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Zweites Blatt. Mittwoch den 14. Februar_____________________
Gichmer Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
1894
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Zwangsveräußerungen und Hypothekenschulden im (tzroßherzogthnm Hessen.
Im Jahre 1890 betrug die Anzahl der liegenschastlichen Zwangsveräußerungen im Großherzogthum Hessen 345, gegen 387 im Jahre 1889, 374 im Jahre 1888, 409 im Jahre 1887, 513 im Jahre 1886, 590 im Jahre 1885 und 566 im Jahre 1884. ES haben demnach die Zwangsverkäufe von Liegenschaften im Jahre 1890 gegen die vorhergehenden Jahre wiederum abgenommen, und zwar betrug die Abnahme gegen 1889 42 oder 12,2 pCt., gegen 1888 29 oder 8,4 PCt., gegen 1887 64 oder 18,6 pCt., gegen 1886 168 oder 48,7 pCt., gegen 1885 245 oder 71 pCt. und gegen 1884 221 oder 64,1 pCt. Auf die Landwirthe fielen 68, auf Gewerbetreibende 257, auf sonstige 20 Zwangsverkäufe- auf die Landwirthe fielen 19 weniger als im Jahre 1889. Das zwangsweise veräußerte Gelände (mit Ausschluß der Gebäude) hatte im Jahre 1890 eine Gesammtfläche von 175, im Jahre 1889 von 211 und im Jahre 1888 von 247 Hectaren.
Der Schätzungswerth der veräußerten Liegenschaften betrug im Jahre 1890 1 376 521 Mk., im Jahre 1889 949,060 Mk., im Jahre 1887 1 002 528 Mk.
Betreffs der Ursachen der Zwangsveräußerung aller, nicht nur der landwirthschaftlichen, Liegenschaften ergibt sich, daß im Jahre 1890, wie auch schon in den vorhergehenden Jahren, am häufigsten die unmittelbare eigene Verschuldung, haupUächlich schlechte Haushaltung, Nachlässigkeit, Trägheit, Arbeitsscheu, Trunk- und Genußsucht, in 46 bis 53 Fällen unter je 100, zur liegenschastlichen Zwangsveräußerung geführt hat. Sodann trugen Krankheit und ungünstige Familien- Verhältnisse mit ca. 17 pCt. erheblich zur Nothlage bei, nächstdem folgen, der Häufigkeit nach, als Ursache der Zwangs- Veräußerung, freiwillige ungünstige oder leichtfertige Ueber- nähme von Liegenschaften und Geschäften mit 11 — 15 pCt., sowie Unglück beim Geschäftsgang, das gleichfalls großen- theils als selbstverschuldetes anzusehen ist, mit 6—10 pCt. Ungünstige Zeitverhältniffe mit 4—9 pCt. und unfreiwillige ungünstige Geschäfts- oder Gutsübernahme (Uebernahme eines übermäßig hohen Schuldenstandes, eines unverhältnißmäßig hohen Auszugs, übermäßige Herausgaben rc.) erscheinen mit 2—6 pCt. in nicht sehr hohen Beträgen. Die Ausbeutung und Uebervortheilung durch Andere (insbesondere beim Vieh- handel) tragen mit 1—2 pCt., Naturereignisse mit nur 1 pCt. zur Nothlage, bezw. Zwangsveräußerung bei.
Die Zahl der Einträge von auf dem Grundbesitz ruhenden Schuldenlasten belief sich im Jahre 1890 auf 35 890 (gegen 33 408 im Jahre 1889). 20 339 (gegen 18 940) Einträge betrafen Landwirthe, 18 843 (12 903) Gewerbe-, Handel- und Verkehrtreibende, 1708 (1565) sonstige Personen. In Oberhessen und Rheinheffen überwiegen die Eintragungen der Landwirthe, in der Provinz Starkenburg diejenigen der Gewerbtreibenden.
Der gesammte Capitalbetrag der im Jahre 1890 eingetragenen Schulden betrug 79 445 726 Mk. (gegen 80 487 794 Mk. im Jahre 1889). Die Landwirthe nahmen hiervon 22 274 222 Mk. (gegen 20 910 751) oder 28 (26) pCt. auf, die Gewerbe- rc. treibenden 48 233 703 (50 966 841) Mk. oder 60,7 (66,3) pCt. und sonstige Personen 8 937 801 (8 610 202) Mk. oder 11,3 (10,7) pCt. auf Liegenschaften auf. Der durchschnittliche Betrag einer Eintragung belief sich im Allgemeinen auf 2213 (2409) Mk. und zwar bei Landwirthen 1095 (1104) Mk., bei Gewerbetreibenden 3484 (3950) Mk., bei sonstigen Personen 5232 (5502) Mk.
Die Löschungen von Hypotheken (die übrigens nur für die Provinzen Oberheffen und Starkenburg ermittelt sind) betrugen der Zahl nach inSgesammt 21 019 (gegen 20,894), ihr Capitalbetrag 24 037 311 (23 440 699) Mk., der Durchschnittsbetrag 1144 (1122) Mk. Von der Zahl der Löschungen entfielen auf Landwirthe 12999 (13 422) oder 61,8(64,2) pCt., auf Gewerbetreibende 7198 (6659) oder 34,3 (31,9) pCt., auf sonstige Personen 822 (813) oder 3,9 (3,9) pCt. Vom Capitalbetrag der gelöschten Schuld entfielen auf Landwirthe 8 614 032 (9 476 176) Mk. oder 35,8 (40,4) PCt., auf Gewerbetreibende 13 360 535 (11 877 955) Mk. oder 55,6 (50,7) pCt., auf sonstige Personen 2062 744 (2086 568) Mk. oder 8,6 (8,9) pCt.
Eine Vergleichung der Löschungen mit den Eintragungen ist nur für die Provinzen Starkenburg und Oberheffen möglich. In Starkenburg ergibt sich bei einem gelöschten Schuldcapital von 16225 959 (1889 14 769 971) Mk, gegenüber dem neu eingetragenen Capital von 30845843 (26 Oll 198) Mk. ein Anwachsen der liegenschastlichen Belastung um 14 619 884 (11 241 227) Mk., für Oberheffen bei einem gelöschten Schuldcapital von 7 811352 (8 670 728) Mk.
gegenüber dem neu eingetragenen Capital ein Betrag von 13 422 177 (12 243 194) Mk. ein Anwachsen der liegen* schaftlichen Belastung um 5 610 825 (3 572 466) Mk., in beiden Provinzen zusammen also ein Anwachsen der Schuld um 20 230 709 (14 813 693) Mk.
Von den Landwirthen wurden im Jahre 1890 in den genannten beiden Provinzen gelöscht 8 614 032 Mk., neu eingetragen 13 117 406 Mk., mithin wurden mehr eingetragen als gelöscht 4 503 374 Mk., von den Gewerbetreibenden gelöscht 13 360 535 Mk., neu eingetragen 26 627 694 Mk., mithin mehr eingetragen 13 267 159 Mk., von sonstigen Personen gelöscht 2 062 744 Mk., eingetragen 4 522 920 Mk., mithin mehr eingetragen 2 460 176 Mk.
Vermachtes.
♦ Düffeldorf, 12. Februar. Die Schiffbrücke kann infolge des heftigen Sturmes nicht ausgefahren werden. Eine große Anzahl von Schiffen wartet auf Durchlaß, der Verkehr stockt augenblicklich vollständig.
* Bremerhaven, 12. Februar. Hier herrscht starker West sturm mit hohem Seegang. SchiffSunsälle werden befürchtet.
* Antwerpen, 12. Februar. In dem furchtbaren Sturm,, der seit gestern hier wüthet, sind der dänische Dreimastschuner Mai und die englische Bark Kingside gescheitert. Die deutsche Bark Hedwig wurde unter Verlust des Ankers nach Terueuzen geschleppt.
* Paris, 11. Februar. Heute Vormittag fand in der Rue Neuilly bei den Baumschulgärtnern Vilmorin und Andrieux eine Gasexplosion statt. Bei den Löscharbeiten wurde ein Sergeant der Feuerwehr getödtet, neun Feuerwehrleute wurden verwundet, darunter zwei schwer.
* Geheimralh Koch ist einem hochintereffanten Bazillus auf die Spur gekommen und seine neue Entdeckung wird voraussichtlich noch in weiteren Kreisen Jubel erregen, als vor etlichen Jahren die Auffindung des Schwindsuchtserzeugers, der doch keiner gewesen ist. Im Sputum eines Studenten, der Morgens 3 Uhr zu ihm auf die Klinik gebracht wurde wegen eines chronischen Falles von starker Bewußtseinstrübung, die sich allmorgendlich um diese Zeit beim Patienten einzustellen pflegt und mit enormen Schmerzen verbunden sein muß, nach dem dröhnenden Jammergeschrei zu schließen, das der arme Dulder in diesem Zustand ausstößt, fand Herr Dr. Koch die betreffenden Mikroorganismen vor, und zwar in großen Mengen. Die Bacillen sind bouteillenförmig und erzeugten, Kaninchen eingeimpft, Erbrechen, Schwindel, Ermattung und ein fortgesetztes klägliches Wimmern der Versuchsthierchen, das man am besten mit dem Jammern von Katzen vergleichen kann. Reichliche Dosen von Clupea harengus acerbus bewirkten meist schnelle Besserung. mit gesteigertem Durstgefühl. Nur wenn sehr starke Quantitäten der Bacillen injizirt wurden, mußte Antipyrin in Dosen bis zu zwei Gramm verabreicht werden. Es ist kein Zweifel vorhanden, daß wir es hier mit dem Erreger eines zwar nicht mörderischen, aber mörderisch unangenehmen Leidens zu thun haben, das in Deutschland allgemein, namentlich aber in den Städten Berlin, München, Leipzig, Erlangen, Jena, Würzburg, Bonn, Heidelberg, Rostock, Greifswald, Gießen, Marburg, Kiel nsw. stark vertreten ist. Es entsteht leicht durch intensives Genießen alkoholhaltiger Flüssigkeiten und complicirt sich noch durch andauerndes Einathmen des Rauches von Nicotiana tabacum. Die Wissenschaft bezeichnete das Leiden bis jetzt allgemein mit dem französischen Namen „Misere grise“ (Lamentatio felium). Als der Bacillus durch Rein- culturen auf Nährgelatine gezüchtet worden war, ging Herr Professor Dr. Koch daran, seine Versuchsthiere durch wohl- abgemessene Einimpfungen gegen die Wirkungen des Alkohols immun, unempfindlich zu machen. Es gelang in überraschendem Grade: ein Kanarienvogel vertrug nach der dritten Impfung eine ganze Flasche Weißbier ohne jeden gesundheitlichen Nachtheil, ein Pudel wurde durch zwei Liter Nordhäuser und eine Flasche Gilka nicht im Geringsten aus dem Gleichgewicht gebracht, und ein Meerschweinchen, daS fünfmal geimpft worden war, soff in zwei Tagen einen halben Eimer Bock und blieb gesund und munter dabei. Mit einem Opfer- muth ohne Gleichen boten sich nun zahlreiche Frequentanten der Berliner Universität selbst als Versuchsobjecte an und die Resultate waren geradezu verblüffend. Ein geimpfter protestantischer Theologe im dritten Semester, der bisher, wie durch Zeugen bestätigt, schon von 1'/, Liter Milch bis zur Bewußtlosigkeit betrunken wurde, hat den ungeimpften FuchSmajor der Verbindung „Radaulia" in drei Viertelstunden unter den Tisch getrunken, und Studiosus Biermörder aus Patzendorf kam nach wiederholten Impfungen zu der Fähigkeit, einen
Hectoliter im „Ganzen" zu sich zu nehmen und nachher noch stundenlang aufs Examen zu studiren. Die Berliner Studenten, Turner, Radfahrer, Sänger und Schützen planen einen Fackelzug für Geheimrath Dr. Koch.....So be
richten und verbürgen die „Münchener Neuesten Nachrichten" in ihrer diesjährigen Carnevals-Ausgabc.
* Die Werber für die französische Fremdenlegion greifen, um „Geschäfte" zu machen, zu den verwerflichsten Mitteln. Immer wieder kehren Leute aus der Legion zurück, die bittere Klage führen über die Art und Weise, wie man sie seinerzeit vergewaltigt und zum Eintritt in die Fremdenlegion gezwungen habe. Wie der „Straßb. Post" geschrieben wird, kam vor etwa 14 Tagen von Bussang her ein junger Mann über die Grenze an, der in völlig glaubwürdiger Weise nachstehende Schilderung über seinen Eintritt in die Legion und seine Erlebnisse dort gab. „Ich bin Brandenburger und habe meiner Militärpflicht beim Infanterie - Regiment Nr. 16 in Köln genügt. Nach meiner Entlassung vom Militär im September 1888 ging ich auf die Wanderschaft. Bei Diedenhofeu schloß sich mir ein unbekannter Mann an,, und wir kamen beide am 28. November 1888 nach Longwy, ohne zu wissen, daß wir uns auf französischem Boden befanden. In Longwy fuhr uns ein Gendarm, der uns deutsch sprechen hörte, in barschem Ton an, wer wir seien. Wir zeigten ihm unsere Militär passe- er sah sie aber nur flüchtig an und forderte uns auf, ihm zu folgen. Auf dem Büreau, wohin der Gendarm uns geführt hatte, sprach ein Herr mit uns in französischer Sprache, wir verstanden aber, da wir der französischen Sprache völlig unkundig waren, kein Wort von dem, was er sagte. Schließlich legte er uns ein Papier zum Unterschreiben vor, und wir setzten unsere Namen darunter, ohne eine Ahnung davon zu haben, um was eS sich handelte. Der Gendarm, anscheinend ein Elsässer, wandte sich dann in deutscher Sprache höhnisch an mich mit den Worten: So nun können Sie fünf Jahre mit den Arabern Bekanntschaft machen. Auf mein verwundertes Gesicht erklärte er mir, daß wir uns zu einer fünfjährigen Mllttärdienstzeit in der Fremdenlegion verpflichtet hätten. Ich protestirte dagegen und machte zu meinem Unglück kein Hehl daraus, daß ich bei der ersten sich barbietenben Gelegenheit ausreißen würbe. Eine besonbers scharfe Bewachung war die Folge bieser unvorsichtigen Aeußerung. Der Gendarm brachte un5 mit der Eisenbahn nach Mäzieres, woselbst ein Soldat uns in Empfang nahm und uns bis Marseille begleitete. In Marseille setzte man mich alsbald hinter Schloß und Riegel bis zur Abfahrt des Schiffes. Noch in Afrika machte ich den Versuch, zu desertieren, wurde aber wieder eingefangen. Die schlechte Kost, der strenge Dienst und die harten Strafen bei den geringsten Vergehen waren nicht dazu angethan, mich mit meinem Schicksale zu versöhnen. Im Jahre 1890 wurde ich mit 300 Kameraden nach Tonking eingeschifft. Gegen die Leiden, die wir dort erdulden mußten, waren die Strapazen in Algier noch rosige Tage. Von meinen 300 Kameraden kehrten etwa 50 nach Afrika zurück, meistens Krüppel mit siechem Körper - die übrigen sind in Tonking zu Grunde gegangen. Am 28. November 1893, also genau fünf Jahre nach meinem Eintritt in die Legion wurde ich aus derselben entlasten. Das Geld, welches ich zur Reise bis an die Grenze erhielt, wurde mir in Marseille gestohlen, und so mußte ich den Weg bis hierher zu Fuß zurücklegen. Manch- mal wollten mir die Füße den Dienst versagen, aber unwtder- stehlig zog es mich nach der Heimath, und als ich da den deutschen Grenzpfahl sah und den Fuß wieder auf den deutschen Boden setzte, da waren alle Leiden vergessen und ich hielt mich für den glücklichsten und reichsten Menschen unter Gottes Sonne, obgleich ich einen leeren Magen und keinen Heller in der Tasche hatte."
♦ Schnell entschlossen. Kaufmann: „Ich nehme grundsätzlich nur verheiratete Leute." — Stellesuchender: „Haben Sie vielleicht eine ledige Tochter? "
Bedeutende Betriebsersparnisse ™
maschinellen Anlage der Großindustrie, des Kleingewerbes oder bee Landwirtschaft durch Aufstellung einer Wols'schen Locomobile a» Betriebsmaschine cnielt Dievonder rühmlichst bekannten Maschinenfabrik von R. »elf in Magdtburz-Bucka« seit mehr als 30 Jahren als Specialität gebauten halbstationärenund fahrbarenLocomob Ue« mit ausziehbaren Röhrenkesseln übertreffen an Sparsam- Veit deS Brennmaterialverbrauchs, Dauerhaftigkeit urw «i- stungsfähiakeit jegliche Motoren anderen Ursprungs u. haben auf all« deutschen Locomobil-Soncurr«zen den Sieg davongetragm.
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„Edelweiss, sä
L. Fr. Leo, Seltersm«.


