Ausgabe 
12.7.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1894

Nr. 160 Zweites Blatt. Donnerstag den 12. Juli

Der Hteßeuer Aureiger erscheint täglich, Mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener Aamilienötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Gmerak-Mnzeiger.

Vierteljähriger ^vonnemcnlspreis: 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Hlr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis <ßicfjcn

Gratisbeilage: Gießener Kamilienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Vermischtes.

* Marburg. 9. Juli.MDte hiesige Abteilung des hessischen Touristenvereins unternahm gestern ihren vierten ganztägigen Ausflug, der zwar in Bezug auf die Theilnehmerzahl durch die am frühen Morgen herrschende ungünstige Witterung etwas beeinträchtigt wurde, aber den schönsten Verlauf nahm. Der Weg führte von der Station Fronhausen über die Schmelz im Salzbödethal durch den Wald nach dem Bleiberger ForsthauS und über Crumbach nach dem Dünsberg, der als Hauptziel der Wanderung auS- ersehen war. Die Aussicht vom Thurme der beträchtlichen Höhe war klar. Den Abstieg nahm man nach der Obermühle im reizenden Biberthale hin. In der entzückend gelegenen Rehmühle wurde ein kurzer Halt gemacht, und dann gings über Biber, Rodheim und Krofdorf nach Burg Gleiberg, wo der Burgwirth, Herr Niebergall, ein gutes Mahl für die Ausflügler bereitet hatte. Von Gleiberg aus wurde Textors Hardt, sowie in Gießen dem neuen aufs Beste eingerichteten Kaiserhofe" ein Besuch abgestattet, worauf die muntere Wanderschaar um 10 Uhr 5 Minuten mit der Bahn den Heimweg antrat.

Die verhexte Kuh. Aus Stuttgart, 5. Juli, schreibt man derFrkf. Ztg.": In einem Dorfe im Oberamt Weinsberg erkrankte eine Kuh. Der Besitzer ging, wie die Blätter berichten, nicht zum Thierarzt, sondern zu einem klugen Schäfer, der da feststellte, daß das Thier verhext sei. Geschwüre auf dem Rücken der Kuh, die von einem Rückenmarksleiden herrührten, wurden vom Schäfer als Wunden, von Nägeln herrührend, erklärt, die von bösen Nach­barn, die mit Hexerei umzugehen verstünden, in den Rücken der Kuh eingeschlagen seien. Da es trotz der Entfernung der Nägel immer schlechter mit der Kuh wurde und dieselbe nicht mehr zu stehen vermochte, sann der Besitzer auf ein Radicalmittel. Der Kuh wurden Stricke um den Leib ge­wunden, Kloben in die Decke geschlagen und das Thier so­dann an den Stricken aufgehängt, um ihr das Liegen abzu­gewöhnen. Da dies schon einige Wochen dauerte, wurde die Sache, trotzdem der Stall für Unberufene streng abgeschlossen war, ruchbar und kam auch zu Ohren des Landjägers in Bretzseld. Letzterer nahm in Begleitung eines Gemeinderaths eine Besichtigung des Stalles vor, wobei sich denselben ein trauriger Anblick bot. Die arme Kuh hing, zum Scelett

abgemagert, mit sechs Stricken an die Decke geknüpft. Man entledigte sie alsbald ihrer Fesseln, wobei sich: herausstellte, daß durch das Einschneiden der Stricke am Leibe der Kuh offene eiternde Wunden entstanden waren. Die Kuh wurde sofort geschlachtet und der hexengläubige Besitzer wird sich noch wegen Thierquälerei zu verantworten haben.

* Prinzessin und Schildwache. AuS Württemberg wird der Neuen Augsburger Zeitung folgende Anecdote ge­meldet: Des Königs Tochter Pauline kleidet sich sehr einfach und so mag eS gekommen sein, daß ein Soldat auf Posten in Ludwigsburg die Prinzessin nicht kannte und die ihr gebührenden Ehrenbezeigungen nicht erwies. Ein Sergeant, der in der Nähe war, machte durch alle möglichen Gestiku­lationen den Posten auf die Prinzessin aufmerksam, nicht um­sonst- er schien den Sergeanten verstanden zu haben, denn er nahte sich der Prinzessin mit den Worten:Fräula, Se möchtet zum Herrn Sergeanten nüber komme."

* Neue Armee-Zelte. Bet den berittenenTruppentheilen wird eben eine neue Zeltausrüstung eingeführt, welche sich von der seither bet den Fußtruppen gebräuchlichen wesentlich unterscheidet, denn nicht nur sür die Mannschaften, sondern auch zum Elnstellen der Pferde können nun Zelte aufgeschlagen werden. Zur Herstellung des Zeltgestelles dienen zusammen­setzbare Stäbe, Drahttaue mit eisernen Ringen und in die Erde einzurammende Pflöcke mit Haken. Ueber dieses Gestell wird wasserdichte Leinwand von grünlicher Farbe gespannt. Dieses Zelttuch ist ungefähr 1,50 Meter breit und hat eine genügende Länge, um Vorder-, Rückwand und Dach bilden zu können. Da an den Seiten Riemen mit Schnallen ange­bracht sind, lassen sich Zelte von beliebiger Länge herstellen und können bis zu 52 Pferde darin untergestellt werden. In den Pferdezelten sind in der Mitte, der Längsrichtung nach, zwei Reihen Piketpfähle eingerammr, an welchen die Pferde auf beiden Seiten derart angebunden sind, daß sie mit den Köpfen gegeneinander stehen. Um gegenseitiges Beißen zu verhüten, ist zwischendurch ein Zelttuch ausgespannt, welches mit einer dem Pferdegeschmack nicht zusagenden Flüssigkeit getränkt ist, damit die Thiere es nicht anfreffen. An den Drahttauen können Haken zum Aufhängen des Geschirrs befestigt werden. Die MannschastSzelie haben eine andere Form und sind natürlich von den Pferdezelten ge- rrennt. Einzelne der während der Schießübungen bei Gries­heim untergebrachten Truppentheile sind mit den neuen Zelten,

welche aus dem Marsch auf einem Bagagewagen nachgefahren werden, schon ausgerüstet gewesen.

.* Achtzigjährige Zwillinge. Eine Seltenheit muß man es nennen schreibt derBurggräfler" wenn Zwillings­brüder in die Lage kommen, ihren 80. Geburtstag zu seiern. Dies Glück wurde am 13. v. M. den Zwillingsbrüdern Alois und Andreas Zipperle in Schenna (Oesterreich) zu Theil, welche am 13. Juni 1815 dortselbst daS Licht der Welt er­blickt haben. Beide sind Wittwer, erfreuen sich braver Kinder und find arbeitsame und sparsame Männer.

* Einen höchst merkwürdigen Corso will der Verschöne- rungsverein zu Friedrichshagen veranstalten. Zu diesem Blumen-Corso, der im Curpark stattsindet, werdenKinder­wagen" zugelassen, in welchen Insassen vorhanden sein müffen, welche durchKindermädchen" geschoben, resp. gefahren werden sollen. Ausgesetzt sind drei Preise, und zwar: der erste Preis sür daS schönste Baby, der zweite für den schönsten Kinderwagen, der dritte für das edelste Gespann (!!!) Unter Gespann" sind wohl die Kindermädchen zu verstehen.

* Ein merkwürdiger Handelsartikel. Im französischen Departement Somme befindet fich gegenwärtig ein eng­lischer Handlungsreisender, der in dieser Gegend große Kröteneinkäufe macht. Für ein Dutzend Kröten werden heute 3 Franken bezahlt, während im vorigen Jahre hundert Kröten nur 8 Franken kosteten. Die Kröten find in Eng­land sehr gesucht, weil sie die Schnecken vernichten, die den Gärten ungeheuren Schaden zufügen.

Gut abgefertigt. In einer kleineren Provinzialstadt hält ein Astronom einen durch viele ausgezeichnete Ab­bildungen unterstützten feffelnden Vortrag über den Mond. In einer Pause fragte ein junger Laffe den Redner, ob er ihm nicht auch die Abbildung eines Mondkalbes zeigen könne und erhält von demselben unter verbindlicher Verbeugung und den Worten:Mit dem größten Vergnügen!" einen kleinen Taschenspiegel.

* Widerspruch.Gehen Sie dieses Jahr wieder nach Karlsbad?"Nein ... das ewige Dünnwerden habe ich nun dick!"

* Splitter.Standesgemäß leben" heißt heutzutage bei vielen: Dreimal so viel brauchen, als man einnimmt. Für viele Leute ist eine Landparthie nichts weiter, als ein Umweg ins Wirthshaus. Fleiß und Intelligenz find oft blos die Bahnbrecher für Faulheit und Dummheit.

Feuilleton.

Der Lump.

Erzählung von O. Hohenthal.

(Nachdruck verboten.)

Vor nunmehr sechs Jahren trat ich als Einjährig-Frei­williger in das Jägerbataillon zu L., einer kleinen deutschen Refidenz, ein. Der Commandeur, ein sehr kunftfinniger Herr, erfreute sich selbst in den entferntesten Gegenden seiner aus­gesuchten Liebenswürdigkeit wegen größter Beliebtheit und daher kam es, daß eine Menge reicher Muttersöhnchen nach X. pilgerte, um dort ihr Jahr abzudtenen und womöglich Offi- zier zu werden, welches denselben seitens des Oberstlieutenants v. M. auch nicht besonders schwer gemacht wurde. Eine große Anzahl Buchhändler und Kaufleute, die heute stolz in dem kleidsamen grünen Waffenrock flaniren, verdankt die Patente nur der überaus großen Nachsicht des Herrn v. M. viele dieser braven Leute hätten es in anderen Regi­mentern höchstens bis zum Gefreiten gebracht. Der Com- mandeur war die Güte selbst- er ließ so Manches durch­gehen, was in anderen Bataillonen absolut nicht geduldet worden wäre, nicht etwa in dienstlicher Hinsicht das i Jägerbataiüon erntete bet jeder Gelegenheit das volle Lob des Landesherrn und des Generaltnspecteurs besonders in Angelegenheiten, die das Vergnügen der Offiziere und der Mannschaften betrafen.

Ich war nicht wenig erstaunt, am ersten Tage nach meiner Einkleidung einem alten Bekannten zu begegnen, dem Gymnastiker Emil Koch, der früher in kleineren Circuffen mit seinem VaterParterre arbeitete" und den man vor zwei Jahren in des Kaisers Rock gesteckt. Wenn ich nicht sehr irre, reist er heute mit einer kleinen Truppe in Jtalim. Besagter College, übrigens ein sehr schneidiger Jäger, brachte aus seinem letzten Engagement einen ziemlich großen weißen Pudel mit, ein nicht besonders schönes, aber desto klügeres und aufmerksameres Thier, an welches fich Koch so gewöhnt hatte, daß er eS auch während seiner Dienstzeit nicht miffen wollte und es in X. für einige Groschen wöchentlich bei einem Bahnwärter inPension" gab.

Bei diesem braven Bahnbedtensteten führte nunLump" I auch eine Art Ruhestätte für alle Angehörigen deS Bataillons so benannte der Gymnastiker seinen Pudel einige und es muß naturgemäß ein Gefühl höchsten Mißbehagens

Wochen lang ein zwar beschauliches, aber nichts weniger als luxuriöses Leben, bis es ihm eines Tages einfiel, auf dem Kasernenhof zu erscheinen und freudig bellend auf seinen Herrn und jetzigen Rekruten zuzuspringen. Zwar malte sich auf den Gesichtern der Herren Offiziere und Oberjäger anfangs einiges Erstaunen, das aber bewundernder Ueber- rafchung wich, als der Pudel unaufgefordert, als ob er ahnte, daß davon fein ferneres Schicksal abhängen könnte, plötzlich die schönsten Capriolen schoß und seine sämmtlichen Kunststücke dem militärischen Auditorium zum Besten gab. Sofort wurde denn auch beschlossen,Lump" zum Bataillons­hund zu machen und ihm ein Paffepartout für die Küche zu­zuweisen. Das schlaue Thier zeigte fich dafür äußerst dank­bar. Wachsam und anhänglich, war er bald der Liebling des

erzeugen, wenn plötzlich ein sehr leidenschaftlicher Herr an die Spitze des Körpers tritt und das Bataillon auf den kalten Boden der rigorosesten Dienstauffassung niedersetzt.

So auch bei uns. Unser geliebter Oberstlteutenant be- kam urplötzlich ein Infanterieregiment in A. und an seine Stelle trat der Major v. P., ein bärbeißiger Soldat und

Bataillons, und wehe dem, der es gewagt, dem Pudel etwas zu Leid zu thun.Lump" zog mit auf Pulver- und Scheiben­wache und avtfirte Nachts prompt das Nahen des Offiziers du jour, er ging mit dem Bataillon ins Manöver, stets hinter dem Commandeur laufend, ging mit ins Gefecht und theilte so alle Leiden und Freuden des Soldatenlebens im Frieden. Dabei hieltLump" stets Couleur. Nie ist es ihm eingefallen, mit den in derselben Garnison liegenden Grenadieren und Artilleristen Freundschaft zu schließen, ja, er verschmähte von ihnen sogar manchen Leckerbiffen. Diese treue Anhänglichkeit mußte belohnt werden.Lump" avancirte gleich nach dem ersten Manöver zum Oberjäger und bekam als Halsband einen alten Kragen mit silbernen Treffen. Diese trug er mit Würde bis kurz vor Kochs Ablieferung, einige Wochen vor derselben wurdeLump" degradirt und kam zurück ins Bahnwärterhaus. Wenn er nicht gestorben, wird er wohl heute noch mit seinem Herrn und Meister in der Welt herumzigeunern.

Es dürfte nicht zu den angenehmsten Empfindungen ge­hören, aus einem molligen, wohldurchwärmten Bette urplötz­lich auf den harten und kalten Boden geworfen zu werden. Wenn sich aber unter einem humanen Commandeur eine lau­warme Dienstordnung mit einer ziemlich weittragenden dis- ciplinaren Toleranz im Bataillon eingelebt hat, dann ist es

streng über alle Maßen.

Heiße Gebete stiegen jeden Tag zu Dutzenden zum Himmel empor, der oberste Kriegsherr möge ein gütiges Einsehen haben und den gichtleidenden Major, der feit vier­zehn Tagen an der Spitze des Bataillons stand, in een wohlverdienten Ruhestand versetzen. Allein unsere Bitten blieben unerhört, eine Erfüllung der frommen Wünsche schien in diamantener Ferne zu liegen. Und so zog stille Resignation in unsere Herzen ein.

Eines Morgens die vierte Compagnie kloppte gerade G^ffe schritt der Herr Major gravitätisch über den Kasernenhof, als zu unserem SchreckenLump", von dessen Existenz der gestrenge Herr Commandeur noch kerne Ahnung, über den Platz gesegelt kam. Verwundert blieb v. P. stehen, fich das Thier durch das Monocle betrachtend, während Lump" den ihm noch nicht bekannten Offizier beschnupperte. Ein Fußtritt war die Antwort.

Jetzt fühlte fichLump" beleidigt- eine solche Behand­lung war ihm noch von keinem Träger der grünen Uniform zu Theil geworden. Knurrend und grollend zog er sich einige zwanzig Fuß zurück und begann dann ein wüthendes Bellen gegen den Major.

Heda, Feldwebel!" rief dieser,gehört dieser Köter einem der Herren Offiziere?"

Nein, Herr Major," antwortete die hinzutretende Compagniemutter.

Na, wem gehört diese Bestie denn sonst?"

Dem Gefreiten Koch, Herr Major!"

(Schluß folgt.)