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totales und provinzielles.
Ä. Reichelsheim i. d. W., 9. December. Ein sehr bedauerlicher Unglücksfall ist gestern Abend dicht vor unserem Städtchen durch eine Truppe Bärenführer veranlaßt" worden. Die Stromer hatten sich bet der Mühle gelagert und ließen ihre struppigen Rosinanten auch nach eingetretener Dunkelheit frei auf dem Felde neben der Chaussee ; Herumlaufen, wo sich die Thiere kärgliches Futter suchten. । Als der von Staden kommende Postwagen in die Nähe der Lagerstelle zu fahren kam, wurde daS Postpferd scheu, der Postillon konnte das wüthende Thier nicht mehr bemeistern, der Dagen stürzte um und ein darinnen fitzender Reisender brach das Bein. Den Stromern wurden die Papiere abgenommen, um fie für den entstandenen Schaden verantwortlich zu machen. Ob man ihnen die Thiere confisciren wird, oder ob sie Baargeld haben (was gewöhnlich der Fall ist, denn die Stromer fechten mehr zusammen, als man glaubt), wird sich bald zeigen. <
M. Herbstei«, 9. December. Gerichtsdiener Buß hier pflückte vor einigen Tagen in einem an geschützter Stelle liegenden Garten einige völlig reife Erdbeeren. Gewiß eine große Seltenheit. — Als kürzlich in dem etwa 10 Minuten von hier gelegenen District Steimel eine Treibjagd auf Rehwild abgehalten jvurde, stießen die Jäger plötzlich auf ein Rudel Wildschweine (ca. 11 Stück). Die von dem unerwarteten Ereigniß überraschten Jäger kamen leider nicht zum Schuß, da sie nur Schrot (Rehposten) geladen hatten. Wildschweine sind in so unmittelbarer Nähe von Herbstein noch «tcht gesehen worden. — Herr Oberförster Weber in Grebenhain hatte das Glück, gestern im Oberwald einen stattlichen Keiler zu erlegen.
§ Illnhausen (Kreis Büdingen), 7. December. Nachdem seither eine Anzahl Quellen deS Vogelsberger Wasser- in der Nähe von Frischborn von Seiten des Tiefbauamts zu Frankfurt a. M. gekauft und nach Frankfurt a. M. geleitet worden sind, haben kürzlich die Erweiterungsbauten der Frankfurter Qnellwasser Leitung in hiesiger Gegend begonnen. ES werden zu diesem Zwecke die zwischen unserem Nachbarort . Kirchbracht und dem Pfarrhause daselbst angekauften ■ Quellen vereinigt und dann durch daS Bracht-Thal nach Schlierbach bei Wächtersbach weitergeführt, wo sie in die Hauptleitung eingeführt werden sollen. So sehr man auch die Entziehung so großer Wassermengen für unseren südöst
lichen Vogelsberg bedauert, so begrüßt man es anderseits, daß durch diese Arbeiten wieder etwas Verdienst in unsere Gegend kommt. Es wäre auch noch zu wünschen, daß der schon früher geplante Quellenkauf im oberen Vogelsberg, am Rande des OberwaldeS, zu Stande käme.
Alsfeld, 9. December. Im Sommer nächsten Jahres, voraussichtlich mit dem 25. August beginnend, soll hier in Alsfeld eine dreiwöchige Ausstellung Oberhessischer Industrie- und Gewerbe-Erzeugnisse stattfinden. Die Ausstellung ist einerseits veranlaßt durch die Wahl ; Alsfelds znm Orte der Hauptversammlung des LandeS- gewerbevereinS, andrerseits durch den rührigen Ortsgewerbeverein, an dessen Spitze unter andern Herr Jakob Rößner als Vorfitzender, und KreiStechniker Braun stehen. Der Ortsgewerbeverein glaubt, daß Alsfelds Gewerbe und ■ Handwerk, von den übrigen Theilen der Provinz unterstützt, ein anziehendes, lehrreiches und aneiferndes Bild gewerblicher Leistungen bieten wird, und es an der Zeit ist, ein solches zu entrollen, da bisher Alsfeld niemals Anregung noch Gelegenheit dazu hatte. Die Vorbereitungen für diese Ausstellung, deren Programm schon gedruckt vorliegt und an viele Interessenten versandt ist, find nicht nur eingeleitet, sondern, so weit möglich, vorgeschritten. An der Spitze deS Unternehmens steht ein aus den Herren Kreisrath v. Grol- mann, Bürgermeister Arnold, Landtagsabgeordneter Gun drum und Realschuldirector Haller zusammengesetztes Ehrenpräsidum, sowie ein in mehrere SubcomitsS zerfallendes, aus Mitgliedern des Ortsgewerbevereins gebildetes Aus- stellungScomite. Für die Ausstellung find die Räume der Real- und Stadtschule nebst anschließendem Terrain in Aussicht genommen. Auf letzterem wird eine gedeckte Ausstellungshalle errichtet, ferner eine Wirthschaftshalle. Der OrtS- gewerbeverein Alsfeld begegnet auswärtigen Ausstellern mit größter Zuvorkommenheit. Außer einer geringen Platzmiethe, ; die daS Programm schon genau angibt, werden nur eigene Auslagen für besonders gewünschte Zwecke in Ansatz gebracht. Den Transport der Ausstellungsgegenstände vom Bahnhofe Alsfeld in die Ausstellungsräume und zurück, ebenso die Versicherung gegen FeuerSgefahr während der Ausstellung übernimmt der Verein kostenlos. Hervorragende Leistungen sollen prämiirt werden. Der Verkauf ausgestellter Gegenstände ist gestattet. Mit der Ausstellung wird eine Ver- loosung verbunden (30,000 Loose umfassend)- die zur Verloosnng kommenden Gegenstände müssen von den Aus
stellern angekauft werden. Ein durch freiwillige Zeichnungen aufgebrachter Garantiefonds hat auch die pecuniäre Seite des Planes sicher gestellt. Bei der Regsamkeit ««d dem Eifer seiner Bewohner, der industriellen Bedeutung, die Alsfeld sich bis in die Neuzeit bewahrt hat, ist zu erwarte«, daß die geplante Ausstellung von Erfolg und auch für das Gewerbe von Alsfeld und Umgebung, wie der ganzen Provinz förderlich ist.
0. AltS Oberhesse«, 9. December. Kürzlich brachte der „Gießener Anzeiger" die auch in anderen Blättern mitge- theilte Nachricht: Herr Baurath Wallot, der geniale Schöpfer deS ReichStagSgebäudeS, habe seine Studien auf den Polytechniken in Darmstadt und Hannover gemacht. Herr Wallot ist aber auch ein Schüler der ahna naater Ludoviciana gewesen, denn Einsender erinnert sich ganz gena«, daß er mit Herrn Wallot im Wintersemester 1862/63 bei Herrn Professor Dr. Buff Experimentalphysik in dessen Auditorium (auf dem SelterSweg gelegen) hörte. Auch die Vorlesungen über analytische Geometrie der Ebene xnb Differentialrechnung scheint Herr Wallot damals bet Herr« Professor Dr. Clebsch, welcher durch seine vorzüglichen Vorträge über Infinitesimalrechnung und Determinantentheorie neues Leben unter die Mathematik studirende Jugend Gieße«- gebracht hatte, gehört zu haben. Ob Herr Wallot auch das Facultätsexamen in Gießen absolvirte, weiß Einsender nicht. Die Prüfungsacten könnten Auskunft geben. Wenn wir nicht irren, war Herr Wallot mit Herrn Baurath Stegmayer (cm der oberhesstschen Eisenbahn in Gießen) befreundet.
△ Mainz. 9. December. In hiesigen Geschäften wurde am Freitag Abend von zwei Personen versucht, Wechsel ein zukassiren, die angeblich von einer Kölner Theehaud- lung auf hiesige Firmen abgegeben waren. Da die Sacke de« Geschäftsleuten hier verdächtig vorkam, wurde allenthalben die Zahlung verweigert, doch suchte sich ein Ladenbefitzer über die Personen, die ihm den Wechsel zum Jncasso präsentirt hatten, dadurch zu informiren, daß er ihnen in einiger Env- fernung folgte. Beide begaben sich direct nach dem Bahnhof und wollten eben den Zug nach Frankfurt besteigen, als der hiesige Geschäftsmann einen Polizeibeamten auf fie aufmerksam machte, der alsdann ihre Verhaftung bethätigte. Da sich die Aussagen der Beiden über Reisezweck und Ziel widerspräche», wurde eine Visitation vorgenommen, welche große Geldbeträge, zwei Revolver, falsche Bärte, Haarfärbemittel u. s. w. z« Tage förderte. Die Verhafteten selbst entpuppten sich als
Feuilleton. |
Graue Theorie.
Ein Stück Wirklichkeit.
Erzählt von Adele Hin der mann.
(Nachdruck verbäte«.)
Stumm und apathisch saß man sich gegenüber im Stadtbahnwagen.
Man fror, zitterte und verlor säst die Fähigkeit, zu denken; die eisige Luft zerschnitt die Haut.
Welch ein Januar! Und dabei Abschiedsbesuche machen, bei mehr oder weniger guten Freundinnen, Koffer einpacken und morgen reisen! — Weg damit!
Alle Vorbereitungen waren nun Gott sei Dank erledigt - ich durfte mir den LuxuS gestatten, körperlich und geistig zusammenzuklappen.
Es war auch Zeit, mit meinen Kräften war ich ziemlich am Ende angelangt.
Köstliche Vorstellung: mein gemüthlicheS, kleines — selbstgeschnitztes! — Schemelchen am rothglühenden Amerikaner Ofen!
Ick wühlte mich tiefer in meine Boa und schloß die Auge».
Kein Laut. Nur daS tiefe, eintönige Fauchen der elec- irischen Triebkraft und hin und wieder ein durchdringender Klingelton.
Der Wagen hielt. Ein Kreuzungspunkt wahrscheinlich. Sehen konnte man nichts, die Scheiben waren dicht zu- gefroren.
Es war ja auch gleichgiltig. Nur nach Hause, nach Hause!
Da, ein eiskalter Luftzug, eine Dame war eingetreten.
Rücksichtslos, die Thür sperrweit offen zu lassen!
Ein-Zug des Mißfallens entstand auf einigen Gesichtern- irgend Jemand machte geräuschvoll die Thür zu.
Alles wieder still.
Die Dame — mein Blick streifte fie rein mechanisch,
während fie ihr Zehnpfennigstück in den Zahlkasten warf — wunderliche Erscheinung!
Vielleicht achtzehn- bis neunzehnjährig, mit distinguirtem, aber sehr blassem Gesichtchen.
Was mich aber ein klein wenig aus meiner stumpf- gleichgiltigen Betracktung riß, war ihr merkwürdiger Anzug, der ganz den Eindruck machte, als sei jedes einzelne Kleidungsstück in größter Zerstreutheit angelegt worden.
Ein kleines dunkles Pelzbareit, ein leichter seidener Staubmantel, der, nicht bis ganz herunter zugeknöpft, ein dunkles Tuchkleid mit schwarzen Seiden^chürzchen sehen ließ- zudem hatte fie weder Handschuhe noch einen Muff und die feinen weißen Hände schienen die wahnsinnige Kälte gar nicht zu empfinden.
Alles in Allem eine Erscheinung, die mich zum Nachdenken angeregt haben würde, wenn es nicht so entsetzlich, so geisttödtend kalt gewesen wäre.
Sie hatte sich neben mir niedergelassen, — ich bemerkte es kaum- meine Fähigkeit, Eindrücke aufzunehmen, war bereits wieder eingefroren.
Der Wagen rollte weiter. Helle Laterne« und noch hellere Schaufenster eilten schemenhaft an den eisbedeckten Wagenfenstern vorüber.
Jetzt leuchtete von fern eine Fluth elektrischen Lichtes.
Der Markt - endlich!
Da, was ist daS? Ein Wehelaut — ich kann es nicht anders nennen- meine Nachbarin im seidenen Staubmantel hat ihn ausgestoßen. Ihr Oberkörper schwankt wie ohnmächtig einen Augenblick hin und her, dann finkt fie haltlos an meine Schulter.
Um Gotteswillen! Das war wie ein Zusammenbrechen! Mit einem Ruck war ich wach geworden.
Selbst zitternd vor Schreck, faßte ick ihre eiskalte Hand.
„Was fehlt Ihnen, liebes Fräulein? Sind Sie krank? Kann ich Ihnen mit irgend etwas helfen?"
Ich sagte es ganz leise, um jedes Aufsehen bei de« anderen Fahrgästen zu vermeiden.
Ein Paar brauner Augen blickten mich einen Moment starr an.
„Nein, nein, mir hilft nicht-mehr!" sagte fie hart und bemühte fich auch gar nicht, leise zu sprechen.
„Mir hilft nichts mehr!" Wie theatralisch das klang! Ueberhaupt, Gefühlöausbrüche irgend welcher Art vor Fremde», wie wenig lady-like l
Alle Köpfe wandten fich herüber z» uuS.
Ich war peinlich berührt. Hatte fie denn gar kein Gefühl dafür, daß sie Aufsehen erregte mit ihrem Gebühren?
Jetzt krallte fie sogar ihre Hand i» meine Aermeln und brachte mühsam heraus:
„Wenn Sie etwas thun wollen, so sagen Sie mir, wen» wir am Markt find, ich steige auS."
Ich nickte.
„Versuchen Sie doch, etwa- ruhiger z« werde«, lieb»- Fräulein," sagte ich herzlich- eS that mir weh für fie, daß alle Blicke neugierig auf nnS gerichtet waren.
Sie antwortete nickt- unaufhörlich rannen ihr große Thränen über die Wangen und, perlten über die röthliche Seide ihres Mantels.
Die fürchterliche Verzweiflung in dem weiße« Gesichtchen erschütterte mich nun doch gegen meinen Willen. Aber wa- in aller Welt konnte ich thun?
Da hielt der Wagen.
Leise berührte ich ihren Arm. „Wir find am Markt - ich helfe Ihnen aussteigen."
„Nein, nein, das sollen Sie nicht,", fließ fie fast heftig heraus und sprang auf.
Dann, als wenn fie ihre Unfreundlichkeit bedauere, et- griff fie plötzlich krampfhaft meine Hände.
„Leben Sie wohl und haben Sie viel Dank- Sie fl«d so gut zu mir. Leben Sie recht, recht wohl!"
Das klang so merkwürdig, saft feierlich, fe gar nicht wie sonst Üblich unter ganz Fremden, die der Zusall für eine Viertelstunde zusammengeführt hat. Das klang unheim- lick, jawohl! Und unheimlich hatten auch die braunen Auge« geflackert, al- fie mich dabei ansah.
(Fortsetzung folgt.)


