Nr. 265 Drittes Blatt. Sonntag den 11. November 1894
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. November. Noch immer harrt die Frage der Neubesetzung der preußischen Ministerien der Landwirthschast und der Justiz ihrer Lösung. Ge- heimnißvoll heißt eS jetzt, zum Nachfolger des Herrn v. Heyden sei eine in hervorragender Stellung der westlichen Provinzen befindliche Persönlichkeit ausersehen, die auch dem Osten angenehm sein würde — nun kann man sich aufs Rathen legen! Definitiv zerschlagen haben sich die Verhandlungen mit dem RetchSbankpräsidenten Dr. Koch wegen Annahme des Justizministeriums, Dr. Koch zieht eS vor, an bet Spitze der Verwaltung der Reichsbank zu bleiben. Neuerdings heißt es, der Rücktritt des bisherigen Justizministers Dr. v. Schelling sei keineswegs ganz freiwillig erfolgt, vielmehr hätten hierbei gewisse Einflüsse aus der geheimen Cabinetskanzlei des Kaisers ihre Rolle gespielt. Eigenartige Vorgänge scheinen sich ferner auch bei der Neubesetzung des Amtes des EhefS der Reichskanzlei abzuspielen. Dem seitherigen Inhaber dieses Postens, Wirkt. Geh. Lega- tionSrath Göring, ist angeblich nahegelegt worden, sein Abschiedsgesuch einzureichen, aber er will weder dies thun, noch will er, gewisiermaßen zur Entschädigung, eine andere Stellung im ReichSdtenste annehmen. Herr Göring beruft sich bet seiner Weigerung hauptsächlich auf eine Stelle des Reichsbeamtengesetzes, der zufolge der Chef der Reichskanzlei nicht zu jenen Beamten gehört, die auch ohne eingetretene Dienst- unfähigkett — waS aber bei Herrn Göhring nicht der Fall ist — jederzeit entlasten werden können. Einstweilen befindet sich Wirkl. Geh. Legattonsrath Göring in Urlaub, er soll geneigt sein, die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen, falls seine zwangsweise Versetzung in Ruhestand ver- fügt werden sollte.
— Der BundeSrath genehmigte in seiner gewöhnlichen Wochenplenarsitzung vom Donnerstag den Entwurf von Ausführungsbestimmungen zum Brieftaubengesetz, sowie verschiedene Thetle des Entwurfes des ReichShaushalts- etats für 1895/96 und sonstige Etatssachen. Der Marine- Etat wurde von der Tagesordnung wieder abgesetzt.
— Allseitig erwartet man, daß sich die Generaldebatte des Reichstages über die Novelle zum Strafgesetzbuche zu einer allgemeinen Erörterung der gejammten inneren Situation, wie fie sich durch den Kanzlerwechsel gestaltet hat, entwickeln wird. Vorausgesetzt wird hierbei allerdings, daß eben die Vorlage über die Bekämpfung der Umfturzbestrebungen den ersten Gegenstand der Be- rathungen des Parlaments bilden wird, und nicht der Etat,
der bekanntlich bislang in seiner ersten Lesung immer den Charakter einer allgemeinen politischen Debatte annahm. Wenn die genannten muthmaßlichen Dispositionen inne gehalten werden, so steht dann wenigstens zu erwarten, daß sich diesmal die Generaldebatte über den Etat kurz und glatt abwickelt.
— Der Verein der Wetßbierwirthe hat in seiner letzten Versammlung eine dem Minister des Innern zu überreichende Resolution einstimmig angenommen, die besagt: //In Erwägung, daß durch den von den Sozialdemokraten hervorgerufenen Boykott die Existenz der Berliner Gastwirthe aufs Aeußerste bedroht ist, den hohen Reichstag zu ersuchen, in der beginnenden Session ein Boykottgesetz zu erlassen, um ähnlichen Vorkommnissen, wie augenblicklich bestehen, mit Erfolg begegnen zu können, bezw. sie unmöglich zu machen."
Ausland.
Der Sieg der republikanischen Partei in Nordamerika bei den Staats- und Gemeindewahlen übertrifft alle Erwartungen. Namentlich ist die Niederlage der Demokraten im Staate New Aoik brmerkenswerth, da hier der berüchtigte Tammany Ring, Dank welchem die demokratischen Machthaber in Staat und Stadt Jahre lang die unerhörteste Mißwirtschaft führen konnten, jetzt durch den glänzenden Sieg der republikanischen Cand,baten gänzlich zersprengt worden ist. Auch in vielen anderen Unionsstaaten, in welchen die Demokraten bislang die Oberhand hatten, sind sie jetzt unterlegen und die Folge dieser allgemeinen Niederlage der Demokraten wird zunächst die Umwandlung der bisherigen demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhause in eine republikanische Mehrheit sein. Schließlich wird aber der republikanische Wahlsieg auch bei der Neuwahl des Präsidenten gewiß seine Wirkung äußern, denn sehr wahrscheinlich dürfte hierbei ein Republikaner der Nachfolger Grover Clevelands werden.
Vermischtes.
* Weilburg, 7. November. Heute Vormittag waren die Maurer Gustav Offenbach und Heinrich Mehl von Odersbach damit beschäftigt, an dem Neubau bei Herrn Timmer auf der Ziegelhütte die hölzernen Bogen von dem Gewölbe zu entfernen. Dabei stürzte letzteres ein und traf die beiden Arbeiter so unglücklich, daß Gustav Offenbach sofort tobt blieb unb Heinrich Mehl schwere Verletzungen am Kopf erhielt. Ersterer hatte am heutigen Tage sein 19. Lebensjahr vollendet.
* Berlin, 6. November. Daß sich ein Solbat in Concurs befinbet, ist gewiß eine seltene Erscheinung. Der Kaufmann Julius Croner in Hettstedt, jetzt Soldat beim 3. Ulanen Reg. in Thorn, Inhaber ber Firma Julius Croner in Hettstedt, hat seinen Conkurs angemeldet.
* Ein „ehrlicher Freund" wurde in Dresden in der Person des Victualienhändlers Nachtwächters Friedrich Gustav Hantschke zu 2 Jahren Gefängniß und 3 Jahren Ehrverlust verurthetlt. Derselbe erhielt von einem befreundeten Manne, der eine längere Gesängnißstrafe zu verbüßen hatte, ein LooS der Braunschweiger Lotterie auSgehändigt, um einen etwaigen Gewinn einzuziehen. Auf das Loos fiel die Prämie von 300,000 Mk. und der Gefangene erhielt vom Loosverkäufer als Anthetl 32,406 Mk., die Hantschke einkassirte, jedoch nicht ablieferte, sondern als Anzahlung für eine Mrethcaserne benutzte, die er sich schleunigst gekauft hatte.
* Der verstorbene Czar als Briefmarkensammler. Czar Alexander war einer der bedeutendsten Markensammler der Welt. Mit der Instandhaltung der Sammlung war ein besonderer Secretär Michael Petrolow betraut. Da ber gegenwärtige Czar keinen Sinn für Markenjammluvg hat, bürste bie Sammlung in die Hände des Großfürsten AlexiS Michat- lowitsch übergehen, der ein bekannter Philatelist ist.
* Etwa 2700 Abarten kann die Kartoffel heute aufweisen. Schon gelegentlich der internationalen Kartoffel- Ausstellung im Jahre 1878 in Altenburg wurden 2644 Abarten gezählt. Der früher höchst einfach betriebene Anbau ist jetzt durch die Anwendung aller nur denkbaren Maschinen außerordentlich vervollkommnet worden. Die Fabriken für landwirthschaftliche Maschinen liefern etwa ein Dutzend Kar- toffel-Verwerthungs-Maschinen. Die Verwerthung der Kartoffel in der Industrie wird eine immer mannigfaltigere. Es werden schon jetzt ein Viertel der geernteten Kartoffeln zu industriellen Zwecken verwendet. Das Kartoffelstärkemehl wird in Spiritus und Zucker, in Syrup und Dextrin verwandelt. In Deutschland beträgt die Jahrespioduction in Kartoffeln etwa 236 Millionen Hectoliker.
* Der Orden bet Ehrenlegion figuriert im französischen Staatshaushalt mit jährlich etwa 12% Mill. Mark, wovon 7,2 Millionen auf die Decorierten entfallen, 3,2 Mill, an die Inhaber von Militärmedaillen und ber Rest aus Verwaltung rc. 1891 gab eS 31 393 militärische unb 12458 bürgerliche Legionäre. Der Inhaber eines Großkreuzes, beren eS 39 gtebt, erhält jährlich 3000 Franken, ein einfacher Ritter 250.
* Unwillkürliche Komik. Im Restaurant „König Karl", Piccloo (ber ans Telephon gerufen wirb): „König Karl hier, — wer bort ?"
Humoristisches.
Sie und ihr August.
FolgenbeS Inserat hatte ein Arzt einer Berliner Zeitung aufgegeben: „Freie Wohnung, zwei Stuben unb Küche, für kleine Familie mit ein bis zwei Rinbern bei Arzt (Berlin W.) zum 1. April gegen Aufwartung. Briefe mit genauer Angabe unter E. 359 Hauptexpedition bes Blattes." — Darauf erhielt er viele Anerbieten, von benen eines so originell ist, bas bie „StaatSb. Zeitung" es ber Mitheilung Werth hält. Hier ist es: „Heute früh lahsen wir ihre Annonze in ber Zeihiung und melde ick mir zu die Stelle mit mein Mann. Wat er is, so »s er von Beruf mch fille, aber er is sich man wenigstens nichtern un kann ick sie bet eene verfigern, bet er mir uf Wort Pahrieren tut. Ick selber bin Waschfrau uff Oberhemden und hoffe bet sie mich den ire Kunbschafft ooch werden zukommen lahsen. Det Stubben reenemachen verste ick wie mann so sagen tut, außen ff. — Indem bet ick for meene Verheiratung zehn janze Jahre auf dieselbe stelle candihlcinirt habe, ick habe da ooch immer son feinen Herrn die Sachen rene machen missen und fallen in allen war er sehr bemhbel auf sich. Mit det neue Theelechfong berste ick mir och schonst, indem det bei uns nehbenan der schlechter, mir mal hat in seins rinheeren lahsen- ick erwehne bet man bloS, weil ick jeheert habe, bat be DocktohrS jez so en kästen haben sollen. Vielleicht wollen Sie och noch wlffen, wie alt wer sein, ick bin 50, bet brauchen Sie aber nich jeden auf be Nese zu binben; benn ick sehe noch sehr reschpeckiabel auß, und wat wein Aujuft iß, so werd er nechsten Sonnabend 40, un kennten se mir doch ejentlich den Jefallen buhn, un mehr jans inö jeheime benachrichtichen, ob we be Stelle bei fie kriejen kennten, ick baue ihm bet janze zum Jebuchtstag uff. Un bet pahste sich och benn ser scheen, bet ick benn unsre janze Freinbschafft mtbteilen kennte, bet se uns zu meinem JebuchStag, wat uff
den 11. Juni feilt, benn schon bei sie, in be feine Wohnung befugen konnten. Nannh wissen sie woll allens, wat? Jeden se mir man halt Nachricht, bet ick nich so lange jimbeln brauche. Schreiben Sie mir unter M. W. Sie kennen bie scheene neie RebenSart, Postamt 21, ick brauche benn nich so lange, wenn ick mir ben Brief hohle, ick jhe ba öfters fohrbei." ____________
Der „verhexte" Schimmel.
Folgendes hübsche Stückchen erzählt das „Weißend. W.": Als ein Bauer in einem benachbarten Dorfe dieser Tage Abends in den Stall kam, lag sein Pferd gestreckt am Boden, hart athmend unb von Zeit zu Zeit sonderliche Laute ausstoßenb. Schnell würbe Hilfe requirirt. Aber rathlos ftanben alle ba- selbst der erfahrene „Hirtentoni" wurde auS der Geschichte nicht klug. Nur die alte Annemarie fand das Richtige: „Des isch nix arnersch, als d'r Schimmel isch verhext." Gleich wurde zur „Operation" geschritten: der Siallbesen wurde verkehrt hinter die Stalllhüre gestellt, dem Schimmel wurde eine Schnur mit neun Knoten um den Hals gelegt, das Abflußloch für die Mistjauche wurde verstopft, im Stalle wurden drei kleine Bündel Hexenkraut aufgehängt und zum Schluffe riß die „Geisterbändigerin" ein Stück Futter aus ihrem Rockärmel und nagelte eS an die Stalllhüre (angeblich wurde hiermit der Stachel in bas böse Gewissen der Hexe getrieben, um diese von ihrem bösen Vorhaben abzuhallen). Folgenden TageS stand der Schimmel wieder auf allen Vieren und wieherte laut in den kühlen Morgen hinein. ,,D' Annemejl kann doch ebbs!" sagten die wieder im Stalle versammelten Nachbarn. Aber als sie hernach mit dem Franztoni tn die Scheune traten, wurden sie eines Befferen belehrt. Die „lange Bült", in der sich gährender Most befand, war bis zur Hälfte leer. Das „treue Vieh" war also am Abend vorher, als es, wie gewöhnlich, frei im Hofe herumlief, in bie Scheune gerathen unb hatte sich eine tüchtige „Kischt" angebubelt. „Un m r
merkt'S em hitt an au", sagte ber Franztoni, „b’r Schimmel mueß a famose Katzenjammer Han, benn er hett schon brii Kiewel voll Waffer g'soffe."
„Des Sängers Segen".
In einer rheinischen Lehrerinnen BilbungSanstalt würbe ben Schülerinnen bie geistreiche Aufgabe gestellt, UhlanbS Ballade „Des Sängers Fluch" in „DeS Sängers Segen" umzudichten. Eine dieser Arbeiten, bie ber „K. D.-Ztg." aus ihrem Leserkreise mitgetheilt wirb, scheint barauf hinzudeuten, baß bie junge Verfasserin wenigstens Sinn für parodistische Wirkungen unb ihre Aufgabe mit bem nöthigen Humor ersaßt hat. Die Schlußstrophen lauten:
„Ihr habt mich nun bekehret, besänftiget mein Weib!"
Der König rüst es schmunzelnb, wiegt hin unb her ben Leib;
Er legt sein Schwert zur Sette, bas sonst er bet sich führt, Unb spricht zum Sänge, paare: „Nun bin ich sehr gerührt!"
Ihr habt 'ne neue Seite in meinem Sinn erfaßt. Denn in ber Thal, ich habe bie Sänger sonst gehaßt; Drum werbe Euch zum Lohne von meinem bellen Wein, Trink Du mit Deinem Sohne unb schenkt Euch tapfer ein!"
• Das war nach ihrem Sinne, sie haben's gern gehört;
Wie sie von bannen kamen, ein Zöpfletn hinten lehrt.
Der Greis nimmt seinen Maniet un > sitzt sich auf sein Rcß,
Der Jüngling geht zur Sciie, verläßt mit ihm bas Schloß.
Doch vor dem hohen Thore, ba hält ber Sängergreis, Da fufet er seine Ha>se, fie aller Harten Piets;
An einer Marmorsäule, ba hat er sie g stimmt,
Woraus er sie von Neuem in seine Arme nimmt.
Dann ruft er, daß es sröhltch burch Schloß und Gärten gellt: „Ihr Mauern stehet ewig, crbLdt bad End der Welt;
Lebt roooi, ihr stolze Hallen, stets töne süßer Kiang
Durch eure Räume wreber, stets Satte unb Gesang!"
Der Alte hats gerufen, ber Himmel hals gehört, Die Mauern sinb bis heute noch immer nicht zerstört; Auch die erwähnte Säule glänzt noch in Maimorpracht, Ich sah tm Monbenscheine sie noch vergangne Nacht.


