?racttschrn Juristen etwas theoretisches zu stubiren u. s. w. Doch tft als Grundsatz zu bemerk«n, daß die richtige Abwechselung dann Statt hat, wenn Körper. Verstand und Gemüth möglichst bekommen, was ihnen frommt. Weh Arbeit vor Allem seinen Verstand in Anspruch nimmt, der suche seine Erholung in der Leibesübung, er gehe in Gottes freie Natur, kegeln, laufe Schlittschuhe, turne oder dergl. Wer in der Hauptsache körperliche Arbeit zu verrichten hat, der sei vor Allem darauf bedacht, ihr die Einseitigkeit, die ihr für gewöhnlich a»haftet, zu benehmen: er gehe spazieren, erhole sich in fröhlicher Ges.llschaft, träume mal ein Stündchen seinen Gedanken'nach und so fort.
Für Jeden aber ist die schönste Erholung die Pflege des Ge- müthS! Schon der Aufenthalt in fröhlicher Gesellschaft dient in der Hauptsache ihr. Freilich darf dieselbe nicht in rüder Ausgelassenheit sich ergehen und hat vor Allem die physischen Genußmittel zu meiden. Welch eine unendliche Fülle Zeit bliebe unS erspart, hätten nicht die Meisten von uns aus Erden sich ihren Bauch zum Gotte gesetzt. Wie schon könnte dieselbe genützt werden, unserer Eultur aufzuhelfen! Wie kann man denn etwas Anderes erwarten, als das wenn der Eine in unnützen Genüssen des Bauche« schwelgt, nun ja viele Andere für ihn wirklich darben müssend Der Leib vergeht, der innere Gehalt, die Seele, oder wie man es immer nennen mag, bleibt, wozu da dem Leibe mehr thun, als gerade nöthig ist, dies gebrechliche Gefäß der Seele zu erhalten, so lange dies geht, und währenddem die Seele ,u pflegen V Und was herrscht statt dessen beute? Zum großen Theil ein krasser, bodenloser, heuchlerischer Egoismus der materialistischen Gesinnung. Genug davon!
So bietet die reinste Erholung, abgesehen von wahrhaft guten Werken, die ihren Lohn in sich tragen, die Pflege der Kunst. Die wahre Kunst ist vor Allem keusch und läßt keine schlechten, egoistischen Gedanken aufkommen; sie veredelt mithin das Gemüth und giebt dem Menschen neue Stärke zu seinem Tagewerk. In ihr suche ein Jeher Dor Allem seine Erholung; sie bietet bet ihrer Reichhaltigkeit wohl Jedem etwas, wenn er sich nur ein wenig dazu bemühen will, ttndet da feine Rechnung und vor Allem ohne dabei je gegen bie ©ebote der Gesundheitspflege sündigen zu müssen. Freilich möchte u s dabei ein Blick in unsere zerrüttete nervöse Künstlerwelt fast . Ffu t- 61 auch nur fast, nämlich wenn man nicht näher zusieht; tn Wahrheit hangt jenes freilich erschreckend angewachsene Uebel mit der fast unglaublich verkehrten Lebensweise des Völkchens zusammen und es ist völlig verfehlt, zu sagen, ohne alle die angewandten Reiz- m"tel, wie schwarzer Kaffee, schwerer Tabak, Cognacs und dgl., würbe nicht so viel geleistet werden können. Man denke doch einmal an die überaus einfache Lebensweise der Herren rassischer Kunst, Ju.llner lebten, da die heutigen Genußmittel nur den Allerreichsten zugänglich waren; an Leute, wie Mozart, Beethoven, Seb. Bach, Haendel und viele Andere mehr. Aber es ist erstaunlich zu sehen, mit welcher Gewandtheit der Menschfstch heute selbst was vorlügt nur um seine physischen Genüsse nicht aufgeben zu müssen.
Von allen Künsten nun kommen für die Erholung, wie wir sie uns wünschen, ganz besonders zwei, um ihres ausgedehnten Wirkungsfeldes willen, in Betracht: Die dramatische Dichtkunst und die Tonkunst, Concert und Theater. Es gibt kaum ein zweites Mittel tn der Welt, über so breite Schichten der Bevölkerung Bildung zu verbreiten, wie diese beiden Künste. Alle Belehrung, Volksbibliotheken, öffentliche Sammlungen zusammen- genommen kommen in ihrer Wirkung kaum einem einzigen wirklich gut geleiteten Opern- und Schauspielhaus gleich, zum Mindesten bedürfen sie einer zeitlich ungleich längeren Einwirkung. Der Staat oder die Stadt, welche einst in der glücklichen Lage sein wird, ihrer g^sammten Gesellschaft vom Kleinsten bis zum Größten auserlesene Kunstgenüsse in jenen beiden Richtungen |ju bieten, wird allen übrigen al^balb in der Eultur weit voran kommen. Freilich darf dann Theater und Concert nicht dazu dienen, die lange Weile den Müßigen zu vertreiben, sondern beider Bestrebungen müssen unantastbar hoch stehen. Die höchste Vollendung erreicht nun diese
ftunfl in ber Oper; Musik spricht vor Allem zum Herzen, dem Sitz des Gemüthes, Drama dagegen mehr zum Beistände und so wirken beide vereint in der dramatischen Oper, wie sie seit Gluck bis auf Wagner und hoffen wir darüber hinaus, das Herrlichste hervorgebracht hat, auf Gemüth und Verstand. Was aber auch geboten wird, ein Zielpunkt muß unoerrückt stets feststehen: die Wahrheit; nicht jene traurige Eintagswahrheit des modernen Materialismus, sondern jene Wahrhaftigkeit, die sich in dem ehrlichen Streben nach voller Wahrheit zeigt!
Und um das Ziel noch näher anzugeben, es mit Händen greifen -u können, so denke man an den Realismus eines Shakespeare, Goethe, und den Idealismus eines Schiller, Wagner, und suche zu begreifen, was diese gewaltigen Geister einte, trotz aller Verschiedenheiten. Möge man bald finden, daß es die Liebe war, die Liebe zu allen Menschen, zur ganzen Natur, kurz zu Gott! Die Kunst, die in diesem Zeichen geht, währet ewig! Und auch die Kleineren, welche das Problrm tn feiner ganzen Größe nicht fassen können, werden in diesem Zeichen stehen, wenn ihre Werke nur von dem festen Willen durchweht sind, am Kleinen zu zeigen, wie mangelnde Liebe an aötm Elend schuld ist, dagegen unter ihrer Herrschaft Alles grünt unb blüht; wie es gilt, dem Egoismus in seiner ganzen etn- seitigen Rohheit entgegenzutreten, zu zeigen, daß wir ein einig Volk von Brudern sein, nicht aber einer von des andern Unglück und Roth Vortheil ziehen sollen, wie es noch immer der Fall ist. Der rernen Tonkunst aber wird dies stets gelingen, wenn sie von jenem Zuge der Große durchwebt bleibt, der uns instinctiv fühlen läßt, das ist keine Tändelei, keine bloße Reizung der Sinne, fonbern Wahrhaftigkeit. Und wir Deutschen sind ein glückliches Volk, wenn wir uns sagen können, daß, stürbe heute die productive Musik aus, wir doch auf ewige Zetten mit unvergänglichen Werken versehen sind. Beethoven allein ist unergründlich und unerschöpflich.
Und nun wollen wir nicht verfehlen, die realen Verhältnisse unserer Stadt etwas näher ins Auge zu fassen. Wir fanden oben, glücklich sei die Stadt zu nennen, die ihren Bürgern und Bewohnern einen Kunsttempel in des Wortes höchster Bedeutung spenden könne. Man muß sich sagen, eine Stadt von über 20000 Einwohnern, dazu eine Universitätsstadt mit hohen Schulen, verdiente schon ein gutes Theater und Concerthaus, zumal wir auf eine ganze Reihe reicher und wohlhabender Leute Hinweisen können. Muß man sich da nicht sagen, daß diese Leute, die koch viel mehr Einkommen haben, als man pernunfHger Weise von seiner Arbeit haben kann, am besten thäten, jenes Mehreinkommen im allgemeinen Interesse hingäben zur Förderung einer solchen Idee, wie sie in vorstehenden Zeilen bar: gelegt ward ? Hoffen wir das Beste! Doch auch bevor wir so glück- Uch sind, einen solchen Musentempel, der in der Lage wäre den höchsten Ansprüchen zu genügen, unser eigen nennen zu können, muß wenigstens einiges geschehen können. Wir waren z. B. neulich im letzten Kruse-Concert und mußten uns unserer Mitbürger schämen, die alle nicht erschienen waren. Denn es wurde eine vorzügliche Musik geboten. Gerade was Musik anbetrifft, wird hier recht an- erkennenswerthes geleistet, aber der Concertverein hat JahrjumJahr damit zu kämpfen, nut einigermaßen seine Kosten zu decken. Der academtsche Gesangverein hat überhaupt kaum die Möglichkeit selbst- stänbig. ohne bes Concertoereins Stütze, hervorzutreten. Immerhin mochten wir ihm vielleicht rathen, ohne Orchester, lediglich mit (und dergl., wo passend) feine Aufführungen zu gestalten. Weshalb sollte bet und heute nicht mehr gehen, was, wie wir uns von früher erinnern, gegangen hat, unb in unseren Schwesterstädten, wie Friedberg unb anderwärts stets gut gegangen ist? Hoffentlich bekommen wir mehr von ihm zu hören, als im vergangenen Winter! Der Kirchengesangverein dient seiner specifischen Bestimmung, ^bsierverein läßt wohl von sich hören und auch die Kammer^ mustk in der Loge wird sich einstellen, wie wir hoffen! Nehmen wir nun noch die verschiedenen anderen Gesangvereine hinzu, so wird ganz Erkleckliches geleistet bei uns. Ferner das Theater unter unserem alten Bekannten Adam Reiners. Freilich ist gerade hier wohl noch
8 Unterschied von unserer Forderung, wenngleich wir uns erinnern, einer ganzen Reihe ausgezeichneter Aufführungen in vergangenen Jahren beigewohnt zu Haden. Und wer wollte hier nicht J"1* ™,c °i,elen Schwierigkeiten solch ein Unternehmen ju kämpfen hat? Von gänzlich unberechtigter Anfeindung und Kritik ganz zu schweigen?! Ergänzen doch die Ausführungen, in welchen angesehene Gaste zur Mitwirkung gewonnen sind, alles aufs Beste! Und auch der Theaterverein tragt sein redlich Schärslein bei!
Und so wollen wir schließen mit dem Appell an unsere Mit- uurger, daß sie sich trennen möchten von ihrer noch gar großen Philtsterhaftigkeit, daß sie ihre Erholung suchen möchten, wo sie nach Vorstehendem auch wirklich zu finden ist. Ein eigener Musentempel möge uns in nicht allzuferner Zeit beschieden fein, Animam ealvari.
verkehr, Cant* rrnd volkswirthschaft,
10. Odober. 5 ruebt mar ft Rother Weizen
11.65, weißer Weizen X 00.00, Korn X 8.85, Gerste X 7.50,
Hafer x 5 50. '
Sehiffsnach richten.
Der Postdampfer „Friesland" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 8. October wohlbehalten in New- york angekommen.
Gottesdienst in der Synagoge.
Samstag, den 13. October.
Vorabend 5,s Uhr, Morgens 8*° Uhr, Nachmittags 4” Uhr
SabbathauSgang 6*5 Uhr. v
Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast.
Freitag Abend 5« Ubr, Samstag Vormittag 8 Uhr, Nachmittag 4 Uhr, Sabbathausgang 630 Uhr.
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Bekanntmachung,
betreffend Absperrung der Wasserleitung.
Wegen Vornahme einer größeren Rohrverlegungsarbeit an dem LudwigSplatz find wir genöthigt, morgen Freitag, den 12 Oktober, von Vormittags 10 Uhr an bis voraussichtlich gegen Abend die Wasserleitung
aus dem Schiffenbergerweg, in der Hessenstraße, Bergstraße und Gartenstraße nebst dem angrenzenden Theil des Ludwigsplatzes, der Stephanstraße, Ludwigftraße zwischen Ludwigsplatz und Bismarck ftraße, Löberstraße zwischen Gartenftraße und Bis- marckstraße, sowie in der Bismarckstraße abzusperren, was rotr hiermit zur gefl. Kenntnißnahme der betreffenden Anwohner bringen.
Gießen, den 11. October 1894.
Städtisches Gas- und Wafferwerk Gießen.
8394 Otto Bergen. •
Stadtkaffe Gießen zugesiimmt hat, 1 Regulator, 1 Nähmaschine
hrinnpn tnir mit hom J o^Pb andere Sachen _ _
'' v Vul/
bringen wir dies mit dem Bemerken
8393
Vorn, Gerichtsvollzieher.
zur Kenntniß der Betheiligten, daß von jetzt ab Zahlungen für die genannte Vorschule nicht mehr an Großh. Universitäts-Rentamt, sondern nur an die Stadtkasse Gießen zu leisten find.
Gießen, den 9. October 1894.
Großh. Bürgermeisterei Gießen.
__________Gnauth. 8391
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der städtische Friedhof in der Zeit vom 16. October 1894 bis 15. März 1895 von Morgens 8 bis Abends 5 Uhr geöffnet bleibt, und daß die auf dem Friedhof Verweilenden eine Viertelstunde vor Schluß desselben auf diesen durch ein Glockenzeichen aufmerksam gemacht werden.
Gießen, den 10. October 1894.
Großh. Bürgermeisterei Gießen. 8390 Gnauth.
Bekanntmachung. , Versteigerung.
Nachdem Großh. Ministerium bes' Sambtaa veu 13 r» mts
S.nnern und der Justiz durch Ver- mittags 2 Uhr versteigere ich 7m Adler fugung vom 27. Juni d. Js. dem dahier gegen Baarzahlung:
Antrag der Stadtverordneten - Ver-' F voll Mist, i gold. und «°g-N Hebe* bet;
Kasseverwaltung der Vorschule des 12 Bettvorlagen, 25 geschweifte Leisten, Gymnasiums zu Gießen auf die 1 altdeutsches Büffet, i Sopha.l Schreib-
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