tto, 292 Zweites Blatt. Donnerstag dm 13 December
1894
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Deutsches Reich.
Berlin, 10. December. Die Initiativanträge im Reichstag, deren erste Sturmfluth nunmehr verlaufen ist, lassen sich jetzt übersehen: Au erster Stelle wird an der osficiellen Aufzählung der Jesuitenantrag deS CeutrumS an- geführt, dann folgen conservative Anträge auf Verbot der Einwanderung fremder Juden. Ein solcher Antrag liegt auch von den Antisemiten vor, die außerdem daS Verbot deS Schächtens und die Wiedereinführung der confessionellen Eidesformel beantragen. Conservative, Nationalliberale und Centrum treten für das Heimstättengesetz ein. Anträge deS LentrumS und der Conservariven betreffen die gewerbepolitische Gesetzgebung. Einführung deS Befähigungsnachweises im Handwerk, Schaffung einer geordneten Vertretung für die Arbeiter, Beschränkung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen u. dgl. Anträge verschiedener Parteien beschäftigen sich mit den BerusSvereinen und Consumanstalten. Ferner liegen fortschrittlich-demokratische Anträge auf Erhebungen über die Wirkungen der Sonntagsvorschrifken auf daS Handwerk und den Kleinhandel, sowie über die Verluste der Bauhandwerker an Forderungen für Neubauten, auf Ermäßigung der Gerichts- und Anwaltsgebühren, auf Regelung der Rechtsverhältnisse der in Haus- und Landwirthschaft beschäftigten Personen vor. Ein comervativer Antrag bezieht sich auf die Beschlagnahme deS Arbeits- und Dienstlohns. Ein nationalliberaler Antrag betrifft die MilitärgerichiSversaffung und die Milttärstrafproceß- ordnung (Ständigkeit dec Gerichte und Oeffentlichkett und Mündlichkeit des Hauptverfahcens), nationalliberal-sreiconser- vative Anträge wünschen Erschwerung des Verlustes und der Erwerbung der deutschen Reichs.ngehörigkeit, sowie Regelung der Auswanderung. Eine andere Gruppe von Anträgen beschäftigt sich mit der Errichtung von Volksvertretungen in allen Bundesstaaten. D>e Freisinnige Vereinigung verlangt nur im allgemeinen diese reichsgesetzliche Vorschrift, die beiden Volksparteien fügen die Forderung hinzu, daß die Volksvertretung in allen Bundesstaaten aus allgemeinen, gleichen und directen Wahlen hervorgehen muß. D e Socialbemokca'en verlangen sogar Herabsetzung der Wahlgrenze aus ein Alter von 20 Jahren und Thetlnahme des weiblichen Geschlechts an den Wahlen. Auch die freisinnigen Anträge auf Ein- । führung von geschlossenen Umschlägen bei den Wahlen und auf neue Abgrenzung der Wahlkreise nach dem veränderten Bevdlkerungsjustand sind wieder eingebracht. Anträge der Soclaldemokraren und der reichsländischen Abgeordneten be
ziehen sich auf die elsaß-lothringtsche Geietzgebung (Aushebung des Dictaturparagraphen u. a.). Verschiedene Anträge verlangen Aufhebung des JmpfgesetzeS. Auch der Antrag auf Einführung eines Zolles für Quebrachoholz liegt wieder vor. Daß bei dieser Ueberfülle von Initiativanträgen, btt nur zum kleinsten Theil zur Beralhung gelangen können, eine Aenderung in der geschäftlichen Behandlung nothwendig ist, wird nirgends bestritten. Voraussichtlich wird sich noch der Seuiorenconvent mit Vorschlägen hierüber beschäftigen. Einstweilen liegt ein dringlicher Antrag der Volksparteien zur Geschäftsordnung vor, der verlangt, daß alle Anträge, die innerhalb der ersten 14 Tage der Session eingebracht werden, als gleichzeitig eingebracht gelten und über die Priorität das LooS entscheidet.
— Der Kaiser im Reichstag, lieber die persön- liche Begegnung des Kaisers mit Wallot, dem Erbauer des neuen Reichstagsgebäudes, aus Anlaß der Schlußsteinlegung erfährt die „Voss. Ztg." entgegen anderen Meldungen von zuverlässiger Seite Folgendes: Der Kaiser begrüßte bei der Anfahrt am Westportal den Architekten des Hauses, der schon vorher zum Geh. Baurath ernannt worden war, mit den Worten: „Guten Morgen, Wallot". Nach der Schlußstein legung ging der Kaiser mit seinem nächsten Gefolge unmittelbar von dem Thronbaldachin in den Südflügel der Wandelhalle, wartete aber noch einen kurzen Augenblick, um den Baumeister des Hauses, der sich im Hintergründe gehalten hatte, herankommen zu lassen. Bei der Führung durch die verschiedenen Räume äußerte der Kaiser sich in seiner kurzen Weise anerkennend über eine Reche von Bautheilen und Einrichtungen, die er reizend fand, besonders interessirte ihn der Plan der Errichtung des Kaiserstandbildes über den Schlußstein, der zu diesem Zweck später erhalten und ummantelt werden soll. Bet der Abfahrt schüttelte der Monarch Wallot nochmals herzlich die Hände, und Minister v. Bötticher, der dem Architecten stets wohlwollend entgegenkam, lud ihn zum Frühstück ein, woran außerdem der Reichskanzler Fürst Hohenlohe und sein Sohn, sowie der Herzog von Mecklenburg uod General v. Hahnke Theil nahmen.
Berlin, 10. December. Die nationalliberale Fraction des Reichstags hat folgende von ihren sämmttichen Mitgliedern unterz-ichnete Interpellation eingebracht: Die unterzeichneten M tglieder des Reichstags richten an die verbündeten Regierungen öte Anfrage, welche Maßnahmen auf Grund der am 24. November 1891 von dem Herrn StaatSsecretär Dr. v. Bötticher abgegebenen Erklärungen über die reichS-
Citeratur und Knnft
— In Mannigfaltigkeit und Gediegenheit des Inhalts kcinmt von allen deulschen illuslrlrien Blättern kaum eir.s bei altbekannten Famtlienzeitschrtst „Ueber Land «nd Meer- (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) gleich von deren Grotzfolio-AuSgabe soeben va» ditlle Heft (Preis 50 Pfennig) erschienen ist. Wir finden in demselben gleichmäßig die Tagesgeschichte wie die künstlerischen und literarischen Bestrebungen unserer Zeit vertreten. Der Trauer fall im russischen Kaiserhause - Die Fentage in Wiesbaden. Enthüllung des Katser-Wlhelm Denkmals und Eröffnung des neuen HosthealerS — Die Kriegsereignisse im fernen Osten, das Alles tritt in lebendiger Schilderung und reicher bildlicher Da stellung vor uns hin. Die interessanten und spannenden E'zählungen „Geschieden", von Sophie Iunghans und „Rach zwanzig Jahren" von O. Elster stndenl ihre Fortsetzung. Dem And-nken dcs Nürnberger Schuhmachermeisters und Poeten Hans Sachs und des großen deutschen Tragöden Friedrich Ludwig Schröder sind eingehend Besprechungen geweihr. Danebeu drangen sich Reiseskizzen, wissenschaftliche Plaudereien, Bespleckungea von Kunstwerken und eine Anzahl kleinerer unterhaltender Ärmel. Besondere Hervorhebung verdienen die zahlreichen Illustrationen und nammrlich die inBuntdruck heraest.ll>cn Bilder, die Alles leisten, was von diesem, heutigen Tages zu so hoher Entwicklung gekommenen Zweige der graphischen Technik verlangt werden kann.
— Da- villardbuch. Voll'iändige Theorie und Praxis des Billardspiels von Cz. Bogumtl. Zweite, verbesserte Auflage. Mit 128 in d<n Text gedruckten Abbildungen. Preis 7 50 Mk., in O.'ginal-Lctnenband 9 Mk. Verlag von I I. Weber in Leipzig. Bogumtl Hal, auf maihematische und physikalische Kenntnisse gestutzt, dtß Theorie des Brllardspiels wirtenschaftlich beleuchtet und nach mancher Seite hin erweitert, die Praxis aber aut »este technische Grundsätze gestellt. Wer über das naturalistische Experimentiren htnauskommen und zu einer tieferen Erkenntniß der Ballbewegungen gelangen will, muß das Bogumil'sche Brllardbuch studiren und feine Hebungen an der Hand desselben aostellen. In der sicheren Behandlung des Stoffes und in dessen weiser Beschränkung zeigt sich BogumU als erfah,ener Meister. Das Buch sollte in keinem vornehmen, mit .inem B lla>d au g-staüeien P ioatbause fehlen, aber auch unsere Billard-Restaurants sollten es nicht untedafftn, dasselbe zur Ortenti- rung ihrer Gäste anzuschaffen.
- Der practische Rathgeber beim Einmache« und Dörren von Früchten und Gemüse« nebst «nteitung 8«r Bereitung kalter und warmer Getränke, Liqueur. PumM U. s. W.E, herausgegeben von Eugen re Tafel. P^rs 50 Ptg. Verlag von Georg Brieger in Schweidnitz. Dieses Büchlein enthält nur selbst erprobte, bewährte Reccpte und wird als Weih- nachlsgabe jeder Hausfrau willkommen sein; aucv können wir gleichzeitig zu diesem Zwecke das von derselben Ve> fasserm berausgegebene 336 Setten starke Kochbuch »Die gute Preis elegant ge
bunden, 1.80 Mk., mit empsehlen.
Feuilleton.
Graue Theorie.
Ein Stück Wirklichkeit.
Erzählt von Adele Hi nd er mann.
(1. Fortsetzung.)
Wo war sie nur? Sie hatte sich so hastig uwgewendet und auS dem Wagen entfernt.
Schnell ihr nach!
Blendendes Licht.
Ein betäubendes Geklingel von allen möglichen dort kreuzenden Pferdebahn« und Stadtbahnwagen.
Geschäftiges Fahren und Laufen und Wogen, das unruhige Getriebe einer Großstadt, und Über das Ganze empor ragt ein Bild erhabener Ruhe, die schöne, alte Marienkirche, groß und dunkel. Scharf heben sich die beiden durch eine zierliche Brücke verbundenen THÜrme vom sternhellen Abend- Himmel ab. Em winz'g kleines Fenfterchen nur, beim Thürmer, ist erleuchtet.
In lieber alter Gewohnheit umfaßten meine Blicke dieses mir seit Jahren so vertraute schöne Bild, doch stcunden- lang nur, blieb mir doch keine Zeit zu verlieren. Wo mochte sie nur geblieben sein?
Welche Richtung hatte sie eingeschlagen?
Es schien fast unmöglich, sie wiederzufinden, und doch, mein Herz klopfte au» Sorge um fie.
Lächerlich eigentlich!
WaS ging mich daS wildfremde Mädchen an?
Ich war doch wahrhaftig nicht verantwortlich für ihren Verbleib.
Und dabei bohrten sich meine Blicke in daS Menschen- und Wagengewühl zur Rechten, streiften dann an der Kirche entlang, zwischen deren dunkelem Gemäuer und den gegen- über liegenden Pfarrhäusern eine stille Straße direct zur Saale sühne.
Zur Saale —
Mein Athem stand saft still.
Ohne weiteres Besinnen eilte ich vorwärts.
Nichts von ihr zu sehen,- immer weiter.
Dort, das dunkle Geländer — da war schon daß Waffer.
Jetzt, ein paar Schritte nur vor mir eine schlanke Ge- statt im rothschimmernden Mantel.
Endlich!
Ihr Gang war wie ein hastiges Taumeln, aber mit unfehlbarer Sicherheit lenkte sie ihre Schritte nach der Stelle im Geländer, wo, rote mir bekannt war, ein Treppchen zum Waffer hinabsührte.
Mit wenigen Schritten war ich an ihrer Seite.
„Sie wollen" — ich wußte selbst nicht, was ich sagte.
„Ja, das will ich, laffen Sie mich," stieß sie hervor, ohne mich anzusehen, und rasete weiter.
Ich zwang mich mit Gewalt zur Ruhe, schritt neben ihr weiter und sagte gelassen: „Ich kannS Ihnen nicht verdenken. ES ist manchmal nicht schön hier in der Welt. Aber eilt- gerade um Minuten? Erholen Sie sich doch nur einen Augenblick, Ihr Athem keucht ja! Und die da fließt Ihnen nicht weg."
Wirklich mäßigte fie ihren Schritt und ließ es geschehen, daß ich ihren Arm durch den meinen zog.
Wie in tödtlicher Ermüdung schlossen fich ihre Augen für einen Moment und der zitternde Lichtschein einer Laterne huschte flüchtig über das zurückgesunkene Köpfchen.
Wo hatte ich nur das Gesicht schon gesehen. Meine Gedanken tasteten umher, ich konnte eß nicht greisen, daß Bild, das mir ganz nebelhaft vorschwebte.
Vielleicht war- auch Einbildung, daß ich dieses feine Profil einmal unter einem eleganten Hellen Scmmerhut gesehen zu haben glaubte.
Gleichviel. Ein unsägliches Mitleid faßte mich an mit diesem schmerzerstarrten jungen Geschöpf.
Kalt rote Eis waren ihre Hände- schnell in meinen warmen Muff!
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Sie schien eß gar nicht zu bemerken, auch nicht, daß ich meine Boa um ihren Halß schlang.
Und nun rasch, so lange dieser Zustand gänzlicher Willenlofigkelt noch andauerte, fort auß der Nähe der dunklen, leise rauschenden Wellen.
Sie ließ sich wie im Traume von mir fortziehen.
Lautlos, nur ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost aufeinander.
Doch nur eine Minute lang vielleicht, dann riß fie plötzlich ihre Hände los, schlug sie vors Gesicht und meinte, schluchzte so herzzerreißend, wie ich noch nie etwas AehnlicheS gehört hatte.
Ich war rathloß.
Mein eigenes Leben hatte sich so ruhig abgespielt — wenigstens bisher — in sorglosen Verhältnissen lebend, hatte ich Zeit gehabt, mir einen ganzen Berg Principien so vor und nach zusammenzutragen, auf die ich sogar ein wenig stolz war. Meine Grundsätze bauten sich meistens auf den Worten : „man soll nie", oder „man soll immer" auf.
Einer davon, dessen Unantastbarkeit für mich bisher außer allem Zweifel gestanden hatte, lautete: „Ein gut erzogener Mensch soll immer und unter allen Verhältnissen sowohl sich selbst als auch die Formen des guten ToneS zu beherrschen wissen."
Das klang wirklich gut, hatte ich immer gefunden, doch in dieser Stunde dämmerte mir zum ersten Male eine Ahnung, eß können wohl Verhältnisse, Schicksalsschläge und Erschütterungen geben, die man selbst durchlitten und ertragen haben mußte, um Gesetze darüber aufstellen zu können.
Ich hatte genügend Zeit, dieses schöne, gutgemeinte Princip still zu Grabe zu tragen, während meine arme kleine Begleiterin ihren Thränen freien Lauf ließ, ohne von mir unterbrochen zu werden.
(Fortsetzung folgt.)


