Ausgabe 
14.12.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Freitag den 14. December

Amts- und Anzeiseblatt für den Areis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de« lolgenden Tag erscheinenden Nummer bi» »arm. 10 Uhr.

Nr 2S3 Zweites Blatt.

Feuilleton.

Graue Theorie.

Ein Stück Wirklichkeit.

Erzählt von Adele Hin der man».

(2. Fortsetzung.)

Auf und ab gingen wir so, immer aus und ab.

An einem Laltenzaun entlang, der einen Holzplatz um­schloß, dort war eS gänzlich menschenleir.

Plötzlich schrak sie auf.

Es hatte neun Uhr geschlagen und oben vom Thurme blieS der Wächter seinen allabendlichen Choral:W feste Burg ist unser Gott", klang es in die froststarrende Winter- lüft hinein.

vierteljährig« >lo»»rnu»Uptetit 2 Mark 20 Psg. mit Bringrrlohn.

Durch dir Post brv*»** 2 Mark 60 Psg.

fkbaction, Exp^ilw» und Druckt! .:

-chulfiratze r»r.7.

K«rnsprrcher 61.

Cocate* «nd ProVinzielles.

Sieben, den 13. December.

Bon hessischen Behörde» werden steckbrieflich verfolgt: Taglöhner Josef Amstutz aus Engelberg in der Schweiz vom Amtsgericht WormS wegen Betrugs- Barbier Adam Kloos auS Trechtlingshausen, zuletzt in Mamz, von der Staatsanwaltschaft in Mainz wegen schweren Diebstahls, Heinrich Korwall auS Georgenhausen vom Amtsgericht Darmstadt II wegen StrasvollzogS- die Dienstmagd Ida (Johannette) Probst auS Coburg, zuletzt in Mainz und Frankfurt a. M. sich aushaltend, von der Staatsanwaltschaft in Mainz wegen Diebstahls- Taglöhner Heinrich Roth auS Leiter vom Amtsgericht Offenbach wegen Diebstahls- die Dienftmagd Barbara Strobel auS Hamm vom Amtsgericht WormS wegen Diebstahls.

** Güterverkehr. Bon der preußischen Staatsbahn wird im Interesse des versendenden Publikums darauf aufmerksam gemacht, daß Güter, weiche in den letzten Tagen vor dem WethnachtSfest zur Auflieferung kommen, wegen der während der Feiertage einlretenden vollständigen Sonntagsruh.' im Güterverkehr, je nach der Aufgabezeit, entweder hier oder unterwegs, ein mehrtägiges Stilllager erleiden. 66 tnv pfiehlt sich daher sehr, die Güter, namentlich aber solche, weiche durch Frost Schaden leiden könnten, so frühzeitig als irgend möglich zum Versandt anzuliefern.

* Münzprägung. In den deutschen Münzstätten sind im November l9 926 300 Mark Doppelkronen geprägt worden. Die Gesammtausprägung an Goldmünzen betrug bis Ende November 2 309 344 480 Mark Doppelkronen, 537 402 730 Mark Kronen, 27 969 925 Mark halbe Kronen - hiervon sind wieder eingezogen 1 417 720 'Mark Doppelkrouen, 2 162200 Mark Kronen, 10 540 Mark halbe Kronen, bleiben 2871 126 735 Mark.

Seligenstadt. 10. December. Ein langwieriger Prozeß zwischen einem Alzeyer und einem hiesigen Händler

Anzeigen für denGießener Anzeiger" »ntgege«.

Reichstag vor einer schwierigen Entscheidung und man kann da nur wünschen, daß er sich sein Urtheil durch die man­cherlei spitzfindigen juristischen Anschauungen und Fragen, welche in den Zwischenfall hineinspielen, nicht trüben lasten möge.

Meßmer Anzeiger

Kmerat-Mnzeiger.

Natürlich, so enden alle Schauercomödien.

Wieder fühlte ich mich stark abgekühlt. Ich kann mir nicht helfen, aber alles, wa- ans Romanhafte streift, ernüchtert mich im Augenblick.

Den Tod suchen um eines ManneS willen.

Wenn ein intelligentes Mädchen genaSführt worden ist, so ist das wahrhaftig schon Schlappe genug- aber ,ihm auch dann noch Gelegenheit zu geben, sagen zu können:DaS arme Kind! Sie hat mich zu sehr geliebt- und weil sie ohne mich nicht leben konnte, ging fie in den Tod!"

O empörend!

Mein ganzer Stolz krümmte und wand sich bei dieser Vorstellung.

^Verehrtest», ich bin Ihnen für meine wiedergewonnene Freiheit unendlich verbunden," wobei man ihm kühl lächelnd seinen Ring zurückgibt, so ungefähr würde ich mich in solcher Lage benommen haben, das glaubte, nein, das wußte ich so gut wie bestimmt. ES mochte nicht ganz leicht sein, nun ja, zugegeben - aber wofür hat man denn schließlich seinen weiblichen Stolz?

Stolz dies Wort in Bezug auf das arme, zitternde Wesen neben mir, das von der Wucht seines Summers gänz­lich am Boden lag.

Fast neugierig glitten meine Blicke über sie hin. Nein, für Stolz hatte fie keine Kraft mehr- ebensowenig wie für Dtiquette vorhin in der Stadtbahn.

Wieder eine Theorie, die fie mir in bedenkliches Wanken brachte.

Wie kam das nur? Hatte ich in meiner kühlen West- falenart mit zu viel Willenskraft oder mit zu wenig Gefühl gerechnet ? .,, ,

Gleichviel? Wo blieb mein Unwille dieser Wirklichkeit gegenüber? r v

Um die Welt gern hätte ich ihr etwas Liebes, Tröstendes sagen, ihren Summer, wenn auch nur ein klein wenig, ltn- dcrn mögen!

DaS erste war im Mai gewesen, an einem verschwende» risch schöne« Frühling«!»,-. 68 war jene köstliche Stunde, wo die untergehende Sonne und die blaßgoldene Mondsichel am blauen Abevdhimmel miteinander wetteiferten.

Traumhafte Ruhe in der Natur.

Unser Kahn glitt lautlos die Saale hinab, die Ruder hatte ich eingezogen und wir alle lauschten mit dem Gesang einer schönen Frauenstimme, die über da- Waster

Es^war Rubinsteins herrliches Lied:ES blinkt der Thau auf den Gräsern der Nacht" u. f. w.

Mit fast athemloser Bewunderung horchten wir bis zur letzten Zeile: ,, -

wUnb fest zu glauben den thörichten Traum, daß - ewig, ewig so bliebe."

Genau in diesem Augenblick lichteten sich am rechten Ufer die alten, tief herabhängenden Bäume ein wenig und die Illustration zu dem Liede stand, wie sich'S fdjönex fei« SÜnstlerauge hätte erträumen können, vor unseren Blicken.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsche» Reich.

Berit». 12. December. Im Etat deS ReichSamtS des Innern sind für 1895/96 als Zufchuß des Reiches zu den Alters- und Invalidenrenten 15312500 Mk. (gegen 13 960000 Mk. im Vorjahre) auSgeworfen. Nach den Mittheilungen der Versicherungsanstalten über die Zahl , der bewilligten Renten, sowie nach den Ergebnifien der neuerdings im RechnungSbureau vorgenommenen Zusammen­stellungen ist anzunehmen, daß am 1. Januar 1895 ein Bestand von rund 183 400 Altersrenten und 75300 Jnva- lidenrenten vorhanden sein wird- im Lause deS JahreS 1895 werden etwa 30000 Alters- und 45000 Invalidenrenten hinzutreten und vermuthlich 18 300 Alters- und 14 500 In« valtdenrenten in Wegfall kommen. Wenn man, wie im Vor­jahre, für den Zugang an Altersrenten de» vollen ReichS- zufchuß, für den Zugang an Invalidenrenten dreiviertel deffelben und endlich für die in Wegfall kommenden Renten die Hälfte in Ansatz bringt, so wird sich der Zuschuß des Reiches zu den Altersrenten auf 10212500 Mk., zu den Invalidenrenten auf 5 090000 Mk. stellen. Die Belastung des Reiches aus den auf die Dauer militärischer Dienst­leistungen entfallenden Rcntenantheilen fällt nicht wesentlich inS Gewicht. Nach den bisherigen Ersahrungen werden 10000 Mk. auch im Jahre 1895 nicht überschritten werden.

Berlin, 18. December. Die MajestätSbeleidi- gungsas faire, in welche sich die Herren Singer, Lieb- knecht u. s. w. verwickelt sehen, steht augenblicklich im eigent­lichen Mittelpunkte teS Tagesinteresies. Man ist gespannt, wie die Entscheidung deS Reichstages in dieser so plötzlich entstandenen Frage ausfallen, ob er die Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung der betreffenden Abgeordneten er- , theilen wird, oder nicht. Der Reichstag befindet sich hierin j offenbar in einer schwierigen Lage. Einmal muß er mit der entrüsteten Stimmung rechnen, welche im Reichstage selbst wie im Lande durch die Demonstration der sozialistischen Ab' - geordneten hervorgerufen worden ist. Aber anderseits han­delt es sich in der ganzen Sache um wichtige Prinzipien- fragen, und um Entschlüffe, die sich in ihrer letzten Conse­quenz leicht gegen das Parlament selbst richten könnten. Auch hat ja der Kaiser erklärt, er betrachte das Verholten der Sozialisten bei der erwähnten Gelegenheit als nicht gegen ihn, den Kaiser, Persönlich gerichtet. Jedenfalls steht der

Der 4U6e«ct *«|dfl«t erscheint täglich, sU Ausnahme bt» Montag».

Die Gießener A«»lkie«btL11er »erden dem Anzeiger »tchentlich dreimal deigetegl.

DaS kühle Westsalenblut wurde ganz warm in innigem 9 Meine Arme umschloffen herzlich ihre zierliche Gestalt. ,@te armes, liebes, kleines Ding, wie hat man Ihne» mitgespielt I"

Sie richtete fich auf.

Kleines Ding." murmelte sie halblaut,gerade wie Bernd immer sagte in letzter Zeit, aber eS klang bei ihm so von oben herab." _

Ich horchte auf. Bernd, der Name war nicht häufig cand phil. sollte eS Lotthausen

Kein Zweifel! Wie Schuppen fiel eS mir von de» Augen, nun wußte ich auch, welche vage Erinnerung mir vorhin vorgeschwebt hatte.

Und noch ein anderes Bild wurde in meinem Ge- dächtniß wach.

Wir lauschten beide.

Zum letzten Male für mich diese lieben «länge. Die i weit war ich morgen!

Es ist ein eigen Wort:3um letzten Male!" Ich muhte doch die Zähne zusammenbeißeu.

Mit einem plötzlichen Impuls wandte ick mich zu meiner Begleiterin und sagte herzlich:

Thun Sie, waS Sie wollen, ich kann Sie nicht daran hindern - aber es erleichtert Sie vielleicht, sprechen Sie fich auS. Ich weiß nicht und frage auch nicht, wer Die find, uud Außerdem morgen früh reise ich ab, für immer wahr­scheinlich- wollen Sie?"

Sie nickte, brachte aber kein Wort hervor. I

,Haben Sie kein Vertrauen zu mir?" .

*Doch, ich willS Ihnen sagen, alles."

Stoßweise kam die Antwort heraus, und ebenso, in fast unzusammenhängenden Sätzen, erzählte fie mir nnn ihren Kummer.

Die alte Geschichte, ich hätte eS mir denken können: Unglückliche Liebe!

h<6xm, cand. phil., hatte fich im Mai mit ihr verlobt, heimlich zunächst. Beide waren sehr glücklich gewesen, um so mehr, als auch ihre Mutter freudig ihre Einwilligung gegeben hatte. Seit einiger Zeit war eine ganz leise Ent- '

fremduug eingetreten, und heute, nun, da hatte sie den g^ nugsam bekannten Brief erhalten, in dem so Vieles steht, doch der Andere hört von Allem nur dasNein".

Und nun wollte fie in« Waffer gehen.

Alle Annoncen-Bureanx dkS In- und AuSlandc» nehme»

Hralisöerkage: Gießener Kamikienölatter.

ist gegenwärtig am OberlandeSgericht zu Coblenz anhängig. Vor zwei Jahren verlauste der Alzeyer Händler auf dem Pserdemarkt zu Kreuznach dem hiesigen HandelSmanni t» Ackerpferd unter Garantie der absoluten Zugfestigkeit. Diese Eigenschaft wird indeffen von dem Käufer bestritten. Beide durch Rechtsanwälte vertretene Parteien suchen für ihre Be- hauptungen den Wahrheitsbeweis zu erbringen. DaS seit zwei Jahren hier verpflegte Pferd wurde auf gerichtliche Au- ordnung am F-.llag für 610 Mk. hl« »erfteffltrt Da« Ende deS Prozesse-, der schon mehrere Tausend Mark Kosten verursachte, ist vorerst nicht abzusehen.

Die Laniöre eines hufare» Offizier-. Ein früherer Major der Zielen Husaren hatte sich am Freitag vor er Strafkammer in Berlin wegen Betruges in zehn Fälle» zu verantworten. Der Major a. D. August Geniol hat im Jahre 1890 eine Reihe von Geschäftsleuten um im Ganzen 9000 Mk. betrogen. Im Termin am Freitag ge- stand er in augenscheinlich tiesster Zerknirschung die Straf- thaten ein. Er sei bis zum 1. Mai 1890 Major bei d n Zieten-Husaren in Rathenow gewesen, habe dann aber Schulden halber seinen Abschied nehmen müssen. Ec sei nebst Frau und drei erwachsenen Töchtern auf die Pension angewiesen gewesen. Seine Frau habe zwar ein Vermögen von 80 000 Mark in die Ehe gebracht, durch ihre verschwenderische Wirth schastssührung und durch den Umstand, daß er während seiner Dienstzeit nicht weniger a!S 14 Mal versetzt worden, sei nicht nur das ganze Vermögen draus Segangen.sonderner habe noch eine Schuldenlast von etwa 25,000 Mk. gehabt. Seine Angehörigen hätten sich auch nach seinem Dienstau»- tritte nicht elnfchränken wollen und besonder- seine Ehesran habe ihn fortwährend gedrängt, Geld zu schaffen. Zu da­maliger Zeit sei eine seiner Töchter mit einem Hauptmann verlobt gewesen, er habe nicht gewußt, wo er die Aussteuer hernehmen solle. Voller Verzweiflung sei er in Berlin von einem Geldgeber zum anderen gefahren, er habe aber tei» Darlehen austreiben können. Seine trüben ehelichen und wirthschaftlichen Verhältniffe hätten ihn ^on früher zum Morphium greifen lassen und dies gefährliche Mittel möge wohl einen Thetl der Schuld daran haben, daß er nach uns nach den mo.allfchen Halt verlor. In einem Cigarrenladen 1 habe er eine- TageS die Bekanntschaft des Agenten Stein-