1894
Mittwoch den 10. October
Aints- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
chralisöeikage: Gießener Kamitienökätter.
2lmtiid?er Theil
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bringen.
v. Gagern.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gießen, den 1. October 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
für tauglich befunden worden, als Gemeindezuchtstiere Der. wendet zu werden.
Nr. 237 Erstes Blatt
vierteljähriger Avounementspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Ditrch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
SchurstraßeIr.7. Fernsprecher 51.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. October. Die Frage der Bekämpfung der Umsturzbestrebungen foü den Hauptinhalt des Vortrages gebildet haben, welchen der Reichskanzler Graf Caprivi dem Kaiser vergangene Woche in Schloß Hubertusstock gehalten hat. Inwieweit die betreffenden Maßnahmen, welche hierbei der verantwortliche Leiter der Reichspolitik muthmahlich in Vorschlag gebracht hat, von dem Monarchen gebilligt worden sind, wird sich nun wohl bald zeigen. Denn Ende dieser Woche bereits wird sich daö preußische Staats- ministertum, wie weiter verlautet, mit der Sache beschäftigen und nachher dürften die zu erwartenden Entwürfe endlich die letzte Reife erhalten. Auch der preußische Ministerpräsident Graf Eulenburg wurde für diesen Dienstag oder Mittwoch zum Vortrag vom Kaiser in Schloß Hubertusstock erwartet.
— Die kürzlich im Retchsamr des Innern von Regierungsvertretern und Sachverständigen gepflogenen Beratungen in Betreff des unlauteren Wettbewerbes sollen im Allgemeinen eine Verständigung über die geplanten gesetzgeberischen Maßregeln gegen die illoyale GeschäftScon- currenz ergeben haben. Man wird wohl annehmen dürfen, daß nunmehr der in seinen Grundzügen angeblich schon festgestellte Gesetzentwurf zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes umgehend zur vollständigen Ausarbeitung gelangt und daß er alsdann auch ungesäumt der Oeffentlichkeit zur Beurtheilung übergeben wird. Inwieweit die spärlichen osficiösen Mittheilungen über die Ergebnisse der im Reichs- amte des Innern stattgehabten Conferenz zutreffend sind, muß allerdings noch dahingestellt bleiben- jedenfalls läßt sich aus besagten Mittheilungen noch kein abgerundetes Bild von der künftigen Vorlage, betr. die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes, gewinnen.
— Die nächste Zeit wird zwei Reichstagsersatz-
Sichmer Anzeiger
Gmeral-Wnzeiger.
Der chltßeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-.
Die Gießener AamtlienvrLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grohh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Soweit Ihre Gemeinden von vorstehender Bekannt- , machung berührt werden, beauftragen wir Sie, solche auf ortsübliche Weise zur Kenntniß der Gemeindeangehörigen zu
wählen bringen, diejenigen in Osterburg-Stendal und im zweiten anhaltinischen Wahlkreise Bernburg- Cöthen. Beide Nachwahlen sind durch die AmtSbesörde- rung der bisherigen Inhaber der in Rede stehenden Mandate nöthig geworden, da die letzteren in Folge dessen erloschen sind. Osterburg-Stendal ist ein alter parlamentarischer Sitz der Conservativen, immerhin waren daselbst bei den allgemeinen Reichstagswahlen vom Jahre 1893 bedeutende freisinnige und socialdemokratifche Minderheiten hervorgetreten, die Möglichkeit einer engeren Entscheidung bei der Osterburger Nachwahl ist also keineswegs ausgeschlossen. Ganz zweifellos wird aber die Reichstagsersatzwahl in Bernburg Cothen eine Stichwahl zeitigen, denn vier Candidaten stehen sich hier gegenüber, der bisherige nationalltberale Vertreter, Professor Di. Friedberg-Halle, ein freisinniger Caudidat, ein soc.aldemokratischer Candidat und ein Vertreter oer sogen. Mittelstandspartei. Voraussichtlich kommt eß zur Stichwahl zwischen dem Nationalliberalen und dem Sozialdemokraten, deren Ausgang sich indeffen jetzt noch durchaus nicht mit Sicherheit beurtheilen läßt.
— JmProcesse gegen die Angeklagten im Antonienhütte n - K r a w a l l ist vom Schwurgericht zu Beuthen O./Schl. am Sonnabend daß Urtheil gesprochen worden. Dassttbe lautet gegen 21 Angeklagte, worunter 3 Frauen, auf Ge- fängnißstrasen von 2 Jahren an bis herab zu 1 Monat. 31 Angeklagte wurden freigesprochen.
— Zum Schutze der Fremden in China find dem Vernehmen nach umfassende gemeinsame Maßnahmen der Mächte geplant. Es schweben in dieser Richtung zwischen Deutschland, England, Frankreich, Rußland, Italien und Nordamerika Verhandlungen, welche die baldige Erzielung eineß Einverständnisses erwarten lasten. Je eher gemeinsame Schritte der Mächte zum Schutze ihrer Untertanen in China erfolgen, desto bester ist dies natürlich, denn die Lage der
Bekanntmachung,
die auswärtigen Zahltage der Kreiskaste betreffend.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der Kreiskasterechner vom 1. d. Mts. an monatlich nur noch je einen Zahltag und zwar:
1. in Grünberg am ersten Mittwoch jeben Monats,
2. in Hungen und Lich am ersten Montag jeden Monats, abhalten wird.
Gießen, am 8. October 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, am 8. October 1894.
Betr.: Wie oben.
Bekanntmachung, betreffend die Ernennung von Amtstaxatoren und deren Stellvertretern in Wildschadensangelegenheiten.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß an Stelle des verstorbenen Gr. Bürgermeisters Walz zu Lich der Gr. Bürgermeister Görlach zu Eberstadt zum Amtstaxator im III. Wildschadensbezirk und der Gr. Bürgermeister Kuhl zu Dorf-Gill zu dessen Stellvertreter ernannt worden ist.
Wildschadensklage ist stets bei dem Amtstaxator des betr. Bezirks zu erheben.
Gießen, ben*5. Dclober 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Betreffenb: Die Faselschau zu Gießen im Herbst 1894.
Bei der am 26. September l. I. zu Gießen abge- haltenen Faselschau sind, die nachstehend verzeichneten Fasel
Ordn. Nr. |
Eigenthümer.
Aasel. _____
Bemerkungen
Namen
Wohnort
R»,s-
Alter
Farbe
Körper- deschaffen- heti
Geiund- hettS- und Näbrzustand
5 1
: 2
- 3
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Evert). Huber Gg. Schmand V. Hrch. Wack
I. Keßler VI. Erben Friedr. Weller
Leppermühle Watzenborn Hochelheim Großen-Linden Atzbach
Srmmentt. Bag. Vogelsberger Vogelsberger Vogelsberger Vogelsberger Bast.
!*/< Jahr
1'/. Jahr 2 Jahre
17 Monat 23 Monat
gelv unD weiß braunroth gelb und roth braun braun
gut genügend genügend genügend genügend
gui gut gut gut gut
Angetoil Angekört Angekört Angekört Angekört
Fenilleton.
Welche Bedeutung hat die theoretische Ausbildung für den Gewerbestand?
(Schluß.)
Es entsteht nun die Frage: Wie kann es möglich werden, daß der Handwerkerstand — eine gewichtige Säule des heutigen StaatSlebens — sich wieder thatkräfiig und erfolgreich beleben, wieder den ihm gebührenden Standpunkt einnehmenkann?
Wir kben bekanntlich im Zeitalter des Dampfes und werden dem Zeitalter der Electricität nicht mehr allzu ferne stehen- aber auch im Zeitalter der populären Wissenschaften befinden wir uns, wie noch nie ein Volk vor uns.sH^^^Mu-M
Insbesondere sind es die Errungenschaften auf dem Gebiete der Naturwiffenschaft, welche in den Dienst der Arbeit gestellt werden und nicht mehr wie früher engherzig im Kreise der Gelehrten — vielfach sogar nur in aller Stille — verbleiben mußten.
Daß neunzehnte Jahrhundert hat in seiner Eile so manchen alten Zopf abgeschnitten, so manche traditionelle Anschauung verbannt und dem Einzelnen freiere geistige Kraft und Arbeit zugestanden.
Hierdurch sind aber die Anfo.derungen des Lebens an den Einzelnen auch bedeutend größere, sowohl in practischer, wie theoretischer Hinsicht geworden.
Mit einfacher Handfertigkeit kommt der Handwerksmeister heute nicht mehr allein vorwärts- schlier-t sich derselbe der Zeit nicht gebührend an, so wird ihn diese Zeit einfach über den Haufen rennen. Das Handwerk muß eben anders ausgebildet werden, als dies früher geschah und theilweise noch jetzt geschieht- eß muß die Losung allgemein werden:
„Praxis und Theorie".
Erst bann, wenn diese Anschauung zur allgemeinen geworden sein wird, ist die ersehnte Befferung der Verhältniffe des Handwerkerstandes zu erhoffen.
Diese wirthschaftliche Ve.bindung practischer Fertigkeiten mit theoretischem Wiffen kann aber wiederum Ersprießliches nur dann hervorbringen, wenn als Verbindungsschnur die Praxis selbst sich macht. Es wird auf diese Weise die niedere Thätigkeit im Handwerk zu idealer Leistungsfähigkeit sich ent* wickeln und das ethische Bewußtsein — das Pflichtgefühl — wird durch die theoretische Erziehung stärkeren Ausdruck gewinnen - es wird das Pflichtgefühl ganz allein die richtigen Bahnen zeigen, auf denen die Befriedigung im Berufe — in sich selbst — und nicht in der Beihilfe anderer Menschen ge- fanden werden kann.
Wenn es im Handwerk erst so aussehen wird, dann ist auch die Zeit nicht allzu ferne, wo der Ausruf:, „wer will heute noch ein Handwerk lernen", illusorisch geworden sein wird. Eltern und Jünglinge werden am Handwerk wieder Gefallen finden - es werden dem Handwerk wieder befähigtere Jünglinge zugeführt und die oft falschen Anschauungen: meine Söhne müssen sich zu Wissenschaftlern ausbilden, immer mehr verdrängt werden.
Um aber diese neue Bahn mit Erfolg zu betreten, muß die Werkstatt gute Vorbilder zeigen- der Jüngling muß bei Zeiten daran gewöhnt werden, daß das Pflichtgefühl — insbesondere Fleiß und Ausdauer im Berufe — nur allein die Meisterschaft erbringen kann.
In den gewerblichen Lehranstalten ist die Verbindung zwischen Schule und Werkstatt durch die Lehrmethode ganz besonders zum Ausdruck zu bringen und die erforderliche Begeisterung für den Beruf in geeigneter Form zu pflegen.
Die Aufnahme eines Lehrlings in eine Werkstatt muß abhängig gemacht werden von der Aufnahme in die Schule, und daß Verbleiben in der Werkstatt von den Resultaten in dieser, wie in der Schule.
In einer derartig aufgebauten Werkstatt werden nach und nach alle Klagen heutiger Art verstummen- Respect und Ansehen werden wieder Einkehr halten in den Stätten deß BürgerthumS.
Die Aufgabe der gewerblichen Lehranstalten mutz es nun fein, den Lehrstoff dergestalt zu behandeln, daß der practifche Werth, beziehentlich die practifche Verwendung desselben, in erster Linie ins Auge gefaßt und jede hier uu- nöthige langatmige Beweisführung von feststehenden Lehr- sätzen vermieden, sondern nur in kurzer Form die Richtigkeit derselben erklärt wird. Ein tieferes Eindringen und schließ- lich doch nur ein Auswendiglernen, würde in das rein wissenschaftliche Gebiet führen, wozu aber hier zweifellos die Zeit fehlt und eher Nachtheil als Vorthetl bringen würde. Werden z. B. die Lehrsätze und Beweisführungen an praktischen Gegenständen behandelt, so wird daß richtige Verständniß wie die paffende Anwendung dem Schüler schneller den Werth einer solchen Lernthätigkeit vor Augen sühren, und maß die Hauptsache ist: der Geist wird nicht unnöthig maltratirt, zumal derselbe für andere Zweige — das Zeichnen tm Allgemeinen wie im Speciellen — kräftig erhalten bleiben mutz.
Da das Zeichnen im Sinne practischer Verwerthung alß eine Reproduktion vorausgegangener geistiger Thätigkeit an- zusehen ist, und im praktischen Leben dergleichen geistige Thätigkeiten erst den richtigen Werth erhalten, wenn diese Reproduktion, oder die Kenntniß: daß Gedachte für das Auge festzuhalten, geläufig angewendet werden kann, so erklärt sich, daß für den gewerblichen Unterricht das Zeichnen obenan stehen muß. ,
Um aber daß Zeichnen als vortheilhaftes Hilfsmittel zur Reproduktion geistiger Thätigkeit im gegebenen Falle aawendeu zu können, ist daß gründliche Erlernen desselben ein Haupt- bedingniß.
Nachdem die Elemente: das Freihand- und Ornament- zeichnen, Projectionszeichneu, Schattenzeichnen und Perspectiv-


