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13.5.1894 Drittes Blatt
 
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Nr. 110 Drittes Blatt._______Sonntag den 13. Mai

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' Hamburg. 10. Mai. Die Verhaftung des (Som» rnandeurS und eine- Spritze nm auneS bei einer Land­spritze hat hier nicht geringes Aufsehen erregt, da nach der Untersuchung Beide bereits überführt sein sollen, mehrere Brände lediglich in der Absicht verursacht zu haben, um sich die für die ,,erste Spritze am Platze" zu leistende Vergütung von 15 Mk. zu sichern. In der Localpresse wird anläßlich eines am letzten Mittwoch auSgebrochenen großen FeuerS im hamburgischen Dorfe Alsterdorf berichtet: Der Commandeur, wie auch der Spritzenmann leugneten bei der ersten Ver­nehmung Alles, woraus der Commandeur einstweilen auS der Untersuchungshaft entlassen wurde, während man den an­scheinend dringend verdächtigen Spritzenmann in Haft behielt. Den Criminalbeamten Broker und Rente gelang es jedoch, den Spritzenmann in Bezug auf daö Feuer in Alsterdorf zum Geständniß zu bringen, wobei er so belastende Aussagen gegen den Commandeur machte, daß man diesen zum zweiten Male verhaftete. In der letzten Zeit haben in geringen Zwischenräumen in der Umgegend von Alsterdorf verschiedene Brände stattgesunden, seltsamerweise war in fast allen Fällen die Spritze der Verhafteten zuerst am Platze.

* Die Rettung der sieben Hohlenbesucher erinnert an einen nicht minder merkwürdigen Fall, der sich im Jahre 1892 bei der Verschüttung einer Kohlengrube der Brüxer Bergbaugesellschast ereignete. Am 4. Juli 1892 wurde um V38 Uhr Abends, kurz nachdem die Nachtschicht eingefahren war, die Emeran-Zeche bei Silin mit Schwemmsand ver­schüttet. Nur drei Arbeiter konnten sich retten, zwei Arbeiter wurden nach 33 stündiger Arbeit herauSbefördert, drei Arbeiter dagegen blieben in der Tiefe. Aber auch diese drei wurden siebzehn Tage nach der Katastrophe lebend aufgefunden. Zwei der Geretteten hatten schon begonnen, an der Rettung zu zweifeln- der dritte, der kräftigste von ihnen, sah am sieb­zehnten Tage nach dem Sandeinbruche um 9 Uhr Abends, als er wieder um Wasser ging, plötzlich Licht und begann um Hülfe zu rufen. Die Rettungsmannschaft glaubte Ge­

spenster zu sehen und wollte auSreißen- der Oberhäuer mußte sie zurückführen. Nach zwei Stunden waren die Verschütteten gerettet. Sie waren zu Skeletten abgemagert, wurden jedoch durch sorgsame Pflege am Leben erkalten. (N. Fr. Pr.)

Drum prüfe, wer sich ewig bindet! Rechtes Glück hat der Arbeiter P., wie derPos. Ztg." auS Neisie berichtet wird, bei der Wahl seiner Gattin entwickelt. Als er mit seiner eben angetrautenjungen Frau" vom StandeSamte am SamStag heimkehrte, wurde diese plötzlich durch den Arm der Gerechtigkeit von seiner Seite gerissen, denn die Braut hatte während der Eheschließung auf dem StandeS­amte einem der Zeugen die Uhr entwende».

* Folgendes originelle Bittgesuch gelangte dieser Tage in den Einlauf einer Bahnerpedition des FrankenwaldeS. Hoher Bahnhofvorstandr. Indern daS ich sie biete mir eine Stehle wenn Sie frei wirt klltigst zu verschaffen. Ich biete Sie mir eine Stelle wenn Sie frei roürt rnitzutheilen. Ich mag nid) mehr diehnen und will gern zur Bau. Meine Adreß hast (folgt Name) Dienstgnecht in N."

* Hebet die Gefahren beim Tragen künstlicher Gebisse hat Professor Shönlein in Zürich b each tenSwerthe Mit­theilungen gemacht. Er hat vier Fälle beobachtet vom Verschlucken des Gebisses im Schlafe; einer der Fälle endete tödtlich. In einem Falle, bei einer Frau von 30 Jahren, gelang die Emsernung mittelst Gräfe'schen MünzfängerS. Bei zwei anderen Patientinnen war die Eröffnung der Speise­röhre erforderlich. Proseffor Krönlein hat auS der medi- cinischen Literatur 37 Fälle zusammengesteüt, in denen jene Operation wegen verschluckten Gebisse« gemacht wurde; 29 Personen genasen, 8 starben. K. schließt mit der dringenden Mahnung, die Gebisse beim Schlafen abzulegen und schadhaft gewordene Stücke sofort ausbessern zu laffen

* EineRettung per Telephon" macht zur Zeit in einer italienischen Stadt an der Riviera viel von sich reden. Vor einigen Tagen, so erzählt ein dortiges Blatt, schlich sich um die Mttternachlsstunde eine au« fünf Mann bestehende Einbrccherbande in das GeschaftSlokal des reichen Kohlenhändlers Serraffo. Die Herren Einbrecher drangen

bi« zum ArbeitSkabinrt des Chefs, allwo sich die eiserne Raffe befand, vor, machten Licht, holten ihre Werkzeuge hervor und begannen zu arbeiten. Nun bemerkte der im Lichthofe wohnende Signor Piccaluga das Licht und dieser, wohl wiffend, daß sein Nachbar niemals so spät zu Bett gehe, schöpfte sofort Verdacht. Er roarf kleine Stücke Holz gegen daS hinter Jalousien beleuchtete Fenster SerraffoS, unb die Diebe löschten sofort daS Licht auS, zündeten aber, nachdem sie eine halbe Stunde lang ungestört blieben, dasselbe sofort wieder an. Nun kam dem wackeren Nachbar ein Gedanke. Er lief die Centrale des Telephons an, ihn mit Signor Serraffo zu verbinden. Bimbimbim klingelte e8 sofort neben der eisernen Kaffe, die Herren Einbrecher glaubten sich erwischt und ergriffen, ihre gesawmten eisernen Utensilien zurücklassend, die Flucht.

* Englische Amazonen. Zahlreiche englische Damen, die nicht zufrieden damit sind, in Kriegszeitennur" als Kranken- Pflegerinnen dienen zu können, wollen sich, gleich den Soldaten, allen militärischen Uebungen unterwerfen, um im Nothfalle auch die Flinte ergreifen und einige Feinde zu Boden sttecken zu können. Die Damen, welche btc Bewegung fördern, ver­sammelten sich dieser Tage unter dem Vorsitze der Lady H. E. Heatherlcy im Ideal Club und stellten fest, daß sich bereit« eine verhältnißmäßig beträchtliche Anzahl von Frauen habe anwerben lassen. Nach einer langen Discussion über die wichtige Uniform-Frage wurde beschloffen, daß die modernen Amazonen eine ächt kriegerische Tunika und bis zum Rme reichende Beinkleider tragen sollen, da der Unterrock einer Kriegerin nicht würdig sei! Jetzt ist England gerettet!

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Feuilleton.

Pfingstfsuder.

Bon Marte Langner.

(Schluß.)

Sein Blick streifte das Gehöfte der Berghosbäuerin, daS dem feinen an Größe nichts nachgab. Wäre eS nicht lächerlich, wenn er den verliebten Grillen des Jungen nach­gab und solches Glück von der Hand wies? Nein und tausendmal nein. Er that eS ja nur zum Besten seines Jungen.

Plötzlich stutzte der Bauer. Die Anhöhe herauf kam langsam ein junges Mädchen geschritten, ein kleines Bündel in der Hand, langsam, apathisch, als trügen die Füße sie nicht mehr weiter. Jetzt, beinahe oben angelangt, blieb sie stehen und wandte sich nach dem Dörfchen zurück, als wollte sie noch einmal daS Bild ihrer Seele cinprägen. Noch regte sich drunten nichts, nur der Glockenklang klang friedvoll und feierlich herüber, ihr den letzten AbschiedSgruß bringend. Da lehnte sie sich plötzlich an einen Baum, in leidenschaftliches Schluchzen auSbrechend.

Dem Zuschauer wurde eS gar seltsam zu Muthe bei den Thränen deS Mädchens.

Die Emerenz, denn sie war eS, glaubte sich wohl ohne Zeugen, denn sie weinte fort, lange und heftig. Sie erzählten dem Bauer eine ganze Geschichte, diese Thränen, die dort floffen.

Er trat jetzt näher. DaS Mädchen schrak zusammen und fuhr schnell über die Augen, die verrätherischen Spuren fortwischend.

Was willst Du thun, Emerenz, waS soll- mit dem Bündel?"

ES legte sich wie Trotz und unnahbare Kälte über ihr hübsches, frisches Gesicht.

WaS ich will, Bauer, Du siehst eS ja gehen. Freust Du Dich nit? Wenigstens bist Du doch die Bettel­prinzessin bann loS und brauchst nit zu fürchten, daß sie Deinem Sohne Leimruthen legt. Aber Gottlob, ich kann es Dir damit auch beweisen, daß ich meinen Stolz hab, gerade wie eine richtige."

Der Buchenbauer war für einen Augenblick fassungslos, fein Blick senkte sich vor den klaren, blauen Mädchenaugen zur Erde.

So weißt"

Ich hab gestern Abend alles gehört," nickte sie,wider meinen Willen war ich Zeuge. Das, Bauer, ist meine Ant­wort darauf."

Stolz wie eine Königin hob sie ihr Köpfchen und nahm das Bündel wieder auf, sich zum Gehen wendend.

Leb wohl und schön Dank für alle-, waö ich Gutes von Dir genoffen, leb wohl und sag dem Toni nein, lieber nichts, 'S ist bester so."

Ihre Stimme war bei den letzten Worten merkwürdig zitternd geworden und schnell wollte sie an dem Bauer vor­über. Doch der hielt sie fest, ihr forschend in daS Gesicht schauend.

Sag mir nur noch eins, Emerenz, liebst Du denn den Toni?"

Sie sah zu ihm auf unb in ihren thränenverbunkelten Augen lag eine ganze Welt von Schmerz unb Entsagung.

Ob ich ihn lieb? Ich hab nit Vater und Mutter, Bauer, alles, was ich zusammengespart an Liebe und Zärt­lichkeit, gehört Eurem Toni. Euch kann ich s schon sagen, doch fragt ihn, ob ich mich jemals verrathen, er hat keine Ahnung, wie lieb ich ihn hab."

Aber jetzt weiß er's, Emerenz!" rief da eine jubelnde Helle Stimme dazwischen und Toni stand im nächsten Augen­blicke zwischen den beiden. O, haft ich mir ein schöneres Pfingsten denken können, als da- Geständniß auS Deinem Munde? SagS noch einmal!" bat er stürmisch, daS zitternde, erblaßte Mädchen an sich ziehend.

Doch sie machte sich sanft loS.

Nicht so, Toni, nicht so. Nichts und Niemand wird mich in meinem Entschluß wankend machen, zu gehen. Es muß fein, Toni, eines van unS ist zu viel auf dem Buchenhof und das bin nur ich. Für Deine Liebe, die Du mir be­wiesen, bin dem Herrgott recht von Herzen dankbar, die Er­innerung daran wird mit mir gehen und mich aufrichten, wenn ich muthloS werden sollte. Leb wohl, Toni!"

Und Du glaubst, Mädchen, ich ließe Dich?" rief der junge Bursche leidenschaftlich.Hier, Vater, schwör ich DirS, daß ich nit laß von der Emerenz und heut mit ihr gehe lieber in Noth und Armuth als auf den Buchenhof als Herr mit einem ungeliebten Weibe. Vater," bat er weich,fei nit fo grausam, uns zu trennen."

Er war eS nicht. Reden konnte er nicht viel, der Buchen­bauer, aber er zog da« junge Mädchen einen Augenblick an sich und küßte eS auf die Stirn.Verzeih mir," sagte er

leise. Dann führte er sie zu seinem Jungen und wandte sich still ab.

Noch zwei jubelnde Rufe wurden laut^ Emerenz! Toni! Dann wurde eS still auf der kleinen Höhe. Ein Vöglein, daS neugierig durch die grünen Zweiglein geguckt, stieg jetzt mit jubelndem Sang in die Höhe, ein neues Lied verkündend von den zwei glücklichen, seligen Menschenkindern da drunten, deren Lippen sich eben gefunden im ersten wonnevollen Kuß der Liebe! Der Alte aber wischte sich verstohlen mit der Hand über die Augen. Ob ihn die goldene lachende Sonne blendete? O, du schöne, wunderherrliche Pfingstzeit!

Sie schritten bann alle drei Arm in Arm hinunter zum Thal. AIS sie zum Gehöfte eintraten, da lächelte der Alte verständnißinnig in sich hinein.

Dieser trotzige, übermüthige Junge, er hatte Wort ge­halten und den Leuten gezeigt, wie es um sie beide stand. Bor dem Fenstercheu der Emerenz stand ein Maienbaum, schlank und zierlich, eine Tanne, deren Aeste beschnitten, nur oben in einer Krone endeten, mit bunten Bändern auSgeputzt, wie sie nach der Sitte des Landes jeder Bursche dem Mädchen pflanzte, das er liebte.

Stehst, Vater und Emerenz, hiut in aller Morgenfrühe hab ich ihn auS dem Walde geholt und beinahe wäre mit doch das Vöglein davongeflogen, das aber jetzt fein Nestel gewiß nicht verlaffen wird."

Sie schmiegte sich glückselig au ihn.

Gott behüt, ich bin ja so glücklich. Aber was werden, denn die Leut sagen?"

WaS die sagen? Nun, sie freuten sich alle über da« Glück der Emerenz, denn sie hatten sie alle gern.

Nur eine wurde blaß vor Neid, als zum Gottesdienst das junge Mädchen mit dem Buchenhofbauer und feinem Sohne zum ersten Male in denselben Kirchenstuhl traten, welchen die Familie von Alters her inne hatte das war die Kathi. Sie blickte auch nicht ein einzig Mal mehr hinüber, sondern immer geradewegs auf den Pfarrer, obgleich die Worte der Predigt ungehört an ihrem Ohr vorüberfchallten.

Desto andächtiger waren die zwei. Fanden doch die Worte des Priesters von der Liebe, der tiefen, heiligen Liebe, die das Pfingstfest predigte, Widerklang in ihren Herzen, sie schauten sich in die glückstrunkenen Augen und fangen gar andächtig mit:O, du fröhliche Pfingstenzeit! Christ, unier Meister Heiligt die Geister Freue dich, freue dich, 0 Christenheit \" ,