Nr« 265 Erstes Blatt. Sonnlag den 11. November
Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Die Gießener I»amikteavtL11er werden dem Anzeiger wSchmtlich dreimal bdfldtfll.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
1894
vierteljähriger AdonnementspreiL: 2 Mart 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mart 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Zchnlstrntze Ar.7. Fernsprecher 51.
Amts« und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
Riegen« A-milimMttkr. ।
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat October für den Lieferungsoerband Gießen pro 100 Kg betragen:
Hafer Mk. 14,20, Heu Mk. 6,30, Stroh Mk. 4,20.
Gießen, den S. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Melior.
Gefunden: 1 Trauring, 2 Portomonnaies mit Inhalt, 1 Armband, 1 Zwicker, 1 Manschettenknopf, 1 Compaß, 1 Cigarrenspitze, 2 Spazierstöcke, 1 Taschenmesser, 1 Notizbuch, 1 Traggurt, 1 Büchermappe, 2 Damen-Negenschirme, 1 Spitzen-Halstuch, 1 Taschentuch, 1 Strumpf, 1 Gummi- schlauch und ein Sielscheit.
Gießen, den 10. November 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Neueste Nacheichten.
Wolff» telegraphtsche» Korrespondenz-Bureau
Hamburg, 9. November. Der heute hier eingetroffene Dampfer „Persia" brachte 337 lebende Ochsen und eine Ladung geschlachteten Fleisches aus Amerika mit. Die Vieheinfuhr wurde bekanntlich am 28. October verboten. Die Thiere wurden in dem Vtehhof auf der Sternschanze untergebracht.
Lübeck, 9. November. Die Kaufmannschaft bewilligte 50 000 Mk. Beitrag zu dem Garantiefonds der 1895 in Lübeck stattfindenden deutsch-nordischen Handels - undJndu- st r i e - A u S st e l l u n g. Ursprünglich waren nur 25 000 Mk. beantragt.
Troppau, 9. November. Gestern Nachmittag fuhren im Eugenschachte in Peterswald 75, in Poremba 70, im neuen Schachte in Lazy 30, im Orlauer Hauptschachte 15 Prozent der Belegschaft, im Bettina-Schachte Niemand ein. In der heutigen Frühschicht fuhren im Bettina^Schachte die Hälfte, in den übrigen Schächten fast die ganze Belegschaft ein.
Rom, 9. November. Crispi ist vollständig wieder hergestellt, er begibt sich morgen wieder ins Ministerium.
Londou, 9. November. Das Reuter'sche Bureau erfährt, der französische Minister des Auswärtigen Hanotaux konnte beim Empfange des chinesischen Gesandten bezüglich einer Intervention der Mächte keine entscheidende Erklärung abgeben, sondern ihm nur das Wohlwollen Frankreichs aussprechen. Frankreich werde mit den anderen Mächten sich ins Einvernehmen setzen. Man glaubt, daß zwischen verschiedenen betheiligten Regierungen ein Gedankenaustausch stattfinde betreffs der wünschenSwerthen Maßnahmen, um eine Berständigung zwischen China und Japan herbeizusühren.
Petersburg, 9. November. Der Schah von Persien widmet dem verstorbenen Czaren einen großen Silberkranz mit Porzellan-Blumen. — Anläßlich der Beerdigung des Czaren sollen hier 25,000 Arme gespeist werden. — In der Isaak Kathedrale wurde heute eine feierliche Seelenmeffe im Beisein des diplomatischen Corps und verschiedener Würdenträger abgehalten.
Rewyork, 9. November. Nach den letzten Wahlberichten wird die republikanische Majorität im neuen Repräsentantenhause über Hundert betragen.
Kalkutta, 9. November. Einer Reurermeldung zufolge ist gegen den Radscha des Tributstaates Ny aghur, Provinz Oriffa, eine Revolte avsgebrochen. Eine Compagnie Militär ist dorthin abgegangen.
Shaugai, 9. November. (Reutermeldung.) Nach den letzten Nachrichten aus der Mandschurei hat sich die chinesische Armee in die Berge zurückgezogen, wo sie durch Hunger und Kälte schwer leidet. Die japanische Armee lagert bei Fungwhancheng, Halbwegs zwischen Wiju und Mukden, verfolgt aber die chinesischen Truppen nicht. Port Arthur wird von 15,000 Chinesen vertheidigt, meistens Rekruten. Man glaubt deshalb hier, daß Port Arthur nicht lange Widerstand leisten werde.
Depeschen de» Bureau ,SctdQ)'.
Berlin, 9. November. Die „Nordd. Allgem. Ztg." dementirt die Blättermeldung, wonach der Generaloberst»
v. Pape in den Ruhestand treten will und durch den Chef des MilitärcabinetS, v. Hahnke, ersetzt werden soll.
Berlin, 9. November. Der „Kreuzzeitung" zufolge ist die Nachricht, daß die Composition deS Kaisers, „Sang an Aegir", durch ministerielle Verfügung in den oberen Klaffen der höheren Lehranstalten zum Gegenstände einer Besprechung gemacht werden sollte, nicht zutreffend.
Berlin, 9. November. Nach der „Post".ist der Gesetzentwurf über die Abänderung deS Zolltarifs dem Bundesrathe zugegangen.
Berlin, 9. November. Nach der Rückkehr aus Livadia nahm heute Profeffor Leyden seine Vorlesungen wieder auf; das Auditorium begrüßte ihn stürmisch, wofür er dankte. Leyden erzählte sodann, daß seine kurze Abwesenheit ein Stück Weltgeschichte gewesen ist und ihm ewig in Erinnerung bleiben werde.
Berlin, 9. November. Der Ausschuß deS Bundes der Landwirthe über die Reorganisation des Getreidehandels stellte in seinen heutigen Berathungen fest, daß der Preisstand des Getreides in Deutschland nicht mehr die Productionskosten decke und daß die Festsetzung nach dem Weltpreise den Ruin der Landwirthschaft zur Folge hätte und der letztere das Vaterland den äußeren und inneren Feinden pretSgeben würde. Nur eine Beseitigung oder Abschwächung der Handelsverträge und der internationalen Ge- treidespeculation könne hier Abhilfe schaffen.
Berlin, 9. November. Wie die „Berl. N. N." hören, ist für das Justizportefeuille der Chef-Präsident deS Ober- landeSgerichts in Celle, Herr Schönstedt, in Aussicht genommen.
Berlin, 9. November. Die Deputation des Kaiser Alexander-Garde-Grenadier-RegimentS, welche den Beisetzungsfeierlichkeiten in Petersburg beiwohnen wird, ist nunmehr bestimmt worden. Sie wird auS dem Regi- mentscommandeur Oberst von Saufin, dem Hauptmanne von Kemnitz, dem Premierlieutenant von BiSmarck und dem Feldwebel KnieSpel bestehen. Mitte nächster Woche wird die Deputation nach Petersburg reisen.
Berlin, 9. November. Die deutschen Zeitungen repro- duciren eine angeblich authentische Version eines diplomatischen Gespräches zwischen dem Staatssecretär deS Auswärtigen Amtes Freiherrn von Marschall und dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Nordamerika am hiesigen Hofe General RunYon bezüglich des deutschen Verbotes der Einfuhr von amerikanischem Vieh und Fletsch. Wie man uns mittheilt, ist der erwähnte Zeitungsbericht ungenau und fehlerhaft. Der amerikanische Botschafter hat in seiner Unterredung mit dem Staatssecretär v. Marschall keineswegs in Aussicht gestellt, daß der auf den deutschen Zucker erhobene Zollsatz demnächst wieder beseitigt werde. General Runyon hat ferner nicht gehört, daß Herr v. Marschall ihm gegenüber behauptet habe, es seien thatsächlich neuerdings Fälle von Ansteckung durch TexaS-Fieber vorgekommen. Gegenüber der Meldung der Blätter, daß die Verhandlungen bereits zu einem Resultat geführt hätten und zwar zu einem negativen, hören wir, daß in Wirklichkeit die Verhandlungen zur Zeit noch im Gange find und von einem Resultate daher noch keine Rede sein kann.
Frankfurt a. M., 9. November. Der Reichstags- abgeordnete Liebermann von Sonnenberg trat gestern als Redner in einer antisemitischen Versammlung auf. Nach einer Aeußerung von ihm setzt sich daS deutsche Volk aus einem Nährstand, einem Lehrstand, einem Wehrstand und einem Zehrstand zusammen; der letztere seien die Juden, die daS Vaterland an den Rand der Auszehrung gebracht hätten. Die Versammlung, welche ziemlich stark besucht war, verlief ohne nennenswerthe Zwischenfälle.
Köln, 9. November. Die „Köln. Ztg." berichtet über die dem Uebertritt der Prinzessin Alix zur orthodoxen Kirche vorangegangene Ceremonie, daß, nachdem der heilige Synod auf den Wunsch des Czaren fich mit mehreren Einschränkungen einverstanden erklärt hatte, der Prinzessin eine Reihe von Erklärungen zur Unterzeichnung vorgelegt wurden, die noch Stellen enthielten, welche zu innerem Zweifel Anlaß geben konnten. Hierauf habe die Prinzessin zur Feder gegriffen, das Schriftstück kreuz und quer durchftrichen und mit fester Hand darunter geschrieben: „Ich nehme den orthodoxen Glauben an!"
Barzin, 9. November. Die Abreise des Fürsten BiSmarck ist wegen Unpäßlichkeit seiner Gemahlin bis auf Weiteres verschoben worden.
Königsberg, 9. November. Zehn neue Cholerafälle find neuerdings in der Provinz Ostpreußen vorgekommen, darunter ein Todesfall.
Wien, 9. November. Der „Allgem. Wiener Zeitung" zufolge finden in der Umgegend von Fünfkirchen i« Herbste nächsten Jahres Kaisermanöver statt, denen auch der Kaiser von Deutschland beiwohnen wird. Anfangs September werden Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelm sich nach den benachbarten Gütern des Erzherzogs Albrecht zur Hochwildjagd begeben.
Wien, 9. November. Nach einer Meldung polnischer Blätter soll in Polen eine große Aufregung herrschen, weil der Generalgouverneur Gurko den Befehl ertheilte, daß der Unterthaneneid ausschließlich in russischer Sprache geleistet und alle, welche gegen diesen Befehl fich auflehnen, verhaftet und auf das Strengste bestraft werden sollen. Thatsächlich sollen deßhalb schon zahlreiche Personen, darunter viele Geistliche, verhaftet worden sein. Der Bischof JaSzewskt in Lotkiewicz ist vom Amte suSpendirt worden. Erst feit Absendung einer Bittdepesche an die Prinzessin Alix ist die Situation erträglicher geworden. Der Eid dürfte wieder in polnischer Sprache abgenommen werden.
Rom, 9. November. Der „Offervatore" veröffentlicht Artikel über den Tod des Czaren, in denen besonder» auf die mysteriöse Erkrankung und den Tod hingewiesen wird. Der Czar sei die dritte hohe Persönlichkeit, welche in de« letzten Jahren auf dieselbe Weise erkrankt und gestorben ist, wie Graf Chambord und der Graf von Paris. Der „Offervatore" fügt hinzu, daß der Verdacht berechtigt ist, ein und dieselbe Person habe hier ihre Hand im Spiele.
Brüffel, 9. November. In den Gruben zu Montigny sur Sambre hat eine Explosion schlagender Wetter stattgefunden. Sieben Bergleute wurden getödtet, viele schwer verletzt. Nähere Mittheilungen fehlen noch.
»rüffel, 9. November. Die Blätter besprechen mit Genugthuung die heute im Amtsblatt publicirte Verordnung, nach welcher die Fabrikation, der Transport, die Aufbewahrung von Sprengstoffen, besonders der Verkauf von Dynamit eine strenge Regelung erfährt.
Petersburg, 9. November. Die Beisetzung des Czaren wird, wie bestimmt verlautet, am 18. d. MtS. stattfinden.
Petersburg, 9. November. Nach dem „Regierungsboten" traf gestern per Schiff im Laufe des Nachmittags die Leiche des Kaisers in Sewastopol ein, gleichzeitig die Kaiserin-Wittwe, der Kaiser nebst Braut, der Thronfolger, die Großfürstin Xenia mit Gemahl, Großfürstin Olga und die Großfürsten Alexis und Michael. Nach der Verladung der Leiche verließ der Trauerzug Sewastopol.
Petersburg, 9. November. Nach dem SectionSbefund hat die Krankheit des Czaren volle drei Jahre gedauert. Ein Herzschlag hat sein Leben beendet.
Petersburg, 9. November. Gestern Nachmittag traf der Kreuzer „Pamjat Merkurija" mit der Leiche des Czaren Alexander in der Bucht von Sewastopol ein. Nachdem auf dem Anlageplatze, auf welchem ein Gerüst zur Aufnahme des Sarges aufgeschlagen war, eine Leichenmeffe stattgefunden hatte, wurde die Leiche in dem Trauerwaggon aufgebahrt. Unter Salutschüssen verließ der Eisenbahnzug Sewastopol, um die sterblichen Ueberreste des Czaren Alexander nach Moskau zu Überführen. Der Großfürst- Thronfolger trat von Sewastopol auS die Reise nach dem Kaukasus an.
Petersburg, 9. November. Zur Leichenfeier werden hier 76 ausländische Fürsten und Prinzen eintreffen. Die Zahl der Kränze, welche am Sarge niedergelegt werden sollen, steigt ins Ungeheure. In Petersburg allein sollen zwanzig Centner reines Silber zu Kränzen verarbeitet werden. — ES verlautet, wegen des leidenden Zustandes der Kaiserin-Wittwe soll die Trauerseier- lichkeit abgekürzt werden.
CocaUs und pr»vin>lclle».
Sieben, dm 10. November 1894.
DiPhtherieHeilseru«. Um Mißverständnissen vorzubeugen, theilen wir zu der in dem gestrigen Blatte enthaltenen Notiz in Betreff des Behring'schen Diphtherie- Heilserums ergänzend mit, daß das Behring'sche Mittel auch in der hiesigen chirurgischen (alten) Klinik bereits feit längerer Zeit angewandt wird.
*• Theater • Verein. Der Theater - Verein hat mit der Wahl des „Tartüffe" von Moliöre zur' Eröffnung der diesjährigen Saison einen sehr glücklichen Griff gethan. Das herrliche, ewig jugendfrische Stück des großen Franzosen gehört zu den Glanznummern des Frankfurter Schauspielrepertoires und jede Rolle darin ist aufs Vortrefflichste besetzt.


