Ausgabe 
11.12.1894 Zweites Blatt
 
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Rr. 290 Zweites Blatt. Dienstag den II. Deiembn

1894

Der chiehe»rr jLe|ti|«r irfd)rint täglich, Mit Au-nahmr de» Montags.

Die Gießener M«Mitte«ölL1ter »erden dem Nnzeiger Wöchentlich dreimal drigelrgt.

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Htnzeiger.

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Aintr- und Anzeigeblatt für den Nreis Gietzen.

Gralisöeikage: Gießener Kamitienötätter.

Alle Annoncen-Vureaux de» In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den fofgenben Tag erscheinenden Nummer bi» Darm. 10 Uhr.

Anrtlicher Theil.

Gießen, den 8. December 1894.

Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher 'Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltera im Falle einer Mobilmachung.

Die

Sroßh. Kreis-Schulcommission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobil­machung innerhalb 8 Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlausende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.

In den Gesuchen ist anzugeben:

1) Cioilstellung.

2) Vor« und Zunamen,

3) Militärcharge und Truppengattung,

4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist und Datum des letzteren,

5) Bezirk des Landwehrbataillons.

Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es keiner Meldung.

Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als allein­stehende Lehrer zur Reklamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.

v. Gagern.

Gießen, den 7. December 1894.

Betr.: Statistische Nachweisungen über die Fortbildungs- . schulen.

Die

Sroßh Kreis-Schulcommisfion Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Sie wollen uns innerhalb 8 Tagen berichten:

1) Die Zahl der Klaffen an Ihren Fortbildungsschulen,

2) Die Zahl der Lehrer daran,

3) Den Betrag aller Kosten für die Fortbildungsschule jeder Gemeinde in möglichst genauer Angabe.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Berlin, 8. December. In einer Zuschrift an dieBerl. Reuest. Nachr." veröffentlicht Fürst Bismarck eine Dank­

sagung tu seinem und seiner Kinder Namen anläßlich der ihm zugegangenen Beileidsbezeugungen beim Tode seiner Gattin.

Berlin, 8. December. Professor Qutdd e-München hielt gestern Abend einen zweiten Vortrag in einer äußerst stark besuchten Versammlung des Berliner demokratischen Arbeitervereins. In längeren, populär gehaltenen Aus­führungen entwickelte der Redner die Lehren der Demokratie, wie man sie bereits in der süddeutschen Volkspartei zu ver- wirklichen bestrebt sein werde. Dem Vorträge des Referenten schloß sich eine.Discussion an, an welcher sich die Demokraten, die Antisemiten und die Socialdemokratcn betheiligten.

Berlin, 8. December. Zu dem Zwischenfall in der ersten Reichstagssitzung bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.", daß Singer aus die thörichte Drohung des Bundes der Landwirthe, er würde unter die Socialdemokraten gehen, Hinweisen konnte, sei sehr bedauerlich. Bedauerlicher aber sei noch, daß man Leute an die Spitz- des Bundes gestellt habe, die ihre Worte so wenig wägen. Schade sei nur, daß in dieser Hinsicht Singer nicht vom Bunde der Landwirthe auf frischer That entgegengetreten worden ist.

Berlin, 8. December. In einer Schlußerklärung, die Bebel in dem bekannten Streite imVorwärts" erläßt, verlangt er, seine Gegner sollen sich der sachlichen Auseinander­setzung nicht entziehen. Er wün'cht, daß volle Klarheit ge­schaffen werde in den sachlichen Meinungsverschiedenheiten über Taktik, Parlament, Agitation und Agrarfrage.

Berlin, 9. Decmber. Die der Umsturzvorlage beigegebene Begründung stützt sich auf die wachsende Ver­breitung anarchistischer Ideen und die wachsende Schwierig­keit ihrer Ueberwachung, und führt dann aus: Daß eine in den bezeichneten Richtungen unzulängliche Strafgesetzgebung die sittliche Verwilderung und die Erschütterung des Rechts- bewußtseins in der Bevölkerung leicht fördern, eben damit aber einer Ausbreitung des staatsfeindlichen Treibens Vor­schub leisten kann, ist eine Erkenntniß, die sich gerade in der letzten Zett immer mehr Geltung verschafft hat. Die hier­nach erforderlichen Aenderungen der Strafgesetze brauchen den Boden des allgemeinen Rechts nicht zu verlassen. Ver­folgen sie auch zum Theil den ausgesprochenen Zweck, die Förderung von Umsturzbestrebungen oder die Verleitung zu solchen unmittelbar zu treffen, so lassen sich doch solche Be­strebungen, ebenso wielhochverrätherische oder landesverräthe- rische oder gemeingefährliche Unternehmungen, unabhängig von jeder politischen oder wirthschaftlichen Parteirichtung denken. Die dagegen gerichteten Strafbestimmungen sollen daher für Jedermann gelten, und es kommt nur darauf an, daß ihnen, um auch nicht den Schein eines willkürlichen Er­

messens bei ihrer Anwendung entstehen zu lassen, eine mög­lichst bestimmte Begrenzung gegeben werde. Zu diese« Zwecke hat der Entwurf im Thatbestande behufs näherer Kennzeichnung jener Bestrebungen durchweg den Begriffdes gewaltsamen Umsturzes der bestehenden Staatsordnung" ver- wandt. Im Sinne des Entwurfs gehören zur Staatsord­nung nicht nur die eigentlichen Berfassungsrinrichtungen, son­dern auch die gesellschaftlichen Grundlagen des staatliche» Verbandes, soweit sie im geltenden Rechte Anerkennung und Schutz finden, vor Allem die Familie und das Eigenthu», ohne welche der Bestand eines geordneten Staatswesens für unsere Anschauungen ausgeschlossen ist. Auf der andere« Seite soll aber die Strafbarkeit des Handelnden stets vo» der Voraussetzung unabhängig sein, daß seine Absicht a«f den gewaltsamen also den mit verbrecherischen oder so«- stigen gewalthätigen Mitteln herbeizuführenden Umsturz gerichtet ist. Hiernach und da die Anwendung dieser wie der übrigen Strafoorschriften des Entwurfs ausschließlich t« der Hand der ordentlichen Gerichte liegt, werden die vor­geschlagenen Bestimmungen für die wissenschaftliche Tätigkeit ebensowenig ein Hemmntß bilden wie für solche politische Bestrebungen, die lediglich eine Weiterentwlckelung der vo« ihnen vertretenen Ideen auf dem Boden der staatlichen Ord- nung sich zum Ziele setzen. Die allgemeine bürgerliche Frei- heit und deren berechtigte Ausübung bleiben daher unberührt.

DerBerliner Localanzeiger" meldet aus Wien: Die Kaiserin-Wittwe von Rußland hat dem Czare« unter Hinweis auf den Lebenslauf seines DaterS und Groß­vaters angerathen, das Volk an der Regierung theil- n eh men zu lassen. Czar Nikolaus lehnte aber, ebenso wie sein Vater, diesen Vorschlag, betr. die Verleihung einer ver- fassung, ab, da eine solche für Rußland, wo die Polen, die Finnen, die Bewohner der Ostseeprooinzen und von Turkefta« Sonderstellungen einnehmen noch nicht geeignet sei. Er wäre aber nicht abgeneigt, eine größere Körperschaft zu schaffe», welche die Controlle über die Adlpintstratton des Staats­wesens u. a. m. zu übernehmen hätte. Politik und Heer­wesen würden ausschließlich die Prärogative der Krone bilde». Die Controlle würde auch durch den schon bestehende» Reichsrath auSgeübt, den er aber durch die Berufung vo» Vertretern des Adels der Städte und des Bauernstandes ver­stärken müßte.

Der Plan der socialdemokrattschen Reichstagsabgeord- neten, einem der ihrigen, dem Abgeordneten Ft sch er, eine» Sitz im Präsidium des Reichstages als Schriftführer zu ver­schaffen, ist, wie vorauSzusehen war, daran gescheitert, daß I die Soctalisten sich weigerten, ihrem Genossen die Theilnahme | an Repräsenttonsactsn des ReichstagspräfidiumS auch de«

Feuilleton.

Mariechen geht auf den Bsll.

(Schluß.)

Der große Samstag ist da. Das Mariechen kanns nicht erwarten, daß der Abend hereinvrtcht; endlich kommt, als erste Freudenbotin, die Friseurin.

,£), beim Fräulein werden wir bald fertig werden. Sie haben ja so viele und so schöne Haare. Sie, da habe ich mit der Anna von Müllers meine Roth gehabt. Sucht sich die nicht eine Frisur auS, aus der man ohne Einlage und ohne Zopf nichts machen kann, und sie selber hat kein Haar. Ich bitt Sie, was kann ich denn für eine Frisur machen mit zwölf und einem halben Haar? Ich hab ihr zugeredet zu- einer Mikadofrisur mit einer Masche. Nein, nein, auf die neue hat sie sich capricirt und einen Zopf hat sie nicht kaufen wollen, na, so hab ich'S gemacht, so gut als eS gehen wollte. Aber ausgesehen hat eS! Und am anderen Tage hat sie gesagt, ich hält' sie so hergerichtet! Fräulein, Sie wollen keine Wolle aufgesteckt haben? Ist auch besser! Obwohl beim Tanzen die Haare leicht auf­gehen. Aber ich steck Ihnen das Netz recht fest, da wird» schon halten. So auf der Seite nur einen Bogen, das macht sich sehr gut, und jetzt hierhin die Blumen! Sehen Sie, als wenn sie da herauswüchsen. Ein Köpfchen ist das! Fräulein, wenn Sie heul nicht alle Herren närrisch machen, so haben die Männer gar kein Herz mehr!"

Die Nachbarinnen wurden eingelassen. Wieder das große Ah! des Staunens, der Bewunderung.

Wunderbar! , Aher schade, daß sich nichts mehr machen läßt. Mir hätts am besten gefallen, wenn Sie in der Defregger-Frisur gegangen wären. Sie haben schöne Zöpfe, zu was die ganze Frifirerei!"

Aber, Frau Nachbarin, das wär doch zu einfach, aber wissen Sie, zu hoch ist die Geschichte. Das ist ja der reine Kirchthurm. Leider läßt sich nichts mehr machen, aber kein Mensch wird glauben, daß das Ihre eigenen Haare sind."

Da haben Sie Recht! Sonst wär alles recht schön und gut, aber wenn man so viele und so schöne Haare hat, wie das Mariechen, so muß mans auch zeigen. Aber das oben sieht so aus, als ob es aufgenäht wär."

Dem Mariechen stehen die Thränen in den Augen und als die Frau Kamel jetzt sagt:Und die Blumen! Ich bitte Sie, die find ja gesteckt, als bauen Sie darunter keine Haare mehr- die sollten freistehen, damit man steht, daß Sie Haar haben!" da schluckt das arme Mädchen heftig, um das Schluchzen zurückzudrängen.

Aber wir wollen Sie nicht aufhalten. Tummeln Sie sich! Wenn Sie fertig sind, kommen wir schon wieder und sehen Sie an!"

Dem Mariechen ist ein gut Stück Laune verdorben und mi-muthig vollendet sie ihre Toilette.

Das Mädchen sieht bezaubernd aus, und die Mama, die ein taubengraues Seidenkleid angezogen, der Papa, der seine Hände in die Glaces gezwängt hat, blicken leuchtenden Auge/auf die schöne Tochter, ihren Stolz, ihre Freude.

Siehst Du, Vater, hast Du nicht Deine Freude an dem Kinde?"

Ganz Du, genau so hast Du ausgrsehen, wie wir zur Kirche gefahren find. Aber von mir hat das Mariechen den Verstand und da« ist auch was werth."

Die Thür öffnet sich und die Nachbarinnen stürzen herein.

Die Droschke ist schon da!"

So? Na, dann gehen wir!"

Die Nachbarinnen conftaiiren einmüthig, daß da- Mariechen die Königin des Balles sein werde, doch wäre sie noch viel schöner, wenn die Frisur nicht so hochgebaut wäre

und wenn das Kleid nicht rückwärts noch mehr Falten mache» würde, wie früher. Das Bouquet vorn sollte auS lebende» Blumen sein, meint die Frau Müller, die Schmitten findet, daß das Kleid jetzt zu lang sei und daß man glauben wird, das Mariechen habe einen großen Fuß und getraue fich nicht, ihn zu zeigen- die Scholze erklärt, daß die Schleppe zu lang sei für ein junges Mädchen, und die Madame Maier hätte es gern gesehen, wenn statt des Goldkettchens um de» Hals ein blaues Seidenband geschlungen wäre.

Das Mariechen hörte daö alles unter einer Fluth vo» Compltmenten und da jetzt der Papa zum Gehen dringt, nimmt die alte Stina die Schleppe und schlägt sie über de« Arm und Mariechen steigt unter Thränen in den Wagen.

Die Mama merkt, daß ihre Tochter weint und fragt: Was hast Du denn, Mariechen?"

Mama, die Frau Müller und die Schulze und die Maier und die Schmitt"

Aber Kind, sie haben Dich ja alle so gelobt!"

O Gott! O Gott! Sie haben mich so gelobt, daß ich mich gar nicht hintraue, ich muß ja ganz fürchterlich auSsehen."

Die Nachbarinnen schauen lange dem Wagen nach, und wie er jetzt um die Ecke verschwindet, sagt die Müller:Em liebes Mädchen! Ich bin wirklich ftoh, daß eS endlich auf einen Ball kommt."

Ich auch," meinte die Schulze,ich hab ihr nicht die Freud verderben wollen! Sonst hätt ich ihr gesagt, daß sie mir gar nicht gefällt. Wissen Sie, wenn fie ihre zwei Zöpfe getragen hätte, ein bischen fester geflochten, daS wäre viel schöner gewesen."

Ja, ja, mir hats auch nicht gefallen, aber mein Gott, da läßt sich nichts machen. So einem jungen Ding darf man die Freude nicht verderben, daö wäre doch Sßnd «nb Schandj!"