Nr. 2SV Erstes Blatt. Dienstag den 11. December
, i ■ । ■■■ 1
•Mmt **|tigtr Wachem» täglich, wM »»»«ahme bei M-Nta-t.
Die Gießener
■Ktke bm Ro-eiger »AcheUtüch breimal
Meßmer Anzeig er
Keneral-Mnzeiger.
1894
PkitiHWyt A6«numtei»Fe*« 2 Warf 20 W »tt SrtngrrUfn. Durch bk P*ß legeg«* 2 Marl 60 Pig.
Rrbacti«, t^xbttwt ■wb Yxw4nM:
-chmtstraß- 3U.7. Awvnsprecher Dl.
Aints- unb Attzeigeblcrtt für den Ureis Gietzen.
!7' Hratisöeikage: Gießener Kamitienötätter. ^,'^^7^,.^^.»^..'^
Deutsche» Reich.
p Berlin, 8. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen Leitartikel über das Wesen der Umsturzvorlage und schreibt, eS könne nicht ausschlaggebend sein, daß die gegenchärtigen Führer einer Partei, wie der Socialdemokraten, glauben machen wollen, sie hätten eS auf nichts weniger als einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Ordnung ab- gesehen. Ebensowenig dürfe den Stimmen Derjenigen allzu viel Gewicht beigelegt werden, die ihren Protest gegen den „jetzt beabsichtigten Anschlag auf die Freiheit der öffentlichen DiScusston" damit zu begründen versuchen, daß sie erklären, die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung sei schon jetzt in Deutschland auf das Aeußerste beschränkt. WaS schließlich den Einwurf betreffe, die socialdemokratische Bewegung würde durch ein Gesetz, wie das in Frage stehende, nicht erstickt werden, so sei das ja gar nicht die Absicht, die verfolgt werde. ES handele sich vielmehr darum, die wichtigsten Einrichtungen und Sitten, die Monarchie und die Armee, die Religion und daS Familienleben gegen Ausschreitungen einer Propaganda, die mit den Bestrebungen irgendwelcher Partei nicht das Mindeste zu thun haben, besser zu schützen als bisher.
Berlin, 8. December. Die „Kreuzzeitung" bespricht in ihrer heutigen Abendnummer die Umsturzvorlage und entwirft die Grundzüge des Gesetzentwurfs. Man werde, schreibt daS genannte Blatt, soweit sie eine Strafverschärfung enthalten, vom conservativen Standpunkte aus gegen seine Vorschläge nichts etnwenden können. Bon seinen Wirkungen als Gesetz sei nur wenig zu erwarten. Die Socialdemokratie werde Mittel finden, die Klippen des Gesetzes zu umschiffen, ohne daß sie nöthig habe, mit ihrer Agitation nachzulasien. Die Unzufriedenheit werde bestehen bleiben, so lange die menschliche Arbeitskraft ausschließlich in den Dienst des Eapitals und der Börse gestellt sei. Nur wirkliche, von christlichem Geiste getragene sociale Reformen könnten Befferung bringen.
Berlin, 8. December. Die russische Regierung verordnete dem „Reichsanzeiger" zufolge die Ausführung des Artikels 12 des deutsch-russischen Hand elsvertragS, wonach ausländische Handlungsreisende beim Betreten des russischen Gebietes verpflichtet find, im Grenzzollamt einen CommiS- schetn erster Klaffe zu lösen,- als Waarenproben eingeführte Gegenstände werden zollfrei herein- und herauSgelaffen unter der Bedingung, daß diese Gegenstände, wenn unverkauft, innerhalb einer sechsmonatlichen Frist wieder ausgeführt werden. Zur Reise nach Rußland auSgefertigte Pässe ausländischer Juden, welche Handluogsreisende sind, werden Seitens der russischen Eonsulale visirt, nachdem diese Commis eine Bescheinigung ihrer Firmen eingereicht haben. Ein ausländischer Jude darf während der Paßfrist die Grenze mehrfach passiren.
Berlio, 8. December. Das Staatsministerium trat heute Nachmitlatz 2 Uhr unter dem Borsitz des Ministerpräsidenten Fürsten zu Hohenlohe in deffen Amtswohnung zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 8. December. An der gestrigen Sitzung des Staatsministeriums nahmen wtederum die Staats- secretäre deö Reichsschatzamts und des RetchsjustizamtS, Graf Posadowsky und Nieberding Theil. Dagegen war StaatSminifter v. Bötticher durch Krankheit verhindert. Die Sitzung dauerte von 2 bis nach 6 Uhr.
Ausland.
Pari«, 8. December. Mehrere Blätter schreiben in ihren Nachrufen für Lesseps, der Name deS Letzteren werde In der Geschichte Frankreichs eine der ersten Stellen einnehmen infolge der Verdienste, welche sich der Verstorbene mit dem Bau deS Suez-Canals erworben habe.
Neueste Nachrichten.
Depeschen deS Bure« ,$xroQ)'.
Berlin, 9. December. DaS Präsidium des Reichstages ist heute Mittag im Neuen Palais zu Potsdam vom Kaiser in besonderer Audienz empfangen worden. Der Kaiser begrüßte die Herren ausS freundlichste und freute sich über ihre Wiederwahl. Man kam sodann auf die erste Sitzung im neuen Reichstagshause zu sprechen. Der Kaiser bezeichnete den tumultuösen Borgang als sehr bedauerlich, er erblicke aber darin keine gegen seine Persönlichkeit gerichtete Demonstration, alS vielmehr eine schwere Beleidigung der parlamentarischen Institution, insbesondere deS Reichstages selbst, der durch ein solches Borgehen schwer verletzt werde. Ein derartiger Vorgang könne die Erledigung der Umsturzvorlage
nur fördern. Die weiteren Unterhandlungen berührten vor- nehmltch landwirthschaftliche Angelegenheiten. Ferner theilte der Kaiser mit, daß nach ihm zugegangeuen Berichten in Rußland die Landwirthschaft lebhafte Klage führe über die Wirkungen deS deutsch-russischen Handelsvertrages, dieser für uns also Vortheilhaft sein müffe. Schließlich wurde daS Präsidium von der Kaiserin empfangen.____________________
Äetriebsübergabe des Queckborner Wasserwerks der Stadt Gießen.
Gießen, 9. December 1894.
Die vorgestern stattgehabte feierliche Betriebsübergabe des Queckborner Wasser Werks hatte folgenden Verlauf:
Um 9*/4 Uhr versammelten sich im Sitzungssaale der Stadtverordneten - Versammlung die städtischen Behörden, die Erbauer des Werks, die Herren Stadtverordneten und eine Anzahl Ehrengäste, darunter die Herren Provinzialdirector Freiherr v. Gag ern, der derzeitige Rector der Universität Profeffor Dr. Gaffky, Oberst und Regiments-Commandeur v. Rosenberg, Medicinalrath Dr. Foll eniuS u. A. m. Eine große Anzahl von Bauplänen undConstructtonSzetchnungen waren daselbst ausgelegt und gab Herr Oberingenieur P. Schmick zunächst einen Ueberblick über Wafferversorgungs- wesen im Allgemeinen, dann über die gesammte neue Waffer- werksanlage, sowie über die wichtigsten Einzelheiten.
Hiernach lud Herr Oberbürgermeister Gnauth die Festtheilnehmer zu der Besichtigung der auf dem Verwaltung-- bureau deS GaS- und Wasserwerks angebrachten Apparate ein. ES waren dies die Druckmesser für das Hochdruck- und das Niederdruckgebiet, deren erster 6, der zweite ungefähr 23h Atmosphären Druck registrirte, ferner die beiden Wafferstandsanzeiger für den Hochdruckbehälter und für den Niederdruckbehälter, welche durch eine in letzteren angebrachte elektrische Anlage in Betrieb gesetzt werden und jederzeit den Waffervorrath anzeigen, auch die Veränderung desselben innerhalb der 24 Tagesstunden durch ein Uhrwerk graphisch darstellen. Hierauf wurde aus dem vor dem Gaswerk befindlichen Hydranten zunächst ein Nteder- druckstrahl und nach stattgehabter Umstellung der betreffenden Schieber ein Hochdruckstrahl gezeigt, um die wesentlich höhere Wirkung des letzteren darzustellen. Der frei springende Wasserstrahl, welcher aus einem im Garten des Gaswerks improvi- sirten Spring-Brunnen mittelst Hochdrucks hergestellt wurde, erreichte die stattliche Höhe von über 25 m, noch 5 m höher als der Kamin des Gaswerks.
Hierauf fuhren die Festgäste in 12 Wagen dem Queckborner Wafferwerk entgegen, zunächst an dem Schieberschacht an der Gabelung der Grünberger- und Licherstraße vorüber, in welchem neben anderen der Verbindungsschieber eingebaut ist, durch dessen Oeffnen erforderlichen Falls der Hochdruck in das Niederdrucknetz eingeleitet wird. An der Kaserne wurde Halt gemacht, um den Hochdruckstrahl zu beobachten, welcher aus einem bis auf das Dach der Kaserne geführten Schlauch entnommen wurde und das Dach noch um etwa 10 m überstieg, sodaß die Gesammthöhe von der Straße aus zuzüglich der Terraffe etwa 45 m betrug. — Ablaßschieber und Luftventile längs der ganzen. Rohrleitung waren unterscheidbar durch Fähnchen markirt. — Am Hochdruckbehälter angekommen, sand man denselben in seinem Aeußeren mit Fahnen, Wappen und Guirlanden geschmückt, worauf die Festgäste mit einem „Glückauf" zur inneren Besichtigung des Hochbehälters eingeladen wurden. Nachdem dieselben 7 Kammern durchschritten, wurden sie durch den erhebenden Gesang der Motette-. „Der Herr ist groß in seiner Macht und ewig bleibt sein Ruhm" durch den unter der Leitung des Herrn Lehrer Görlach stehenden, 68 Mitglieder zählenden Knabenchor auf das freudigste überrascht. Nach Schluß dieses Gesanges traten die Besucher in die letzte, achte Kammer, welche sich in reicher Ausschmückung und Beleuchtung darbot. Das Einlaufrohr war durch ein sinnbildliches Gemälde in Zusammenhang gebracht mit den Arbeiten der Quellfaffung und Wasserförderung, welche im Bilde dargestellt wurden durch geschäftige Berggeister. DaS Waffer, welches angelaffen wurde, sprang auS diesem Bilde heraus, während sich in der Ferne die Umgebung von Gießen zeigte. Der Wunsch, welchen die Berggeister und auch alle Besucher deS Behälters dem Waffer mit auf den Weg geben, lautete:
Queckborns Waffer möge fließen Segenspendend unsrem Gießen!
Nach einem weiteren, weihevollen Bortrag deS Knaben- chorS: „Hebe Deine Augen auf zu den Bergen, von welchen die Hilfe kommt" u. f. w., u. f. w., verließ die Festversamm- I lang diesen wichtigen Constructionstheil der Anlage, am
weiter zu fahren, an der AuSlaufkumwer an der GanSbmc vorüber hinunter nach Reiskirchen, woselbst eine Unterführung an der Wieseckbrücke, eine EntlüftungS- und eine Waffer- ablaßvorrichtung besichtigt wurden. Bon da ging eS hinauf zur geschmückten ersten AuSlaufkammer im Queckborner Wald, in deren Innerem der mächtige Wafferüberlauf besichtigt wurde. Nach einer kurzen Fahrt durch den Queckborner Wald erschien die WafferwerkSanlage in Queckborn in reichem Festschmucke, welcher sich bis auf den Hut des Kamins erstreckte. „Willkommen" und „Glückauf" wurden den ankommenden Festgäften von allen Anlagen zugerufen und nachdem zwischen den Gießener Festgästen und den Vertreter» der Gemeinde Queckborn — welche ihren Kirchthum beflaggt hatte — eine gegenseitige Begrüßung stattgefunden hatte, wurde zunächst der Saugbrunnen nebst Ueberlaufkammer vo» Herrn Obertngenieur Schmick an Ort und Stelle erläutert und durch einige Besucher erstiegen. Hier waren als Symbol dauernden freundschaftlichen VerhältniffeS das Wappen vo» Gießen mit dem Wappen von Queckborn (welch letzteres a»S einer Zeichnung vom Jahre 1129 entnommen ist und auf seinem Schild schon eine Darstellung der Quellen enthält) nebeneinander angebracht, vereinigt durch den Wunsch:
Ströme Quelle reichen Segen, Spende Labung allerwegen, Gott befohlen fei dein Lauf! Gießen und Queckborn „Glückauf!" von da auS versammelten sich die Festgenoffen vor dem Eingang zum Maschinenhaus, woselbst Herr Oberbürgermeister Gnauth die bereits im vorigen Blatt mitgetheilte Festrede hielt. Nachdem Herr Provinzialdirector Freiherr v. G a g e r » die zunächst in Dienst gestellte Dampfpumpe unter Bictoria- donner durch Oeffnen deö Ventils in Gang gesetzt und fcteee Glück- und Segenswünschen warmen Ausdruck verliehen hatte, war die Maschine in Thätigkeit gesetzt und hiermit der Betrieb feierlich eröffnet.
Von DecorationSstücken des MaschtnenhauseS hebe» «üe hier noch hervor die beiden folgenden Tafeln. Die erste heißt :
In diesem Hause wohnt die Kraft, • Dte's Waffer in die Höhe schafft, ES eilt von Berg zu Thal mit Macht, Wo eS willkommen Tag und Rächt. Daneben:
Unsrer Vaterstadt zum Segen
Ström der Quellen reicher Lauf, Wohlgedeihen allerwegen, Gießens Zukunft: Froh Glückauf!
Nach Besichtigung der Maschinen- und Dampfkeffelaulage am Werk, sowie des geschmückten Hochbehälters der OrtS- gemeinde Queckborn und nach unter großer Betheiliguug bet OrtSetnwohner stattgehabter Hydrantenprobe durch die dortige Feuerwehr war der technische Theil deS Festes abgeschloffe» und die Stunde herangekommen, für welche Herr Hotelier Weigand von hier in dem SameS'schen Saale ein „Frühstück" vorbereitet hatte, welches alle Anerkennung fand.
Daß der erste Toast, welcher von Herrn Oberbürgermeister Gnauth ausgebracht wurde, dem Landesvater gewidmet war, wurde bereits int vorigen Blatte erwähnt. D«c zweite Trinkspruch, von Herrn Beigeordneten Georgi aus- gebracht, galt den Ehrengästen, sowie den Erbauern deS Werkes, den beiden Herren Schmick, ihren Ingenieuren und den übrigen Herren, welche in ihrer Dienstleistung bei demselben mitzuwirken hatten. Herr Oberingenieur Schmick dankte in humorvoller Weise für diese Anerkennung und trank auf daS Wohlergehen der Stadt Gießen. Der Rector der Universität, Herr Profeffor Dr. G af fkh , dankte NameaS der hier vertretenen Civil- und Militärbehörde für die Einladung und feierte von verschiedenen Gesichtspunkten auS, inSbesvndere vom hygienischen, das Wafferwerk, welches er in Anbetracht des guten QuellwasierS, seiner Menge und Druckhöhe als über jeden Tadel erhaben erklärte, und beglückwünschte die städtische Behörde zu der Lösung dieser Frage. Herr Director Bergen dankte der vorgesetzten Behörde Namens deS Gas- und WafferwerkS für die Erbauung der leistungsfähigen neuen Anlage, welche die Verwaltung in den Stand setze, allen billigen Anforderungen auf daS Weitgehendste zu entsprechen. Er versprach, daS Werk in alle» seinen Theilen in Schutz zu nehmen und eS mit seinen treuen Mitarbeitern zu verwalten zum Gedeihen und Segen unserer lieben Vaterstadt Gießen. Sein Hoch galt der treuen Mit- arbeit der Meister, Parliere und der tausend fleißigen Hände, die sich trotz Schwierigkeit und Unwetters bei dem Werke ; geregt haben.
Herr Stadlbaumeister Branddirector S ch m a n d t feierte


