1894
Dienstag den 14. August
Erstes Blatt.
Nr. 188
' Biertkljahrigtr
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen
Gratisbeilage: Gießener Jamilienbtätter.
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Gießener Anzeiger s
General-Anzeiger.
Aiirtlicher Tbeil.
Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat mit Rücksicht auf den Stand der Ernte und der Weinberge bestimmt, daß mit dem 20. l. Mts. die Jagd auf Feldhühner und Wachteln im ganzen Großherzogthum, mit Ausnahme der Keife Alsfeld, Lauterbach und Schotten, in welchem die Heegzeit mit dem 31. d. Mts. endigt, eröffnet fei.
Gießen, am 13. August 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Wies eck, am 12. August 1894. Betreffend: Conferenz auf dem Schiffenberg.
Der Grotzherzogliche evangelische Dekan des Dekanats Gießen
an die verehrlichen Pfarrfamilien der Dekanate Gießen, Grünberg und Hungen.
Zu der Montag den 20. August, Nachmittags, auf dem Schiffenberg ftattfindenden Familienconferenz, zu der Herr Prälat D. Habicht kommen will und auch die verehrten pen- sionirten, in Gießen wohnenden Geistlichen, sowie die Pfarr- wittwen nebst Angehörigen zu erscheinen freundlich gebeten werden, lade ich hiermit herzlichst ein.
Wahl.
SroßhetMliche MndenauliM ?u Friedberg.
Betreffend: Die Annahme einer Haushälterin.
Mit dem 1. October d. Js. soll -eine Person gesetzten Alters gegen eine baare Vergütung von 300 Mark jährlich und freie Station, an der Großherzoglichen Blindenanstalt zu Friedberg als Haushälterin Verwendung finden.
Bewerbungen find, unter Beischluß von Zeugnisien über seitherige Beschäftigung, bis spätestens zum 1. September I. bei Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulangelegenheiten, einzureichen.
Darmstadt, den 27. Juni 1894.
I. A.:
Das Secretariat Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 12. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen gestern u. A. den Blindenanftalts« director i. P. Schäfer von Friedberg, den Profeffor Dr. med. F. Fuhr von der Landes-Universität Gießen, den ©teuer« commissariatSassistenten Hübner aus Gießen, den Hauptlehrer Janke von der Handwerkerschule in Friedberg.
Berlin. 12. August. Der Kaiser wird von seinem gegenwärtigen Besuch in E n g l a n d voraussichtlich am nächsten Freitag wieder im Neuen Palais bei Potsdam eintreffen. Am darauffolgenden Tage findet dann vor Sr. Majestät die Hrrbstparade des Gardecorps auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin statt.
— Die echt h ochsommerlich e Stille in der inneren Politik hält noch immer an, auf keinem Gebiete derselben ist ein wirkliches „Ereigniß" zu verzeichnen. In der Tagespreffe hilft man sich über diese öde Zeit, so gut eS geht, mit Betrachtungen über die angeblich geplante Abänderung des preußischen Vereins- und VersammlungSrechtes, Über den Berliner Bierboycott, über die behaupteten Gegen« fätze zwischen der Reichsregierung und dem preußischen Ministerium und noch sonstige Themata hinweg. Begreifliche Beachtung haben allseitig die Vorschläge der Commission für Arbeiterstatistik in Betreff der Arbeitszeit und deS Lehrlingswesens in Bäckereien und Conditoreien gefunden, da eS sich hierbei um nicht unwichtige socialpolitische Fragen handelt. Darüber indessen, ob maßgebenden Orts den betreffenden Anregungen und Vorschlägen stattgegeben werden wird, verlautet noch nichts Näheres. Die kommenden Wochen werden auch wieder einmal eine Nachwahl zum Reichstage bringen. Dieselbe macht sich im zweiten anhaltinischen Wahlkreise nöthig, dessen bisheriger Vertreter, der nationalliberale Professor Dr. Friedberg in Halle, sich genöthigt gesehen hat, das Mandat wegen seiner Ernennung zum ordentlichen Professor niederzulegen. Herr Friedberg wird bei der Nachwahl wieder candtdtren, doch dürfte er hierbei mit mehreren Gegencandidaten um sein bisheriges Mandat zu ringen haben, sodaß eine Stichwahl nicht unwahrscheinlich ist.
— Die osficiöseu „Berl. Pol. Nachr." erklären die l Münchener Meldung, wonach den Einzelregierungen noch kein | Entwurf einer reformirten Militärstrafproceß - ordnung vorgelegt worden sei, für richtig. Indessen weist daS Blatt darauf hin, daß nach den Erklärungen des Ministers v. Bronsart sich ein derartiger Entwurf im preußischen Kriegsministerium in Ausarbeitung befinde, der aber als preußischer Antrag dem Bundesrathe nicht eher vorgelegt werden könne, als bis er die Zustimmung des allerhöchsten Kriegsherrn gefunden habe. Demnach wäre die Hoffnung auf eine Reform deS Militärstrafverfahrens doch noch nicht aufzugeben.
Berlin, 11. August. Dem Drohbrief vom 31. Jul: d. I., der bei der Buchhandlung von Mittler und Sohn, Kochstraße 68, eingegangen war, ist inzwischen ein zweiter gefolgt. In dem zweiten Schreiben, das aus Berlin kommt, heißt es, daß die Urheber des ersten anarchistischen Drohbriefes wieder in Berlin eingetroffen seien und daß das Zerstörungswerk trotz aller Vorsichtsmaßregeln dennoch vor sich gehen werde. Auch dieses Schreiben ist an die Polizei abgegeben worden. Es ist noch nicht festgestellt, ob die Angelegenheit einen ernsten Hintergrund hat, oder ob es sich um bloßen Unfug handelt.
Berlin, 11. August. Die Stadt Berlin hat für das Rechnungsjahr 1893/94 einen Ueberschuß von 2272496.74 Mk. zu verzeichnen- im vorhergehenden Jahre war der Ueberschuß nahezu doppelt so hoch.
AusUrud.
Budapest, 11. August. Die Tischlergehilfen beginnen heute Abend den Strike, da ihnen die verlangte Lohnerhöhung nicht bewilligt wurde.
Brussel, 11. August. Zwischen hier und der Station Schaerbeck entgleiste ein Güterzug. Die Locomotive überschlug sich. Der Heizer wurde lebensgefährlich verletzt- ein Maschinist verbrannte im Feuer total. Man glaubt, daß ein anarchistisches Attentat vorliegt. Die Ostender Züge nach Deutschland haben vier- bis fünfstündige Verspätung, da die Geleise gesperrt sind.
Paris, 11. August. In Frankreich scheint man entschlossen zu sein, das neue Anarchistengesetz mit aller Energie zu handhaben. U. A. sind auf Grund desselben drei Anarchisten wegen Verherrlichung des Attentäters Caserio und wegen anarchistischer Propaganda vom Schwurgerichtshofe zu Dijon zu drei Jahren Gefängniß bis fünf Jahren Zwangsarbeit verurtheilt worden.
Paris, 11. August. Letzter Tage hat zwischen hier und Petersburg ein reger Depeschenwechsel stattgefunden. Es heißt, die französische Regierung habe sich mit der russischen verständigt, daß die Flotten beider Länder gemeinsam in Korea vorgehen würden, falls eine andere Macht die gegenwärtige Lage zum Nachtheile Rußlands ändern sollte.
Paris, 11. August. Das „Echo de Paris" glaubt zu wissen, daß der unbekannte Mörder des Eure-Präfecten, Bareme, ein Beamter des Ministeriums des Innern, der Sohn eines Senators, gewesen ist. Derselbe sei sehr wohl über die Ausgaben aus den geheimen Fonds unterrichtet gewesen. Ferner meint das Blatt, man habe wohl gewußt, wer der Mörder sei, ihn aber nicht verfolgt, obgleich er vor Kurzem in Brest gesehen worden sei.
Paris, 11. August. Die Commission für Erfindungen stellte Turpin die sämmtlichen Gegenstände, die sich auf seine Erfindung beziehen, wieder zu. Die Angelegenheit bleibt Turpin allein überlassen. — Casimir-Perier empfängt morgen in Pont-sur-Seine die belgischen Delegirten, die mit den Unterhandlungen bezüglich der Co ngo frage beauftragt sind. Der „Temps" glaubt, die Unterhandlungen würden zu einem befriedigenden Ergebniß führen. — Einer Depesche aus Annecy zufolge wurden bei einer Haussuchung in der Wohnung eines Anarchisten, Namens Schumacher, anarchistische Schriftstücke aufgefunden.
Amsterdam, 11. August. Hier sind heute eine cholera- verdächtige Erkrankung und zwei Cholera-Todesfälle vorgekommen - in Maastricht zwei Erkrankungen, in Halfweg bei Harlem ist eine ganze Familie, bestehend aus den Ehe- leuten und vier Kindern, an Cholera gestorben- in Harlem und in Zaandam ist je eine Erkrankung vorgekommen.
Neueste Nachrichten.
Deveichev der Bureau „Herold*.
Brüssel, 12. August. Die gestrige Zugentgleisung ist dadurch entstanden, daß quer über den Schienen ein eiserner Block lag. Man glaubt jetzt, daß der Block von einem vorher
gehenden Güterzuge gefallen ist. Die Maschine und sieben Güterwagen wurden zertrümmert.
Paris, 12. August. Am heutigen Sonntag wurden die Verhandlungen im Anarchistenproceß fortgesetzt. Da« Unheil wird heute erwartet.
Lyon, 12. August. Caserio soll nunmehr nach dem 15. d. M. hingerichtet werden, da gegenwärtig in Lyon ein Musikwettstreit stattfindet, der bis zum 15. d. M. dauert.
CteoU* tmb
Sieben, den 13. August 1894.
* ♦ Ihre Majestät die Kaiserin passirte heute Vormittag 10 Uhr mit Extrazug auf der Reise von Wilhelmshöhe nach Cronberg die hiesige Station. Die Rückfahrt erfolgt heute Nachmittag um 5 Uhr 36 Min.
• • Die Caualisation unserer Stadt soll anscheinend als« bald nach Vollendung der neuen Wasserversorgung in Angriff genommen werden. Wenigstens sahen wir in den letzten Wochen wiederholt den Stadtbaurath Lindley von Frankfurt in Begleitung des Oberbürgermeisters und Stadt« baumeifterS mit Besichtigung der verschiedensten Stadt- und GemarkungStheile beschäftigt, während Lindleys Ingenieure umfassende Ergänzungs - Nivellements rc. aufnehmen. Wie wir hören, soll Herr Lindley das vor füns Jahren aufgestellte Canalisationsproject unserer Stadt nicht nur begutachten, vielmehr auch wesentlich erweitern und neu bearbeiten. Hoffen wir, daß diese letzte, aber auch wichtigste Arbeit zur Ge« sundung und Verschönerung unserer Stadt bald zur Ausführung komme.
»* Kirchliches. Wie das „Mzr. Journ." meldet, tritt Herr Pfarrer Rady zu Ockstadt (früher in Gießen) anfangs October in den Ruhestand. Caplan Hattemer in Gießen ist zum Domcaplan in Mainz, Caplan Thomas in Offenbach zum Caplan in Gießen ernannt worden.
* * Zum Feuerwehrfest. Die baulichen Vorarbeiten zur Ausstattung des Festplatzes des 16. hessischen Feuerwehrtage« sind im Laufe der letzten Woche so weit gediehen, daß der Besucher des Oswalds Garten sich schon ein deutliches Bild der Ausführung deS Ganzen machen kann. Am meisten im« ponirt dem fremden Besucher der an der Neustadt gelegene Haupteingang in egyptischem Style mit seinen mächtigen Pylonen und kräftigen Säulen, deren Kapitäl die Form eine« geschlossenen Blumenkelches aufweist. Dieses EingangSthor erinnert im Ganzen an den (freilich in griechischem Styl) erbauten Prachtbau der Propyläen in München. Die den hiesigen Haupteingang umgebenden vier Obelisken würden sich ohne Zweifel schöner repräsentiren, wenn dieselben frei stehen würden, was hier, des Abschlusses der Einfriedigung wegen, nicht thunlich war. Sowohl im Alterthum als in der Neuzeit hat man die Obelisken nur auf freie Räume placirt, wir erinnern hier nur an die Aufstellung der egyp- tischen Steincolosse in Rom, Paris, London und Newyork. Für die Aufstellung von Pyramiden, wenn auch nicht von leblosem Material, wollen unsere wackeren Turner sorgen und auf die übrigen egyptischen Eigenthümlichkeiten: Sphinxe, Krokodille, Nilüberschwemmungen u. f. w., wollen wir gerne verzichten, denn so nothwendig der Feuerwehr das Wasser ist, an diesem Feste soll es nicht regnen. Für das Löschen eines Privatbrandes, wenn sich die Feuerwehrleute eines solchen unterziehen wollen, ist durch die ausgedehnten WirthschaftS- räumlichkeiten hoffentlich ausreichend gesorgt —
Denn es bleibt ganz unbestritten, Daß noch niemals Durst gelitten, Wer in irgend einem Jahr Hier bet einem Feste war.
Eine im Hintergründe des Festplatzes hoch aufragenbe spitze Hausfroni mit Fensteröffnungen soll offenbar zu einer Hebung der Feuerwehr dienen. In ihrer Ausführung erinnert aber diese HauSfront, wenn sie angestrichen und mit Fenstern und Fenstergardinen belebt wäre, ah die bekannten Potemkin'schen Dörfer, an welcher man die Kaiserin Katharina II. vorüberfahren ließ. Bei allen Anklängen an daS Alterthum ist aber auch die Neuzeit zu ihrem Rechte gelangt durch die projectirte electrische Beleuchtung. Möge dieselbe, wie das Fest überhaupt, keine Störungen erfahren.
* * In Bezug auf das 16. Berbaudsfest der hessischen Freiwilligen Feuerwehren sei mitgetheilt, daß auf dem Festplatz auch ein Aussichtsthurm errichtet wird. Derselbe wird eine beträchtliche Höhe erhalten und eine prachtvolle Aussicht bieten auf Gießen und seine schöne Umgebung. Gegen eine besondere Gebühr von 10 Pfg. wird die Besteigung des Thurmes Jedermann angeboten. Um den vielfach ausgesprochenen Wünschen entgegenzukommen, werden, wie schon mitgetheilt wurde, für die Festzeit auch einzelne Tages-


