Ausgabe 
13.4.1894 Zweites Blatt
 
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Nr 85 Zweites Blatt. Freitag den 13. April 1894

Der teteur Anzeiger trldjnnt täglich, * Lusnahmk de« Montag»

Die Gießener fiBtthairiltn mrttn bon Anzeiger »öcheittlich br«l*e( b<i«cüft

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Alle Annoncen-vureaux M In- und Auslandes neh«, Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger^ entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachuua.

Er wird hiermtt zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach $ 6 des Reichsgesetze» vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnitt-Marktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat M^ä r z 1894 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;

Hafer 17.80, Heu «4L 11.60, Stroh Jt 8.90.

Gießen, den 10. April 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend den Wasenmeisterdienst zu Garbenteich.

Johannes Schmidt IV. zu Garbenteich ist zum Wasenmeister der Gemeinde Garbenteich ernannt und in dieser Eigenschaft verpflichtet worden.

Gießen, den 10. April 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betr. die Faselschau zu Gießen im Jahre 1894.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß am iS. April I. I., Vormittags IO Uhr, gelegentlich des an diesem Tage stattfindenden Viehmarkts zu Gießen auf dem Viehmarkt-platze eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission abgehalten werden wird.

Die Schau beginnt Vormittags 10 Uhr- zur Ankörung kommen nur Fasel der Vogelsberger und Berner, speziell Simmenthaler Raffe; auch müffen die Bullen sprung- fähig sein.

Den Besitzern guter Thiere können, soweit die Mittel reichen, Wegegelder, vorbehaltlich näherer Bestimmung in Aussicht gestellt werden.

Gießen, den 7. April 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Vermischtes

Berlin, 2. April. Berlin steht mit seiner Fernsprech­einrichtung an der Spitze aller Länder der Erde. Es besitzt gegenwärtig 20 949 Sprechstellen, 450 Kilometer Linie und

47 449 Kilometer Drahtleitung. Wie weit Berlin in dieser Beziehung selbst die größten Städte Amerika- überflügelt hat, beweist die Thatsache, daß New-Aork nur 9066 und Chicago nur 9684 Sprechstellen besitzen. Auf Berlin entfallen im Jahre 101791376 Verbindungen, am Tage also durchschnittlich 326376 und an einem Tag aus eine Sprech­stelle 15,9.

* Eonstauz. 3. April. Ein freches Gaunerstück hat sich hier abgespielt. Ein Fremder reiste hier zu und fuhr in einer Droschke nach dem Hotelzum Sternen". Dort stellte er sich der Frau des Besitzers Fromlett vor als Ober­stabsarzt Dr. Oberweyer, früher in Constanz. Sodann erkundigte er sich' angelegentlich nach dem Befinden des Herrn Gemahls und fragte, wo sich derselbe zur Zeit aufhalte. Auf die Antwort der Frau, ihr Mann sei in derSonne" beim Glase Bier, versprach der Herr Doctor, denselben aufzusuchen, er wolle aber erst einenBurschen" für sich besorgen. Der HerrOberstabsarzt" ging zur Kaserne, meldete sich bei einem Feldwebel mit dem Ersuchen, man möge ihm, da er sich einige Tage hier aufhalte und Militärarzt sei, einen Burschen zur Verfügung stellen. Der Feldwebel verwies ihn an die 13. Compagnie und ein Unteroffizier an den Haupt­mann. Nun machte der Pseudo-Doctor auf der Straße den ersten Soldaten, den er traf, auf seinen Rang aufmerksam und erklärte ihm, er sei von jetzt ab sein Bursche.Arzt" undBursche" fuhren nun in dieSonne", wo sich der erstere Herrn Fromlett vorstellte und bat, er möge ihm im Sternen" ein hübsches Zimmer besorgen. Der am gleichen Tische sitzende Criminalwachtmeister Zitzer äußerte die leise Vermuthung, daß man es mit einem Gauner zu thun habe und ging deshalb mit Fromlett und demArzt" in den Sternen" und forderte hier denOberstabsarzt" auf, sich zu legitimiren. Dieser konnte das nicht und griff in die Tasche. Da faßte Zitzer rasch nach der Hand des Gauners, die ein langes Stiletmesser umschlossen hielt und entriß ihm dasselbe, wobei der Gauner eine tiefe Schnittwunde in der inneren Handfläche erhielt. Der Vogel war gefangen- er wurde verhaftet. Er heißt Ernst Müller und ist Kattun­drucker von Lörrach. Er war schon wegen versuchten Raub­mordes im Zuchthaus und ist erst seit Kurzem entlassen. Man nimmt an, daß Müller einen Mordversuch aus den Hotel­besitzer oder dessen Frau machen wollte.

* Leipzig, 10. April. In der dauernden Gewerbeaus- stellung findet während der Messe täglich die Vorführung von Holzbearbeitungsmaschinen statt. Dieselben sind von ersten Firmen sehr zahlreich ausgestellt, sodaß Jntereffenten bei ihren Einkäufen anzurathen ist, die Ausstellung vorher

zu besichtigen. Zur Inbetriebsetzung gelangen außerdem täglich verschiedene Motoren, und da der übrige Inhalt der Ausstellung ebenfalls ein sehr reichhaltiger und vielseitiger ist, dürfte ein Besuch auch von allgemeinem Jntereffe sein.

Aus demBuudesamt für dasHeimathweserr.

W. DaS Bundesamt für daS Hctmathwesen hatte sich am 7. d.Mt«. mit einem zwischen den OrtSarmenoerbänden Ruppertenrod und Nieder - Eschbach schwebenden Prozeß zu beschäftigen. Der Nagende Armmverband Ruppertenrod beansprucht von dem Beklagten Er­stattung seiner für den Leineweber und Tagelöhner Kratz gemachten Aufwendungen. Kratz war in Nieder - Eschbach aufhaltsam und er­hielt auf fein Erfuchen vom dortigen Gemetndevorstand eine Be­scheinigung, in welcher ihm zum Zweck seiner Aufnahme in das Krankenhaus zu Vilbel attestirt wurde, daß er bereits seit mehreren Tagen krank im Orte umher gelaufen sei. K-, der Mitglied der Bezirkskrankenkasse in Vilbel war, nahm seine Bescheinigung, ging aber nicht nach Vilbel, sondern nach Ruppertenrod und mußte hier aus Armenmttteln verpflegt und untergebracht werden. Der OrtS- armenoerband Ruppertenrod behauptet nun, K. sei in Nteder-Elchbach ortsangehörig, das fragliche Attest des Gemeindevorstehers sei ihm im Uebrtgen auch nur erthetlt, um den K. auS Nieder-Eschbach auf gute Manier loszuwerden. Der Beklagte bestritt sowohl die OrtS- angehörigkeit des K. in Nieder»Eschbach als auch die Abschiebung. Der Provinzialausschuß zu Gießen ordnete zunächst Beweisaufnahme über den Aufenthalt des K. in Nieder-Eschbach an. Durch dieselbe ergab sich, daß K. in der Zeit vom 19. März 1887 bis 29. Januar 1892 bei der Krankenkasse daselbst während verschiedener Zeiträume ange­meldet gewesen ist, während er die übrige Zeit nicht angemeldet war. Die Zeiträume, während welcher die Anmeldung nachgewiesen ist, bilden zusammen etwa eine Dauer von 3 Jahren, werden aber so unterbrochen, daß K. niemals fortlaufend 2 Jahre angemeidet war. Der Provinzialausschuß hat auf Verurtheilung deS Beklagten nach dem Klageantrage erkannt. Derselbe gelangte zu der Ueberzeugung, daß Abschiebung allerdings nicht angenommen werden könne, weil nicht erwiesen sei, daß die Hütssbedürftigkeit des K. in Nieder-Esch- bach in einer der Vertretung des ArmenverbandeS erkennbaren Weise hervorgetretcn sei; dagegen sei als festgestellt anzunehmen, daß K. in Nieder - Eschbach seinen Unterstühungswohnsih erworben habe. Der beklagte Armenverband hat durch gegen diese Entscheidung ein­gelegte Berufung die Entscheidung des Bundesamtes für dasHeimath­wesen angerufen. K. selbst hatte bezüglich seiner Aufenthaltsoerhältniffc bekundet, daß er auch während der Zeiten, in denen er nicht bei der Krankenkasse angemeldet gewesm, in Nieder-Eschbach geblieben sei und nur vorübergehend und ganz kurze Zeit von dort sich entfernt habe. Dieser Bekundung stehen aber andere Zeugenaussagen gegen­über, aus denen heroorgeht, daß K. längere Zeit außerhalb und namentlich in Bonames gearbeitet hat. Das KreiSamt zu Alsfeld, welches die Vernehmung des K. vorzunehmen hatte, bemerkte dazu, daß die Angaben des K. kaum als glaubwürdig und zutreffend onzu- nehmen seien. K. habe offenbar durch häufigen Branntweingenutz und durch Altersschwäche am Gedächtniß gelitten und sei kaum noch vernehmungsfähig. Das Bundesamt hat aus diesem Grunde die Frage, ob anzunehmen sei, daß K. in Nieder-Eschbach seinen Unter-- stützungSwohnsih habe, verneint und deshalb sowie mit der ferneren Feststellung, daß auch Abschiebung nicht oorliege, weil der Beklagte den K. ganz correct an die Krankenkasse verwiesen habe, auf Auf­hebung der Vorentscheidung und Klageabweisung erkannt.

Fenilleton.

las Festprogramm für bra Sinnig Ihm König!, hahritrn brs Kroßhrriogs unb brr Großherzogin in larmflabt.

Z. Darmstadt, 10. April 1884.

Der Programm-Entwurf für das große Einzug-fest am Freitag den 20. April ist nunmehr fertiggestellt und in freu­diger Erwartung harrt die ganze Einwohnerschaft unserer Residenz der schönen Festtage, die der Monat April noch bringen soll. Am Donnerstag den 19. April wird das hohe neuvermählte Paar im idyllischen Jagdschloß Krantchstein, dem alten Lieblingssitze so manches hessischen Fürsten, eintreffen und von dort au- am Freitag Vormittag kurz nach 11 Uhr nach der Stadt fahren. Am Eisenbahnviaduct in der Frank­furierstraße beginnt, wie schon neulich gemeldet, die Einzug-- feierlichkeir. Durch die Frankfurterstraße führt der Weg des Allerhöchsten Paare- nach der Promenade, an den Bahnhöfe« vorüber zum sogen. Rheinthor, wo ein mächtiger Triumph­bogen errichtet werden soll, durch die Rheinstraße, Wtlhelminen- straße unb zum Neuen PalatS. Natürlich werden die Ein- zugsstraßen in üppigem Festschmucke prangen. Ueberall sollen venetianische Masten errichtet werden, von denen bunte Wimpel herabwehen, grüne Guirlanden sollen sich von einem Stamme zum anderen schlingen. Eine prachtvolle Decoration erhält daS LudwigSmonument auf dem Louisenplatz. Von der Höhe der mächtigen Säule herab bis zur Erde werden große Guirlanden gezogen, die sich nach allen Richtungen hin verlaufend wie ein Zeltdach über dem Platze wölben sollen. Die Privathäuser und die öffentlichen Gebäude werden natürlich auch in ein festliches Gewand gekleidet werden. Unsere Fahnenlieferanten und Decorateure haben zu thun in Hülle und Fülle, in allen Schaufenstern sind Wappenschilder

in den hessischen und deutschen Farben, BegrüßungSembleme, Jlluminationskörper u. s. w. in großer Menge ausgestellt und die Nachfrage nach all diesen Gegenständen ist keine geringe. In den Einzugsstraßen selbst werden die Schüler sämmtlicher höheren Lehranstalten, die Vereine der Stadt, die Studirenden der Technischen Hochschule u. s. w. Spalier bilden und sich, nachdem der Wagen mit dem Allerhöchsten Paare vorübergesahren ist, zu einem Festzuge formiren. Der Nachmittag und der Abend bringt neue Huldigungen für den geliebten LandeSherrn und seine hohe Gemahlin. Gegen 6 Uhr fährt daS Großherzogliche Paar durch die Stadt zum alten Residenzschloffe, wo große Galatafel für die geladenen Damen und Herren der Hofgesellschaft stattfindet. Nach deren Beendigung begeben sich die Herrschaften inS Neue Palais zurück, machen dann um 9jUhr eine Rundfahrt durch die Stadt, die im strahlenden Glanze einer allgemeinen fest­lichen Illumination prangen wird, und begeben sich dann nochmals ins Residenzschloß, um vom Balkon über der Haupt­wache aus die Serenade der Vereine anzuhören. An dieser nehmen alle Vereine unserer Stadt Theil, sie wird sicherlich einen großartigen Huldigungsact und einen Glanzpunkt unter allen Veranstaltungen der Festtage bilden. Der Marktplatz selbst soll von 24 Bogenlampen taghell erleuchtet werden. Der folgende Sonntag bringt Abends 7!/2 Uhr eine große Galacour der besonders dazu geladenen Damen in den Kaiser­zimmern des Schlaffes und Festconcerte in der Fefthalle auf dem Exercirplatze. Am Sonntag wird auf dem Exerctrplatze ein großes allgemeines Volksfest veranstaltet, das die Höchsten Herrschaften mit ihrem Besuche beehren werden. Am näm­lichen Tage findet das große Reiterfeft des hessischen Reiter- Vereins statt, Abends um 7 Uhr endlich schließt sich die große Festvorstellung im Hoftheater an, Engelbert Humperdincks MärchenspielHänsel und Gretel" ist dazu ausersehen. Am Montag folgt dann außer einer Nachfeier des Volksfestes noch ein großer Astball in derVereinigten Gesellschaft", auf dem Seine Könizl. Hoheit der Großherzog mit Seiner

jungen Gemahlin erscheinen wird. Ihre Leser sehen, es ist ein recht stattliches Festprogramm, daS uns die Tage vom 20. bis 23. April bringen. Aber die Antheilnahme an dem schönen Feste ist auch im ganzen Hessenlande eine außer­ordentliche. Von nah und fern steht ein riesiger Fremden- zudrang zu erwarten, so daß eS sich für jeden Ihrer Leser, der gleichfalls zum Einzugsfeste nach Darmstadt kommen will, dringend empfehlen dürfte, recht bald Quartier zu bestellen. Das Hauptwort beim Gelingen des ganzen Festes wird frei­lich Jupiter Pluvius zu sprechen haben und eS ist der innigste Wunsch aller Landeskinder, daß dieser griesgrämige Herr, der uns erst im letzten Jahre gelegentlich des Turnfestes so übel mitgespielt hat, sich doch diesmal gnädig erzeigen und uns ein paar schöne, heitere Lenztage bescheeren möge. Dann wird sich Darmstadt in seinem Festkleide doppelt schön zeigen, denn die Zauberkraft des Frühling- hat Dank der warmen, sonnigen Witterung der letzten Zeit schon wahre Wunderdinge vollbracht. Der Wald und alle Gärten prangen in schönstem Blätter- und Blüthenschmuck.

Die Hochzeit-gesch'enke für das Großherzogliche Paar werden bis zur Hochzeit nicht sämmtlich fertiggestellt sein, von einzelnen müssen einstweilen Abbildungen in kost- baren Mappen überreicht werden. Die hessischen Städte überreichen bekanntlich einen prachtvollen Silberaufsatz, die Frauen Darmstadts einen Schrank zur Aufbewahrung von Kunftgegenständen und einen kostbaren Tisch mit Sesseln, die Mitglieder des Hoftheaters zwei große Sticke nach Tiziantschen Gemälden in kostbaren Rahmen, dazu kommen noch besondere Spenden einzelner Vereine u. s. w.

So sehen wir denn den kommenden Festtagen freudig entgegen und hoffen, daß dieselben in schönster Weise ver­laufen mögen, zur Freude unserem Fürsten und Herrn unb unserer Stadt und dem ganzen Hessenlande zum Glücke und Ruhme.