Nr. 163 Zweites Blatt. Sonnta, den 15. Jul,
1894
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VerMtschte*.
* Ein grauenhafter Mord an einer Frauensperson verletzte Samstag Abend die Bewohner von Schönebergs bei Berlin in ungeheure Aufregung. Und zwar ist die That abermals am Hellen Tage begangen worden, Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, unmittelbar an der Wannseebahn auf einem dort entlang führenden Fußwege. Um die angegebene Zeit hörten mehrere Bahnarbeiter, welche auf dem Wannseebahndamm beschäftigt waren, ein entsetzliches Hilfegeschrei und sahen, kaum hundert Meter von ihrer Arbeitsstelle entfernt, eine Frauensperson mit einem Manne kämpfen. Sie stürzten sofort der Stelle zu, waren aber kaum derselben nahe gekommen, als sie den Mann querfeldein durch das Kornfeld, an welchem der Kampf stattgefunden hatte, davoneilen sahen. Zwar wurde der Mensch an der anderen Seite des Feldes von einem des Weges kommenden Arbeiter zu fassen gesucht, er schlug jedoch wie wahnsinnig um sich und entkam dann nach dem Südende zu. Am Thatorte fanden die Männer eine gräßlich zugerichtete Frauensperson in ihrem Blute liegen, sie hatte zwei klaffende Stichwunden an der linken Halsseite. Und zwar hat der eine Stich die Schlagader vollständig durchschnitten, sodaß die Ermordete wenige Minuten darauf durch Verblutung den Geist aufgab, ohne noch im Stande gewesen zu sein, irgend welche Angaben über die That selbst, sowie den Mörder hervorzubringen. Die schleunigst benachrichtigte Gendarmerie und Ortspolizei nahm sofort eine Verfolgung des Thäters über die Felder hin auf, konnte aber desselben nicht habhaft werden. Bei der Ermordeten wurde ein Portemonnaie mit 4.70 Mark Inhalt gefunden, sodaß ein Raubmord nicht vorzuliegen scheint. Doch ist über das Motiv zur That augenblicklich noch nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden. Begangen ist der Mord allem Anscheine nach von einem der jetzt die Vororte und deren Umgegend in immer bedenklicherem Maße unsicher machenden vielen Strolche, da drei solche Kerls von einer auf dem Felde arbeitenden Frau nicht lange vor der That in der Nähe des Mordplatzes herumlungern gesehen worden sind, von denen der eine sich in auffallender Weise hinter den am Bahndamm entlang stehenden Heckenbüschen zu verbergen gesucht hat. Die Ermordete wurde, nachdem die Besichtigung durch die Staatsanwaltschaft stattgefunden harte, in die Schöneberger Leichenhalle geschafft und als die etwa 35jährige Ehefrau Bertha
Lange in Schöneberg ermittelt. Frau Lange ist seit mindestens fünf Jahren mit dem Malergehilfen Lange verheirathet, deren Ehe kinderlos war. Die L. betrieb schon seit längeren Jahren einen Hausirhandel mit Blousen, Schürzen rr., die sie bei einer Berliner Firma kaufte. Ihr Gatte ist schon seit längerer Zett arbeitslos und hatte sie denselben mit zu ernähren.
* lieber eine Unsitte fin de siede bringt die „Nat.-Ztg." folgende sehr zutreffende Bemerkungen: Seit längerer Zeit wird über die Rücksichtslosigkeit Klage geführt, welche von Damen geübt wird, welche sich, einer häßlichen Mode folgend, mit Patschouli, Moschus und anderen ji scharfen „wohlriechenden" Parfüms in eine Dustwolke hüllen, welche nichts weniger als angenehm ist, ja geradezu abstoßend wirkt. Besonders in geschlossenen Räumen, zu denen auch an kalten Tagen die Pferdebahnen gehören, macht sich diese Mode unangenehm bemerkbar. Man kann nicht sagen, daß die unverhohlene Mißbilligung, welche den betreffenden Damen oft ausgedrückr wird, irgendwie abschreckend gewirkt hat. Im Gegenrheil, der Unfug ist schlimmer geworden und es machen ihn merkwürdiger Weise auch vereinzelte Männer mit. Da ist es denn kein Wunder, wenn die zarte Rücksicht, welche man im Allgemeinen Modeschwächen gegenüber wallen läßt, weicht. Eine hervorragende Gesellschaft in Berlin Hat in dem Rundschreiben, in welchem die Mitglieder mit ihren Damen zu einem Feste eingeladen wurden, im Druck einen Satz hinzugefügt, dahingehend: „Die geehrten Damen werden höflichst gebeten, die Anwendung scharf riechenden Parfüms bet ihrer Toilette auszuschließen." Die absoluten Mode- fexinnen werden, so ist zu befürchten, allerdings lieber auf das Fest als auf den Moschus verzichten. Uebrigens will ein scharfer Beobachter herausgesunden haben, daß die solchergestalt parfümirten Damen meistens sehr schnell gehen. Und da er keinen anderen Grund dafür finden kann, so meint er, es geschehe, weil sie vor sich selbst davonlaufen.
* Sechs Söhne bei der Garde hat eine Besitzerfamilte in Sicmoken in Ostpreußen, Namens Ulrich. Von den sechs Brüdern haben, der „Altpr. Ztg." zufolge, vier schon vor längerer Zeit eine zwölfjährige Dienstzeit bei dem Regiment der Gardes du Corps durchgemacht. Der fünfte Sohn dient seit zwei Jahren bet demselben Regiment und der sechste seit dem letzten Herbste. Der kleinste der sechs Brüder mißt 5 Fuß 10 Zoll.
* Der Kranz des Czaren. Bei den Kränzen zu Ehren Carnots ist der Czar Sieger geblieben. Der Kranz des Czaren maß 4* 1/a Meter im Durchmesser- 12 starke Männer vermochten ihn nur mit Mühe durch das zu kleine EinfahrtS- thor des Eliseepalastes hindurchzuschaffen. Gekostet hat er 8000 Frcs., während der König von Italien „nur" 3000 Frcs., die Königin von England nur 4000 und selbst Rothschild „nur" 5500 Frcs. für seine „nur" 3 Meter im Durchmesser großen Blumenspenden ausgegeben haben sollen. Der Durchmesser von 41/2 Meter dürfte für lange Zeit der größte Kranzrecord sein.
* Politik und Haushalt. Frau Casimir Perier muß sich an das „Ziehen" gewöhnen, schreibt der „Figaro". Zum sechsten Male seit einem Jahre wechselt sie die Wohnung. Von der Rue Nitot wanderte sie in die Wohnung des Kammerpräsidenten, von hier ins Ministerium des Auswärtigen und vom Quai d'Orsay wieder in die Kammer, von wo sie jetzt ins Elysee übersiedelt.
* Der „Darmstädter Tägliche Anzeiger" bringt ein humoristisches Gedicht des bekannten Dichters in Darmstädter und Odenwälder Mundart, K. Schaffnitt, über em Mittel gegen den unleidigen Schlickser, das wie folgt lautet:
Schlickser.
Host De net so hier un do schun Als emol en „Schlickser" g'hatt? Will Der mol e Mittel sage, Wo nix kost un — sicher batt. Stellt er sich — doch u'berufe! — U'geruse Widder ein, Steckst De, links un rechts, en Finger In Dei schöne Oebr'cher ’neü.
Und dann trinkst De zwaa, drei Schlückcher Wasser, Kaffee odder Bier, Was es is! — Er is vorüwer, Js vorüwer, sag ich Dir!
Host De Niemand, der das Wasser Dir ans Meilche halte duht.
Stellst Du's vor Dich, bückst Dich runner: De Effect iS grad so gut.
Probatum est!
Feuilleton.
Wochrnbriesr aus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 13. Juli.
Vom Mufikfest. — Ein studentisches Jubiläum. — Allerlei.
Bon dem glänzenden Erfolg der großen Concerte, die während der Festtage veranstaltet wurden, ist Ihnen bereits berichtet worden. Die Darmstädter sind nicht wenig stolz daraus, daß ihr großes Fest, dessen Zustandekommen eine riesige Summe von Arbeit und Opferwilligkeit gekostet hat, nun so glänzend abgelaufen ist, und daß alle fremden Gäste voll des Lobes über das Arrangement des Festes und die Freundlichkeit, mit der sie hier willkommen geheißen wurden, aus der hessischen Metropole geschieden sind. Und das Glück war ja auch dem Feste in ungeahnter Weise günstig, nicht nur die Concerte verliefen zur vollen Befriedigung aller Hörer, auch die geselligen Vereinigungen fanden so lebhaften Zuspruch und es entwickelte sich bei Allen ein so frohes, ungebundenes Treiben, daß man selbst das manchmal beängstigende Gedränge doch schließlich gern in Kauf nahm und sich herzlich freute, daß so viele Tausende gemeinsam ein Fest begingen, das, wie schon der Herr Oberbürgermeister in seiner Begrüßungsrede am Samstag bemerkte, der Verherrlichung einer edlen Kunst geweiht war. Wir sind überzeugt, daß auch die zahlreichen Herren und Damen, die uns Gießen als treue Hilfstruppen zu den beiden Concerten gesandt hatte, diesen schönen Eindruck mit nach Hause genommen haben und gleich den anderen Festgästen stets gerne an die Festtage des 12. mittelrheinischen Musikfestes in Darmstadt zurückdenken werden. Die Comites können nach diesem glänzenden ideellen Abschluß nun wohl auch dem materiellen beruhigt entgegensehen, denn dieser dürfte sich, Dank dem riesigen Andrang, auch recht günstig gestalten, sodaß gleich dem Turnfeste im vergangenen Jahre auch das Musikfest ohne Deficit abschließen wird. Nicht vergessen sei es, auch hier noch einmal zu betonen, welch einer Riesenarbeit sich Herr Hofcapellmeister de Haan, der künstlerische Leiter des Riesenunternehmens, zu
1 entledigen hatte, und wie wohlverdient alle ihm dargebrachten I Huldigungen waren, vor Allem die Allerhöchste Auszeichnung,
I die ihm die goldene Medaille brachte. Aus Einzelheiten hier \ nochmals einzugehen, ist nach den Specialberichten ja nicht mehr nothwendrg und angebracht. Interessant war es, zu beobachten, welch' bedeutenden Einfluß das Fest auf das Verkehrsleben in den Straßen hervorgebracht hatte. Die zum Exercierplatz führenden Straßen „wimmelten" vor und nach den Hauptfestlichkeiten förmlich von Menschen. Bis tief in die Nacht hinein währte das bunte Straßengewühl und ebenso waren die Restaurants — ähnlich wie bei der Einzugsfeier des Großherzoglichen Paares — bis zu spätester Stunde dicht besetzt. Die Darmstädter Hotelbesitzer machen überhaupt in diesem Jahre vergnügte Gesichter, erst die Ein- zugsfeierlichkeiten, dann der Standesherrentag, nun das Musikfest und in den kommenden Monaten noch mehrere Fürstenbesuche — so eine günstige Saison muß jeden Gasthof, besitzer erfreuen und ebenso die Angehörigen noch eines anderen Standes, der biederen Roffelenker, die in diesen Tagen wieder einmal reiche Ernte halten durften. Wie sehr sich der Fremdenverkehr in Darmstadt in den letzten Jahren überhaupt gehoben hat, das zeigt sehr lehrreich und interessant eine officielle Mittheilung, die soeben von der Polizeibehörde herausgegeben worden ist. Danach betrug die Zahl der Fremden, die im vorigen Jahre in Darmstadt für längere oder kürzere Zeit Aufenthalt nahmen, weit über 60000.
In dem Festtrubel der vergangenen Woche blieb em schönes studentisches Fest fast unbemerkt. Das Corps „Hasst a" an der Technischen Hochschule feierte nämlich sein Jubiläumsfest des 25jährigen Bestehens. Eine festliche Umfahrt durch die Stadt und ein großer Festcommers im Saalbau, der, wie wir einem Berichte der „D. Ztg.' entnehmen, einen fröhlichen Verlauf genommen hat, endlich ein großer Ausflug in die Bergstraße bildeten das Programm zu dieser studentischen Feier, die zu anderer Zeit wohl mehr beachtet worden wäre.
Jndeß neigt sich das Sommersemester der Technischen Hochschule seinem Ende zu und bald wird die Studentenschaft durch einen großen Abschiedscommers den Semesterschlutz feiern. Vorher gedenkt allerdings noch einmal der beliebte
„Akademische Verein" in die Oeffentlichkeit zu treten und zwar mit einem Gartenfest, dessen Reinertrag dem Unterhaltungsfonds für einen schönen Darmstädter Spaziergang, den sogen. „Martinspfad", gewidmet werden soll. Im Beginn des neuen Studiensemesters wird dann gleich das neue elektrotechnische Institut eröffnet werden und damit bereits ein .Theil unseres stolzen neuen Hochschulepalastes seiner Bestimmung übergeben werden.
Nicht lange danach dürfte dann die feierliche Einweihung unserer Johanniskirche vor sich gehen. Der Bau wiro mit größtem Eifer betrieben, sodaß er jedenfalls vor Eintrittt der kalten Jahreszeit völlig vollendet sein wird.
Sonst bleibt für diesmal nicht viel zu erwähnen, das Musikfest hat das Interesse für alles Andere so sehr in den Hintergrund gedrängt, daß man sich fast um gar nichts kümmerte, was mit diesem festlichen Ereigniß nicht in unmittelbarem Zusammenhang stand.
Daß Se. Königliche Hoheit der Großherzog mit seiner jungen Gemahlin den Sommeraufenthalt in Auerbach, dessen Freuden der anhaltende Regen allerdings beeinträchtigt haben mag, verlaffen hat und nun auf Schloß Wolfsgarten, vom Wetter mehr begünstigt, residirt, ist Ihren Lesern wohl schon bekannt. Wie verlautet, wird die Hofhaltung jedoch bald wieder hierher verlegt werden.
In den allerletzten Tagen, nach Schluß des Festes, haben übrigens auch die Darmstädter schon in Schaaren Reißaus genommen und sind in die Sommerfrischen der Bergstraße und des Odenwaldes und wohl auch noch weiter geflüchtet. Die Gluthhitze der letzten Zeit läßt den Aufenthalt in frischer Waldluft allerdings recht sehr ersehnen.
Zur Ergänzung einer neulich hier gebrachten Notiz, das Fe st spiel „Gustav Adolf" betreffend, das im Herbst in Darmstadt aufgesührt werden sollte, sei heute noch mitgetheilt, daß man tiun von der Aufführung durch Dilettanten infolge des Todes deS Herrn Dr. Devrienr abgesehen hat, aber später den Plan doch noch einmal aufnehmen will, sobald man einen geeigneten Vertreter der Titelrolle gefunden hat, der auch die Einstudirung übernehmen könnte.


