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Nr. 134
ter Lietzener Anzeiger erlcheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Aamtsiendlälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Dienstag den 12. Juni
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
1894
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Der Tiegener Bankkrach vor (Bericht.
W. Siegen, 8. Juni.
X.
AuS voriger Sitzung ist noch zu erwähnen: AuS dem beigebrachten FuchS scheu Wechsel Uber 98 000 Ml., den der FuchS dem Brüggemann für den falschen Wechsel gab, ist nichts festzustellen, merkwürdigerweise trägt dieser Wechsel ein anderes Datum, als den Tag, an welchem die Unterredung stattfand, deren Folge eben der Wechsel war. Im Ganzen erscheint Heinrich FuchS nicht nur schwach und unselbstständig, sondern auch ziemlich consuS.
Zeuge Kaufmann Berger aus Erndtebrück hatte auf dem Siegener Bankverein ein Guthaben von 11000 Mk. AuS heiler Haut und obschon Berger bereits Bank-Actien in genügender Zahl hatte, bietet ihm Brüggemann im Januar 1893, also zur Zeit, als eS mit der Bank schon sehr faul war, 10 Actien an und zwar brieflich. Auf die Erkundigung BergerS, wie der Bankverein stehe, hat Brüggemann die beste Auskunft gegeben, hat 7 pEt. Dividende in Aussicht gestellt, Berger ist darauf hereingefallen, hat die Actien gekauft und ist fein Guthaben los geworden.
Die heutige Sitzung beginnt kurz nach 9 Uhr.
ES wird zunächst festgestellt, daß der Wechsel über 75000 Mk, den FuchS mit „FuchS & Co." kurze Zeit vor Erscheinen deS falschen Wechsels gab, denn doch nicht der erste Wechsel gewesen ist, den FuchS auS Gefälligkeit für Franz gab; denn bereits 1890 ist von FuchS ein Wechsel über 60000 Mk. gegeben worden und darnach gab er noch zwei andere Wechsel. So ganz auS heiler Haut ist also FuchS & Co. nicht an den Bankverein gekommen. Heinrich FuchS bekundet noch, daß Franz im Sommer 1893 einmal zu ihm gesagt habe, wenn die ganze Geschichte rauS komme, so kämen sie alle ins Zuchthaus und Schröder verliere sein ganzes Vermögen. — Zeuge Wagner bekundet, daß Schröder im Winter 1891/92 einmal mit ihm über die leeren Wechsel (Scheinwechsel) sprach und er äußerte, wenn die Sache rauS käme, gäbe eS Zuchthaus. — Schröder behauptet dagegen, daß daS Gespräch 1893 stattgefunden habe, als bereits Alles betreffend den Bankverein aufgcdeckt war. — Der bereits vernommene Zeuge v. Nae S fe ld bekundet, daß Brüggemann ihm gefügt habe, wenn er auf die Anklagebank komme, dann komme Schröder neben ihn. Als v. Raesfeld fragte, warum denn daS der Fall wäre, antwortete Brüggemann, Franz habe ihm erzählt, Schröder habe, als von den Scheinwechseln die Rede war, gesagt, davon komme nichts heraus; denn die Revision sei nicht so genau. UebrigenS hat v. Raesfeld zu Schröter niemals Vertrauen gehabt, um so weniger, als Brüggemann erzählte, wie abfällig sich Jung, SchröderS Affociö, über Schröder geäußert habe. — Brüggemann gibt zu, daß Jung sich zu ihm geäußert habe, er bedauere, daß die grschästlichen Verhältnisie so lägen, daß er nicht diesen Menschen, den Schröder, abschütteln könne. — Franz bestätigt, daß er 1892 mit Brüggemann in der angegebenen Weise gesprochen habe.
Es folgt ferner durch den Zeugen Ruben die sehr wichtige Feststellung, daß die Scheinwechsel nicht gestempelt waren. Die Revisoren, außer Schröder, monirten eS, wenn sie sahen, daß die Stempel fehlten.
Zeuge Jung bekundet, daß er allerdings sich einmal erregt und abfällig über Schröder geäußert habe, daß er jedoch Schröder, mit dem er 17 Jahre affocirt gewesen, stets als durchaus ehrenhaften Mann kennen gelernt habe.
ES werden jetzt die Gutachter vernommen. Erster Gutachter, Bankdirector Gronau, jetziger Leiter deS neuen an die Stelle deS verkrachten Bankvereins geretenten CreditinstituteS, bekundet, daß 1890 das Conto Franz mit einer Credit- Überschreitung von 482 600 Mk. abschloß, daß aber dem Conto außerdem 561000 Mk. Wechsel gutgeschrieben waren, die nach der Revision (1891) zurückgrgeben wurden, während das Conto Franz wieder mit der Summe belastet wurde. Im Jahre 1891 betrug die gut gebrachte Wechselsumme 453 000 Mk., die 1892 wieder nach Rückgabe der Wechsel Franz belastet wurde; außerdem aber waren noch 412000 Mk. Wechsel vorhanden, die eigentlich hätten Franz belastet werden wüsten, sodaß das richtige Saldo deS Conto Franz & Co. sich auf 1495000 Mk. stellt. Am 31. März 1892 schuldete Franz dem Bankverein 1523000 Mk.; Ende 1892 sind Wechsel im Betrage von 697 000 Mk., die Franz & Co. betrafen, nicht dem Conto belastet, sondern erst 1893; der Saldo steht Ende 1892 mit 800 000 Mk. zu Buch, er betrug in Wirklichkeit 1 518000 Mk. Am 1. Juli 1893 beträgt der Saldo deS Conto Franz buchmäßig 2 900000 Mk. — Vorsitzender: Wie hoch ist der Verlust deS Bankvereins
bei den Speculationen in Berlin ? — Gutachter: Die Disterenzverluste betragen bei der GenostenschaftSbank in Berlin 254 861 Mk., bei der Hypothekenversicherungsbank in Berlin 386 754 Mk., bei Büste & Co. in Berlin 316997 Mk., bei SivarS & Co. in Berlin 44 065 Mk. DaS ergiebt ungefähr einen Gesummt Verlust von 1004 115 Mk., welcher entspricht dem auf dem Conto Franz herauSkommendcn Differenzbetrage, welcher von Franz bekanntlich bestritten wurde. Somit ist anzunehmen, daß von den dem Bankverein verloren gegangenen Geldern seitens der Angeklagten keine Beiseiteschaffungen stattgefunden haben, daß vielmehr Alles thaisächlich verspeculirt worden. — Vorsitzender: Wie vertheilt sich nun im Ganzen Gewinn und Verlust auf die einzelnen Jahre? — Gutachter: Die Jahre schließen ab wie folgt: 1889 mit 65 041 Mk. Gewinn, 1890 mit 688 407 Mk. Verlust, 1891 mit 32 632 Mk. Gewinn, 1892 mit 386 423 Mk. Verlust und 1893 mit 13 530 W. Verlust. — Staatsanwalt: Würden Ihnen nicht ungestempelte Wechsel ausgefallen sein? — Gutachter: Unbedingt, ich hätte sie sicher angehalten. — Vorsitzender: Haben Sie aus der Verhandlung Thatsachen entnommen, welche Ihnen die Revision unrichtig erscheinen laffen? — Gutachter: Ich muß die Revision mindestens als sehr oberflächlich bezeichnen; ich finde, daß auch die Bonität der Wechsel von Franz hätte geprüft werden sollen. — Bei- sitzender Amtsrichter Keller: Ist eS üblich, daß nicht accepttrte Wechsel, wie die mit den hohen Beträgen Franz, gut geschrieben werden? — Gutachter: DaS kann vorkommen, allein ich würde bei den hohen Beträgen erst daS Accept eingeholt haben. — Beisitzender: War die Buchung unrichtig? — Gutachter: Don meinem Standpunkte auS allerdings. — Rechtsanwalt Lenzmann: Kommt eS vor, daß solche nicht acceptirte Wechsel dennoch im Portefeuille der Bank behalten werden, selbst wenn daS Accept nicht gegeben wird? — Gutachter: Nein, solche Wechsel würde ich unbedingt zurückgcben.
Zweiter Gutachter, Director der Berliner GenostenschastS' bank Sievert: Der Verkehr mit dem Siegener Bankverein datirt noch von der Verbindung mit der früheren Siegener Creditgenosjenschaft, reicht also ca. 15 Jahre zurück. Die ersten Geschäfte 1888 erste Hälfte, betreffend den Ankauf von Werthpapieren, waren keine Speculationen, sondern Kasta- geschäste, erst in der zweiten Hälfte 1888 wurden die Geschäfte Terminsgeschäfte. Im Jahre 1889, als die Geschäfte bedeutend wurden, verlangte die Siegener Bank die Herabsetzung der Provision, was wir auch bewilligten. Daraus refultine dann die Anlage eines besonderen ConioS für die Differenzgeschäfte und so sind wir in der Lage, Auskunft über diese Geschäfte zu geben, während vorher alle anderen Geschäfte zusammen gebucht werden. Allmählich wurden unS die großen Geschäste — die Aufträge lauteten sonderbarerweise stets auf Ankäufe von Papieren im Betrage von 105000 Mk. — auffallend und als Brüggemann in Berlin bei unS war, wurde er zur Rede gestellt. Er erklärte uns, während eS vorher hieß, daß die Geschäfte für einen Geschäftsfreund gemacht würden, wiederholt, daß ein Consortium von sieden Personen mit je 15000 Mk. (daher die 105000 Mk.) bestehe, für welches die Geschäste gemacht wurden. Im zweiten Halbjahre 1889 hatte die Bank bei unS einen Gewinn von 270 000 Mk., welche Summe zum Theil mit 147 000 Mk. in drei Posten an den Siegener Bankverein per Reichsbank überwiesen wurde. ES ist mir nun noch nicht klar, wohin dieses Geld gekommen. — Beisitzer Amtsrichter Keller: Wollen Sie damit sagen, daß dennoch also Unterschlagungen stattgesunden haben können? — Gutachter: Ich meine nur, eS könnte festgestellt werden, wo der Gewinn, den wir Überwiesen und der doch bei der Reichsbank irgendwie erhoben sein muß, verbucht ist. — Staatsanwalt: Halten Sie eS also doch noch für möglich, daß trotz deS Nachweises, daß die Differenzen gleich sind der von Franz u. Co. bestrittenen Summe, die Angeklagten noch Gelder hinter sich haben können? — Gutachter: Ich halte die nähere Feststellung für nöthig, wo die von uns überwiesenen Gelder geblieben find.
Hiermit wird die Sitzung abgebrochen, um dem Gutachter und Zeugen Zeit zu laffen, sich zu informiren.
ver«rschte».
♦ Die Thüringer Gewerbe- mrd Jnteftrie Aarstellnng in Erfurt zeigt a!S einen ihrer Glanzpunkte den von den Erfurter Gärtnern arrangirten Wintergarten mit großartigen und seltenen tropischen Pflanzen, der bis zum 10. Juni in seiner vollen Schönheit unterhalten wurde, während die Ausstellung gärtnerischer Erzeugniffe un Freien volle 5 Monate, biß
1. Oktober, andauern wird. Wirklich eine Kraftprobe der Gärtnerei! Am 16. Juni beginnt in der Gartenbauhalle auf vier Tage die große internationale Hunde-Schau des Verbands kynologischer Vereine, eine Veranstaltung, die in diesem Umfange zu sehen sonst nur den Bewohnern der größten Städte geboten wird. Daran schließt sich die große Gemälde- Ausstellung beß Verbandes der Kunstvrreine westlich der Elbe. Im September beginnt die Gemüse- und Obst-Außstellung. Im Uebrigen ist die reichgegliederte Gesammt-AuSstellung seit mehreren Wochen fertig und deren Besuch wirklich anzuempfehlen. Welche Bedeutung ihr beigelegt wird, bekundet der Besuch deS preußischen Handelsministers Herrn v. Berlepsch.
* Halle, 8. Juni. In EiSleben erfolgte heute früh ein starker Erdstoß, so daß die Häuser, besonders tn der Oberstadt, in ihren Grundmauern bebten. Es herrscht große Beunruhigung.
• Berlin, 6. Juni. In der gestrigen Versammlung der Saalbesitzer von Berlin und Umgegend erklärten sich dieselben solidarisch mit den Maßnahmen des Vereins der Brauereien von Berlin und Umgegend und verpflichteten sich bei Strafe von 3000 Mk., ihre Säle zu keiner socialdemokratischen oder anarchistischen Versammlung herzugeben, falls der Boykott gegen die Brauereien und Gastwirthe nicht bis zum 15. Juni aufgehoben würde.
* Essen, 8. Juni. Auf Zeche „Prinz Wilhelm" bet Ueberruhr fand heute eine Kesselexplosion statt, wobei ein Arbeiter umS Leben kam.
* Trier, 7. Juni. Samstag Nacht erschoß sich ein Unter offizier des 29. Regiments, heute Nacht ein Offizier des 69. Regiments der hiesigen Garnison.
* Spanten, 3. Juni. Da das Feuerwerkslaboratorium in Spandau, wo zuletzt über 3000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt waren, die sämmtlichen für die Armee benöihlgten Lieferungen nicht immer herzustellen vermochte, ist jetzt in Siegburg ein zweites Laboratorium gegründet worden, das den gleichen Umfang wie daS Spandauer erhalten soll. Zahlreiche mit dem Betriebe vertraute Leute sind schon vor längerer Zeit zur Einrichtung beß neuen Instituts von hur nach Siegburg übergefiebelt.
♦ Danzig, 6. Juni. Aus der Traft bei Plehnendorf ist ein zweiter Flößer an der Cholera asiatica erkrankt. Poltzeiverordnungen zum Schutze gegen daS Umsichgreifen der Seuche sind erlaffen worden.
• Leipzig, 6. Juni. Die Sächsisch-Thüringische Ausstellung ist bis zum Sommer 1897 verschoben worden. Den Ausschlag dafür gab der Umstand, daß 1897 die Leipziger Messen daß 400jährige Jubiläum ihrer Meßprivilegien begehen.
Eingesandt.
Gießen, 10. Juni 1894.
In Nr. 132 be« „(Siebener Anzeiger«" befindet sich die Notiz aus Griesheim, baß daseldfi 5 Pfund Brod zu 36 Pf-, verkauft würben. Dem Einsender diese« scheint die« ein Jrr thum, denn seine« Wissens werden innerhalb de« GroßherzoglhumS nur Laibe von 2, 4 und 6 Pfund gebacken; wahrscheinlich bezieht sich der angegebene Pret« auf einen 4 Pfund-Laib. Dem Vorgehen der Polizei durch wiederholte Gewichtsrevifion de« von AuSwärt« etngedrachten Brode« haben wir es In Gießen zu verdanken, daß der Consument wenigsten« annähernd das richtige Gewicht bekommt. Die zwischen dm Crten und den Bäckern selbst bestehenden Differenzm im Brodpreise vermag indeß die Behörde nicht auSzugleichen; die Preisdifferenz beruht aber vielfach auf der Verschiedenheit in der Qualität M Brode«. Hier ist nun ein Punkt, auf welchen die Crgane der öffentlichen Wohlfahrt ihr Augenmerk richten möchtm. (t« wird unter der Marke der Billigkeit oft Brod angeboten, da« nicht nur au« geringwerthigem, sondern auch oetborbenem und unreinem Mehl bereitet und somit höchst gesundheitsschädlich ist. *
Technische Fortschritte.
- Eine «er»e plastische Wtesse i«w Ersatz sür Harn, •Ifmtein, Gtei««vß «. s. W. Elve mut plastische Masse fabrkut, wie das Fachblatt „Butonia* berichtet, H. Alexander in Berlin aus Holzabfällen, indem er z B. gut getrocknete Holzwolle ober ^ägefpähne im Vacuum mit Cel tränkt, bann einem warmen Luststrom aufsetzt, um baß Cel verharzen zu lassen, und schließlich die Maffe mit Chlvrschwesel behanbtlt. Hierbei wird das Cel innerhalb der Holzfaser in eine kautschukartige Substanz überaeführt, die man nach Angabe der Patentschrift von freier Säure unb überschüssigem Schwestl durch Auskochen mit Alkalim befreit. Die ganze Masse läßt sich nun im weichen Zustand in formen, z. B. in Knopfformen, ferner als Kugeln, Stock- unb Schirmgriffe pressen, wie Steinnuß färben, poliren und lackiren unb hat dabei die gute Eigtnschafl, Jgegen den Eir stuß der Amtmospärilie«, wie gegen Feuchtigkeit unempfindlich zu sein. £ Zitz


