört- 2500 Menschen hatten kein Obdach- auf der ganzen Insel waren über 6000 Personen > rhrer Wohnung beraubt. Das Erdbeben war vom 8. bis 9. Februar zu Konstantinopel verspürt worden, als von Westen nach Osten gehend. Der Zusammenhang mit dem von Samothrake ist ersichtlich.

Dom 20. April bis 10. Mat 1894 wird die Nord-Oft- Küste von Hellas erschüttert. Der ganze Strich längs dem Golf von Talandt (Atalanta), von Theben bis Zeituni, 2030 St. lang, wird fort und fort emporgerüttelt. In den Dörfern längs der Küste sind fast sämmtliche Häuser eingestürzt. Am 27. April spaltete sich die Erde- eS gab einen Riß längs der Küste von Castri bis Molo, 11 Stunden lang, 23 Meter breit und bis 9 Meter tief. Das Meer erhob sich gegen die Küste und überschwemmte längere Zeit das flache Küstenland. Danach sank der ganze Strich zwischen dem Riß und dem Meere, mehrere Meilen breit, um l1/» Meter tief hinab. Indessen brachen bet AidipsoS,

*) Persephoneia vonperthozerstören" undphonos derMord" diezerstörende Mörderin", ein ungeheures Wort, das auf den schreckhaften Utsprung deutet.

- einem Bad im Nord-Westen von Euböa, heiße Quellen ; von 44° C. Wärme hervor.

Auch hier spricht man heute von einerVerwerfung- ! Spalte", die durch die Umwandlung und Aufquellung von Gesteinen im Innern der Erde entstanden sei. Das Auf­brausen und Emportreten des Meeres spricht aber deutlich genug von einem vulcanischen Ausbruch, der, bis heute noch unsichtbar, in dem Golf von Talandi stattfand. Der Geograph Ludolfus berichtet die gleiche Erscheinung von dem Vulcan Sant-Orint (1650), bei dessen Ausbruch eine Anzahl Venetischer Schiffe in Gefahr kamen. Des­gleichen erzählt der jüngere Plinius von dem Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 nach Chr., wie er selber gesehen, daß das Meer die Küste von Neapel verließ und wider das Vorgebirg Misenum anschlug. Bei dem Ausdruck des Krakatau bei Java (1885) wurde ein'Dampfschiff 80 Fuß hoch in die Aeste eines Waldes auf Java geworfen.

Endlich brach am 3. Juli 1894 ein Erdbeben zu Konstantinopel aus, das bis zum 12. Juli noch in kleineren Bebungen fortdauerte. In der Hauptstadt, wie in den benachbarten Städten und Dörfern, auf der Nord- wie auf der Südseite des Marmara-Meeres stürzten viele Häuser ein. Ueber hundert Personen wurden getödtet und viele hundert verwundet. Im Norden wurde San Stefano und \ viele benachbarte Dörfer, sowie die Prinzeninseln verwüstet- im Süden werden die Bai von Jsmid und von Mudania nebst Brussa getroffen. Oestlich ging die Bebung noch eine Strecke weit längs der ^Eisenbahn von Angora. An der Bat von JSmid trat das Meer plötzlich zurück, dann strömte eS mächtig wider das Ufer. Fünf Bahnhofsgebäude stürzten in daS Meer.

Hier hat man den Mittelpunkt in der Gegend von Brussa, im Binnenland, gesucht. DaS zurücktretende und wieder gegen die Küste schlagende Meer weist aber auf einen auS dem Marmara-Meere emporgesttegenen Vulcan, bet deffen Ausbruch das Meer zurückgezogen, dann wieder gegen die Küste geschleudert wurde.

Expedient einer großen Berliner ConsectionSftrma ist, vo einiger Zeit eine Sendung Mäntel an eine Firma nach Newyork zu expedieren hatte, steckte er in die Tasche eines Jaquets einen Zettel mit der englischen Aufschrift:Die Trägerin dieses Jaquets möge ein Lebenszeichen von sich geben an Max Sch. im Hause ... in Berlin. Bin un- verheirathet und 30 Jahre alt. Vor einigen Tagen erschienen in dem Berliner ConfectionSgeschäft eine ältere und eine jüngere Dame, um etwas zu kaufen. Die letztere wünschte Herrn Sch. zu sehen-I want to see Mr. Max Sch.", sagte sie. Der letztere wurde gerufen, war im ersten Augenblick etwas verblüfft, weil er gar nicht wußte, was die Damen von ihm wollten. Die Situation wurde ihm aber klar, als die junge Dame ihm den von ihm ge­schriebenen Zettel übergab und sich ihm als die Trägerin des Jaquets vorstellte, welches sie in Newyork gekauft hatte. Nun wurde Max Sch. noch verlegener- aber diese Verlegen­heit ist zu einem guten Abschluß gekommen. Max Sch. war der Cicerone der beiden Damen während ihres Aufenthaltes in Berlin. Die Damen waren aus Montgomerie im Staate Illinois und dorthin wird Max Sch. ihnen folgen, denn er hat sich mit der Trägerin des Jaquets verlobt. Jetzt werden wohl viele junge Damen genau die Taschen der JaquetS untersuchen. Ein Jaquet als Ehestifter ist aber die neueste Errungenschaft in der Confectionsbranche.

Die letzte Nacht des Begnadigten. Polnische Blatter berichten, daß der ehemalige Finanzcommissar Michael Tebinka, welcher im Bukowianer Zollprocesse vom Wiener Schwur- gerichte zu 4 Jahren schweren Kerkers verurtheilt worden war, von Kaiser Franz Josef begnadigt wurde. Letzthin hat der Director der Lemberger Strafanstalt, in welcher Tebinka seine Hast abbüßte, dem Begnadigten Mittheilung von der kaiserlichen Entschließung gemacht. Nach einem kurzen, mit tiefgerührter Stimme hervorgebrachten Dankeswort bat Tebinka den Director, er möge ihm gestatten, noch eine Nacht in her Strafanstalt zu verbringen.Sie sind frei und wollen nicht sofort von hier weggehen?" fragte der Director. Tebinka erklärte nun, daß er in der Welt völlftändig vereinsamt stehe, ohne Familie und Freunde und nicht wisse, wohin er sich wenden solle. Er brauche noch diese letzte ruhige Nacht um zu überlegen, was er nun anfangen werde. . . . In jener letzten Nacht hat sich der Unglückliche erhängt.

Ueberflüsfig.Levi, wirst Du mitgehen in die Bade- anstatt und nehmen e Bad?"Wozu? Hab ich doch erst eben geschworen den Reinigungseid auf'm Gericht?"

Wir sehen, die Erdbeben treten zwar in der Nähe von großen Höhlen auf. Die Bebungen sind aber so mächtig, daß sie nicht durch den Einsturz der größten Höhlen entstehen können. Auch die Aufquellung von Gesteinen, die nur durch das hinzutretende Wasser geschehen kann, vollzieht sich nicht so rasch, daß plötzliche und lang fortgesetzte Bebungen zu entstehen vermögen. Alle genannten Bedungen sanden aber so nahe dem Meere statt, daß an einem vulcanischen Ausbruche im Meere nicht zu zweifeln ist.

Die Vulcane entsteigen dem Meere - Korallen und Muscheln bauen sich an deren Krone- das Meer strömt bei dem Bauen hindurch und bildet die Höhlen- der Regen er­weitert sie dann. Der Korallen- und Muschelkalk wird im Meere in Thonmergel aufgelöst, dieser aber in der Tiefe wie vor Kurzem in dem alten Main See bei 250 Meter Tiefe entdeckt wurde in wasserlosen Thonstein zusammen­gepreßt. Durch den mächtigen Druck des Meeres bricht der Thonstein- es entstehen wasserlose Räume. Sobald dann das an anderen Stellen durch Druck entstandene Wasser­stoff gas in diesen Klüften mit dem Sauerstoff zu­sammentrifft, dann entsteht eine Explosion, die den Erdboden emporhebt. Die ungeheure Hitze dieser brennenden Gase schmilzt die Ränder der Felsen und treibt die Lava über den Meerboden empor. An die Vulcankegel bauen sich Muscheln, flößt das Meer seinen Sand- es entstehen neue Inseln mit Bergen und Höhlen: so vollzieht sich der Kreis« lauf von Neuern.

Auf diese Weise wurde am Ostende das Mittelmeer zu­gebaut und von dem indischen Meere getrennt- ebenso wuchsen die griechischen Inseln empor, die mit der Zeit daS ganze Ostmeer füllen. Sicilien, Italien, Spanien, Nordafrika wuchsen auf gleiche Weise zu großen Ländern, die allmählich das Westmeer füllen. DaS ganze Mittelmeer wird einst zu- gebaut, indeß der Ocean an anderen Stellen tiefe Rinnen und Kessel in die Erde reißt, um die Continente wieder darein zu versenken.