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Freitag den 12. Januar
1894
Erstes Blatt.
Nr. 9.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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114.20
Betr.: Die Ergänzungswahl des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde Gießen.
Einladung
zur Ergänzungswahl des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde zu Gießen.
Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß in Gemäßheit der Bestimmungen der Wahlordnung für die Wahl des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde zu Gießen vom 4. August 1871 die in diesem Jahre für das aus dem Vorstande ausgeschiedene Mitglied M. Hornberger erforderlich gewordene Ergänzungswahl
Mittwoch den 17. Januar 1894
in dem Saale des alten Rathhaufes dahier ftattfinden soll.
Sämmtliche nach § 2 der Wahlordnung Stimmberechtigten werden zu dieser Wahl mit dem Bemerken eingeladen, daß die Abstimmung Vormittags von 9 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 4 Uhr stattfindet.
Gießen, den 9. Januar 1884.
Der von Großh. Kreisamt Gießen ernannte Wahl-Commissär. Hach.
Deutsches Reich.
Pit Verlobung Ar. Kgl. Hoheit des Großherzogs har im ganzen Lande freudige Theilnahme erweckt. Die in den Blättern seither ebenso oft dementirten wie als Neuigkeit gebrachten diesbezüglichen Meldungen ließen die nunmehr bestätigte Mittheilung nicht als gerade überraschend erscheinen. Thutsächlich war, wie die „N. H. V." melden, den Eingeweihten schon lange bekannt, daß unser Großherzog seit Jahren eme tiefe Neigung für feine l ebreizende Cousine empfand, welche von Letzterer gewiß erwidert wurde. Nicht höfische und dynastische Interessen, welche ja so oft bei fürstlichen Eheschließungen eine Rolle spielen, sondern allein die reinste und lauterste Herzensneigung zweier edlen Fürstenkinder haben diesen Bund geschlossen, dem Gottes reichster Segen beschieden fein möge!
Die hohe Braut, Prinzessin Victoria Melitta, zweite Tochter Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Alfred von
Ferrilletsn.
Der zerbrochene Krug
Ein Lustspiel von Heinrich von Kleist.
.(Fortsetzung.)
Zu dem Schreiber bildet Ruprecht, der „junge Bauerkerl", den prächtigsten Gegensatz. Ist jener ganz Ueberlegung und auf den Vorrheil paßende Bedächtigkeit, so ist dieser ganz kräftige Natürlichkeit und gutgläubige Treuherzigkeit. Ein braver Bursch ohne Arg und Falsch, leidenschaftlich und vollblütig, jugendfrisch und sorglos, von starken und reinen Jn- sfincten. In alle Einzelheiten seines Liebeslebens läßt uns der Dichter hineinblicken- wir wissen was Ruprechts Brautgabe an Eva war, wie er beim Heuen ihre flinke Arbeitskraft schätzen lernte, wir sehen ihn, wie er den Umweg um den ausgetretenen Bach nimmt und durch den dichten Lindengang zur Liebsten schleicht. Mit den Augen der Unerfahrenheit guckt er munter in die Welt und glaubt an das Gute; aber muß er nicht an Allem verzweifeln, als er Nachts einen Fremden bei seiner Eva findet, der vor ihm, da er das Zimmer mit Gewalt einstürmt, aus dem Fenster entspringt? Nit derben Worten macht er seiner getäuschten Empfindung Lust und will von keiner Entschuldigung hören- aber das Deinen ist dem guten Jungen naher, als er zugeben will and sein Vertrauen in die Menschheit hat einen argen Riß erhalten.
Als er sich von der polternden Mutter vor Gericht geschleppt sieht und zum Verbrecher wider den Krug gestempelt, setzt er freilich aus den groben Klotz einen gröberen Keil- aber die Liebste in ihrer Noth thut ihm doch in der ehrlichen Seele leid und er gesteht:
Sie jammert mich. Laß doch den Krug, ich bitt Euch: Ich will'n nach Utrecht tragen. Solch ein Krug — Ich wollt' ich hätt ihn nur entzwei geschlagen.
Und Eve fällt ihm ins Wort:
Unedeimüihger, Du! Pfui schäme Dich Daß Du nicht sogst: gut, ich zerschlug den Krug! Pfui, Ruprecht, pfui, o schäme Dich, daß Du Mir nicht in meiner Thai vertrauen kannst.
Sachsen - Coburg - Gotha und Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Herzogin Maria, wird in Bälde berufen sein, die seit dem am 14. December 1878 leider allzufrühe erfolgten Tode der unvergeßlichen Großherzogin Alice verwaiste Stelle auf Hessens Thron an der Seite Ihres künftigen hohen Gemahls einzunehmen. Sie ist geboren am 25. November 1876, hat somit vor Kurzem das 17. Lebensjahr zurückgelegt. Eine merkwürdige Schicksalsfügung ist es, daß auch der Geburtstag des hohen Bräutigams auf den 25. November fällt. Die Prinzessin-Braut hat gleich ihren Geschwistern den größten Theil ihrer Jugendjahre in Deutschland verlebt, da Ihre Kaiserliche Hoheit die Herzogin Marie auch vor der Thronbesteigung ihres hohen Gemahls, als sie noch den Titel einer Herzogin von Edinburg sührre, in dem reizend gelegenen Coburg resi- dirte. Die Herzogin Marie, e'ne Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, war durch Ihre Mutter, die Kaiserin Maria (bekanntlich eine Schwester des Großherzogs Ludwig III.) schon mit dem hessischen Fürstenhause nahe verwandt und hat oft bei ihren hohen Verwandten in Darrn- stadt, sowie in Schloß Heiligenberg und in Schloß Schönberg verweilt. Unter der Aussicht ihrer Mutter, an welcher die Töchter ein leuchtendes Vorbild aller weiblichen und sürst- lichen Tugenden besitzen, hat die Prinzessin-Braut mit ihrer älteren Schwester (der nunmehrigen Kronprinzessin von Rumänien) eine sehr sorgfältige Erziehung genossen, deren leitende Grundsätze, wie das genannte Blatt aus bester Quelle erfährt, darin bestanden, nicht nur die häuslichen Tugenden zu üben, sondern auch den Sinn für alles Schöne und Erhabene zu wecken und zu pflegen. Die Prinzessin-Braut ist eine überaus anmuthige Erscheinung und es wird ihr von Allen, welche sie kennen gelernt haben, eine große Herzensgüte, ein froher heiterer Sinn und eine herzgewinnende Liebenswürdigkeit nachgcruhmt. Dies Alles bietet aber dem hessischen Volke, welches ja an den Schicksalen feines Fürstenhauses in Freud und Leid den innigsten Antheil nimmt, eine weitere Gewähr dafür, daß unserem allverehrten Großherzog an der Seite dieser holden Prinzessin das reichste Familienglück erblühen werde und dem Land das Glück beschieden sein wird, wieder eine edle Fürstin auf Hessens Thron zu sehen.
Deutscher Reichstag.
23. Sitzung. Mittwoch den 10. Januar 1894.
Die Beralhung des Antrags des Cenlrums auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs über Revision des Jnvallbnäts- und
Altersoersicherungsgesetzes und einer Novelle zu den Unral(: versicherungsaesetzen in Verbindung mit dem Antrag der Abgg. v. Staudy und Sleppuhn (cons) auf Abänderung des Jnvallditäis- und Alteisversicherungsgesetz.s bebuss Vereinfachung der Verwaltung, Insbesondere gegenüber dem Markenlystem, wird fortgesetzt.
Abg. Singer (Soc.) verlangt Centrallsirung des gejammten Arbelter-Ver sichcrungswe'ens, Erweiterung des Kreises der Versicherten und Erhöhung der Bezüge. Er wird deshalb mit feinen Freunden gegen alle Anträge stimmen, welche die Anwendung der Gesttze und die Leistungen einschränken wollen. Daß die Unternehmer zu fwwer belastet würden, sei nicht zuzugeben, am wenigsten habe die Landwirthschast Ursache, sich zu beklagen, da die Verficht'ung eine erhebliche Entlastung des Armenbudgets gebracht habe. Sehr I sympathisch Ist dem Redner die vom Abg. o. Staudy ausgesprochene Auffassung, daß man die Ertheilung der Rente nicht von dem Nachweis abhängig machen solle, daß der Betreffende so und so lange gearbeitet hat. Der Staaissecretär meinte zwar, damit gewähre man dem faulen Arbeiter eine Prämie; aber ist es denn immer Faulheit, die den Arbeiter hindert, zu arbeiten? Ist es nicht viel mehr Mangel an Arbeitsgelegenheit? Es ist eine Folge unserer ganzen ökonomischen Entwickelung, daß Tausende von Arbeitern auf das Pflaster geworfen werden. Die neue Tabaksteuer werde wieder viele Tausende „fauler Arbeiter" schaffen. Dasselbe geschieht Seitens der Unternehmer durch die sog. „schwarzen Listen", durch welche besonders Soctaldemokraten gemaßregelt werden. Redner führt als Beispiel eine vertrauliche Verfügung des Leiters der Grube „Ilse" bet Senftenberg an. Die Versicherungsgesetze seien wirklich nichts Anderes als eine neue Form der Armenpflege. Was auf dem Gebiete der Socialreform bisher m Deutfchland geschehen, wie gering cs auch sei, habe man der Sccialdemokralie zu banken, die sich freilich damit nicht beruhigen wird. sie habe sich an dem Sturme gegen das Jnvalidiiäts- und Altersversicherungsgesetz nicht betheiltgt, weil sie die mühsam errungenen Anfänge einer socialen Besserung nicht zcr- ftören lassen will.
Abg. Dr. Böttcher (nalL): Diejenigen, welche das Jnvalidt- iäts- und Altersversicherungsgesetz mttgemacht haben, waren sich von vornherein darüber klar, daß damit ein Sprung ins Dunkle gemacht werde. Die schwache Besetzung des Hauses bei der heutigen Erörterung beweise indeß, daß es mit dem „Sturm" gegen das Gesetz nicht sehr ernst sei. Von keiner Sette weide auch hier die Aufhebung des Gefetzes verlangt. Unter solchen Umständen werde man sich, wenn die Zeit dazu gekommen, über eine Verbesserung des Gesetzes einigen. Redner vertheidtgt dann insbesondere die Velsicherung der land- wirth'chaftlichen Arbeiter. Der Reichszuschuß rechtfertige sich durch das allgemeine Inteteffe, welches der Staat an der Versicherung habe; dieses Interesse sei aber nicht so überwiegend, daß man der Gesammtheit der Steuerzahler die ganze Last auferlegen dürfe. Das Gesetz sei nicht aus Furcht vor der Socialdemokratie geschaffen worden, wie diese glauben machen möchte; wir haben das Gesetz aus ‘ dem Bewußtsein unserer Pflicht geschaffen. Der Ansicht aber fei er allerdings, daß wenn der Arbeiter dieses Gesetz richtig erkenne, er sich wohl hüten werde, eine Organisation bloßer Chimären wegen zu zerstören, die ihm solche Vortheile gewähre.
Abg. Röficke (üb.): Bei den Klagen handle es sich in der Hauptsache darum, daß der Eine weniger zahlen, der Andere mehr
Während sonst die Helden bei Kleist es sind, die, nach i dem Vorbild des Dichters, ein unumschränkt Vertrauen fordern, i fordert es hier das Mädchen, in dem Gefühl ihres reinen i Wollens und ihrer untadelhaften Treue. Die feste Ent- I schiedenheit und die Opferbereitschaft weiblicher Zuneigung i verherrlicht Kleist wieder, diesmal in der Sphäre der Bauern ’ zeigt er sie und kleidet sie in derbe niederländische Form. ! Aber dicht neben dem Derben liegt das Zarte in der Seele ' Eochens wie ihres Ruprechts, und echter tritt der Zauber naiver Charactere in keiner „Dorfgeschichte" vor uns hin, als in diesen beiden Figuren voll frischen poetischen Lebens.
1 Einzig um des Geliebten willen duldet Eve die Schmach, welche die nächtliche Scene auf ihren Ruf wirft, und selbst als sie ihm das Unglück mit dem Kruge ins Gewissen schiebt, denkt sie nur an seine Rettung. Dem arglistigen Adam vertrauend, glaubte sie, daß der Geliebte bei der Aushebung zur Miliz nach Batavia entführt werde und nur um ihn davon zu befreien, ließ sie sich in ihrer Unschuld bereden, den Richter — um das Attest auszufertigen, log er — in ihr Gemach zu bringen. Noch vor Gericht weigert sie darum mit selbstverleugnender Treue, die Vorgänge der Nacht aufzuklären, lieber will sie im Übeln Licht dastehen, als den Mann ihrer Neigung, und wenn er auch selbst an ihr zweifelt, dem überseeischen Unglück ausliefern - und mit Ergebenheit läßt sie die harten Vorwürfe der Mutter über sich herpoltern, mit der diese derbe Niederländerin ihrer ehrlichen Wuth Lust macht.
Frau Marthe Rull, „Wittwe eines Castellans, Hebamme jetzt, sonst eine Frau von gutem Ruse" stellt sich als das Urbild einer bäuerlichen Streitsüchtigen dar: versessen auf das Recht, und bereit zum Pcocessiren, wie man es nur auf dem Dorfe findet. Wie sie „das Unrecht, das dem Kruge wider- fahren, bemonftrirt", hat der Dichter nach der Anregung des Btldes in der ergötzlichsten Eindringlichkeit dargestellt- und ein Prachtstück gibt sie in jener Beschreibung des corpus delicti, welche mit umständlicher Beharrlichkeit Art und Herkunft, Vergangenheit und Gegenwart des kostbaren Kruges I auseinanderlegt und in die farbige Schilderung reiches Leben bringt durch die stete Betonung desjenigen, was jetzt, nach dem Zerstörungswerk, nicht mehr ist:
Hier grabe auf dem Loch, wo jetzo nichts, Sind die Provinzen übergeben worden. Hier guckt noch ein Neugier'ger aus dem Fenster Doch was er jetzo sieht, das weiß ich nicht.
Man kann die Lehren aus Lessings Laokoon nicht ergötzlicher in die Praxis überführen. Unerschütterlich bis anS Ende bleibt Frau Marthe bei ihrem Pathos, und als die Entlarvung des Richters Alle in Aufregung hält, denkt sie nur an den Krug: auf daß ihm sein Recht geschieht, wird sie am großen Markt in Utrecht sich einstellen und von Neuem Klage anheben.
Treu und echt hat der Dichter auch diese lebenstrotzende Figur hingestellt, aus deren entrüstetem Gebühren eine brave Seele uns anschaut. Aber wie stets bei ihm Natur und Kunst Hand in Hand gehen, so hat er auch in Frau Marthe und den anderen Figuren allen nicht die platte Wahrheit des Naturalisten gesucht, sondern in einer freien Gestaltung des* Wirklichen den Schein des Lebens gewonnen. Er läßt ohne Scheu die Personen fließender, in Momenten des Affectes gehobener reden, als ihrer Weise zukommt, er läßt sie frei mit den Dingen schalten und eine geistige Beweglichkeit offenbaren, die besonders in einer wortspielenden und wortsangenden Art sich bewährt. Gleich Frau Marthens Eintritt ist in diesem Stile. Man sagt ihr, sie möge ruhig sein, Alles werde sich ja hier entscheiden. Daraus die Polternde:
O ja. Entscheiden. Seht doch den Klugschwätzer!
Den Krug mir, den zerbrochenen, entscheiden!
Wer wird mir den geschienenen Krug entscheiden?
Hier wird enlschieden werden, baß geschieden
Der Krug mir bleiben soll. Für so'n Schlebsurtheil Geb ich noch die geschiedenen Scherben nicht.
Dem andern die Rede abzuschneiden, ihm das Wort cb-- zufangen, aus dem Munde zu reißen und zu verdrehen ut Jeder bereit - bald verwundert und bald spottend wird das Gesagte wiederholt und in der schnellen Folge von Frage und Antwort ein Mißverständniß, anstatt daß es sich Härte, immer tiefer eingebohrt. So entsteht jener Scheindialog, den schon Tieck an unferm Dichter bemerkte und mit Recht tadelte - in dem Bestreben, der Natur durch Kunst nahe zu kommen, verfehlt er diese wie jene und gelangt in die Künstelei. (Schluß folgt.)


