1894
Dienstag den 13. November
Nr. 266 Zweites Blatt
Amts- unfc Anzeigeblatt für den Atveis Gieren
| Hratisbeitage: Hießener Aamilienötätter
Amtlichem Theil
Gerade der Zusammenbruch dieser
wurde, erwähnt seien.
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Feuilleton
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worden.
die Verspottung.
Innahmr von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Alle Annonccn-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Die Gießener
Pamikien dtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigrlegt.
Der
Kiehener -«zeiger erfcheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Repräsentantenhaus 230 Republikaner gegen nur 118 Demo- I Treiben des sogenannten traten und 8 Populisten oder Volksparteiler zählen wird. ' wurde, erwähnt seien. P
Diese geradezu zerschmetternde Niederlage der Demokraten | bet den Congreßwahlen findet dann noch ihre Ergänzung durch den für die demokratische Partei ebenfalls nicht ungünstigen Ausfall der Wahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften bet einzelnen Bundesstaaten, sowie zu den höchsten Beamtenposten derselben. In der Mehrzahl der einzelstaatlichen Legislativen ist das seitherige Uebergewicht der demokratischen Partei jetzt ebenso gebrochen worden, wie im Repräsentantenhause selber, und endlich wurden auch die meisten Gouverneurs- und Oberrichterposten anstatt, wie bisher mit Anhängen der demokratischen Partei, mit Republikanern besetzt.
So überraschend ist indessen die Wahlniederlage, welche die demokratische Partei auf der ganzen Linie verzeichnen muß, keineswegs, die Partei hat jetzt nur die Früchte ihrer jahrelangen Mißwirthschaft und Unfähigkeit geerntet. Während der zwei letzten Jahre bereitete die Herrschaft dieser Partei, die durch Grover Cleveland unter so großen Versprechungen ans Ruder gelangt war, dem amerikanischen Volke eine Enttäuschung über die andere. Weder in der Zollpolitik noch in der Silberfrage, beides Lebensfragen für die Union, ist von dem demokratischen Partei-Regime daS auf dasselbe gesetzte Vertrauen der Nation auch wirklich erfüllt worden, und wenn schließlich die Beseitigung der verhaßten Sherman-Silberbill und die Ersetzung der berüchtigten Mac Kinley'Tarisbill durch daS Wilson'sche Zollgesetz gelang, so geschah dies doch erst nach langen Kämpfen und gegen den Widerstand eines Theiles der demokratischen Partei selber. Und in der Korruption, deren Bekämpfung man allgemein von dem demokratischen Regimente erwartet hatte, zeigten fich die demokratischen Machthaber den doch wahrlich berüchtigten „Leistungen" der Republikaner auf dem Gebiete der Bestechungen und Unterschleife noch „über". Dies bekunden zahllose Vorgänge, von denen hier nur die schmählichen Stimmenkäufe der Demokraten im Senate, der üppig
verdammen.
Ich würde mich um alles, was sie sagen können, sehr wenig bekümmern, wofern sie nicht die Arglist brauchten, mir gewisse Personen, die ich in Ehren halte, zu Feinden zu machen und wahre Fromme, deren Ehrlichkeit sie hintergehen, in ihre Partei zu locken, welche, ans Eifer für die Sache des Himmels, sich leichtlich diejenigen Eindrücke, welche man ihnen geben will, machen lassen. Und dieses nöthiget mich, mich zu vertheidigen. Bei diesen wahren Frommen will ich mich wegen der Einrichtung meines Lustspiels rechtfertigen. Ich bitte sie herzlich, nicht Sachen zu verdammen, bevor sie selbige gesehen haben- sich aller Borurtheile zu entledigen und den Leidenschaften gewisser Personen, deren Affen-Ge- berden sie verunehren, nicht hilfreiche Hand zu leisten.
Wenn man sich die Mühe geben will, mein Lustspiel aufrichtig zu prüfen, so wird man ohne allen Zweifel bemerken, daß meine Absichten darinnen durchgehends unschuldig sind und daß es keineswegs darauf abzielet, Sachen, die man in Ehren halten muß, zum Gespötte zu machen. Man wird finden, daß ich selbiges mit aller derjenigen Behutsamkeit, welche in dieser Materie nöthig war, abgehandelt habe- und daß ich alle mögliche Kunst und Mühe angewendet, die Person deS Heuchlers von dem wahren Frommen zu unterscheiden. Aus dieser Ursache habe ick zwei ganze Handlungen angewendet, die Ankunst meines Bösewichts vorzubereiten. Er hält den Zuschauer nicht einen Augenblick in Ungewißheit: man kennt ihn alsobald an den Merkmalen, die ich ihm beilege- und vom Anfang bis zum Ende sagt er kein Wort, nimmt er keine einzige Thal vor, die nicht den Zuschauern den Character eines boshaften Menschens abschilderte und den Character des wahren Frommen, welchen ich ihm entgegensetze, nicht sichtbar machte.
Ich weiß wohl, daß diese Herren, anstatt der Antwort, vorgeben, daß solche Dinge mchl auf die Schaubühne gehören. Aber, ich frage sie, mit ihrer Erlaubmß, worauf sie diese schöne Maxime gründen. Es ist ein Satz, welchen sie nur voraussetzen und mit nichts beweisen. ES wäre in der That nicht schwer, ihnen zu zeigen, daß die Comödie bei den Acten ihren Ursprung von der Religion genommen und einen Theil ihrer gottesdienstlichen Handlungen ausgemacht- daß die Spanier, unsere Nachbarn, fast kein Fest ohne Schauspiele
Genossenschaft politischer Gauner und Erzhallunken infolge der jüngsten Wahlen hat denn auch bei allen ehrenhaften amerikanischen Bürgern ohne Unterschied der Parteistellung besondere Genugthuung hervorgerufen, bildete doch der Bund von Tammany-Hall einen wahren Schandfleck für die gejammte Union.
Ob nun die bevorstehende Herrschaft der Republikaner für Nordamerika eine Periode innerer Gesundung und gedeihlicher Entwickelung zeitigen wird, das bleibt freilich noch abzuwarten, sie haben in den früheren Zeiten ihres politischen Uebergewichts ja im Allgemeinen dieselben Fehler und Mißgriffe begangen, an denen jetzt baß bemokratische Regime gescheitert ist. Jnbessen, bie Republikaner haben boch eine gewisse Läuterung burchgemacht, insofern, als sie zur Er- kenntniß ber Schäblichkeit unb Unhaltbarkeit einer extremen Schutzzollpolitik wie eines bloßen engherzigen Parteiregiments gelangt sind, es steht baher zu erwarten, daß sie ihre Mehrheit im Kongreß unb in ben einzelstaatlichen Parlamenten mehr als früher im Sinne ber Förberung des Gemeinwohles ausüben. Seine Krönung wirb ber politische Umschwung in Nordamerika allerbings erst burch bie Präsibentenneuwahl im Jahre 1896 erfahren, denn cs ist zweifellos, baß alsbann ber jetzige Präsident Grover Cleveland einem Republikaner in bem obersten Beamtenposten ber Union weichen muß.
*) Aus: Moliöres „Ausgewählte Werke". Verlag von I. G. Cotta Nachs., Stuttgart.
ftänbige Eiferer öffentlich schreien, welche mir in großer Andacht Schimpfnamen beilegen unb mich aus christlicher Liebe
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wuchembe Aemterschacher, bie Polizeiscanbale in New-Aork unb bie ganze Mißwirthschaft ber Demokraten in ber stäbti- fchen Verwaltung Newyorks, wie sie burch das unglaubliche „Tammanh Ringes" bargestellt
MoliSres Vorbericht über den „Tarlüffe".*)
Der Leser sieht hier ein Lustspiel vor sich, welches ein großes Aufsehen gemacht hat unb lange Zeit verfolgt worben ' ist. Die Personen, welche barinnen burchgezogen werden, haben beutlid) gezeigt, baß sie in Frankreich mächtiger sinb, als alle biejenlgen, welche ich bisher lächerlich gemacht habe. Die MarquiS, bie Preciösen, bie Hahnreyen unb bie Aerzte haben gebulbig geschehen lassen, baß man sie auf ben Schauplatz bringe - unb sie haben sich gestellt, als ob sie sich, gleich allen andern, an ben Absch'.lberungen, bie man von ihnen gemacht hat, ergötzten. Aber bie Heuchler haben nicht Spaß verstanben. Sie sinb alsobalb grimmig geworben und haben es für etwas Entsetzliches angesehen, baß ich bie Kühnheit gehabt, ihre Affengeberben zum Gespötte zu machen unb eine Profession, mit welcher sich so viele artige Personen ab« geben, in üblen Ruf zu bringen. Dieses ist ein Verbrechen, welches sie mir nicht vergeben können - unb sie sinb alle mit schrecklicher Wuth wiber mein Lustspiel ins Feld gezogen. Sie haben fich wohl zu hüten gewußt, es von der Seite, von welcher eS sie verwundet hat, auzugretsen. Sie find viel zu listig dazu unb wissen allzu wohl zu leben, als baß sie den Grund ihres Herzens entdecken wollten. Nach ihrer löblichen Gewohnheit haben sie ihren Dortheil mit ber Sache Gottes bebeckt- und ber „Tartüffe^ ist in ihrem Munbe ein Werk, welches bie Frömmigkeit antaftet. Es ist vom Anfänge blS zum Enbe voller Gräuel, unb man finbet nichts barinnen, baß nicht ben Scheiterhaufen öerbiente. Alle Silben barinnen find gottlos - selbst bie Geberden sind strafbar unb ber mindeste Blick, das mindeste Kopfschütteln, ber kleinste Schritt zur Rechten oder zur Linken, halten Geheimnisse in sich, welche sie zu meinem Nachtheil zu erklären wissen. Umsonst habe ich dies Werk ber Einsicht meiner Freunde unb Jedermanns Beurtheilung unterworfen. Die Veränderungen, so ich barinnen gemacht - bas Urtheil bes Königs unb ber Königin, welche es gesehen hoben- ber Beifall großer Prinzen unb ber Herren Minister, welche es öffentlich mit ihrer Gegenwart beehret haben- daS Zeugniß' frommer Personen, welche eS für nützlich gehalten: alles hat nichts geholfen. Sie wollen
Der politische Umschwung in Nordamerika.
Die soeben in ber nordarnerikantschen Union ftattgefunbenen Wahlen für daS Repräsentantenhaus unb bie Legislativen ber einzelnen BunbeSstaaten haben einen gänzlichen Umschwung in ber Volksstimmung bieses größten transatlantischen Staatswesens erkennen lassen, denn die Wahlergebnisse bedeuten in ihrer Gesammtheit eine geradezu vernichtende Niederlage ber bislang herrschend gewesenen demokratischen Partei zu Gunsten ber Republikaner. Vor Allem tritt bieser politische Stimmungswechsel bei ben Wahlen zum Repräsentantenhause hervor, denn währenb in demselben bie Demokraten bis jetzt eine Mehrheit von 91 Stimmen besaßen, werden sie in ber neugewählten Volksvertretung in ber Minberheit sein, ba nach ben jüngsten Melbungen aus New-Aork bas künftige
Wenn beß Schauspielers Pflicht ist, bie Laster der Menschen zu bessern, so sehe ich nicht, warum es privilegirte Laster geben sollte. Dieses Laster, von welchem mein Lustspiel handelt, ist in einem Lande von weit gefährlicheren Folgen, als alle andere- unb wir haben gesehen, baß ber Schauplatz eine große Kraft zur Verbesserung hat. Die schönsten Stellen einer ernsthaften Sittenlehre sinb selten so mächtig, als ber Satyre ihre - unb nichts bekehrt bie meisten Menschen besser, als bie Abschilderung ihrer Fehler. ES ist ein starker Stoß für bie Laster, sie dem Gelächter ber Welt blos zu stellen. Man crbulbet leichtlich ben Tabel, aber nicht Man will zwar lasterhaft sein, aber nicht
lächerlich werben.
Man tabelt mich, daß ich meinem Scheinheiligen geistliche Redensarten in ben Mund gelegt habe. Wie konnte ich bies ttbei vermeiben, wenn ich ben Character eines Heuchlers recht vorstellen wollte? Genug, wie mich bebünkt, baß ich die lasterhaften BewegungSgrünbe, aus welchen seine Reben herfließen, an ben Tag lege, unb baß ich bie geheiligten RebenS- arten davon ausgesondert, welche man nicht ohne Widerwillen von ihm mißbrauchen würbe, gesehen haben. Aber er bringt doch in ber vierten Hanblung eine verderbliche Sittenlehre vor. Haben nicht schon vor dieser Sittenlehre allen Menschen die Ohren wehe gerhan? Sagt sie etwas Neues in meinem Lustspiele? Und ist wohl zu befürchten, baß Dinge, welche so allgemein verabscheuet werben, einigen Einbruck in bie Gemüther machen können? Daß ich dieselben daburch, baß ich sie auf den Schauplatz bringe, gefährlich mache? Daß sie in dem Munde eines Bösewichts ein Ansehen erhalten werben? Es ist nicht bie mindeste Wahrscheinlichkeit bazu vorhanden, und man muß entweder das Lustspiel, der „Tartüffe", billigen ober alle Lustspiele überhaupt verwerfen.
(Schluß folgt.)
Bekantttmachmtg, betreffend die Veranstaltung von Verloofungen innerhalb des \ GroßheUogthums.
Der Turnverein zu Hungen beabsichtigt, um die Mittel zum Bau einer eigenen Turnhalle zu gewinnen, eine Ver- loofung von Ausstattungs-, Landwirthschafts-, Haus- und Gebrauchs-Gegenständen zu veranstalten.
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgefuchte Erlaubmß zur Veranstaltung diefer Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10000 Loose , zu 1 Mk. das Stuck, ausgegeben werden dürfen und minde- ; ftens 60% des Bruttoerlöfes aus dem Verkauf der Loose - zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Der Vertrieb der Loofe ist in der Provinz Oberhessen gestattet.
Gießen, den 7. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Melior.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
£iteratm? rind Arrirst.
— Handbuch brr «emüldekunde von Dr. Theodor von Frimmel. MN 28 in ben Text gedruckten Abbildungen. In Original-Leinenband 3.50 Mk. Verlag von I. I. Weber in Vetpjiß. In anziehendster Weise wird der Leser in die Beurtheilung der materiellen Beschaffenheit und der technischen Eigenschaften der Ge. mälbc Angeführt. Malgrund und Grundirung, die Farbenschichten und der Firniß, die Unterschiede der Tempera- und der OeltechnU, und der durch sie bedingten Erscheinungen werden besprochen, die kennzeichnenden Malweisen einer ganzen Reihe hervorragender Meister eingehend geschildert und erläutert, die verschiedentlichen Beschädigungen nebst Restaunrung und Uebermalung, sowie die mannigfachen Folgerungen erörtert, die sich aus dem jeweiligen Zustande eine« Bildes ergeben. Nicht minder fesselnd ist die Darstellung der Wege, die zur kunstgeschichtlichen Bestimmung der Herkunft des einzelne« Werkes führen.
noch »ich! davon ablaffen, und noch täglich lassen sie unver- I feiern; daß diese, selbst bei uns, ihren Ursprung einer frommen - - — — ----- • Brüderschaft zu danken haben, welcher noch heutiges Tages
daS Hotel de Bourgogne gehöret- daß dieses ein Ort ist, welcher in der Absicht geschenkt worben ist, bie wichtigsten Geheimnisse unseres Glaubens barinnen vorzustellen- baß man noch gebrückte Lustspiele in gothischen Buchstaben finbet, bereu Verfasser ein Doctor der Sorbonne ist- unb baß man noch zu unseren Zeiten geistliche Lustspiele bes Herrn Corneille aufgesührt hat, welche von ganz Frankreich betounbert


