Nr. 264 Erstes Blatt. Samstag den 10. November
1694
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Gießener Anzeiger
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Deutsches Reich.
f' fffBerlin, 8. November. Den preußischen Steuerzahlern eröffnen sich unangenehme Aussichten. OsficiöS wird schon jetzt bekannt gegeben, daß der nächste preußische Etat mit einem muthmaßlichen Deficit von 40 Millionen abschließen werde. DieL wäre allerdings eine seltsame Frucht der so viel gepriesenen Steuer- und Finanzreform im leitenden Bundesstaate.
— Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe-Schilling Ssürst begiebt sich dieser Tage nach Straßburg, behufs Uebergabe der Statthaltereigeschäfte an den neuen Statthalter Fürsten Hohenlohe-Langenburg. Der Kanzler gedenkt auf der Hinreise München zu berühren und daselbst einer Einladung des Prinz-Regenten Luitpold zur Tafel Folge zu leisten.
— Am Mittwoch hat vor der Strafkammer des Berliner Landgerichts der Proceß gegen die Anarchisten Schäme und Dräger stattgefunden. Schäme hatte bekanntlich bei einem Zusammenstöße mit Polizisten am 31. August d. I. 6 Revolverschüsse auf die ihn verfolgenden Polizisten und Passanten abgegeben- bei der nachmals in seiner Wohnung vorgenommenen Haussuchung waren sozialrevolutionäre Schriften, Dietriche, Revolver, Chemicalien, Utensilien zur Sprengstoffbereitung, eine ungefüllte Granate und ein Shrap- nell ausgefunden worden. Nunmehr ist Schäme wegen dieser fämmtlichen Vergehen zu 12 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurtheilt worden, sein Genosse Dräger erhielt wegen Beihilfe 5 Jahre Gefängntß zuerkannt.
— Die Blättermeldung von der angeblichen Besetzung der zwischen Deutschland und England vertragS- weise vereinbarten neutralen Zone im Hinterlande von Togo durch die Engländer erfährt jetzt seitens des „ReichS- anzeigerS" ihre Richtigstellung. Danach hätte es in dem Belieben der Häuptlinge des betreffenden Gebietes gestanden, sich trotz der ergangenen Neutralttäts-Erklärung in den Schutz einer dritten Macht zu stellen. Um nun diese Möglichkeit auszuschließen, kamen Deutschland und England überein, ge- meinsam einen Agenten in jene Gegend abzusenden, der den dortigen Häuptlingen daS Versprechen abnehmen sollte, sich nicht in den Schutz einer brtten Macht zu begeben. Dieser gemeinsame Auftrag ist dem englischen Agenten Fergusson ertheilt und von ihm auch ausgeführt worden.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Eorresvondenz-Bure«v
Troppau, 8. November. Gestern und heute fuhr in den Schächten Dombrau, Orlau, Laczy und Poremba ein Theil der Belegschaft zu theils zehn-, - theils acht- stündiger Schicht ein. Für morgen wird die normale Anfuhr zur zehnstündigen Schicht erwartet.
Petersburg, 8. November. Auf das Condolenz- telegramm der hebräischen Cultusgemetnde ließen der Kaiser und die Kaiserin-Wit twe durch den Hosminister für die treuen unterthänigen Gefühle und das Beileid danken. — Die Braut deS Kaisers erhielt in Livadia eine Beileidsdepesche von Moskauer Damen, worauf sie antwortete: „Ich bitte, den Moskauer Damen meine herzliche Erkenntlichkeit zu übermitteln für den rührenden Ausdruck dieser Gefühle. Die seelische Einheit mit Rußland, der von dem theuren entschlafenen Kaiser mir ertheilte Segen und die Zuversicht in die Gebete des russischen Volkes mögen uns stärken in den durch den Willen Gottes durchlebten Togen schwerer Prüfung."
Petersburg, 8. November. In der Peter-Pauls-Kathe- drale wird Tag und Nacht gearbeitet und alles zur Aufnahme des verstorbenen Czaren vorbereitet. Der Fußboden, die Wände und die Säulen werden mit schwarzem Tuch bedeckt. Inmitten der Kathedrale steht eine mit rothem Tuche bedeckte Estrade, wo der Katafalk aufgestellt wird. Darüber, nahe am Gewölbe, hängt die Monomachmütze aus Goldstoff mit Hermelinbcsatz. Davon hängen bis zum Fußboden breite schwarze mit Hermelin gefütterte Tuchstretfen herab. Die Estrade ist mit 40 Kronleuchtern umstellt. Das Grab des Kaisers wird zwischen den Sarkophagen Alexanders II. und der Kaiserin Maria Alexandrowa bereitet. Nachmittags wurde mit dem Ausmauern begonnen.
Moskau, 8. November. An einem freier gelegenen Eisenbahn-Verbindungsgeleise, das der kaiserliche Trauerzug passirt, errichtet man einen besonderen Perron, damit das Volk die Leiche des Kaisers besser sehen kann. Der Wen von der Eisenbahn bis zur Erzengel Michael Kathedrale ist i- ' zahlreichen imposanten Trauerbögen ausgestattet. Viele Häu c zeigen großartige Trauerdecorationen und entsprechende Jnsa.riften. Der Kreml erhält Trauerschmuck.
Charkow, 8. November. Beim Pasfiren von Borki I soll der Leichenzug bei dem Kloster halten, daS dort zum
Gedächtniß an den Eisenbahn-Unfall, der die kaiserliche Familie betraf, errichtet worden ist.
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Darmstadt, 8. November. Der Großherzog reist bereits am 13. November nach Petersburg zur Theilnahme an den Beisetzungsfeierlichketten.
Berlin, 8. November. Wir erfahren von besonderer Seite, daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe die Höfe von München, Stuttgart und Karlsruhe nicht nur besucht, um sich als Reichskanzler vorzustellen, sondern auch um den süddeutschen Souveränen über die Vorgeschichte der Kanzlerkrisis mündlich Aufklärung zu geben. Im Besonderen wird Fürst Hohenlohe eine durch den Sturz Caprivis entstandene Verstimmung deS Großherzogs von Baden zu beseitigen suchen.
Berlin, 8. November. Der Generaloberst der Infanterie von Pape, Oberbefehlshaber in den Marken, ist seit Kurzem schwer erkrankt. Man spricht in mili- tärischen Kreisen schon von seinem voraussichtlichen Nachfolger, als welcher der Chef des Militärcabtneis, General der Infanterie von Hahnke, genannt wird. An Stelle dieses soll dann der Oberst von Lippe, Flügeladjutant deS Kaisers und Abtheilungschef im Militärcabinett, treten, der bereits den Rang eines Brigadecommandeurs hat.
Berlin, 8. November. Der „Reichsanzeiger" dementirt die Blättermeldung von einer bevorstehenden Einführung eines neuen ExercierreglementS bei der Infanterie.
Berlin, 8. November. Die „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt, daß der Geh. RegierungSrath Freiherr v. WilmawSki zum Chef der Reichskanzlei ausersehen ist. — Nach einer Meldung der „Nordd. Allg. Ztg." ist im nächsten preußischen Haushaltsvoranschlag wiederum eine nicht unerhebliche Vermehrung der Richterstellen vorgesehen. — Die „Voff. Ztg." bestätigt die Behauptung, wonach der Justiz- Minister v. Schelling nicht freiwillig aus dem Amte scheidet. Der Chef des Civilcabinets von Lucanus soll sich zu Schelling begeben und denselben gefragt haben, ob er nicht vor seinem 50jährigen Dienstjubiläum seine Entlastung nachsuch n wolle. Schelling, welcher nicht beabsichtigte, zu demissioniren, hat daraufhin sein Entlastungsgesuch eingcreicht. — Die „Dost. Ztg." weiß ferner, daß das Justizministerium thatsachlich dem Oberreichsanwalt von Testendorf angeboien worden ist. Dieser hat jedoch die Annahme abgelehnt.
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Feuilleton.
Fleisch oder Pflsnse.
Von Dr. Heinrich von Kleinstadt.
(Nachdruck verboten.)
Die Frage, Fleisch oder Pflanze, welche auf den ersten Blick etwas eigenthümlich erscheint, ist dennoch vollkommen berechtigt. Die einen behaupten, der Mensch solle nur, oder doch wenigstens zum größten Theile, Fleischnahrung zu sich nehmen, während andere wieder der Ansicht sind, Gemüse und Obst zu essen.
Der Streit ist sehr alt und reicht bis Pythagoras zurück. Im vorigen Jahrhundert brach er von Neuem mit Lebhaftigkeit los. Jean Jacques Rousteau entschied sich ausschließlich für vegetabilische Kost, während Helvetius daS Fleischsystem vertheidigte. In fast allen civilisirten Ländern währt der Streit auch noch heute. 'Die Anhänger der vegetarischen Nahrung sind sehr zahlreich- so zählt man in Deutschland Tausende von Vegetariern, welche geschworen haben, nie wieder Fleisch zu esten, und in England weift die Gesellschaft der Vegetarier wenigstens 4000 Anhänger auf. Vor nicht gar zu langer Zeit hielt eine Engländerin, eine Mistreß KingSford, vor der medicinischen Facultär in Paris eine Rede, in der sie für die ausschließliche Einführung der vege- torischen Nahrung mit Eifer eintrat. Der Gegenstand ist ein viel bestrittener und eine Entscheidung ist hier in der Thal schwer zu treffen.
Der Mensch, die vollkommenste Schöpfung tm Thier- reich, muß alles Mögliche für seine Ernährung zur Verfügung haben. Er kann, das unterliegt keinem Zweifel, ausschließlich von Gemüsen und Früchten leben. Der Affe, der nächste Nachbar des Menschen im Thierretch, ist Pflanzenfreffer, und lobt nur von Gemüsen und Früchten.
Der menschliche Körper ist eine Zusammensetzung der vier Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff, Wafferftoff und Stickstoff.
Da die Vegetabilien diese Elemente besitzen, kann man
annehmen, daß die Pflanzennahrung zur Entwickelung und Kräftigung des Menschen vollständig hinreicht und irgend welcher Zweifel ausgeschlossen erscheint. Die Pflanzenkost bekommt dem menschlichen Geschlecht sehr gut- man kann sogar noch weiter gehen und behaupten, daß die ersten Menschen nur von Pflanzen und Wurzeln lebten. In gewissen Theilen Afrikas und Australiens effen die Eingeborenen noch jetzt ausschließlich Vegetabilien. In Amerika, in Centralafrika nähren sich zahlreiche Volksstämme nur von Reis, Bananen rc. Sogar in Europa, auf dem Lande, gehört die Fletschnahrung nur zu den Ausnahmen. Die modernen Vegetarier haben also nichts Neues erfunden, sie find nur zu den Sitten und Gewohnheiten der wilden Volksftämme zurückgekehrt. Jndeß handelt es sich für uns nicht darum, ob die ausschließliche Pflanzenkost möglich ist, sondern um eine andere Frage, die wir erörtern wollen- für uns handelt es sich darum, ob der vegetabilischen oder animalischen Kost der Vorzug zu geben ist.
In der Regel bildet man sich ein, daß, wenn man ein Beefsteak oder Gemüse ißt, man ganz verschiedene Bestand- theile in sich ausnimmt. Das ist ein Jrrthum. Beides ist fast aus denselben Beftandtheilen zusammengesetzt.
Rangiren wir die Nährstoffe unter folgende vier Klaffen: 1. Die wandelbaren Materien- das sind solche, wie Et- weißstoff, Blutfaserstoff u. s. w.- diese find auS Stickstoff, Wafferftoff, Kohlenstoff und Sauerstoff zusammengesetzt.
2. Die dicken Substanzen, die nur aus Wafferftoff, Sauerstoff und Kohlenstoff bestehen.
3. Die Kohlen» und Wafferstoff-Verbinduugen, die unter dem Namen Amyloiden bekannt find, wie Kraftmehl, Zucker u. s. w.
4. Die mineralischen Substanzen, wie Schwefel und Phosphor.
Die Erfahrung hat nun bewiesen, daß die Muskelkraft wächst, wenn man die Fettstoffe, den Kohlen- und Wafferftoff, vermehrt. Soll Jemand tüchtig arbeiten, so muß er in seiner Nahrung Fett und daS Hydrat des Kohlenstoffes erhalten. Im Gemüse ist Stickstoff vorhanden- es enthält etwas weniger
Fett als daS Fletsch, aber dafür viel mehr Wafferftoff und Kohlenstoff. Auf den ersten Blick scheint eß also, als wenn die Vegetarier vollständig recht haben. Die Pflanzenkost würde also zu gleicher Zeit Muskelkraft und Stärke verleihen- aber man darf nicht vorschnell urtheilen- sehen wir uns die Thatsachen ein wenig genauer an. Levaillant verurtheilte mehrere Tage hindurch Sperlinge zum absoluten Fasten, dann gab er den einen Fleisch, den andern Körner. Die einen verdauten das Fleisch und blieben leben, die andern konnten die Körner nicht verdauen und starben. William Edwards constatirte an sich selbst mit Hilfe deS Dynamometers, daß feine Muskelkraft infolge eines reichlichen Fleischmahls stieg. Haller und Stark erzielten dieselben Resultate. Die Ingenieure wissen den Einfluß der Fleischnahrung auf ihre Arbeiter wohl zu schätzen. 650 in einer Fabrik beschäftigte Arbeiter wurden mehrere Jahre hindurch ausschließlich mit Vegetabilien genährt und die Krankenkaffe hatte fortwährend Zuschüsse zu letsteu. Da wurde eines Tages die Fleischnahrung eingeführt: der Gesundheitszustand besserte sich zu- sehends, so daß die Arbeiter, welche bis dahin im Durchschnitt 15 Tage im Jahre krank, von nun ab nur noch 3 Tage arbeitsunfähig waren. Beim Bau der Eisenbahn von Parts nach Rouen waren englische Arbeiter beschäftigt, welche viel schneller als die französischen arbeiteten Die Ingenieure ließen den Franzosen dieselbe Nahrung wie den Engländern verabreichen und die Quantität der Arbeit wurde in wenigen Wochen gleich. Wie hat man sich nun die« seltsame Phänomen zu erklären? Auf sehr einfache Weise. Die Gemüse sind schwerer zu verdauen als Fleisch, und daß Experiment Levaillants an seinen Sperlingen ist in dieser Hinsicht sehr lehrreich Die von dem Fasten geschwächten Vögel hatten nicht mehr die Kraft, die Körner zu verdauen und starben - die andern, welche ebenso geschwächt waren, verdauten daß Fleisch und kamen wieder zu Kräften.
Jedoch auch die Fletschnahrung kann Unzuträglichkeiten tm Gefolge haben, denn gewöhnlich ißt man viel zu viel. Es findet dann eine allzu starke Anhäufung von Kohlenstoff statt, wodurch die Verdauung ebenfalls gestört wird.


