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Nr. 189 Erstes Blatt. Mittwoch den IS. August
1894
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Kießener «Änjdger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener A««ttiendküller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Kenerak-Mnzeiger.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Der landwirthichaftliche Bezirksverein des Kreises Gießen wird
Montag, den 17. September 1894
auf dem Viehmarktplatze (Grassee) zu Hungen eine Ausstellung von Zuchtvieh, verbunden mit einer ViehpreiSver- theilung, veranstalten, für welche die nachstehenden Bestimmungen getroffen sind:
I. Bezüglich der von dem landwirthschaftlichen Bezirksverein zur Ausführung der Viehpreisvertheilung zur Verfügung gestellten 550 Mk.:
1. An der Ausstellung können sich alle im Kreise Gießen wohnenden Viehzüchter, Viehhändler ausgenommen, be- theiligen.
2. Sämmtliche aufzustellende Thiere sind bis Morgens 9 Uhr auf dem Viehmarktplatze (Grassee) zu Hungen aufzutreiben und von den Besitzern auf den ihnen von der Commission angewiesenen Ständen aufzustellen.
Nur preiswürdige Thiere werden prämiirt und zwar: a. Ballen im Alter von 1 — 2’/2 Jahren, b. Rinder, welche sichtbar trächtig und c. Kühe, die sichtbar trächtig jjnb oder frisch gekalbt haben.
3. Diese Thiere müssen selbstgezüchtet oder zum Zweck der Zucht mindestens 2 Monate vor der Preisoertheilung erworben sein und
4. folgenden Raffen angehören:
a. der reinen Vogelsberger Raffe; Mutterthiere, welche eine weiße Färbung am Euter zeigen, werden erst in zweiter Linie prämiirt,
b. der Simmenthaler Raffe und zwar dürfen aa. Bullen nur der reinen Simmenthaler Raffe angehören,
bb. dagegen können Mutterthiere auch dann prämiirt werden, wenn solche wenigstens ausgesprochen des Simmenthaler Typus sind.
5. Unter solchen gleichen Derhältniffen erhalten selbstgezüchtigte Thiere bei der Prämiirung den Vorzug.
6. Hinsichtlich der Bullen Simmenthaler Raffe ist urkund- | lich nachzuweisen, daß solche entweder direct aus dem Simmenthal eingeführt worden sind oder daß dieselben aus einer Reinzucht stammen.
7. An Preisen werden aus Vereinsmitteln gewährt:
1. für den schönsten Bullen, Simmenth. Raffe 45 «X
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Vogelsberger „ 45 ,,
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5. zwei Preise ä 25 JC.
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zusammen 8 Preise — 250 JL
8. Für Rinder und Kühe:
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Zusammen 15 Preise — 300 JL II. Bezüglich der von der Stadt Hungen zur Ausführung der Viehpreisvertheilung zur Disposition gestellten 200 M.
1 gelten ebenfalls vorstehende Bedingungen, jedoch sollen aus diesen Mitteln auch nicht im Kreise Gießen woh- . nende Züchter bei Vorführung von preiswürdigem Vieh । mit Prämie bedacht werden.
III. Es bleibt dem Ermessen der Prämiirungs-Commission überlassen, die bestimmten Preise innerhalb des Gesammt- betrages je nach der Güte der ausgestellten Thiere jeder Gattung auch zu übertragen.
Gießen, den 9. August 1894.
Der Vorstand des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Carl Jost, Rechtsanwalt.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.
Anläßlich des am 19. August 1894 in Gießen statt- $ findenden 16. Verbandsfestes Hessischer Freiwilliger Feuer- - wehren wird die Erlaubniß zur Beschäftigung im Handelsgewerbe auf Grund des § 105 b. Absatz 2 der Gewerbe- : ordnung und § 2 der Bekanntmachung zur Ausführung des t Reichsgesetzes vom 1. Juni 1891, die Abänderung der Gewerbeordnung betreffend vom 24. März 1892 für diesen
Tag auf zehn Stunden, also für die Zeit von Nachmittags 3 Uhr bis Abends 9 Uhr, für die Stadt Gießen ausgedehnt. Gießen, den 13. August 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. 93.: Roth.
Deutsche- Reich.
— Arthur Hobrecht, Staatsminister a. D., bekanntlich eines der hervorragendsten Mitglieder der nationalliberalen Partei, beging am Montag seinen 70. Geburtstag unter zahlreichen Bekundungen sympathischer Theilnahme Seitens seiner persönlichen wie politischen Freunde. Doch auch außerhalb der Kreise der nationalliberalen Partei brachte man dem Jubilar anläßlich seines Ehrentages warm empfundene Theilnahme entgegen, denn weit über den Rahmen seiner Partei hinaus hat Arthur Hobrecht allzeit das tiefgehendste Interesse an allen patriotischen, gemeinnützigen, volkSfreund- ltchen und culturfördernden Bestrebungen genommen. Möge es dem verdienten Manne vergönnt sein, noch lange in seiner Sphäre zu wirken!
— Der Reichskanzler Graf Caprivi trifft am 26. August in Karlsbad zu mehrwöchigem Curgebrauche ein. Graf Caprivi nimmt im Hause „Weißer Löwe" am Markte Wohnung.
— Die seit einiger Zeit hervorgetretenen Bestrebungen zum möglichst engen Zusammenschluß der durch das ganze Reich zerstreuten polnischen Bevölkerungselemente, in erster Linie der Arbeiter polnischer Nationalität, können einen abermaligen Fortschritt verzeichnen. In B o ch u m ist am Sonntag cm Verband katholischer Polen für Westfalen, Rheinland und die angrenzenden Provinzen mit dem Sitze in Bochum gegründet worden. Der Verein bezweckt angeblich die Förderung der moralischen und materiellen Interessen in den genannten Landestheilen. Vielleicht ist der Verband auch berufen, bet Landtags- und Reichstagswahlen eine Rolle zu spielen.
Ausland.
Paris, 13.August. Der große Pariser Anarchisten- Prozeß ist am Sonntag Nachmittag nach siebentägiger Dauer beendigt worden. Der Wahrspruch der Geschworenen besagt, daß die Angeklagten der Bildung einer Vereinigung zur Ausführung von Verbrechen nicht schuldig seien, dagegen
Feuilleton.
Die Erdbeben in dem griechischen Meer.
Von Heinrich Becker, Frankfurt a. M.
(Fortsetzung.)
An der Süd-Weft'Ecke von Klein Asia steht die Insel Rhodos. Früher „Ophiusa", die „Schlangen-Jnsel", genannt, weil in den vielen Kalkhöhlen die Schlangen hausten.*) An dem Eingang zum Hafen der Stadt Rhodus stand auf zwei FelS-Vorgebirgen das Riesen-Bild, der Koloffos, ein 70 Ellen hohes Standbild von-dem phänischen Sonnengott. Er stand nur 56 Jahre, da stürzte ihn ein Erdbeben. DaS siebente Wunder der Welt ward nicht zum zweiten Male erbaut.
Weiter nordwärts an dem HermoS lag die Stadt Magnesia Sipylt. Schon TacituS berichtet von ihrem Untergang durch Erdbeben. Heute nur ein kleiner Ort Manisa. Nahe dabei, an der Mündung deS HermoS, die große Stadt Smyrna. Sie ist, wegen ihres großen, von Kalkfelsen umschlossenen Hafens, in dem mehrere hundert Schiffe zu gleicher Zeit sich rummeln, durch die alte und neue Geschichte bedeutend geblieben. Sie wurde nach jeder Zerstörung durch Menschenhände wieder aufgebaut. Ein Erdbeben im Juli 1688 hatte ihr aber größeren Schaden gebracht, als früher die Lydier und Perser ihr anthun konnten.
Von Erdbeben in Griechenland wollen wir nur den sagenhaften Bericht über den Tod des AmphtaraoS erwähnen, der wahrend der Belagerung von Theben (durch ein Erdbeben) bei Harma von der Erde verschlungen wurde. Die Sage läßt ihn von Z-us entführt werden. DaS gleiche wird auch vom König OedipuS erzählt, der bei KolonoS (Athen) mit Gedonner zur Unterwelt hinabfuhr. Die vielen Höhlen
*) Die Syrer nannten sie „Jarod“, die Phönikter kurzweg „Rod*, d. i. „Drache".
und Grotten, welche das Griechenvolk bald mit Drachen (wie der Python zu Delphi) bald mit Faunen und Nymphen bevölkerte (an dem Helikon, PornaffoS, HymettoS) haben alle in der Kalkbildung ihren Grund. Sie gaben zu den vielen wunderbaren Erscheinungen, der Dunst-Ausströmung bei dem delphischen Orakel u. a. O. den Anlaß.
Wenige von diesen Bedungen können aber durch Einsturz von Höhlen entstanden sein. Die Erscheinungen zu Jerusalem, zu Theben und Athen rührten möglicher Weise von Höhlen- ftürzen her. Die Stadt Antiocha, Smyrna und Magnesia sind aber schwerlich ohne weiteren Anlaß in Höhlen versunken. Hier mag wohl ein vulcanischer Ausbruch mitgewirkr haben, der häufig mit Erdbeben verbunden ist. Die Geschichte der neuen Zeit möge dies deutlicher zeigen.
II.
In neuer Zeit.
An der Westküste vom Peloponnesos ist der Golf von Arkadia, ein weiter flacher Halbkreis, den das Meer auS- höhlte. Hier hat am 27. August 1886 ein Erdbeben die ganze Küste erschüttert- ein Dutzend Städte und Dörfer fielen zusammen, viele Menschen wurden ein Opfer. In Meffene fielen die Städte Philiatra, Gargaliano und MaruthopoliS, in Arkadia die Hauptstadt des Golfes, in Elis die Stadt Phrgos. Die Städte lagen fast ganz in Trümmern- zu Pyrgos die alte Kathedrale- 120 Menschen kamen dabei um. Im Nord Westen werden die Inseln Zakynthos (Zante), Kephalonia und Korkyra (Corfu) verwüstet. Auf dem Festlande im Norden und Osten die Städte PatraS und Athen erschüttert. Dann ging die Bebung im Nord Westen der Adria entlang bis Liffa, Pola, Abazzia und Triest, nach BoSna Sarai und Agram- im Osten wird die Stadt Smyrna, im Süd-Osten Alexandria berührt. Im Westen werden Malta, Sicilien und Neapel in Bebung gebracht.
Acht Tage vor dem Erdbeben hatte der Capitän eines englischen Schiffes 100 Sm. östlich von Malta eine Feuergarbe aus dem Meere steigen sehen, anscheinend 30 Fuß breit und 100 Fuß hoch. Sie erlosch alsbald im Dunkel
der Nacht. Es war nur 40 Meilen von Sant-Orini entfernt, wo im Jahre 1867 mit einer Feuersäule die Insel GeorgioS aus dem Meere trat. Dann sah ein anderer Capitän am 30. August 1886 im Norden von Goletta (Tunis) einen Feuerstrom aus dem Meere sich erheben. Es war in der Nähe der Stelle, an der im Jahre 1831 die Insel Ferdinanden aus dem Meere stieg und wieder versank. Beide Erscheinungen weisen auf einen vulcauischen Ausbruch, der auch durch den Riß des Telegraphen-CabelS tm Golf von Arkadia bezeugt wurde.
Ein Jahr nachher, am 17. Juli 1887, ward in derselben Gegend ein Erdbeben beobachtet. Im Westen war die Grenze zu Catania, im Nord.Westen Livorno und Parma, im Osten Smyrna, tm Süd-Osten Alexandria. Der Kreis weist auf denselben Mittelpunkt, den Golf von Arkadia.
Bei jedem von diesen Erdbeben wurden die jonischen Inseln, insbesondere Zante und Kephalonia mit erschüttert. „Kephalonia", die „Kopftnsel", führt noch den Namen von den vulcanischen Kegeln, aus denen sie zusammengesetzt ist. Der Berg „Elatoö", der „getriebene", zeigt tm Namen seinen Ursprung. Seine hohe Spitze ließ von weitem wie eine Warte ihn erscheinen. Deßhalb nannten die älteren Griechen die ganze Insel noch „Same", die „Warte". Sie wurde oft von (vulcanischen) Erdbeben heimgesucht. Am 4. Februar 1867 werden die Städte Argostoli und an der Südküste von Kephalonia Listuri sammt 40 Dörfern zerstört.
Am 1.—8. Februar 1893 wurden die beiden Inseln, Zante und Kephalonia, ebenfalls schwerheimgesucht. In Zante stürzten über 2000 Häuser ein- viele tausend Menichen wurden obdachlos. Die Erde zeigte allerorten viele Spaltungen und Riffe, wie sie bei vulcanischen Erdbeben, durch innere Hebung, entstehen. Die Bebung erstreckt sich ostwärts bis Patras.
(Schluß folgt.)


