1894
Mittwoch den 14. November
Erstes Blatt.
287
Gießener Anzeig er
Keneral-Anzeiger.
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Die Gießener A-amikiendtäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Der tzießener -ozeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Amts- und Anzeigeblatt för den "Kreis Gieren.
Hratisöeikage: Hießener Kamilienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr.
Alle Annoncm-Bureaux de- In« und Au-lande- nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 13. November 1894.
Betr.: Die Einlieferung der Sterbfallanzeigen von September October 1894.
Das
Grotzh. Kreis-Gesundheitsamt Gießen erinnert die Großh. Bürgermeistereien Albach, Beltershain, Bersrod, Birklar, Burkhardsfelden, Harbach, Holzheim, Hungen, Keffelbach, Lang Göns, Leihgestern, Odenhausen, Rabertshausen, Rödgen, Nüddingshausen und Steinbach an die umgehende Einsendung der rubr. Sterbzählkarten und Todes- zeugnisse. .
Dr. Follenrus.
Bekanntmachung.
Einem Ersuchen des Ersten Staatsanwaltes zu Breslau entsprechend wird Folgendes hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, den 12. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Raubmord.
Am Dienstag, den 6. November d. I., Vormittags zwischen 8 und 11 Uhr, ist die unverehelichte Elisabeth Groß in ihrer im 1. Stock des Hauses Kätzelohe Nr. 20/22 Hierselbst belegenen Wohnung ermordet und ihrer zahlreichen, unten näher bezeichneten Schmuckgegenstände im Gesammt- werthe von mehreren lausend Mark, sowie ihrer Baarmittel von einigen hundert Mark beraubt wurden.
Der flüchtige unbekannte Mörder hatte sich bereits am Sonntag und Montag, am 4. und 5. dieses Monats, in die Wohnung der Groß begeben, die Letztere aber zu Hause nicht angetroffen. Am Dienstag, den 6. d. Mts., kurz nach 8 Uhr Vormittags, fand er sich abermals bei der Groß ein und wurde von dieser mit „Fasse!" angeredet.
Der Thäter trug rothbraune Handschuhe mit dicken schwarzen Raupen, spricht Berliner Dialekt, steht im Alter von 25 bis 30 Jahren, hat kurzes, dunkelblondes Haupthaar und einen etwas helleren Schnurrbart. Seine Kleidung bestand in dunkler Hose, hellbraunem Ueberzieher und einem weichen, dunklen Hut. Die Groß nannte den Fasse! ihrer Aufwärterin gegenüber „ihren alten Liebsten".
Nach der Auskunft der vernommenen Zeugen paßt die vom Mörder gegebene Beschreibung auf einen früheren Chemiker, jetzigen Reisenden der Messerbranche, welcher mit der Groß früher und insbesondere auch in der Zeit vom 8. bis 18. Dezember 1893 in Verkehr gestanden hat.
Die Königliche Regierung Hierselbst sichert Demjenigen, welcher den flüchtigen Mörder ergreift und an die Behörde abliefert, oder den Aufenthaltsort desselben so anzugeben im Stande ist, daß die Verhaftung und Einlieferung er-
'Belohnung zu.
Br.eSlau, den 7. November 1894.
Der erste Staatsanwalt, von Rosenberg.
Verzeichnis der gestohlenen Schmuckgegenstände.
1. Ein Paar Ohrringe mit weißen Perlen und Brillanten besetzt.
2. Ein Paar Ohrringe mit den ad 1 bezeichneten verbunden, Werth cc. 500 Mark.
3. Eine Türkisenbroche, Werth 50 Mark.
4. Sieben goldene Armbänder, meist in Kettenform, eins in Steigebügelform.
5. Eine Broche, Kleeblattform mit Brillanten, sehr «erthvoll.
6. Eine längliche Broche mit Perlen.
7. Eine Hutnadel von Gold.
8. Ein Medaillon in Herzform mit Perlen ausgelegt.
9. Eine schwere goldene Halskette.
10. Ein goldenes Armband mit Uhr, Werth 500 Mark.
11. Eine goldene Damenuhr.
12. Eine goldene Herren-Uhr kette.
13. Ein Fingerring mit Türkisen besetzt, ebenso mit Brillanten, Werth 500 Mark.
14. Ein Ring mit 2 Brillanten, Werth 500 Mark.
15. Mehrere kleinere Ringe im Gesammtwerthe von , 2—300 Mark.
16. Ein Paar große Corallen-Ohrringe.____________
Deutscher Reich.
Berlin, 12. November. Der Wechsel im preußischen LandwirthschaftSministerium ist nunmehr durch die betreffende Mittheilung des „Reichs- und Staatsanzeigers" osficiell besiegelt worden. Entsprechend der hierüber zuletzt allgemein gehegten Annahme hat der seitherige Landes- director von Hannover, Frhr. v. Hammerstein-Loxten, den zurückgetretenen Herrn v. Heyden-Cadow abgelöst. Wenn man diese Veränderung lediglich nach der politischen Vergangenheit des neuen Landwirthschaftsministers beurtheilcn wollte, so müßte man sie gleichwie die Berufung des Herrn v. Köller an die Spitze des preußischen Ministeriums des Innern als ein bemerkenswerthes Zugeständniß nach rechts erachten. Denn Frhr. v. Hammerstein-Loxten hat sich in seinem bisherigen politischen Auftreten ebenso als ein entschiedener Parteigänger der Rechten zu erkennen gegeben, als dies früher wenigstens von seinem jetzigen Collegen im Ressort des Innern gelten durfte, im Speciellen war Herr v. Hammerstein ein energischer Verfechter der Forderungen des Bundes der Landwirthe. Aber vielleicht wird er als Minister in seinen politischen Anschauungen „einen Pflock zurückstecken", und dasselbe wird vermuthlich auch Herr von Köller thun, von der verantwortlichen Höhe eines Ministeramtes aus pflegt man die Dinge einigermaßen anders zu beurtheilcn, als unter dem begrenzten Gesichtspunkte eines bloßen Parteimannes. Jedenfalls sind die Schlüsse, welche hie und da aus den neuesten Personalveränderungen in den Berliner Regierun^sämtern auf einen hochconservativen Gang in der Politik des „neuesten Curses" gezogen werden, I als zunächst sehr verfrüht zu bezeichnen, einer solchen Annahme würden schon die vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten Fürsten Hohenlohe in seinen früheren Wirkungskreisen vertretenen politischen Grundsätze widersprechen.
— Noch immer ungelöst ist die Frage der Neubesetzung des preußischen Justizministeriums. Eine neuerliche Version will wissen, der Cultusminister Dr. Bosse sei zum Nachfolger des Herrn v. Schelling ausersehen, an Stelle Bosses werde wahrscheinlich der Director I im Cultuöministerium, Dr. Kügler, zum Cultusminister ernannt werden. Im Uebrigen scheinen die Gerüchte über die drastischen Vorgänge bei der Demission des Justizministers nicht ganz unbegründet zu sein, um so bemerkens- werther ist die philosophische Ruhe, mit der Herr v. Schelling als würdiger Nachkomme des großen Philosophen sein Schicksal trägt. Dasselbe kann sreilich vom Geh. Legattonsrath Göhring, dem Chef der Reichskanzlei, der sich ja in einer ähnlichen fatalen Situation befindet, weniger gelten. Herr Göhring soll in der That entschlossen sein, Alles zu thun, um sich auf seinem Posten zu behaupten, er wird aber schließlich doch wohl definitiv gehen müssen. Einstweilen leitet die Geschäfte der Reichskanzlei provisorisch Herr von Wil^mowSky, der Sohn des Chefs des Civilcabinets Kaiser Wilhelms I.
— Die Vorlage über die Bekämpfung der Um- fturzbestrebungen soll, sobald sie die Zusttmmung des Bundesraths gefunden haben wird, im Wortlaute zur amtlichen Veröffentlichung gelangen. Ossiciös wird bestätigt, daß es sich bei der Vorlage um die Abänderung folgender Paragraphen des Strafgesetzbuches handele: §§ HO, 116 (Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und zum Begehen strafbarer Handlungen), § 126 (Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung eines Verbrechens), § 129 (Verbotene Verbindung), § 130 (Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen), § 131 (Verächtlichmachung von Staats- Einrichtungen).
rieucftc Nachrichten.
WolffS telegraphische« Eorrespondarr-Brrresu.
Berlin, 12. November. In der Abendfitzung der Generalsynode theilte der Vorsitzende ein Telegramm des Kaisers mit, das folgendermaßen lautet: „Die Meldung von der einmüthigen Annahme der Agendenvorlage hat mich mit Freude und Dank erfüllt. Ich hoffe zu Gott, daß die Agende durch freiwillige Aneignung der Gemeinden zur Festigung deS theuren evangelischen Glaubens und reicherer tieferer Erbauung der Gemeinden dienen werde. Das walte Gott!"
Berlin, 12. November. Wie die „Post" vernimmt, dürfe die anderweitige Besetzung deS JustizminiftetiumS
als nahe bevorstehend betrachtet werden. Es heiße, daß die Verhandlungen mit dem Präsidenten des OberlandeSgerichtS in Celle, Schoenstedt, zum erwünschten Resultate geführt hätten. .
Berlin, 12. November. Eine größere Anzahl Mitglieder der Generalsynode waren heute zur kaiserlichen Früh- stückStafel geladen.
München, 12. November. Der Rei chSkanzler empfing hier auch den Vorsitzenden deS Vereins deutscher ZeitungS- Verleger, Dr. Georg Hirth, und stellte ihm eine Audienz für den Gesammtvorstand in Berlin in AuSficht. Das Blatt hebt die Gefahren des projectirten ZeitungStarifS deS Reichs- Postamts hervor. m r n
Straßburg, 12. Povember. Die „Straßburger Post meldet: Rector und Senat der Straßburger Universität erließen an den Reichskanzler eine in wärmsten Ausdrücken gehaltene Dankadresse für sein Wirken als Statthalter. Die philosophische Facultät ernannte den Reichskanzler zum Ehrendoctor.
Loudon, 12. November. Nach einem von den Blattern veröffentlichten Telegramm (der „Central News") aus Shanghai vom 12. November wird aus Tschifu gemeldet, daß Port Arthur gestern früh von den Japanern genommen worden ist. Als die Japaner nach einem Bom- bardement stürmten, legten die Chinesen die Waffen nieder und ergaben sich. Wie verlautet, hat der chinesische General mit dem Generalstabe und anderen Oberoffizieren die FortS in der Nacht vom 6. November verlassen und sich auf einem Aviso und einem Dampfer gerettet.
HelfiugforS, 12. November. Der Erlaß des Kaiser« an das finnländische Volk ist Livadia, 6. d. MtS., datirt und lautet: Seitdem wir nach Gottes Fügung in den ererbten Besitz des Großsürstenthums Finnland gekommen, wollen wir auch fürderhin die Religion und Grundgesetze deS Landes bestätigen, sowie die Rechte und Privilegien, die jeder Stand und die Einwohner insgesammt, hohe und niedrige, des genannten GroßfürstenthumS laut Verfassung dieses Landes bisher genossen, indem wir versprechen, alle diese Vorrechte und Verfassungen fest und unverrückt in Kraft und Werth zu erhalten.
Washington, 12. November. Der amerikanische Gesandte in Tokio übermittelte der japanischen Regierung eine Depesche deS StaatssecretärS Greshain, in der ausgeführt wird, daß, wenn Japan sich dem Ersuchen Chinas um die Vermittelung ClevelandS anschlösse, dieser bereit wäre, seine guten Dienste zur Verfügung zu stellen.
Tanger, 12. November. Der deutsche Staatsangehörige Franz Neumann wurde 4 Kilometer von Casablanca von Eingeborenen am 6. d. M Abends erschossen und beraubt. Der deutsche Gesandte dahier erhielt Befehl, sich sofort nach Fez zu begeben und von der Regierung deS Sultans Genug- thuung zu fordern.
Depeschen deS Bureau »Herold*
Berlin, 12. November. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Nachdem die zwischen den Vertretern des Reiches und den Bundesregierungen eingeleiteten Besprechungen über Vorichläge der Börsenenquetecommission beendigt find, hat die Ausarbeitung des Gesetzentwurfs betr. Reform deS Börsen- wesens, begonnen. Der Gesetzentwurf wird demnächst dem Bundesrath vorgelegt. — Nach der „Staatsbürgerzeitung haben nunmehr auch die norddeutschen Antisemtten beschlossen, der in Eisenach gebildeten deutsch-socialen Reformpartei bet« iUtret$etlin, 12. November. In Hofkreisen verlautet, daß der Kronprinz von Italien auf der Rückreise von Petersburg nach Florenz dem Kaiserhofe in Berlin einen Besuch abftatten werde.
Kafiel, 12. November. Ein Gesetzentwurf über die Einführung der Grundbuchordnung in der Provinz Hessen-Nassau und Frankfurt a. M. liegt dem Provinziallandtag vor.
Kol«, 12. November. Wie die „Köln. Ztg. auS Petersburg meldet, findet nach neuerer Verständigung die Beisetzung des Kaisers Alexander endgilttg am 20. d. M. statt- ferner gilt eS als ausgemacht, daß Czar Nicolaus seine Trauung mit der Prinzessin Alix gleich nach den Trauerfeierlichkeiten vollziehen werde und nicht erst, wie früher festgesetzt worden, in drei Monaten, sondern spätestens bis zum 26. d. M.
Wie«, 12. November. In der gestrigen Versammlung der Schuhmachergehilfen kam eS zu einer argen Schlägerei zwischen den Socialdemokraten und den Christlich- , Socialen- mehrere Personen wurden dabei schwer verwundet-


