Ausgabe 
10.11.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 264 Zweites Blatt. Samstag den 10. November 1894

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Die Heilung der DiphtheritiS.*)

Von Dr. Otto Gotthilf.

In allen Kreisen der Bevölkerung, von der Hütte bis zum Thron, hat die DiphtheritiS schon ihre Opfer gefordert. Alljährlich muß die Menschheit dem erbarmungslosen Würge­engel einen übergroßen Tribut entrichten von dem Besitze, welchen sie am höchsten schätzt und am allerschwersten und allerschmerzlichften dahingibt, von ihrem Reichthum an frisch emporblühenden Menschenleben. Die DiphtheritiS herrscht fast in der ganzen Welt. Sie ist nicht etwa auf bestimmte Gebiete beschränkt, aus welchen sie nur bet günstiger Gelegen­heit hervorbricht und sich verbreitet, wie die Pest und Cholera, sondern überall, wo der Mensch wohnt, in den norwegischen Fjorden des hohen Nordens, in den tropischen Breiten auf Neuguinea hat sich die DiphtheritiS an seine Fersen geheftet. Wie können wir nun den tückischen Feind bekämpfen? Wie unser kostbarstes Gut vor dem Verderben schützen?

So lange wir eS mit einem Feinde zu thun hatten, welcher, selbst unbekannt, aus unbekannten Schlupfwinkeln hervorbrechend sich auf seine Opfer stürzte, so lange war die Aussicht auf eine erfolgreiche Bekämpfung desselben gering. Die abwehrenden Streiche trafen in die Luft und allgemach erlahmte die kampfesmuthige Hand im vergeblichen Ringen. Jene Zett des unfichern UmhertastenS war denn auch die Blütheperiode unzähligerganz unfehlbarer" Heilmittel. Viele Aerzte und Laien, Kurpfuscher und Naturheilkundtge priesen dasjenige Mittel, mit welchem sie einige Kranke curirt hatten, sofort alS eine Panazee, als ein Wundermittel an, bestehend in Pinseln oder Jnhaliren, Frieren oder Schwitzen, frischer Luft oder Räucherungen. Aber immer von Neuem rüttelte der unerbittliche Feind den Menschen auf zu neuem Kampfe, zur Verbesserung seiner KampfeSweise, zur Schärfung seiner Massen. Da gelang eS endlich im letzten Jahrzehnt, Dank der bacteriologischen Forschung, dem Feinde das Visir zu öffnen, und mit neuer Kampfesfreudigkeit wurden die Gemüther aller Aerzte erfüllt.

Gerade vor zehn Jahren, im Jahre 1884, entdeckte Professor Löffler in Greifswald den Bacillus, welcher die DiphtheritiS erzeugt. Freilich wurden daran, ebenso wie bei KochS Entdeckung des TuberkelbacilluS, im großen Publikum gleich zu hochtrabende Hoffnungen geknüpft. Aber mit neuer Kraft, mit frischer Energie hat seitdem die Hygiene den Kampf gegen die DiphtheritiS ausgenommen, auch mehrt sich von Tag zu Tag das Rüstzeug, und zuversichtliche Hoffnung auf den baldigen Sieg begeistert die um das Banner der Hygiene geschaarten Kämpfer. Sind doch erst in neuester Zeit Profeffor Behring und Dr. Roux, ein Deutscher und ein Franzose, wieder ein gut Stück vorwärts gekommen durch Anwendung derSerum-Therapie".**)

Es besteht nämlich das Wesen aller ansteckenden (In- fectionS-) Krankheiten, also auch der DiphtheritiS, in einem Kampfe auf Tod und Leben zwischen den ins Blut gelangten Krankheitserregern (Baclerien) und gewissen Bestandtheilen unseres Blutes. Im Körper äußert sich dies Schlacht­getümmel durch Fieber und andere KrankheitSsymPtome. Unterliegen die Bacterien, so tritt bet dem Patienten Ge­nesung ein, erringen sie aber den Sieg, so wird der Feind, also das Blut, gleichsam lebensunfähig gemacht und die natürliche Folge ist der Tod des Patienten. Durch daS glückliche Ueberstehen einer JnfectionSkrankheit wird nun das Blut gegen Bacterien so kampfgeübt wenn ich so sagen darf daß eS für längere Zeit unüberwindlich und die betreffende Person fürs Erste gegen diese Krankheit gefeit oderimmun" ist. Hierauf beruht auch die Schutzpocken­impfung, welche einen geringen Ausbruch der Pocken bezweckt und dadurch gegen eine etwaige spätere Pockenerkrankuug unempfänglich machen will. Derjenige Bestandtheil des BluteS, welcher hierbei die Hauptrolle spielt, ist das Serum, weßhalb man diese Heilmethode (Therapie) die Serum- Therapie genannt hat. Den genannten Aerzten ist es nun gelungen, diese Behandlung aus die DiphtheritiS anzuwenden. Dr. Roux überträgt daS Blutserum immunifirter, das heißt gegen DiphtheritiS unempfänglich gemachter Pferde auf

*) Wir entnehmen diesen hochinteressanten, überaus zeitgemäßen Artikel mit Genehmigung der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart der bckanntenFamilien-ZeilschristJllustrirte Welt", die wir hiermit erneut allen unseren Lesern empfehlen möchten.

**) Daß auch in unseren Kliniken Versuche mit Heilserum gemacht find, dürfen wir wohl jetzt mitlheilen. Leider mußte eine Unterbrechung eintreten, da bei der starken Nachfrage nichts mehr erhältlich war. Nunmehr ist wieder Heilserum da und ist Vorsorge getroffen, daß solches immer wieder, soweit möglich, vorrälhig ist. Leider kommen viele Diphtheritis-Kranke zu spät,in dt'e hiesige Klinik; je früher die Kinder gebracht werden, um so besser die Erfolge. Nach dieser Richtung bin zu wirken, wäre ein verdienstliches Thun der Presse. Red. d. G. A.

diphtheritiSkranke Kinder und soll dadurch schon große Er­folge erzielt haben. Auch auf dem im September dss. IS. in Wien abgehaltenen Aerzte - Congreß hat man sich mit grober Zuversicht über diese neue Heilmethode ausgesprochen. Hier war es Prosessor^Behring auS Halle, welcher durch die günstigen Resultate seiner Heilserum-Methode die medicinische Welt in Begeisterung versetzte. Die Gewinnung und An­wendung dieses Serums geschieht ungefähr in gleicher Weise, wie eben geschildert, nur soll es daS Vollkommenste sein, waS bisher menschlicher Forschergeist zu Stande gebracht hat. Demgemäß sind auch die Erfolge. In einem HoSpitale starben zum Beispiel von 72 DiphtheritiSkranken, welche ohne Serum behandelt wurden, 25, von 78 mit Serum behandelten dagegen nur zwei. Professor Behring spricht die ganz bestimmte Hoffnung aus, daß bet Anwendung des Mittels in den ersten 48 Stunden der Er - krankung die bisherigen Sterbefälle um 95 pCt. ver­mindert werden können. Sehr viel hängt eben davon ab, daß der DiphtheritiSkranke frühzeitig mit Serum behandelt wird. Geschieht dies, so tritt sofort Abfall der Fieber­temperarur und normaler PulSgang ein.

Ebenfalls sehr günstig lauteten die Berichte von Pro­fessor Ehrlich (Berlin) und von der Wiener Autorität auf dem Gebiete der Kinderheilkunde, Profeffor Wtederhofer. Letzterer fügte aber hinzu, daß nach seinen Erfahrungen diese Heilmethode noch eine sehr kostspielige Sache sei, da die zweitägige Behandlung eines Kindes sich auf ungefähr 30 Mark stelle. Deshalb müsse der Staat die Herstellung des Mittels in die Hand nehmen. In der That hat auch schon nach den neuesten Zeitungsmeldungen der Wiener oberste Sanitätsrath angeordnet, daß im dortigen Thierarznei-Jn- stitut mit der Herstellung des Diphtheritis-Heilserum be­gonnen werden soll, und außerdem hat eine wohlthätige Familie 20,000 Gulden dem Kronprinz Rudolf-Spitale zu diesem Zwecke gespendet. Wenn so durch die Hilfe des Staates und durch private Wohlthätigkeit dies Heilmittel bei allen, auch den Aermsten, zur Anwendung kommen könnte, dann allerdings wäre der furchtbare Würgengel fast ganz kampfunfähig gemacht. Möge dieser sehnlichste Wunsch von viel tausend liebenden Elternherzen endlich in Erfüllung gehen!

Aber der Heilkunde höchste und erhabenste Ausgabe besteht nicht in der Verhinderung der Todes Ursachen, son­dern der Krankheitsursachen. Dies ist ihr auch bei der DiphtheritiS durch die letztjährigen Untersuchungen in hohem Grade gelungen. Wenn nurdaS liebe Publikum" die Er­gebnisse dieser mühseligen und lebensgefährlichen Forschungen mehr beherzigte, wenn es die hygienischen Maßnahmen und praktischen Rathschläge bester ausführte, dann würde jener Würgeengel an den Thüren der meisten ebenso unbeschadet vorübergehen wüsten, wie einst sein mordgieriger Genoste in Aegyptenland an den Häusern der Israeliten. So wisten wir jetzt, daß ein Diphteritiskranker meist noch mehrere Tage nach dem Schwinden der Beläge im Halse ansteckungsfähige Bazillen bei sich beherbergt, also für Geschwister und Kame­raden noch höchst gefährlich ist. Deshalb dürfen die Patienten nicht früher als mindestens acht Tage nach dem Verschwinden aller lokalen Erscheinungen aus ihrer Jsoltrung entlasten werden. Die Fernhaltung von der Schule aber soll auf mindestens vier Wochen von Beginn der Erkrankung an ge­rechnet werden, vorausgesetzt natürlich, daß alle Gegenstände, welche mit dem Erkrankten in Berührung kamen, wie Kleider, Wäsche, Bettzeug, Trink- und Eßgeräth, durch langes Kochen in Master desinficirt worden sind. Auch daS Krankenzimmer muß man sorgfältig desinficiren, die Fußböden mit Sublimat­lösung scheuern, die Tapeten und Möbel mit Brot abreiben. Denn die Untersuchungen des bedeutenden japanischen For- schers Kitasato in Berlin haben ergeben, daß die Diphtheri- tiSbacterien sich in trockenen Räumen vier bis fünf Monate lebens, und anfteckungssähig erhalten, in feuchten sogar sieben Monate. Daher find auch in einzelnen, meist unbewohnten norwegischen Gehöften Fälle vorgekommen, daß -Leute an DiphtheritiS erkrankten, welche solche Räume, in denen vor mehreren Monaten DiphtheritiSkranke gelegen, oder Kleider, welche jene damals getragen, benützt haben. Besonders vor­sichtig muß man zur Zeit einer Epidemie mit der Milch sein, da auf dieser die Bacterien sehr gut gedeihen. Man vergewistere sich also möglichst, ob in der Behausung des Milch­lieferanten keine DiphtheritiS herrscht. Jedenfalls ist die Milch vor dem Gebrauche längere Zeit durchzukochen. Stets und vor allem aber sei man sich bewußt, daß eine gesunde und widerstandsfähige Hals- und Mundschleimhaut am besten vor DiphtheritiS schützt. Ohne Zweifel haften die Bacterien viel leichter auf catarrhalisch oder sonstwie afficirten Schleim­häuten. Vermag doch dagegen in dem viel weniger empfind­

lichen, oft durch Rauchen und Alcoholica abgehärteten Halse der Erwachsenen daS Gift sich fast nie zu entwickeln. DeS- halb ist es durchaus geboten, namentlich in Zeiten und an Orten epidemischer Verbreitung der DiphtheritiS, jede, selbst die geringfügigste Entzündung deS Halses sorgsältig zu beachten und zu behandeln. Aber auch sonst sollte man die Kinder von klein auf Morgens und Abends zum Gurgeln und Mundausspülen anhalten, indem man mit warmem Wasser anfängt und allmälich zu ganz kaltem übergeht. Dadurch werden täglich alle schädlichen Eindringlinge immer wieder entfernt, die Schleimhäute abgehärtet, und die Kinder lernen frühzeitig gurgeln ohne etwas von der Flüssigkeit zu verschlucken, so daß der Arzt bei einer Erkrankung auch stärkere Gurgelmittel verordnen kann. Herrscht Diphtheritts am Orte, so möge man anstatt des gewöhnlichen WasterS aromatisches nehmen. Bei geringerer Röthung oder Schwellung im Halse ohne Belag seien zunächst folgende Hausmittel empfohlen: äußerlich nasser, sogenannter Prießnitz'scher Um­schlag, oder auch feuchte Einwicklung des ganzen Körpers und, als besonders wohlthuend, warme Bäder mit kühlen Uebergießungen, welche tiefere Athernzüge und energischere Blutcirculation anregen, zugleich auch auf daS gesammte Nervenjystern höchst erfrischend einwirken. Von allem inner- lichen Pinseln aber laste man die Hand weg, weil man zu leicht Reizungen und Verletzungen der entzündeten Schleim­haut hervorruft. Das Haupterforderniß jedoch ist und bleibt stets: frische, staubfreie, kühle Luft! Sobald sich Belag im Halse zeigt, ist natürlich sofort die Hilfe des Arztes in Anspruch zu nehmen.

Wenn man diese Regeln der hygienischen Praxis all­gemein befolgt, werden nicht mehr so übermäßig viel hoff­nungsvolle Menschenknösplein von dieser grausigen Krankheit dahingerafft werden. Und wenn dann doch hie oder da ein rosiges Kindlein als Opfer fällt, so kann sich wenigstens bei den Eltern nicht zum tiefen Schmerze noch die furchtbare Selbstanklage wegen versäumter Pflicht gesellen.

Citeratur und Auirft.

Kalender deS Berliner Thierschutz-BereinS. Ein Haus- und Nachschlagebüchletn für 5 Pfg. Der Berliner Thierschutz- Verein gibt für 1895 wieder ein Büchlein heraus, das er mit einem Kalendarium versehen hat und darum Kalender nennt. Der Haupt­zweck desselben ist, durch Anleitung zu barmherziger Behandlung der Thtere veredelnd auf das Gemüth der Jugend zu wirken. Aber der Kalender ist auch ein nützliches Haus-, Taschen- und Nachschlage­büchlein für Mittelschulen und Erwachsene und zwar nicht nur für das lausende Jahr. Das mit reizenden Illustrationen versehene Büchlein enthält auf 48 Seiten neben gemüthvollen Erzählungen und anregenden Aufsätzen über Thierleben und Thierbehandlung ein voll­ständiges Kalendarium für beide christliche Eonfesfionen mit wichtigen Culturmerktagen und einen reichen Schatz wissenswerther wftthschast- licher und statistischer Notizen aus den Hauptculturländern. Diese Notizm enthalten eine vergleichende Zusammenstellung der Münzen, Maße und Gewichte, die Post- und Telegraphen-Tarise aller Länder, statistische Angaben über Bevölkerung, Sprachen, Religionen usw., über Staatsschulden und Staatsoermögen, über Production und Consum, über Export und Import, über Staatseinnahmen, directe und inbirecte Steuern und deren Verwendung usw. Wir machen besonders die Herren Schulvorstände auf das Büchlein aufmerksam und bitten, wenn der Inhalt geeignet erachtet wird, den Schulern daraus oorlesen und dasselbe in den Schulen einführen zu wollen. Dasselbe kostet 1 Stück 10 Pfg., 5 Stück 40 Pf., 50 Stück 3 Mk., 100 Stück (5 Kilo-Packet) 5 Mk. bei Francozusendung. (Auch die für die Zustellung und Geldübermittlung erwachsenden Kosten können von Beträgen über 3 Mk. abgezogen werden.) Gegen baar oder Nachnahme zu beziehen vom Berliner Thierschutz-Verein. Geschäfts­leiter H. Geringer, Berlin SW., Königgrätzer Straße 108.

Die Arbeit der Falschmünzer weist mit dem Fort- ffiretten der Technik ebenfalls eine Vervollkommnung in ihren Resul­taten auf, die es erklärlich macht, daß immer wieder intelligente Köpfe sich einem so gemeingefährlichen Gewerbe zuwenden. Namentlich ist es die Herstellung der Banknoten, die mit größtem Raffinement betrieben wird. Einen interessanren Einblick in diese Verbrecher- specialität gewährt der in dem neuesten Heft von»omRel» im* SReet* (Stuttgart, Union'Deutsche Verlagsgesellschaft. Preis des Heftes 75 Pfg.) veröffentlichte ArtikelFalschmünzer" von A. O. Klaußmann, dessen Inhalt durch die begleitenden Illustrationen auf das Wirksamste unterstützt wird. In demselben Hefte deS letzt als Halbmonatsschrift erscheinenden Blattes finden wir des Weiteren eine große Anzahl literarischer und künstlerischer Beittäge, deren Mannig- faltigfeit dafür bürgt, daß jedem Leser etwas Zusagendes geboten wird.

- Katechismus der Poreella«- und Glasmalerei eon Robert Ulke. Mil 77 in den Text gedruckten Abbildungen. In Originai-Leinenband 3 Mk. Verlag von I. I. Weber in Lcipzig. Nicht ohne ein gewisses Mißtrauen nimmt man ein Buch zur Hand, das durch das schildernde Wort zu selbstthättger Ausübung und schließlicher Beherrschung künstlerischer Techniken hinzuleiten beab­sichtigt. Don Seite zu Seite aber steigert sich hier das Vertrauen zu dem in Fachkreisen bestens bekannten Führer, der jenes Ziel verfolgt und sich dabei als ein ebenso erfahrener wie vorsichtiger und geschickter Lehrer erweist.