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16.3.1894 Erstes Blatt
 
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Freitag den 16. März

1894

Nr. 63 Erstes Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Arnts- und Ztnzeigebtatt für beit Kreis (üicjjeit

Ärborhon, Erprdiliorr und Trudrrri:

-chukftratz, Nr.7.

Frnriprrcher 51.

PicurliäbrigrrX^ XBonnrmnilsprci* : 2 Marl *0 ffg. mir Bnngrrlobn.

Turch bir Poft bcpgrtr: 2 Mark 5U Psg.

Dir Gießener m ikie« d kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der Kielen,r Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamitienblätter.

Alle Annoncen-Bureaur dc-S In- und Auslandes nehmen Anzeigen für brpGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche». Theil.

Bekanntmachung, betreffend die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Grohherzogthum.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Vorstande der ständigen Ausstellung für Kunst und ltunstgewerbe zu Weimar die Erlaubniß ertheilt, die Loose einer im Juni und December l. I. zu veranstaltenden Ver« loosung von Gegenständen der Kunst und des Kunstgewerbes innerhalb des GroßherzogthumS ;u vertreiben.

Nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten VerloosungSplan dürfen 400,000 Loose ä 1 Mk. ausgegeben 2 erden und müffen 200,000 Mk. zum Ankauf von Gewinn- gegenständen verwendet werden.

Gießen, den 14. März 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. _____________._______v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Gesuch des Ortsvorstandes zu Nidda um Erlaubniß zur Veranstaltung einer Verloosung gelegentlich der Abhal­tung einer Thierschau durch die Zuchtviehgenoffenschaft

Büdingen.

Die von dem Ortsvorstand zu Nidda in Verbindung mit der daselbst stattfindenden Viehschau veranstaltete Ver­loosung findet am 29. Mai d. I. und nicht am 23. Mai statt.

Gießen, den 14. März 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 14. März. Gestern besuchten der Groß- Her zog, die Prinzessin Alix und die Prinzessin Heinrich »on Preußen das Mausoleum auf der Rosenhöhe und

legten dort Kränze nieder. Unter den zahlreichen Strengen# die von anderen Seiten am Sarge des Höchstseligen Groß' Herzogs niedergelegt wurden, befand sich ein solcher der General- und Flügeladjutantenihrem unvergeßlichen Herrn" und ein vom GesangvereinMelomanen"ihrem Höchstseligen Protector" gewidmeter Kranz.

Der Großherzog ist heute Mittag 12 Uhr 42 Min. zum Besuche der Prinzessin-Braut nach Gotha gereist.

Deutscher Reichstag.

71. Sitzung. Mittwoch den 14. Mar, 1894.

Die zweite Lesung deS Etats wird fortgesetzt.

Zölle und Tabaksteuer werden debatteloS erledigt.

Bet dem Etat der Zuckersteuer, 70 600 000 Mk. Einnahmen, schlägt die Commission Erhöhung des EtatSansatzes um.'»^Millionen Mark vor.

Ein Antrag Vaasche will die Zuckersteuer mit 72,000,000 Mk. etatisirt wissen. Sein Antrag entspreche den Berechnungen der Re­gierung selbst in Bezug auf den voraussichtlichen Zuckeroerbrauch.

StaatSsecreiar Graf PosadowSky: Nach den Erfahrungen beim Postetat will ich keinen Versuch machen, den Beschluß der Com­mission umzustoßen Die Möglichkeit, daß der Anschlag von 75 600 000 Mk. erreicht werde, will ich zugeben. Aber es ist nicht angebracht, den höchstmöglichen Betrag in Einnahme zu stellen. Durch die Höheroeranschlagungen im Etat ist die Frage der Kosten­deckung der MUitäroorlage und der Deckung deS DeficitS nicht gelost, sondern nur verschoben _ ,, ,

Abg. Richter: Durch die EommtssionSbeschlüffe ist der Schleier von der Finanzlage genommen und man steht jetzt klar, daß eS neuer Steuern nicht bedarf. ES steht fest, daß wir nach den Abstrichen tn den Ausgaben und nach der höheren Veranlagung verschiedener Ein­nahmen, bet der Poft, den Retchseisenbahnen und hier, eine Erhöhung der Matrikularbetträge, wie sie im Etat enthalten ist, nicht haben werden. Dabet sind noch oerschtedentltche voraussichtliche Mehr- Einnahmen gar nicht von unS tn Ansatz gebracht, so bet der Salz­steuer. Der Consum an Zucker wird sich tn diesem Jahre voraus­sichtlich beben, nachdem drrS auch schon hinsichtlich der Production thatiäwltch der Fall ist.

Abg. v. Kar dorff (Rp.): Die Erhöhung des Ansatzes der Zuckersteuer um 5 Millionen sei ein ganz willkürlicher Act, der nur bezwecke, ein falsches Bild der Finanzlage zu geben.

Feuilleton.

Die Bsterbtumen.

Erzählung von C. PleSky.

(Nachdruck verboten.)

Die Frühlingsstürme wehten im Lande. ES ging ein gewaltiges Brausen durch Thäier und Auen, über Berge und Walder, die Auferstehung der Natur verkündend. Geschmolzen waren Schnee und Eis und Mutter Erde schickte bereits Myriaden ihrer Frühlingsboten in Gestalt ungezählter holder Blumen voraus, noch lange bevor sie ihren bräutlichen Lenzes- schmuck anlegte.

Schneeglöckchen, Anemonen und Winterrüschen reckten an« muthig ihre Köpfchen empor und schmückten die in Winters« grau gehüllte Landschaft, noch ehe daS Grün der Wiesen und Wälder das Auge erfreute. An besonders sonnigen Plätzen ratten sich sogar auch schon die Himmelsschlüsselchen hervor- gewagt und verkündeten daS Nahen des Lenzes.

Dieses reizende Bild des Vorfrühlings bot auch eine von zwei Bergrücken umsäumte Landschaft dar, in welcher nach­barlich zwei stattliche Schlöffer, auf stolzen Anhöhen einander gegenüber liegend, standen.

Wie die uralten Erbburgen zweier nahe verwandten adeligen Herren sahen die beiden Schlöffer aus, von denen daS eine, auf dem etwas höheren Berge gelegene, Bruneck bieß, während das andere, auf der gegenüberliegenden Anhöhe stehende, die Rothburg genannt wurde. Man konnte aus der Rothburg keinen Blick nach den gegenüberliegenden Bergen lhun, ohne nicht daS stolze Nachbarschloß Bruneck zu sehen, und kein Auge vermochte von Schloß Bruneck in daS liebliche Thal herabzuschauen, ohne nicht auch die alte wetterfeste Rothburg zu erblicken. Doch wenn dies auch jeden Tag stunden Mal geschehen mochte, so waren eS doch sicher nie­mals fteundliche Blicke, welche die beiderseitigen Schloß- bewohner nach ihrer Nachbarburg sandten, denn die beiden Schloßherren lebten nicht in Freundschaft, sondern in bitterer Feindschaft neben einander, und wäre das alte Fehderecht im Reiche noch in Geltung gewesen, so hätte sich die Feind­schaft der beiden Schloßherren sicher in blutiger Fehde auS- gitobr.

Die Ursache der Gegnerschaft der beiden Burgbesitzer war eine doppelte. Der Freiherr von Bruneck war in feinen ;iingen Jahren der glückliche Nebenbuhler des Grafen Rothburg

in der Werbung um eine schöne und reiche Erbin gewesen. Lothar von Bruneck hatte vor ungefähr dreißig Jahren daS auch vom Grafen Rothburg heißgeliebte bildschöne Freifräulein Anna von Clampenhausen als Gemahlin heimgeführt und Graf Rothburg hatte dafür den Schmerz und Spott über seine vergebliche Werbung um Anna gehabt. Bald wurde durch diese Vermählung aber, dem Grafen Rothburg auch noch ein zweites Aergerniß bereitet.

Die junge Freifrau von Bruneck hatte ihrem Gemahl ein nahezu fürstliches Vermögen zugebracht und zu diesem Vermögen gehörten auch große Wälder, welche bis an die Besitzungen des Grafen Rothburg heranreichten. Bei der Uebernahme der Vermögensverwaltung seiner Gemahlin hatte nun der Freiherr von Bruneck mit Hilfe seines klugen Advo- caten die Entdeckung gemacht, daß seine Gemahlin als ehe­maliges Freifräulein von Clampenhausen auch Erbrechte an Schloß Rothburg und die dazu gehörigen Besitzungen hatte. ES kam darüber zu einem Prozesse zwischen dem Freiherrn von Bruneck und dem Grafen Rothburg und das Ende deS Prozeffes war, daß der Graf an den Freiherrn eine große Geldsumme zahlen und die Hälfte seiner Wälder an denselben abtreten mußte.

Drei Jahre später vermählte sich Graf Rothburg auch mit einer begüterten Dame, aber ihr Vermögen reichte doch bei Weitem nicht hin, um des Grafen Besitzstand auch nnr halb auf die Höhe des coloffalen Vermögens seines Nachbars zu bringen. Der fürstliche Aufwand auf Schloß Bruneck bildete daher in Verbindung mit den erwähnten Enttäuschungen im Herzen des stolzen Grafen einen Stachel gegen seinen glücklichen Nachbar, und der Freiherr von Bruneck, dem der Graf deutlich seine Mißachtung und Feindschaft gezeigt hatte, erwiderte erbittert Gleiches mir Gleichem.

An dieser Gegnerschaft hatten auch die Jahre nichts ge­ändert, obwohl jetzt der Graf wie der Freiherr sich in dem Alter befanden, wo man Leidenschaften und Kämpfen abhold ist und sich nach Ruhe und Frieden sehnt.

Noch im letzten Winter hatte Graf Rothburg mit innigem Behagen den Freiherrn von Bruneck strafen laffen, weil deffen Jäger sich einer kleinen Übertretung der Jagdgesetze auf Rothburg schem Grund und Boden hatten zu Schulden kommen lasten, und der Freiherr hatte sich vorgenommen, sich bei der ersten besten Gelegenheit bitter dafür zu rächen.

Sonst waren die Familienverhältniste in den beiden Schlössern auch höchst ungleich. Das fre herrliche Ehepaar besaß nur ein einziges Kind, ein bildhübsches Mädchen,

Abg. Richter: Daß 75600000Mk. auskommen können, habe ja der Herr SlaatSsecretär selber zugeben wüsten.

LtaatSsrcretär Gras PosadowSky: DaS ist möglich, aber für dm Etat müssen wir doch sichere Grundlagen hoben'

Abg. Richter: Auf sicheren Grundlagm beruht auch der Etat nicht, da die dreijährige Periode alS Durchschnitt maßgebend uxir, obwohl in dieser letzten dreijährigen Periode Aenderungm in der Zuckersteuer eingetreten sind und doch auch die Bevölkerung seitdem durchschnittlich erheblich gewachsm ist.

Der CommtssionSanlrag wird mit kleiner Mehrheit ange­nommen.

Bei dem Etat der Branntweinsteuer empfiehlt

Abg. Schönlank eine Resolution, wonach der Reichskanzler ersucht werden soll, bei Neubemestung der den einzelnen trennet eien zu gewährenden Eonttngmte an zu 50 Mk. zu versteuernden Brannt­wein ein betaiQUtes Verzetchniß der Brennereien, welche ein Eon tingent von mehr alS 200 Mk. haben, vorzulegen. Zweck seiner. Antrages sei cs, einmal gmau zu erfahren, wer dmn die Stipendiaten der Liebesgabe seien. Wie die Rechte einBörsenregister", das heißt ein Register der am Terminhandel beteiligten Firmen, wolle, so wollten er und seine Freunde einSchnaps-Register", ein Register derer, welche die Liebesgabe empfangen.

Abg. Graf PosadowSky: Ich tbue wohl dem Hause einen Gesallen, wenn ich auf die Liebesgabe nicht eingebe. (Bestall rechts.) ES genügt, wenn ich darauf Hinweise, daß, wenn die Brennerei noch mehr belastet wird, dadurch der Kartoffelbau gefährdet wird. Eine Liste der Brennereien besteht schon und soll bis auf die Gegenwart fortgeführt werden. Der Antragsteller will aber keinen Adreßkalender, sondern eine ProscriptionSlstte bet Brennet. (Beifall rechts.) Man kann aber ein großes Einkommen haben, ohne viel Ertrag auS dem Gewerbebetriebe zu ziehen. Auf diesen Antrag werden die verbündeten Regierungen nicht eingehen. (Beifall rechts.)

Abg. v. Kardorff (Rp.): Ich werde nach Ostern Beantragen, daS Branntweinsteuergesetz so zu ändern, daß jeder Brennerei vor­geschrieben wird, wieviel sie überhaupt soll brennen dürfen, und daß Jeder bestraft wird, der über diese? sein Kontingent hinaus brennt. Danach wird man von Liebesgaben überhaupt nicht mehr sprechen können.

Abg. Schönlank (Soc.): Auf den Namen komme eS nicht an; Trinkgeld bleibe unter jedem Namen Trinkgeld.

Die Resolution Schönlank wird gegen Socialdemokraten, Frei­sinnige und VolkSpatteiler abgelehnt.

Der Etat der Stempelsteuer wird debatteloS angmommen.

Es folgt der Rest vom Etat deS ReichSamtS deS Innern: die Forderung für das Kais er-Wilhelm-Denkmal

Die Commission beantragt die Bewilligung der geforberteu

Namens Gertrud, während Graf und Gräfin Rothburg ihre Stammhalter beinahe nach einem Dutzend zählten, denn nicht weniger als acht junge Gräflein hausten auf der Rothburg und der vom Schicksal verwöhnte Freiherr von Bruneck hatte oft wohlfeile Witze gemacht, wenn das gräfliche Ehepaar mit seinen acht Sprüßlingen trotzig an ihm vorübergezogen war.

DaS werden einmal acht Grafen Hungerleider/ hatte sogar vor nicht langer Zeit der Freiherr wieder einmal spöttisch gesagt, als er hörte, daß Graf Rothburg immer einen seiner Söhne nach dem andern im Kadettenhause unterbringe.Gott bewahre wohlhabende Väter vor solchen Schwiegersöhnen hatte der Freiherr dann noch hinzugesügt.

Aber wie der schwache Mensch denkt und der allmächtige Gott lenkt, das sollte der stolze Freiherr in nicht gar zu ferner Zeit noch erfahren.

Sein und seiner Gemahlin Abgott, die bildschöne siebzehn» jährige Gertrud, hatte vor einem Vierteljahre eine vornehme Pension verlassen, war unter Obhut der Eltern in der Re­sidenz auf Bällen, in Concerten und Theatern in die große Welt eingeführt worden und befand sich fttzt zur beginnenden Frühlingszeit auf Schloß Bruneck.

Das schöne Freiftäulein liebte es, auf mutigem Renner häufig in den Wald zu reiten, wobei sie gewöhnlich von einem berittenen Diener begleitet wurde, da ihr Vater wegen seine» GichtletdenS nicht mehr gern zu Pferde flieg.

Auch heute, an einem sonnigen Apriltage, am SamStag vor Ostern, war Gertrud von Bruneck in den Wald geritten. Sie war eine rnuthige Reiterin und der sie begleitende Diener folgte ihr in respectvoller Entfernung nach.

Schnell ritt die schöne Amazone auf ihrem feurigen Renner durch die Waldthäler weiter und immer weiter, so daß ihr der Diener kaum zu folgen vermochte. Die junge Baronesse achtete dabei nicht darauf, daß sie über die Grenzen der väterlichen Befitzungen hinaus auf gräflich Rothburgfches Gebiet ritt, sie hörte auch nicht auf die Warnung deS Dieners, der dem Befehl seines Herrn gemäß Auftrag hatte, zu ver­hüten, daß die junge Herrin sich nicht in die Wälder deS Grafen Rothburg verirrte. An dem herrlichen Frühlingstage war daS Herz des jungen Mädchens so von übersprudelndor Lebenslust und harmlosem Ucbermuth erfüllt, daß sie sich nur der Freude an der schönen Natur und dem Vergnügen an dem prächtigen Galopp ihres Renners hingab.

(Fortsetzung folgt.)