1894
Freitag den 12. October
ErAcs Blatt.
Nr. 239
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Neueste Nachrichten.
Wolff« telegraphische» Eorrespondmz-Burea». ,
Berlin, 10. October. Ministerpräsident Graf Eulen- ’ bürg ist heute Nachmittag nach Hubertusstock gereist.
Berlin, 10. October. Der „Reichsanzeiger" warnt ! dringend vor einem gewisien L. Fr. Joost in London, » der in Circularen unter allerlei Versprechungen deutsche Land- > wirthe, Handwerker und Gewerbetreibende zur Auswanderung nach dem Congo auffordert.
Hamburg, 10. October. Auf eine Anfrage des Ham- i durger Journalisten - Vereins erklärte Oberbürgermeister • Wilkens zu Heidelberg Namens deS dortigen Magistrats, die Stadt Heidelberg sei bereit, den nächstjähr'gen Journalisten- \ tag aufzunehmen.
München, 10. October. Die „Allgemeine Zeitung" meldet den Tod des Professors der StaatSwirthschaft, Julius Behr.
5Rom', 10. October. Einer Meldung der „Agencia Stefani"'zufolge empfing der Papst heute den spanischen Parteiführer Ca siel ar in einstündiger Audienz. Der Papst legte die päpstliche Politik gegenüber Frankreich und Spanien dar, kündigte das demnächsttge Erscheinen von Encycliken für Nordamerika und Südamerika an und drückte den lebhaften Wunsch aus, zu dem internationalen Frieden beizutragen. Der Papst machte auf Castelar den Eindruck vollkommener Gesundheit und geistiger Frische. Nach seiner Rückkehr in das Horel empfing Castelar den Besuch Crispis.
Loudon, 10 October. Der ParlamentSuntersecretär des Auswärtigen, Grey, hielt gestern Abend in Wooler (Northumberland) eine Rede, worin er mit Bezug auf den fapauisch-chtnesischen Krieg sagte, die erste Pflicht der englischen Regierung wäre, das Leben, das Eigenthum und den Handel ihrer Landesangehörigen zu schützen. Die Regierung wolle auch in Uebereinstimmung mit der Action aller übrigen Mächte bleiben, damit der Einfluß der Mächte fortgesetzt dahin auSgeübt werde, die noch bevorstehenden Ereignisse so viel wie möglich zu mildern, die bedrohten Jntereffen za schützen und schwierigen Compltcationcn vorzubeugen, die auS etwaigen Versuchen entstehen könnten, aus der gegenwärtigen politischen Lage zum Schaden der Jntereffen anderer Mächte Dortheil zu ziehen.
London, 10.October. Reuter-Meldung aus Shanghai.: Nach einem noch unbestätigten und nicht als authentisch betrachteten Gerüchte seien 40,000 Japaner bei Shanhai- kwan gelandet. Der Telegraphendraht sei durchschnitten.
Ein anderes Gerücht meldet, eine weitere Streitmacht wäre in Newshang gelandet und mehrere japanische Kriegsschiffe wären in der Nähe des Hafens Taku gesehen worden. — Nach einer ferneren Meldung deS Bureau Reuter auS Shanghai habe gestern zwischen den Avantgarden der Japaner und Chinesen nördlich des Aaluflusses ein Gefecht stattgesunden. Die Japaner seien zurückgeworfen und gezwungen worden, über den Fluß zurückzugehen. Die Ausbefferungen der chinesischen Kriegsschiffe seien in Port Arthur vervollständigt und die Flotte gehe heute wieder in See. — Nach Meldungen aus Tientsin sind die Gesandten Englands und Rußlands dort eingetroffen und begeben sich sofort nach Peking.
WB. Newyork, 11. October. In der Nacht zum Mitt- woch ist durch einen Orkan ein siebenstöckiger unbewohnter Neubau eingestürzt. Das Nachbarhaus wurde demolirt; acht Personen wurden getödtet, zwei werden vermißt. Die Städte auf Long-Jsland sind schwer beschädigt, zahlreiche kleine Schiffe untergegangen.
Depeschen bei Bureau »(jeroHr*.
Berlin, 10. October. Der neuernannte Oberprästdent von Schlesien, Fürst H atzfeldt, hat in diesen Tagen dem Kaiser in Hubertsstock seine Aufwartung gemacht und seinen Dank für die auf ihn gefallene Wahl ausgesprochen. Gestern hat sich der Fürst hier bei den höchsten Reichs- und Staatsbehörden In seiner neuen Stellung vorgestellt. Er ist heute nach Breslau zurückgekehrt.
Berlin, 10. October. Contrcadunral Hoffmann begibt sich am 20. October nach dem ost asiatischen Kriegsschauplätze. Contreadmiral Hoffmann ist bekanntlich zum Chef des Geschwaders bestimmt.
Berlin, 10. October. Der Ministerpräsident Graf Eulenburg ist heute früh aus Ostpreußen hierher zurückgekehrt und wird sich noch heute zum Vortrage beim Kaiser • nach Hubertusstock begeben. Die Nachricht, daß Graf Eulen- : bürg bereits seit mehreren Tagen als Gast des Kaisers in j HubertuSstock weile, war unzutreffend.
Berlin, 10. October. Es soll beabsichtigt gewesen sein, t die Eröffnung der kommenden Neichstagssession indem \ neu restaurirten und erweiteten Weißen Saale des König- ’ liehen Schlaffes vorzunehmen. Trotz aller aufgewandten Mühe wird die Vollendung der Renovirungsarbeiten bis dahin nicht gelingen, sodaß die Eröffnungsceremonie in einem anderen Saale des Schlosses stattfinden dürfte. Die erste
osficielle Festlichkeit, die im Weißen Saale abgehalten wird, dürste das Ordenssest im Januar nächsten Jahres sein.
Berlin, 10. October. Der commandirende General deS 1. Armeecorps, General der Infanterie v. Werder in Königsberg ersucht die „Voff. Ztg.", die über ihn verbreitete Nachricht, er beabsichtige demnächst feinen Abschied nachzusuchen, richtig zu stellen. Die Nachricht ist unzutreffend.
Berlin, 10. October. Der „B. B. C." schreibt: Paul Lindau ist zum Intendanten des Hoftheaters in Meiningen berufen und hat die Stellung angenommen. Auf Schloß Alrenstein, wo Lindau soeben als Gast deS Herzogs von Meiningen weilte, sind die Vereinbarungen getroffen worden, und am 1. April 1895 wird Lindau feine Stellung antreten.
Berlin, 10. October. Die Berufung des Profeffor Leyden zum Czaren ist nicht wegen einer bloßen Con- sultation erfolgt, sondern deshalb, weil Professor Leyden die ärztliche Behandlung des Czaren übernehmen und den Letzteren nach Corfu begleiten soll.
Berlin, 10. October. Es wird gemeldet, die Reichs- regierung werde den von dem italienischen Botschafter in Sachen der italienischen Weineinfuhr erhobenen Vorstellungen bis zu einem gewiffen Grade Rechnung tragen. Eine Verfügung soll erlassen werden, die jede Divergenz beseitigen wird.
Berlin, 10. October. Es verlautet, China ersuchte die deutsche Regierung, die Beilegung der ostasiatischen Feindseligkeiten zu vermitteln.
Berlin, 10. October. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, wird die Revision des im vorigen Jahre erlassenen Minifterialrescripts über Zulassung des polnischen Sprachunterrichts beabsichtigt.
Berlin, 10. October. Heute Nacht um 1 Uhr trafen drei Oberfeuerwerkerschüler aus Magdeburg ein. Dieselben erzählten, daß sie mit einigen Verhören entlassen worden sind. Die Stimmung unter den Verhafteten sei keine gedrückte, weil die letzteren sich politischer Umtriebe nicht bewußt sind.
Budapest, 10. October. Die Stimmung hat sich durch die Annahme des Gesetzes über die Religion der Kinder aus Mischehen durch das Oberhaus gebessert. Die Lage wird wieder günstiger aufgefaßt.
Krakau, 10. October. Polnische Blätter melden, beim Czaren habe man bereits eine Blutvergiftung con» statirt. Alle officiellen Berichte würden den Thatfachen nicht
Fenilleton.
Frankfurter Lheaterbries.
Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
Gastspiel der Fra« Nordica und die Frankfurter „Loheugrin"- Aufführung.
Dr. M. Ein neuer Stern ist am Opernhimmel aufgegangen! Die Weisen in Bayreuth haben ihn zuerst entdeckt und gehuldigt und daraus hat er fein mildes Licht auch anderen enthusiastischen Menschenkindern geschenkt und das Frankfurter Publikum war das erste, daS sich nach der Bayreuther Gemeinde von seinem Glanze entzücken ließ.
Die „Elsa von Bayreuth", daS ist das Stichwort, das sich an di^ Künstlererscheinung der Frau Nordica hängt und ihr im Voraus günstige wie ungünstige Meinungen erweckt. Denn nicht alle sind eingeschworene Freunde des neuen Programms und der neuen Stillehre, die man jetzt nachträglich, nach dem Tode des Meisters in Bayreuth herausgefunden hat. Man will Wagner gleichsam noch einmal entdecken und in die Partituren allerlei tiefsinnige Sachen hinein- geheimniffen. Diese Neuerungen zeigen sich zunächst in der Art des Dirigirens. Darüber gestatten wir uns einige Bemerkungen bet einer anderen Gelegenheit. Dann wird an der Grundbedeutung der Gestalten herumgerathen, neue Auffassungen greifen Platz. Elsa soll z. B. nicht mehr die traumselige Maid sein, sondern eine tragische Heldin! Dazu gesellen sich dann noch eine Menge von Aenderungen bezüglich der Tracht und Jnscenirung.
Frau Nordica, die von Geburt Amerikanerin ist, aber das Deutsche, was Klarheit und Reinheit der Aussprache anbelangt, bereits mustergiltig und ohne jeden fremdländischen Accent beherrscht, will aus dem Bayreuther Milieu heraus begriffen sein. Ihre Elsa ist ein gedankenvolles Weib, das in des Lebens Tiefen geschaut hat und mit großer Willens- Energie begabt ist. Zur Heroine erweitert die Nordica die
Gestalt deßhalb doch nicht, ihr Geberdenspiel bleibt innerhalb der Grenze des Anmuthigen stehen, sie ist in den Allüren zurückhaltender als Therese Malten, und bei der Scene vor dem Kirchgang hätte unserem Gefühl nach stärkerer dramatischer Pulsschlag die Gestalt um Wesentliches belebt.
In der Tracht hatte Frau Nordica sich ganz nach der Bayreuther Vorschrift gerichtet. Ein kostbares schweres Goldbrokatgewand umschloß die schlanke, geschmeidige Gestalt im zweiten Acte, das Haupt bedeckte nicht die sonst übliche Krone, von welcher der lange Schleier herabwallt, sondern die „Brabanter Haube", die sich auf alten Bildern oft recht malerisch ausnimmt, aber nicht gerade kleidsam genannt werden kann. Das Duftige, Aetherische der Elsa wurde durch diese Schwere und kostbare Echtheit beeinträchtigt.
Daß Frau Nordica, die, wie Frau Fama meint, über ein großes Privatvermögen verfügt und infolge dessen nicht umS „Brod" zu fingen braucht, auf das Herausarbeiten der äußeren Erscheinung viel Studium und Geschmack verwendet, zeigte sie auch in der zweiten Gastrolle als „Violetta". Im ersten Acte trug die idealisirte Sünderin der Herren Dumas- Verdi eine stimmungsvolle grünseidene Robe. Für den zweiten Act, wo Violetta sich auf ihrem Landsitz befindet und die nerventödtenden Pariser Freuden geflohen hat, war zartes Rosa gewählt worden. Ein hochelegantes Spitzenkleid diente der in die Gesellschaft mit gebrochenem Herzen zurückkehrenden „Traviata" zur Folie, und ein mattblaues Negligee stimmte gut zu den grauen, gedämpften Tönen der Sterbescene.
Was die Künstlerin als Sängerin leistet, konnte sie in der Verdi'schen Oper eigentlich vollständiger darlegen, als im Wagner'schen Musikdrama, denn die Stimme des Gastes besticht nicht durch ein großes Volumen, sondern durch die Schönheit und Ebenmäßigkeit der Ausbildung, wie durch den Schmelz des Pianos, das leider im „Loheugrin" nur zu oft, obwohl der Capellweister mit großer Rücksicht und feinem Eingehen auf die stimmliche Individualität des Gastes birtgirte, von den orchestraltn Gewalten übertönt wurde.
Frau Nordica ist in erster Linie eine Meisterin des
bei canto, und daß sie van Bayreuth auS die musikalische Welt so in Erstaunen setzen konnte, verdankt sie hauptsächlich dem Umstande, daß sie zeigte, wie die Mittel der alten Gesangsschule auch den Wagnerpartien gegenüber ihr Recht finden können, wie Leichtigkeit und Biegsamkeit der Stimme wichtige Hilfstruppen sind und die große Statur und daS gewaltige, weite Räume füllende Organ nicht allein ausschlaggebend für den Erfolg zu fein brauchen.
Frau Ende-Andrießen, die neben der Elsa der Frau Nordica die „Ortrud" sang, bietet den directen Gegensatz zum Gast, sowohl in Erscheinung, als Gesangstechnik. Ihre „Friesenfürstin", der im zweiten Acte daS Dämonische abging, imponirte uns jedoch weniger als ihre „Isolde" und „Bruuhilde".
Glanzvoll führte Herr v. Bandrowski den „Lohen- grin" durch.
Der „König Heinrich" des Herrn Greef und der „Telrarnund" des Herrn Nawiasky paßten in das Bild altdeutschen HeldenthurnS.
Die „Lohengrin"-Aufführung in Frankfurt zeichnet sich jetzt auch dadurch aus, daß sie verschiedene Striche, welche Wagner selbst gebilligt, wieder aufmacht und dadurch den Chören des ersten und zweiten Actes ein felbständigereS Leben sichert, der Handlung aber zu einer öfters unmotltiirten epischen Breite verhilft.
In der Jnscenirung gereicht das Einschieben mehrerer glücklicher Einzelzüge dem Ganzen zum Vortheil. Neue, starke pantomimische Effecte für daS Finale des 1. Actes werden z. B. dadurch erzielt, daß Elsa und Loheugrin von den „Edlen und Freien" von Brabant nach dem Ausgang des Gottesgerichts auf den Schild erhoben und also ordnungsmäßig zu Herrschern „gekürt" werden, während man dem besiegten Telramund Schild und Wappen ze:bricht, „weil untreu er den Gotteskampf gewagt".


