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gewöhnlich im iWinter - nach Kiew dagegen kommen die großen Pilgerzüge (jährlich oft 800,000 Pilger) im Frühjahre und Sommer. Sie sind in der Stadl keineswegs gern gesehen, da die auö allen Theilen des großen Reiches zu» sammenströmenden Schaaren häusig Seuchen, wie die Cholera,
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Kiew mit seinen unzähligen weißen Kirchen mit silberner oder goldener Kuppel und grünem Dach, mit seinen armseligen Hütten, stolzen Palästen uud schmucken Landhäusern gleicht ganz einer orientalischen Stadt. Nur die bedeutendste Straße, der Kretschtschatik, mit seinem lebhaften Treiben, seinen Kaufgewölben und eleganten Hotels hat westeuropäisches Gepräge. In den Cafes liegen wohl auch deutsche Zeitungen auf, aber die manchmal bis zur Hälfte geschwärzten Kolumnen und gruseligen Geschichten von geheimnißvollen Verhaftungen, die man sich zuflüstert und die niemals in die Zeitungen kommen, lasten den Fremden sich nicht behaglich fühlen. Ge- mischte Gefühle mögen ihn auch beschleichen, wenn er der Lawra, dem größten Heiligthum Rußlands, einen Besuch ab- statret. Die Lawra, auch PetscherSki oder Höhlenstadt ge- nannt, liegt auf einem Hügel über dem Dniepr. In der Umgebung der Kathedrale bewegt sich zu jeder Tageszeit eine große Anzahl von Popen und Mönchen. Die jüngeren küsten den älteren im Vorbeigehen mit tiefem Bückling die Hand. Das Volk hat vor ihnen einen maßlosen Respect. Wenn man aber einen solchen Biedermann anredet, merkt man bald, daß sein geistiger Horizont nicht der weiteste ist. In der That beschränkt sich seine Kenntniß auf rem kirch- liche, in erster Linie rituale Dinge. Er kennt weder eine klassische, noch eine moderne fremde Sprache, und spricht man ihn anders als ruisisch an, so sagt er: ni polemayu (ich verstehe nicht) und schreitet lächelnd hinweg. Durch den Klosterhof, der im Sommer von Andächtigen überfüllt ist, tritt man in die Uspensky-(Mariä HimmelfahrtS-)Kathedrale. Der Ikonostas dieser Kirche ist aus massivem Silber und trägt das mit Gold und Edelsteinen besetzte Bild der heil. Jungfrau. Beide find ein Geschenk Peter deS Großen. Den ganzen Tag findet Gottesdienst statt- Gläubige kommen und
Rr. 268 Zweites Blatt. Donnerstag den 15. November
Feuilleton.
Eine Reise im tutopäi|d)tn Men.
Siner Reiseschilderung im „Schw. Merkur" entnehmen wir Folgendes: '
Nach der Fahrt durch Galizien brachte die erste russische Station Wolotschiska am Grenzfluß Podhorze die Lästige Paß- und Zollrevision. Die Zollbeamten haben besonders auf Bücher ein Auge. Vor allem russische, auch wenn sie den unverfänglichsten Inhalt haben, werden zurückbehalten, um die Censur zu passiren. Sie sind gewöhnlich verloren - das gilt auch von Waffen. Reclamation unterläßt man am besten, da in Folge „Erfüllung der nöthigen Formalitäten" die Gebühren gewöhnlich zum mehrfachen Betrage des WertheS vom confiScirten Gegenstände anwachsen. Bon der ersten russischen Station ab hört die Kenntniß des Deutschen beim Bahnpersonal wie mit einem Schlage auf. Von Reisenden hört man, wenigstens bis Kiew, fast in jedem Waggon auch deutsch sprechen. Nach meiner Beobachtung kommt der Fremde in Rußland mit Deutsch ebenso gut, wenn nicht bester fort als mit Französisch. Die Bahn führt südöstlich durch Podolien. Der Character der Landschaft ist immer derselbe- wette Ebenen des schwarzen fruchtbaren Bodens mit kaum nennenSwerthen Erhebungen. In der Ferne erblickt man mitten auf den Feldern riesige Strohfeimen, Zeugen der guten Ernte des letzten JahreS. Am Horizont rauchen da und dort Wälder auf, die aber niemals an die Bahnlinie herantreten wegen der Feuersgefahr, welche die mit Holz geheizten Locomotiven verursachen. Aus demselben Grunde liegen Dörfer und Städte, nach denen Stationen benannt find, in respectvoller Entfernung von der Bahn, oft 10 Werst und mehr. In Cossatino stieg ein Häuflein Landleute aus dem Pripetgebiet in den Zug, die auf einer Pilgerreise nach Kiew und von da nach Jerusalem begriffen waren. Einer von ihnen ging von Wagen zu Wagen und sagte mit pfiffigem Lächeln zu einem oder andern der Reisenden (so auch zu mir), daß er auch für seine Seele beten wolle. In der Regel bestärkte ein Trinkgeld den Mann in seiner lvb-
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