Ausgabe 
13.10.1894 Zweites Blatt
 
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Samstag den 13. October

Nr. 240 Zweites Blatt.

Die Girßrnkr

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Der frUfctxct erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

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2lmts- unb 2In;eig«l>latt für den Kreis <Skfcen.

chratisöeikage: Gießener Aamikienökatter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer di» Borin. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Vureaux de» In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGiehrner Anzeiger» entgegen.

Vermischte».

Frankfurt a. M.. 10. October. Nach einer Mitthetlung des städtischen Statistischen Amte« kann die Einwohnerzahl unserer Stadt (unter Berücksichtigung der polizeilich gernel« beten Zu- und Abwanderungen, sowie des Ueberschusie» der Geburten Uber die Sterbefälle) am 1. October ds». IS. auf 203,000 geschätzt werden. FUr den gleichen Zettraum de« Vorjahres war die Einwohnerzahl mit 196,000 angenommen worden.

* Frankfurt o. M., 10. October. Volksschauspiel Friedrich der Große". Der Anklang, welchen die VolkSaufillhrungen neuerdings gefunden haben, ließ den Wunsch entstehen, das neueste vaterländische FestspielFriedrich der Große" von Max Lündner auch hier zur Aufführung zu bringen. Die Vorbereitungen sind nunmehr soweit getroffen, daß die Vorstellungen Ende October in dem zu diesem Zwecke eingerichtetem LircuSgebäude an der Katserftraße beginnen können. Zur Leitung der Aufführung ist der bekannte VolkSbühnenleiter Alex Heßler in Straßburg i. E. gewonnen worden, der auch die Titelrolle spielen wird. Alle Übrigen Rollen, 73 an der Zahl, sind mit Darstellern aus der BUrgerschast besetzt. Der zu erwartende Reinertrag soll zur Gründung eines KricgerheimS und zu einem Beitrag stir va» Kaiser Wilhelm Denkmal auf dem Kyffhäuser verwendet werden. Bei der Eigenartigkeit dieses Bolksschauspiels darf auch von auswärts ein lebhafter Besuch der Aufführungen erwartet werden.

Die unmittelbare Leitung und Beaufsichtigung der An« stalt ist einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Afsistentin (Jndustrielehrerin) übertragen, welche beide in dem AnstaltS- gebäude wohnen. Außerdem erthetlen in der Anstalt noch der Großherzogliche Kreisarzt zu Büdingen, ein Landwirt!)- schaftSlehrer und ein BolkSschullehrer Unterricht. ES staden jährlich 2 Unterrichtskurse von je 5 Monaten statt, in welchen jede Schülerin für Unterricht und Logis 20 Mark bei dem Eintritt, und für Kost und Verpflegung Pro Tag 1 Mark in Monatsraten praonumerando zu entrichten hat. Außerdem sind noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.

Vom Tage deö Eintritts an, also während deS Kursus, dürfen die Mädchen ohne Erlaubnis; oder, Auftrag der Hausmutter außerhalb der Anstalt nicht verkehren und haben sie sich der eingeführten Hausordnung unweigerlich zu fügen. Insbesondere ist ihnen auch Ehrerbietung, Ge- horsam und Unterordnung gegen daS Aussicht-« und Lehr­personal, Freundlichkeit, Verträglichkeit und liebevoller Verkehr untereinander, und endlich Treue, Fleiß und Sorgfalt bei den Arbeiten zur strengsten Pflicht gemacht.

An Sonn- und Feiertagen werden die Mädchen ver­anlaßt, den Gottesdienst ihrer Confefsion zu besuchen, wobei die Hausmutter bezw. die Assistentin die Begleitung über- nimmt. Morgen« vor dem Frühstück, vor und nach dem Mittagessen und Abends vor dem Schlafengehen findet gemein- sames Gebet statt.

Besuche von Eltern und Schwestern sind gestattet, solche anderer Personen nur unter Begleitung eines Mitglieds des OrtScomitsS.

In die Anstalt sind mitzubringen:

1 Bettdecke, 1 Unterbett, 1 Kiffen (Bettstelle und Matratze werden gestellt), 1 doppelter Ueberzug, 1 weißer Bettüber- Wurf, 1 Waschbecken, 6 Hemden, 4 Handtücher, 2 Bettjacken, 1 Kleiderbürste, 1 Schuhbürste, 1 Trinkglas, 1 Zahnbürste, 1 Regenschirm, 1 Mhstetn, Zeug und Leinwand zur An- fertigung bezw. Unterhaltung von Kleidern, Hemden und Bettwäsche, Wolle und Garn zu Strümpfen und Socken rc. und 2 Vorhängschlößchen.

Am Schluffe des CursuS findet eine Ausstellung der gefertigten Arbeiten, die Uebergabe von Zeugniffen über Betragen und Leistungen, sowie eine feierliche Entlastung der Schülerinnen statt, wozu deren Eltern und Angehörigen ein- geladen werden.

Der erste CursuS pro 1 895 beginnt am

Donnerstag den 8. Januar und wird Freitag den 31. Mat geschlossen werden.

Die Meldungen hierzu sind bet dem unterzeichneten Vorsitzenden de« landwirthschaftlichen BeztrkSveretnS Büdingen unter gleichzeitiger Angabe deö Vor- und Zunamens, bei TagS, MonatS und Jahre« der Geburt und des Wohnorts der Schüler und des Namens der Litern oder des Vor­munde« schriftlich einzureichen.

Lind heim, den 15. September 1894.

Der Vorsitzende de« landw. Bezirksvereins Büdingen. Klietfch, Geh. RegierungSrath.

Da« OrtScomitü.

Westernacher, Oberamtmann. Frau Westernacher. Buß, KreiSschuliufpector. Möller, Pfarrer. Lipp, Bürgermeister. König, Beigeordneter.

Amtliche* Theil.

Die landwirthschaftliche Haushaltungs- schule zu Lindheim,

Provinz Oberhesfen.

Die zu Lindheim seit 5 Jahren bestehende HauShaltungs- schule deS landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Ober« hesten und des landwirthschaftlichen BezirkSvereinS Büdingen hat die Aufgabe, Mädchen im Alter von etwa 1620 Jahren die Gelegenheit zur Aneignung derjenigen Kenntniste und Fertigkeiten zu geben, welche zur Führung einer wohl« geordneten, einfachen bäuerlich-bürgerlichen Haushaltung erforderlich sind, sie an Reinlichkeit, Pünkt­lichkeit und Fleiß, Ordnung und Unterordnung, sowie an Sparsamkeit im Haushalt zu gewöhnen, und auch auf Geist und Gemüth bildend einzuwirken.

In dieser Lehranstalt erhalten die Mädchen Unterricht und praktische Anleitung im Kochen, indem die Unterweisung hierin abtheilungöweise an 2 Kochherden erfolgt und auf die Erlernung der Zubereitung einer schmackhaften und kräftigen s. g. Hausmannskost gerichtet ist, im Lonfervtren von Rah- rungSmttteln, im Einmachen von Gemüsen und Früchten, Einsalzen von Fletsch, Räuchern von Fleisch- und Wurstwaaren, im Backen, Waschen, in der Behandlung der Wäsche und Kleidung, im Bügeln, Putzen, im Molkereiwesen, und zwar in der Behandlung der Milch und Bereitung von Butter und Käse in der der Anstalt zugehörigen, in dem Anstalt«- gebäude eingerichteten Molkerei, in der Bestellung und Aus­nutzung deS Gemüsegartens, sowie Unterricht in der Zucht und Pflege deS Schweins und deS Geflügels. ES werden ferner die Mädchen in der Fertigung weiblicher Handarbeiten gründlich unterwiesen, und zwar im Stricken, Flicken, Stopsen und Wetßnähen mit der Hand und der Maschine, und er­halten Anleitung zum Kleidermachen, wobei sie sich für den eignen Bedarf und für denjenigen ihrer Familie beschäftigen dürfen. Auch wird in den Fortbildungsfächern, nämlich im Rechnen, in der Abfassung von Aufsätzen und Briesen und in der Buchführung Unterricht ertheilt, wie auch Unterwei­sung in den AnsangSgründen der GesundheitS« und Kranken- pflege erfolgt.

ES ist in der Anstalt für eine geist- und gemüthS- bildende Lectüre gesorgt, und wird der Gesang gepflegt. Ein Klavier ist der unentgeltlichen Benutzung der Mädchen überlasten.

Feuilleton.

Die Palenlirung swuth.

Bon OScar Kress e.

(Schluß.)

Sind Ihnen noch mehrere solcher origineller Erfindungen vorgekommen?"

Wenn Sie die Acten da oben durchsehen wollten, Sie würden noch Manches finden. Nur noch ein Fall sei erwähnt. Die practische Verwendung der Stiefelknechte zum Entfernen der Fußbekleidung hatte einen Erfinder auf die geniale Idee gebracht, einen Apparat zum Anziehen der Fußbekleidung zu construiren. Man steckte den Stiefel nach einigen vor­bereitenden Manipulationen an der Maschine in eine Oeffnung derselben, in die entgegengesetzte den Fuß und mittels Drucks auf einen Hebel wurde der Stiefel nach oben gehoben und an feinen Platz befördert."

Ich finde das aber gar nicht sehr komisch," sagte Kunze gedankenvoll.

Mein Gott," lachte Schulze,daS ist dastelbe, als ob Sie von Berlin nach Potsdam über Ostasrika reisen! Zum Stiefelanziehen braucht man die Hände und höchsten- noch Strippen, aber keine Maschine."

Sie haben recht. Wie ist daS aber zu erklären, Sie sprechen von den Erfindern fortgesetzt als von einer menschlichen Beruf-klasse. Ist denn das Erfinden ein Metier?"

Allerdings, mein Herr. Wer einmal von dem be­rauschenden Most des Erfindens gekostet hat, erfindet immer wieder. Wir Patentanwälte haben deßwegen unsere feste Kundschaft, wie jede- andere Geschäft."

So, so," antwortete Kunze etwa« enttäuscht,ich bin bi« jetzt der Ansicht gewesen, daß daS Erfinden die Eingabe eines Augenblick-, ein Genieblitz des menschlichen Verstände- fei, nicht aber, daß man diese zeitweise Erleuchtung deS Geiste- zu einem Berufe ausbilden könne."

Wem da- Erfinden glückt, der erfindet von selbst

weiter, wem eS aber nicht glückt, der wird gewöhnlich darüber verrückt."

Kunze blickte erschrocken sein Gegenüber an.

Ja, ja," lachte Schulze,ich erinnere Sie nur an den berühmtenDampskarl", welcher kürzlich hier in Berlin ge- storben ist. Derselbe war ansängltch ein tüchtiger Maschinen- bauer. Als er durch Erbschaft ein Vermögen von zwölf- tausend Mark erlangt hatte, etablirte er eine Nähmaschinen- Reparaturwerkstatt, die sich großen Zuspruchs erfreute. Durch einige kleine Verbesterungen an der Nähmaschine, welche Karl ersann, kam er in da- ErfindungSfahrwaster. Er hatte die Idee, ein Dutzend Nähmaschinen zu gleicher Zeit von einer Person mittels Dampfkraft letten zu lasten. Ueber diesen Gedanken vernachlässigte er sein Gejchäst und verlor schließ­lich dieses sammt seinem ganzen Vermögen. Traf man den Erfinder, welchen der Berliner VolkswitzDampskarl" ge­tauft halte, auf der Straße und fragte ihn:Dampskarl, wie stehen die Actien mit der Dampskraft," so stellte er sich aus eine Rinnsteinbohle und machte mit den Füßen und dem Mund daS Geräusch einer ankommenden Locomotive täuschend nach. Dann sagte er selbstgefällig:Da hast Du den Salat! So hatte ich mir die Sache berechnet, aber die Maschinenriemen sind stets gesprungen, und die Welt will mich wie meine Erfindungen absolut nicht verstehen. In drei Wochen kommen die neuen Riemen und dann geht« hopsa, hopsa von Neuem los, und meine Erfindung hat den Vorzug, nicht geölt, sondern geseift zu werden."

ES ist nur gut," sagte Kunze,daß wir etne so un« fehlbare Patentbehörde haben, welche niemals in die Lage kommen kann, etwas UnpractischeS ober etwas Komisches zu patentiren."

Auch biese Illusion muß ich Ihnen zu meinem leb­haftesten Bedauern zerstören," entgegnete Schulze sarkastisch. Oder was meinen Sie zum Beispiel zu folgendem Fall: Unter Nummer 37899 ist ein Behälter patentirt worden, dessen Wände auS wasterdichtem Stoff bestehen- das Ganze ist nichts als ein viereckiger Kasten und soll eine Bade- einrichtung für Pferde abgeben."

Kunze lachte.

DaS ist allerdings ein merkwürdiges Patent," sagte er.

Ferner," erzählte Schulze weiter,hier sehen Sie eine ziemlich umsangreiche Maschine. Im Halter h liegt der Faden, welcher mittels Daumens p hochgehoben wird, so daß der Einfädelhaken unter der Wirkung der Feder unterhalb de- Fadens durch da« Nadelöhr durchgehen, den Faden auf­nehmen und unter der Wirkung einer Feder durch das Oehr ziehen kann. DaS Ganze ist daS Product von vier englischen Erfindern, welchen dasselbe unter Nummer 37846 patentirt wurde, und soll daS Einfädeln der Nähnadeln vereinfachen."

Kunze brach in ein homerisches Gelächter auS.

Man sollte nicht glauben, daß ein einfacher Handgriff, wie es daS Einfädeln einer Nähnadel ist, durch eine patentirte Erfindung so complicirt gemacht werden kann! Der Himmel belohne die Erfinder, die practische Welt wird eS jedenfalls kaum thun."

Bei dem Wort Himmel," fuhr Schulze fort,fällt mir etwas andere« ein. Haben Sie schon einmal unter dem auf- gespannten Regenschirm daS Bedürfniß gehabt, durch diesen hindurch den Himmel zu betrachten?"

Kunze blickte den Sprecher mißtrauisch an.

Nein," sagte er so verwundert, als ob er an Schulze» Verstand zu zweifeln beginne.

Nun," erwiderte dieser ruhig,unter Nummer 37835 vom 8. Juli 1886 ist Herrn Charles Howell in Enoch (Nord- Britannien) folgende Neuerung an Schirmen patentirt worden: Das Schirmtuch und eine ober mehrere Rippen sind mit einer ober mehreren durchsichtigen Scheiben so combinirt, daß der Schirm in aufgespanntem Zustand ein ober mehrere Fenster aufweift, welche freien Auslug gestatten!"

Nach diesen Worten erhob fich Kunze lachend, schüttelte dem Patentanwalt die Hand und entfernte sich.

Ueber seine Idee, mit Hilfe des Winde« gegen den Wind zu fahren, welche thatsächlich in mehreren Ländern patentirt wurde, erschien seiner Zeit in einer nautischen Zeit­schrift ein Artikel unterSeeschlangen".