Ausgabe 
14.9.1894 Erstes Blatt
 
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1894

Freitag den 14. September

Erstes Blatt.

Nr. 215

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Aints- und Anzeigsblatt für den Nreis Gieren.

Hratisöeitage: Hießener Kamitrenötätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den hkgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Paris, 12. September. Aus Buenos-Ayres wird gerücht­weise gemeldet, die brasilianischen Monarchisten be-

Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für dmGießener Anzeiger" entgegen.

reiteten einen Ausstand vor.

Deutsche» Reich.

Berlin, 12. September. Die Zeitungspolemik anläßlich der Rede des Kaisers in Königsberg gebt noch in lebhaftem Tempo weiter. Namentlich wird in den Blättern jetzt die Frage erörtert, ob und in wie weit die Mahnworte j deS Kaisers an die ostpreußischen Conservativen einen Um- schwung in der bisherigen oppositionellen Haltung der ex­tremen Rechten zur Folge haben würden. Es scheint nun, daß eine solche Schwenkung noch auf sich warten lassen werde, denn in den maßgebenden Preßorgantn der Rechten wiegen zunächst die Stimmen vor, welche fordern, daß die Conser­vativen und die ihnen gesinnungsverwandten Elemente trotz aller schuldigen Loyalität gegenüber dem erlauchten Träger der Krone in ihrer bisherigen politischen Stellungnahme ver- harren müßten. Sollten die BesÜrworter des Festhaltens an einer solchen oppositionellen Taktik der Rechten mit ihren Anschauungen durchdringen, dann könnte der herannahende parlamentarische Winter allerdings mancherlei imeresiante Überraschungen bringen.

Die Uebersührung des Reichstags-Inven­tars noch dem neuen Gebäude am Königsp'.atz hat bereits begonnen. Der Anfang ist mir dem Archiv gemacht worden, das seinen Platz in einem großen nach der Sommer- und Dororheenstraße zu gelegenen Eckzimmer des Untergeschosies und den darunter befindlichen Räumen erhält.

Ausland.

Die Franzosen rüsten sich bereits zu dem neuen Kriege auf Madagascar, d.r am Horizonte der fran­zösischen Colonialpolitik allerdings schon längst in Sicht ge­kommen ist. Zunächst sind vier Kriegsschiffe zur Verstärkung des französischen Geschwaders im Indischen Ocean in den Gewäsiern von Madagascar bestimmt worden. Doch ist in den leitenden Pariser Kreisen bereits auch eine förmliche Expedition nach Madagascar beschlosien worden, für den Fall, daß der als Unterhändler der französischen Regierung nach Madagascar entsandte Deputirte Le Myre de Bilers mit seiner Aufgabe, die dortige Hovas-Regierung zur An­erkennung der von Frankreich erhobenen Ansprüche zu veran­lassen, scheitern sollte. Es würden alsdann unverzüglich zwei Brigaden unter dem Oberbefehle des Generals Borgnis nach Madagascar abgehen. Bis jetzt hat die Welt noch immer auf das Manifest vergeblich gewartet, durch welches der älteste Sohn des verstorbenen Grafen von Paris, der Herzog von Orleans, sein Prätendententhum für den französischen Thron offiziell anzukündigen gedenkt. Doch soll nach neueren Meldungen das Manifest des neuen Präten­denten alsbald nach der Beisetzung des Grafen von Paris erscheinen. Ueber die eigentliche Ursache des Todes des bis­herigen Hauptes der Orleans ist bis jetzt noch keine authen- thische Erklärung in die Oeffentlichkeit gedrungen, doch ist die Annahme ziemlich allgemein, daß der Graf von Paris an Darmkrebs gestorben sei.

Der in dem österreichischen Seebade Abbazia weilende russische Finanzmiuister Witte Hal in einer Unter­redung mit einem von ihm empfangenen Mitarbeiter der Neuen Fr. Pr." erklärt, daß nach seiner Meinung die Lage Europas seit 1870 noch niemals so beruhigend gewesen sei, wie jetzt. Im Speziellen betonte der Minister, daß Rußland Bulgariens wegen nichts unternehmen und keinen Krieg führen würde.

Neueste

Wolffs teleflrapötidae« Corresvondenz-Bureau.

Königsberg, 12. September. Der Prinzregent von Braunschweig, der gestern Abend Fieber hatte, ist heute bester, hütet aber noch das Bett. Wenn die Besterung anhält, wird er morgen die Rückreise antreten. Der König von Württemberg ist von Braunsberg abgereift.

Schlobitteu, 12. September. Bei dem heutigen M a - növer rückte daS Cavalleriecorps unter dem Befehl des Kaisers bis Sonnenberg vor und überschritt den Baudefluß bei Althof, westlich aufmarschirend. Als das erste Armee- corpS, durch lebhaftes Gefecht gezwungen, zurückgehen wollte, verlegte ihm das Cavalleriecorps den Weg, indem es dem­selben in den Rücken fiel und es durch eine glänzende Attacke theilweise gefechtsunfähig machte. Damit hatte das Manöver sein Ende erreicht. Der Kaiser versammelte hierauf die Offiziere beider Armeecorps zur Kritik und verkündete zahl­reiche Beförderungen und Auszeichnungen.' Auf dem Manöver­felde fand dann Parademarsch, die Cavallerie im Galopp, statt. Der Kaiser kehrte alsdann um 5V2 Uhr nach dem Schloß zurück. Die Kaiserin wohnte dem Manöver bei; auch

der Herzog Albrecht von Württemberg war zugegen. Der König von Württemberg trat mit dem Herzog Albrecht um 1 Uhr Nachmittags von Braunsberg die Rück­reise nach Stuttgart an.

Karlsruhe, 12. September. Der vierte Verbandstag deutscher und österreichischer Eisenbahnbeamtenvereine findet hier vom 14. bis 16. September statt.

Loudon, 12. September. Der Sonderzug mit dem Sarge des Grafen von Paris und mit den Leidtragenden traf von Buckingham kurz nach Mittag in Weybridge ein, woselbst die Beisetzung erfolgte. Don Stowehouse bis Buckingham folgten die Prinzen einen Theil der Strecke zu Fuß, die Gräfin von Paris, die Königin von Portugal, die Prinzessinnen Helena von Orleans und Waldemar von Däne­mark und Andere zu Wagen. In Buckingham waren beim Passiren des Leichenzuges viele Läden geschlosten.

Loudon, 12.September. Der Herzog von Orleans empfing heute Nachmittag im Grosvenor-Hotel eine sehr große Anzahl Franzosen und äußerte, ihre Anwesenheit sei ein Beweis sür das treue Festhalten an dem Princip der tradi« Honellen nationalen Monarchie, deren Vertreter er sei und deren Erbschaft ihm sein Vater übermittelt habe. Er sei sich der Rechte bewußt, die die Erbschaft ihm zugestehe und der Pflichten, die sie ihm Frankreich gegenüber auferlege.Ge­leitet durch das herrliche Vorbild meines Vaters, gekräftigt durch Ihre Mitwirkung und diejenigen abwesenden Freunde, die mir bereits aus allen Theilen Frankreichs Ergebenheits­kundgebungen zukommen ließen, werde ich ohne Schwäche die Mission erfüllen, die mir obliegt." Der Herzog fügte hinzu, er werde seine ganze Energie für die Ersüllung seiner Pflichten aufwenden.

Depescheo be6 Buremi -Herold".

Berlin, 12. September. DerReichsanzeiger" veröffent- licht die Abberufung des Grafen von der Goltz vom Gesandtenposten in Oldenburg behufs anderweitiger dienstlicher Verwendung.

Berlin, 12. September. Heute Nachmittag fand unter Betheiligung mehrerer Minister, zahlreicher Professoren, mehrerer Stadtverordneter, sowie der Corporationen der Studentenschaft die Beerdigung des Professors Helmholtz statt. .Der Kaiser hatte zur Trauerfeier den Geheimrath Lucanus, die Kaiserin Friedrich den General Pfuhlstein entsandt. Der Kaiser und die Kaiserin Friedrich ließen prachtvolle Kränze am Sarge niederlegen.

Berlin, 12. September. Aus Schlobitteu wird berichtet: Heute Morgen begab sich der Kaiser in das Manöver­gelände, von wo er Abends nach Schlobitten zurückkehrt. 9 Uhr Abends reift der Monarch nach Swinemünde ab. Die Kaiserin tritt heute Abend 8 Uhr 40 Minuten von Königsberg die Rückreise nach dem Neuen Palais bei Potsdam an.

Berlin, 12. September. Entgegen der durch ein bou- langistisches Abendblatt in Paris verbreiteten Nachricht von der Abberufung des hiesigen französischen Botschafters ist das Berl. Tgbl." in der Lage, mitzutheilen, daß Herr Herbette in Begleitung seiner Familie Anfang November von seinem Urlaub auf seinen Posten zurückkehren wird.

Oppeln, 12. September. Der Regierungspräsident ordnete eine vollständige Grenzsperre gegen Rußland wegen Gefahr der Choleraeinschleppung an. Die russischen und galizischen Arbeiter wurden ausgewiesen.

Wiesbaden, 12. September. Heute fand hier die ordent­liche Jahresversammlung des Vereins deutscher Eisengießer statt. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Tenge aus Detmold, eröffnete, wie derWiesb. Gen.-Auz." mittheilt, die zahlreich besuchte Versammlung, Herr Scheeren­berg-Elberfeld erstattete den Jahresbericht, Dr. Beck-Rhein- hülte bei Biebrich hielt einen mit Begeisterung aufgenommenen Vortrag:Geschichtliches über Eisenguß." Aus Anlaß der mit der Versammlung verbundenen 25jährigen Jubelfeier wurde dem ersten Vorsitzenden des Vereins, Herrn Tenge, ein silberner Tafelaufsatz als Ehrengeschenk überreicht. Nach­mittags fand eine zweite Sitzung statt.

Wien, 12. September. In Tar nopol wurden wegen Geheimbündelei, Hochverrath und Majestätsbeleidigung 21 Hörer und Lehrer des dortigen Seminars verhaftet.

Sofia, 12. September. Die Wahlagitation gewinnt im ganzen Lande große Dimensionen. Die conservativen und liberalen Wahlcandidaten stehen sich friedlich gegenüber. D>e Aussichten der Russophilen sind günstige, besonders in Süd­bulgarien, wo die Russenfreunde mit bedeutenden Geldmitteln arbeiten. Daß bei den Wahlen ernste Unruhen zu befürchten sind, gilt als sehr wahrscheinlich.

Paris, 12. September. ' Nach demMatin" hat Graf d'HaussonVille, der bisherige Leiter der orleanisttschen Partei und Vertrauensmann des verstorbenen Grasen von Paris, sofort nach dem Tode des Letzteren seine Entlassung gegeben. Sie wurde vom Herzog von Orleans, der die Parteileitung mit Unterstützung eines Beiraths aus jüngeren Elementen selbst in die Hände zu nehmen wünscht, auch ge­nehmigt.

Paris, 12. September. Zum Wortführer der socialiftischen Interpellation betreffend daS Eisen­bahnunglück beiAMh wurde Camille Pellatan gewählt.

Brüffel, 12. September. Die Presse spricht sich energisch gegen das Vvrhaben des Directors des Hypodroms, auf der Antwerpener Ausstellung Stiergefechte zu ver­anstalten, aus.

Loudon, 12. September. Aus Shanghai wird ge­meldet, zwischen Japan und Korea sei am 26. August in Söul ein Vertrag abgeschlossen worden, welcher den Zweck habe, Korea völlige Unabhängigkeit zu verschaffen, die In­teressen Japans und Koreas gemeinsam zu vertheidigen und die chinesischen Truppen aus Korea auszutreiben. Japan Übernimmt nach diesem Vertrage die ganze Last der mili­tärischen Operationen gegen China, sowohl der offensiven, als auch der defensiven. Dagegen wird Korea seinerseits den japanischen Truppen alle nur möglichen Erleichterungen ver­schaffen. Der Vertrag bleibt bis zur Beendigung des japanisch- chinesischen Krieges bestehen.

Loudon, 12. September. Wie aus Tientsin gemeldet wird, herrscht dort vollständiger T e r r o i s m u s. Die Soldaten und ein Theil der Einwohnerschaft befinden sich \xn Aufruhr. Alle Ordnung ist aufgehoben und die Kaufläden werden von wilden Soldatenhorden gestürmt und geplündert. ZahlrMe Häuser stehen völlig leer, da die Bewohner vor dem Ge- tümmel in der Stadt geflüchtet sind. Aller Handel liegt darnieder.

Tunis, 12. September. Seit gestern sind in der Nähe von Bone an fünf verschiedenen Stellen gleichzeitig ungeheure Waldbrände ausgebrochen. In Bone herrscht eine solche Hitze, daß Menschen und Vieh fast ersticken. Die Hitze wird bis nach Tunis gefühlt, wohin der Wind große Rauchwolken mitbringt. Nach neueren Meldungen ist der Wald- brand bci Bone gelöscht.

Cocdk« »«6 Prsvrintelle,

Gießen, den 13. September 1894.

* Vor Uebergabe der Fahneu au die vierten Bataillone, die gestern Vormittag bei Nieder-Ram st adt in Gegen­wart Seiner Königlichen Hoheit des Großberzogs, sowie der gesammten Generalität der Großh. Hess. Division statt« fand, verlas der Divisions - Commandeur Generallieutenant v. Bülow folgenden Tagesbefehl:

Am heutigen Tage, als dem Geburtstage Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des ruhmvollen Führers der Großherzoglichen Division während einer langen Reihe von Jahren, besonders in dem ewig denkwürdigen glorreichen Feldzuge von 187071, verleihe Ich, im Einverständniß mtt Seiner Majestät dem Kaiser und König, unserem Allerhöchsten Kriegsherrn, den vierten Bataillonen Meiner Infanterie-Regi­menter neue Fahnen.

Indem Ich Euch, Soldaten der vierten Bataillone, dre neuen Feldzeichen übergebe, lebe Ich in der gegründeten Hoffnung, daß Ihr jetzt und in Zukunft in der Uebuug aller militärischen Tugenden den Kameraden der alten Bataillone es gleich thut. Treue, Gehorsam, Tapferkeit und Gottesfurcht sind die wesentlichsten Eigenschaften eines guten Soldaten. Lebt ihnen nach, dann werdet Ihr auch in den schwierigsten Lagen die Ehre Eurer Fahnen fleckenlos erhalten.

Der Wahlspruch Meines HauseS:Gott, Ehre, Vater­land" ist angebracht auf den flatternden Tüchern Eurer Fahnen. Laßt den altehrwürdigen Spruch den Leitstern Eueres Lebens sein, so werdet Ihr für alle Zeit im Kriege und Frieden auf dem Wege der Ehre und des Ruhmes verbleiben

Darmstadt, den 12. September 1894.

Ernst Ludwig.

Nach Verlesung des Tagesbefehls brachte der Divisions- Commandeur ein Hurrah auf Seine Königliche Hoheit aus, in das die Truppen begeistert einstimmten.