Ausgabe 
12.1.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 9 Zweites Blatt.

Freitag den 12. Januar

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Der chktzener Anzeiger erscheint täglich, WO Au-nahme deS Montags.

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Gießener Anzeiger

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Kenerat-Mnzeiger.

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Oernsprecher 61.

Aints- und Anzeigeblatt füv den Tiveis Gieszen.

ihren Ehegatten konnte sie trotz aller Anhänglichkeit doch nicht für ein Kleinod rechnen.

Um so eingehender wollte sie darum den ankommenden Freier mustern und fiel daS Resultat nicht sehr zu Gunsten des Delinquenten aus, dann war es nichts mit der Sache, nun und nimmermehr.

Daß der junge Doctor schüchtern sein sollte, berührte sie nur angenehm, um so mehr, da er sonst ein tüchtiger Kopf war. Schüchterne Männer haben immer Glück bet den holden Frauen, nicht wahr, schöne Leserin? DaS heißt, die kecken ja auch- ein jeder in seinem Wirkungskreis. Der Geschmack ist ja auch bekanntlich in der Liebe verschieden.

So viel aber steht fest, ein etwas schüchterner und stark verliebter Jüngling bietet offenbar mehr Garantie, unter das kleine Pantöffelchen zu gerathen, als einer, der die Welt stürmen möchte.

Einem sehr klugen Weibchen gelingt eS freilich, auch einen solchen unter das niedliche Instrument zu bringen. Be­weis : der Oberst aber immerhin ist das schwerer.

Nun, jedenfalls wird Mama Oberst dem Töchterchen den Feldzugsplan der jungen Ehe mittheilen und Aennchen müßte nicht das lustige, offene Backfischchen Pardon sein, um ihre Waffen nicht zu schätzen.

Er will noch heute ankommen," sagte sich Frau Eulalie, ich muß ihn erst sprechen, ehe er zu Albert geht oder gar zu Aennchen. Nein, die soll er mir nickt mehr allein sprechen, ehe nicht die Verlobung beschlossene Sache ist, und daß ich mein Kind zu hüten weiß, dafür bin ich Mutter."

S^e öffnete nun die Thür, um nach Marie zu sehen. Soeben kam das Mädchen von der Küche, noch lächelnd im Bewußtsein des empfangenen Thalers.

Wo ist Aennchen, Marte?"

Das Mädchen lächelte.

In der Küche, Frau Oberst, ach, freut sich daS Fräulein."

So, so," nickte zufrieden Frau Eulalie,also in der Küche, das freut mich auch. Marte, wenn ein junger Herr kommt es wird nicht lange mehr anstehen so führe ihn sofort zu mir in mein Zimmer."

Noch einer?" dachte Marie.Wen soll denn der nehmen?"

Mein Mann braucht davon noch nichts zu erfahren, ich will ihn erst allein sprechen."

Marie schaute ihre Herrin zwar etwas perplex an, sagte aber dann doch:Schön, Madame!"

Die Frau Oberst trat in ihr Zimmer zurück und Marie ging die Treppe hinunter nach dem Rahm im Keller."

Ehe sie jedoch die Stufen der finsteren Gewölbe betrat, erschien im Hausflur ein junger Mann, der, sie bemerkend, sofort auf sie zutrat."

Erlauben Sie, Herr Oberst Tannheim"

Wohnt hier, jawohl," bestätigte eifrigst das Mädchen. Herrjeh, Sie sind ?"

Ja, allerdings," nickte er, da sie stockte.

Der junge Mann?" endigte sie.

Auch das," antwortete er,haben Sie die Güte, mir zu sagen"

Ich weiß, ich weiß. Bitte, folgen Sie mir, mein Herr!" Sie führte ihn hinauf und vor die Thüre der Frau Oberst.

Bitte, hier ist die Frau Oberst!"

Aber, ich wünsche dock den Herrn"

Bst! Ich soll Sie erst zur Madame führen," sagte sie halblaut.

Aha," dachte er,wahrscheinlich ist der Herr Oberst nicht anwesend und ich bin genöthigt, mit der Frau zu sprechen. Das ist mir unangenehm- Frauen verstehen gewöhnlich nicht viel von der Heilkunde, sind zu zimperlich und fallen in Ohn­macht, wenn so ein Köter schreit."

Er klopfte energisch an die Thür, ein etwas erschrockenes Herein!" antwortete.

Der junge Mann trat in das Zimmer, während Marie die Treppe wieder hinunterstieg.

Die Mutter warf einen langen Blick auf den Ein- getretenen- sie hielt in diesem Augenblick furchtbare Musterung. Der junge Mann vor ihr befand sich in tadellosem Anzuge, sein Gesicht zeigte einen offenen und freien Character und der über die Oberlippe nach beiden Seiten hinaufgewirbelte Schnurrbart gab ihm ein beinaheschneidiges" Aussehen. Auf keffien Fall aber machte der Mann einen schlechten Ein­druck- schüchtern jedoch sah er nicht aus.

Wie das Aeußere täuschen kann," dachte die Mutter.

Der junge Thierarzt verbeugte sich und war im Be­griffe, sich mit rascher, aber wohltönender Stimme vorzustellen: Mein Name ist Erich"

Sie nickte ihm lehr freundlich zu, daß er betroffen inne« Helt- es war fein Peck, daß er Erich hieß, wie der Andeie. (Fortsetzung folgt.)

Vermißtes.

* Wetzlar, 9. Januar. Wie derW. Anz." meldet, ist auch in hiesiger Stadt seit Wiederbeginn des Unterrichts die wohlthätige Einrichtung getroffen worden, daß den armen Schulkindern während des Winters Morgens vor Beginn des Unterrichts eine Tasse warmer Milch und ein Weck ver­abreicht wird. Die Verwaltung des ev. Bürgerhospitals hat die Tragung der Kosten bereitwilligst übernommen. Wir können diese Einrichtung im Jntereffe der armen Kinder nur auf das Freudigste begrüßen, da dieselben bisher vielfach nüchtern zur Schule kommen und dort die Qualen des Hungers während des ganzen Vormittags dulden und zusehen mußten, wie ihre besser situirlen Mitschüler ihr Frühstück verzehrten, während sie selbst nichts zu frühstücken hatten.

* Fulda, 8. Januar. Der Rechtsanwalt Dr. Antoni aus Schweinfurt ist heute zum Oberbürgermeister von Fulda gewählt worden.

* Esten, 8. Januar. Am Sonntag Abend brachen zwei Frauen auS Ueberruhr, die über die zugefrorene Ruhr nach Heisingen ghen wollten, ein und ertranken. Die eine Frau ist Mutter von sieben, die andere von neun Kindern.

* Ein rührender Fall kindlicher Liebe. Man schreibt aus Sydney, 27. November: Vorgestern, Samstag Nach­mittag, fiel ein kleiner dreizehnjähriger Junge, Charles Savill, beim Abspringen von einem Waggon der North- Shore-Trambahn so unglücklich zu Boden, daß die Finger seiner rechten Hand unter die Räder geriethen. Hilfe war glücklicherweise sofort zur Stelle. Savill wurde aufgehoben, bat aber, obwohl heftige Schmerzen leidend, den Conducteur, ihn nicht nach Hause zu schaffen, da seine Mutter krank sei und die Aufregung ihr schaden könne. Der Bitte wurde selbstverständlich entsprochen und der brave Junge in den nächsten Laden geführt, wo ein herbeigerufener Arzt eine« Nothverband anlegte und seine UeberfÜhrung in daS North- Sydney-Hospital anordnete. Hier mußten dem kleinen Helden leider zwei Finger der rechten Hand alsbald abgenommen werden.

* Etnfchmuggeluug von Cigarren durch Eifeabahubeamle. DemHaunov. Cour." wird geschrieben: Von mehreren Eisenbahnbeamten sind längere Zeit hindurch aus den Fahrten zwischen Basel und Frankfurt a. M. aus der Schweiz stam­mende Cigarren in der Weise eingeschwärzt worden, daß sie diese in den Packwagen der Hesfiichen Ludwigsbahn, der Elsaß- Lothringer Bahn und der Pfälzischen Bahn unter den zu den Bremserhäuschen führenden Treppen versteckt hielten. Unter den Bremserhäuschen der Hessischen Ludwigsbahn befindet sich ein zu der fraglichen Einschwärzung benutzter hohler Raum, der nur von dem unter dem Fußboden des Bremserhäuschen« befindlichen Oelbehälter aus zugänglich ist. Zu diesem Oel- behälter führt von außen eine ganz kleine, mittelst eines Dreikants zu öffnende Thür. Dieser Hohlraum ist durch eine dicht am Fußboden befindliche Klappe mit einem Vier­kant zu öffnen. Bei den Wagen der Pfälzischen Bahn befindet sich das Versteck an derselben Stelle wie in den Wagen der Elsaß-Lothringer Bahn, ist aber 'bedeutend kleiner. Die Eisenbahnbeamten, welche sich des Vergehens der Einschwärzung von Cigarren längere Zeit hindurch schuldig gemacht haben, aber endlich entdeckt sind, haben sehr empfindliche Strafen zu erdulden.

* Der auf Flaschen gezogene Mensch. Im National- Musenm in Washington befindet sich unter anderen Sehens­würdigkeiten eine Anzahl Flaschen, welche die chemischen Be- ftandtheile eines 154 Pfund wiegenden Menschen vor Augen führen. Die größte Flasche enthält Waffer sage 94 Pfund. In anderen Gefäßen befinden sich 3 Pfund Eiweiß, 10 Pfund Leim, 34 */, Pfund Fett, 8t/< Pfund phosphorsaurer Kalk, 10 Pfund kohlensaurer Kalk, 3 Oz. Zucker und Stärke, 7 Oz. Fluorcalcium, 6 Oz. phosphorsaure Magnesia und ein wenig gewöhnliches Kochsalz. In anderer chemischer Be­ziehung enthält der Mensch 97 Pfund Sauerstoff, 10 Pfund Wasserstoff, 3 Pfund 13 Oz. Stickstoff und Kohle einen ganzen Kubikfuß. Was die chemischen Elemente anbetristt, so sind zum Bau des Körpers nothwendig 4 Oz. Chlor, 3 V, Oz. Fluor, 8 Oz. Phosphor, 31/2 Oz. Schwefel, 21/2 Oz. Natrium und Kalium, 110 Oz. Eisen, 2 Oz. Magnesium und 3 Pfund 3 Oz. Kalcium.

* Die Zahl der Aerzte in Deutschland hat nach Ausweis des Reichsmedicinalkalenders auch im Vorjahre wieder eine Zunahme erfahren, sie ist von 20500 auf 21621, also um 5,46 pCt. gestiegen, seit 5 Jahren um 22,2 pCt. Aus

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de, folgenden Tag erscheinenben Nummer bi« Borm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Ilamitienökätter.

Feuilleton.

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yelvikarteu ä 30 G '' Meriekarten L 20 H ^and erhaltenen Einladung

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mmmlung in Hannover.

cht auHuüben. [341 ' Ortsverwaltimg.

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Fanny.

Humoreske von Gebh. Schätzler-Peressini.

(5. Fortsetzung.)

Aennchen! Fräulein Anna!" rief er endlich.

Sie wurde noch röther wie vorhin und ließ vor Schrecken 'Den Löffel mitten im Teige stecken.

Er--(Sri--!"

Weiter brachte sie nichts heraus, als sie auch schon aus das verblüffte Stubenmädchen zueilte und ihm zuflüsterte:

Gehe in den Keller, Mariechen, und hole mir ein wenig Rahm herauf."

Lächelnd nickte Mariechen und blinzelte dem an der Thüre schückiern und doch glücklich harrenden jungen Doctor sreund- lid) zu. Als sie an ihm vorüberging, fiel ihm plötzlich ein großer Gedanke ein.

Er schob dem Mädchen einen Thaler zu und flüsterte: Wenn Sie den Rahm tm Keller nicht finden, möchten Sie ihn nicht aus dem Boden oben suchen?"

Mariechen mußte lachen- sie ging und machte die Küchen- thüre hinter den beiden zu.

Fräulein Aennchen--" stotterte Erich.

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Wie kommen Sie denn hierher?" fragte erschrocken und hastig Aennchen.

3u Fuß," antwortete er unbedacht,ich war bei Ihrem

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Herr Papa."

Ach!" schrie der Schelm leise auf.Und was hat denn Bapa gesagt?"

O, er war sehr liebenswürdig," bemäntelte Erich, er war mir nicht abgeneigt und hat mich zu Ihnen in die Kiiche geschickt."

Das das hat Papa gethan?"

Ja, soeben ach, Aennchen, darf ich denn bleiben?" bat er leise, immer noch an der Thür stehend und seinen Cylinder in den Händen drehend.

Ach, dann ist ja alles gut und herrlich!" jubelte Aennchen.Freilich dürfen Sie bleiben wenn es doch Papa erlaubt, ach Erich!"

Sie bliche ihm verlangend entgegen und er müßte der dümmste Mensch der Welt gewesen sein was er wirklich nicht war, wenn er diese Augensprache nicht ver­standen hätte.

Aennchen!" flüsterte er in seligem Entzücken. Er stürzte vor, trat dabei dem am Boden liegenden Windspiel auf die Schweisspitze was ihn gar nicht tangirte breitete die Arme ans und

Nun, holde Leserin, wünsche ich Dich in gleiche Lage,

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III.

Herr Doctor Erick.

In ihrem Zimmer, am Erkerfenster, saß nachdenklich die Frau Oberst. Selbstredend drehten sich ihre Gedanken nur urn das Glück und die Zukunft ihres Kindes.

Es schmerzte sie, wenn sie an die Stunde dachte, wo der Mann kam und ihr das einzige Kleinod nahm, das sie besaß

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wie auch meine Leser wenn ich darunter etwa auch Freunde besitze.

Sie hielten sich eng umschlungen undhatten einander so> lieb!"

Aennchen barg das erglühende Köpfchen an Erichs Brust und lispelte:Es ist gewiß kein Unrecht, hätt' es ihm sonst der Papa denn erlaubt!?"

Und Erich? Er wußte gar nicht, daß er sich nur in der Küche am Kochherde befand, er dünkte sich im Paradies.

Was kümmerte ihn, daß der feine Mehlstaub sich auf seinen schwarzen Salonanzug legte, daß er aussah, als wäre er in einen Mehlkasten gefallen. Sogar den Cylinder hatte er weggeworfen, ohne zu zehen wohin.

Langsam versan* der schwarzglänzende Helm in dem weicken Teich der großen Terrine, die Aennchen erschrocken auf die Seite setzte, als sie Erich erblickte - keines der beiden bemerkte das kleine Malheur.

Wer wird sich in solchem glücklichen Augenblick um einen ertrinkenden Cylinder kümmern!

Nun möchte ich den Schleier über das Küchen-Jdyll ziehen. Was soll ich erzählen von den zwei Glücklichen? Wovon sie sprachen? Lieber Himmel, die Wiffenschaft hat e5 noch immer nicht seftgestellt, worin der Zauber des süßen Nichts" zweier Liebenden liegt.

Vier blitzende Augen, zwei frische rothe Lippen, ein to armer Händedruck das sind so ungefähr die Re­quisiten, welche erforderlich sind, um auf Erden ein Para­dies zu schaffen.

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