Ausgabe 
10.7.1894 Erstes Blatt
 
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Hülle

Localer unS provinzielle».

Gießen, den 9. Juli 1894.

Julius Wilbrand f*

gerichtliche Medicin übertragen. Seinem Entwickelungsgange entsprechend erstreckt sich seine literarische Thätigkeit über verschiedene Gebiete der Medicin. Von kleineren Aussätzen und Abhandlungen abgesehen, sind unter seinen Schriften hervorzuheben :Bemerkungen über die arzneilichen Wirkungen des Creosots"-Anatomie und Physiologie der Centralgebilde des Nervensystems";Leitfaden bei gerichtlichen Leichenunter­suchungen" und einLehrbuch der gerichtlichen Psychologie für Aerzte und Juristen", ein Product langjähriger, ins­besondere auch philosophischer Vorstudien. Soweit letztere in Betracht kamen, schloß er sich an Kant an.

Am Tage seines fünfzigjährigen ProfesforenjubiläumS theilte er den glückwünschenden Collegen mit, daß er nun in den Ruhestand treten wolle, doch führte er bis zum Antritt deS Nachfolgers bereitwillig die Geschäfte weiter. Begünstigt durch ein bis ins Greisenalter treues Gedächtniß, war er der lebendige Träger der geschäftlichen Traditionen der medicinischen

ruugen.

Von Solisten waren thätig: Frl. Johanna Nathans (Sopran) aus Frankfurt a. M., welche Frl. Leisingers Platz eingenommen hatte, und die sich auch heute als die Kraft bewährte, als welche wir sie schon seit länger schätzen. Ihr Heller, weicher Sopran, ihre gebildete Vortragsweise dringt mühelos in alle Schönheiten ihres Parts ein.

Als eine feste Stühe erwies sich auch der Bassist, Herr Johannes Messchaert, Professor am Conservatorium zu Amsterdam, der gleich sehr kraftvoll einsetzte und dann später in den Wechselgesängen mit Eva eine Zartheit und Innigkeit, die dabei sogar nichts Weichliches hatte, an den Tag legte, daß sein Vortrag unmittelbar zum Herzen ging.

Große Befriedigung gewährte uns auch der warme, einschmeichelnde und dabei doch feste Tenor des Herrn Btrrenkoven, besten volle Meisterschaft übrigens als Wagnersänger zu Tage treten dürfte. Wir glauben dies schließen zu dürfen nach der Wiedergabe des Walter Stol- zing'schen PreisliedesMorgendlich leuchtet" in der heutigen Generalprobe zum zweiten Concert.

An die Generalprobe am Samstag schloß sich bei ge­selliger Vereinigung ein Concertabend, den der Mozart-Verein und die Capelle Hilge ausfüllten.

Der Sonntag Vormittag wurde durch die Hauptprobe zum zweiten Concert in Anspruch genommen, wobei wir schon die treffliche Altistin, Frl. Charlotte Huhn (Köln) kennen lernten, die sich sowohl in dem Altsolo der Berlioz schen Sinfonie wie im Liedervortrag als Vortragskünstlerin ersten Ranges gab.

Das Concert am Nachmittag, welches Beethovens Weihe des Hauses" einleitete, erfüllte durch seinen starken Besuch alle die Erwartungen, welche man hier auf diese Veranstaltungen gesetzt hat. ,

Se. Königl. Hoheit der Großherzog und Se. Kömgl. Hoheit Prinz Wilhelm von Hessen wohnten nebst Gefolge in der Herrfchaftsloge vom Beginn bis zum Schluß bet.

Capellmeister de Haan wurde durch einen Lorbeerkranz geehrt.

Aer diesem Verdachte der Secretär der italienischen Handels- immer in Genf, Malargoli, in Anemasse bei Genf Seitens der französischen Polizei verhaftet. Der Vorgang erregt bet der angesehenen Stellung Malagolis ungemeines Aufsehen in Gens und Umgebung.

Loudon, 7. Juli. Die Folgen des Aus st and es der schottischen Grubenarbeiter beginnen sich fühlbar zu machen. Schon seit mehreren Tagen ist eine Anzahl Züge eingestellt worden.

Warschau, 7. Juli. In den Gouvernements Warschau und Kiew wütheten in den letzten Tagen heftige Stürme, welche große Verheerungen anrichteten. Die directe Telegraphen- verbtndung zwischen Warschau und Petersburg wurde infolge- deffen unterbrochen.

Während König Alexander von Serbien Constanti- nopel wieder verlassen hat, weilt der Khedive Abbas Pascha von Egypten noch immer als Gast des Sultans in Stambul. Es heißt sogar, Abbas Pascha würde noch ein paar Wochen in Stambul zubringen, die türkische Hauptstadt scheint dem­nach eine merkwürdige Anziehungskraft auf den jugendlichen Herrscher des Pharaonenlandes auszuüben.

Chicago, 7. Juli. Während der Nacht durchzogen Banden von Strikenden die Stadt und deren Um­gebung und steckten die Güterschuppen, die Bahnhöfe und anderes Eigenthum in Brand. Mehrere Hundert Waggons und eine große Menge Maaren sind verbrannt. Die Verluste einer einzigen Eisenbahngesellschaft werden auf 1 200 000 Doll, geschätzt. Die Polizei ist ohnmächtig,- die Miliztruppen kommen eilig an. Gestern fanden mehrere Zusammenstöße statt, bei denen sechs Ausständige gelobtet wurden. Der Strike dehnt sich auf die Oststaaten aus- man befürchtet, er werde sich schließlich vom Stillen bis zum Atlantischen Ocean erstrecken. Heute werden in Folge des Mangels an Kohlen 75 Procent der Fabriken Chicagos schließen und dann 100 000 Menschen ohne Arbeit sein. Die Frage des allge­meinen Ausstandes wird Sonntag entschieden werden. Alle Arbettervereine und dieRitter der Arbeit" werden sich wahrscheinlich der Bewegung anschließen. In Detroit sind alle Eisenbahnbeamte ausständig. In Spokane zer­störten die Strikenden die Bahnlinie - die Stadt ist sehr erregt.

Buenos-Ayres, 7. Juli. Aus La Paz wird gemeldet, daß der frühere Präsident der Republik Bolivia Arez getödlct und seine Leiche verstümmelt wurde.

lieber das deutsche Sparkassenwesen bringt die FachzeitschriftDie Sparkaffe" eine Übersicht, welche sich für Sachsen, Hessen, Lippe-Schaumburg und Elsaß- Lothringen aus 1891, für alle übrigen Staaten auf 1892

Danach zählt Deutschland 6878 Sparkassen mit Ein­rechnung der Filialen und Annahmestellen. Auf 10 428094 Sparkassenbücher waren 5 507 269 500 Mark eingetragen- das macht auf den Kopf der Bevölkerung 111 Mark oder auf ein Sparkassenbuch durchschnittlich 528 Mark. Ein Buch entfiel auf 4,7 Einwohner, oder azff 100 Einwohner kamen 21 3 Bücher. Das sind sehr befriedigende Zahlen, wenn man sie mit ausländischen Ergebnissen vergleicht, auch mit denen der Postsparkassen.

Wie viel aber noch erreicht werden kann auch ohne größere Reformen, z. B. noch vor Einführung der wöchent­lichen Abholung von Sparbeträgen, die jetzt an vielen Stellen erwogen wird, zeigt ein Vergleich der deutschen Staaten untereinander. Musterländer für Sparkaffenwesen sind Sachsen, Reuß j. L., Lippe und Bremen - diese stehen wenigstens in der Zahl der Sparkassenbücher obenan. 100 Einwohner haben in Sachsen 47,6 Bücher, in Reuß j. L. 55,5, in Lippe 52,6, in Bremen gar 71,4 Sparbücher, 100 Preußen dagegen haben nur 20, 100 Bayern gar nur 11 Sparbücher. Ordnet man die Staaten nach der Sparsumme, die auf den Kopf der Bevölkerung entfällt, fo steht Reuß j. L. mit 453 Mark obenan, ihm folgen Bremen mit 409 Mark, Schaumburg- Lippe mit 299, Waldeck mit 283, Lippe-Bückeburg und Reuß ä. L. mit 188, Hamburg mit 177 und Sachsen mit 172 Mark. Preußen hat nur 119 Mark, Bayern nur 36 Mark. , . _ r,

Eine Sparkaffen-Statistik ist allerdings feine Sparstatistik - man kann ohne Benutzung dieser Kassen auf mancherlei Weise sparen und nicht alles Geld, was in den Kassen ruht, kann als erspart gelten. Dennoch besteht zweifellos ein inniger Zusammenhang zwischen den Sparkassen und dem Sparen und es ist deshalb zu wünschen, daß die Spareinlagen in Deutschland immer mehr zunehmen.

Fußstapfen seines Vaters.

Geboren am 5. November 1811 zu Gießen, besuchte er daselbst Gymnasium und Universität. Am 21. December 1833 promovirte er zum Doctor der Medicin. Es war hm ver- gönnt, die 50 jährige Jubelfeier dieses Tages in erfreulicher körperlicher und geistiger Frische zu begehen und sogar noch die sechzigste Wiederkehr dieses Tages zu erleben. Den Winter 1834/35 verbrachte er in Wien mit Studien in den dortigen großartigen Spitälern.

1837 wurde er als außerordentlicher Professor der Medicin und Prosector angestellt. Als solcher war er zunächst

verschaffen uns keinen vorübergehenden Augenblickseffect, sondern $ Gehülfe seines Vaters. Einige Jahre später wurde ihm bie einen lang andauernben sicheren Schatz beglückender Erinne- | neugeschaffene ordentliche Professur für Staatsarzneikunde und

Am verstoffenen Freitag Nachmittag wurde die sterbliche eines Mannes zur letzten Ruhe geleitet, welcher es verdiente, daß ihm an dieser Stelle noch kurz gedacht wird. Es war der Geheime Medicinalrath Professor I)r. med. Julius Wilbraud, Ritter I. Cl. des Großh. Hess. Verdienstordens Philipps des Großmüthigen, welchen man zu Grabe geleitete. Als Sohn des Geh. Med.-Raths und Professors Dr. Johann Bernhard Wilbrand, welcher, ein geborener Münsterlander, mi Jahre I80S al- Professor der Anatomie, Physiologie und der beschreibenden Naturwissenschaften nach Gießen berufen und dort am 9. Mai 1846 starb, trat der nunmehr Verstorbene in die

Facultät und der Chronik der Universität.

Obwohl Katholik durch Geburt und Erziehung und ernsten religiösen Sinnes, setzte er, gleich seinem Vater, allem hierarchischen und ultramontanen Wesen jederzeit mannhaften Widerstand entgegen. Demgemäß protestirte er 1870 nicht bloß mit den meisten katholischen Professoren der Universität öffentlich gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, sondern schloß sich mit seinem Freunde Professor Lutterbeck sogleich der kirchlichen Gemeinschaft der deutschen Altkatholiken an. Als Deputirter der Gießener Gesinnungsgenossen gehörte er mit zu den Wählern des Bischofs Reinkens.

Er ist nun zur ewigen Ruhe eingegangen, dorthin, wo es keinen Hader und Streit mehr gibt. Wir aber haben einen braven Mann verloren. Möge ihm die Erde leicht fein!

Bei der Beerdigung des Herrn Profeffors Wilbrand am Freitag Nachmittag fungirte der altkatholische Geistliche Pfarrer Stein wachs aus Offenbach. Nach der kirchlichen Einsegnung legte der Rector magnificus Herr Professor Pasch einen Kranz Namens der Landesuniversität und der Stell­vertreter des Decans der medicinischen Facultät, Professor Vo s s i u s, einen solchen Namens der medicinischen Facultätmit entsprechender Widmung am Grabe nieder.

** £>effentlief)e Anerkennung einer edlen That. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben der Elisabeths Nau zu Gießen in Anerkennung des von derselben bei der Rettung ihrer Schwester Anna Nau vom Tode des Ertrinkens bewiesenen besonnenen und muthvollen Verhaltens eine Geld­prämie zu verleihen geruht. - Weiter wurde der Anna Nau für ihr muthvollcs Verhalten am 4. Juni und beim Versuche der Rettung des Carl Ohr vom Tode des Ertrinkens die Allerhöchste Anerkennung zu Theil.

* Justizdienst-Nachrichten. 1) Der Oberamtsrichter Wil­helm Süssert in Wimpfen wurde zum Oberamtsrichter bet dem Amtsgericht Lich, 2) der Amtsrichter Wilhelm Sander in Offenbach zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Wimpfen, 3) der Amtsrichter Carl Tasche in Butzbach zum Amts­richter bei dem Amtsgericht Seligenstadt, 4) der Gerichts­assessor Carl Wiener aus Gießen zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Butzbach ernannt. Den Amtsrichtern bei dem Amtsgericht Mainz Dr. Wilhelm Keppliriger, beim Amts­gericht Groß Gerau Ludwig Ludwig, beim Amtsgericht Darmstadt II Dr. Hermann Lahr, beim Amtsgericht Rein­heim Hugo v. Grolman, beim Amtsgericht Offenbach Hugo Tasche, beim Amtsgericht Darmstadt Dr. Wilhelm Berchel- mann und Dr. Gustav Güngerich und beim Amtsgericht Alzey Friedrich Dahlmann wurde der Character alsAmts- aerichtsrath" ertheilt.

*» Turnerisches. Bei schönem Wetter und der leb- hastesten Betheiligung fand gestern im Finsterloh bei Wetzlar die diesjährige Turnsahrt des Gaues Hessen statt. Dichter Laubwald bot Schutz gegen die Sonne und so konnte sich, nachdem der Zug der Turner auf dem idyllisch gelegenen Festplatze eingetroffen, ein frisches, fröhliches Leben entwickeln. Auch von Turnern und Turnfreunden Gießens war das Fest zahlreich besucht. Die Betheiligung am Wettturnen war eine außerordentliche, besonders mußten die Resultate im Volks­turnen erfreuen, wurde doch die früher erreichte Punktzahl wesentlich überschritten, und so darf wohl ein Fortschritt in dem volkstümlichen Turnen constatirt werden. Als Hebungen waren Freiweit- und Freihochsprung, Stemmen und Tauklimmen nach Zeit bestimmt. Die höchstmöglichste Punktzahl 40 wurde von zwei Gießener Turnern erreicht und zwar erhielten Carl Fischer vom Turnverein Gießen und Carl Gießen vom Männer-Turnverein den 1. Preis, weiter den 5. Preis mit 37 Punkten Adolph Schäfer, M.-T.-B., und Emil Marx, T -V, den 8. Pr. mit 35i/2 P- Wilh. Ziegler, T.-V., den 9.' Pr. mit 35 P. Wilh. Krämer, M.-T.-V., den 10. Pr. mit 341/o P. Wilh. Henes und Herrn. Haubach, beide vom T-V. den 1L Pr. mit 34 P. Hermann Kröcker, T. V-, den 12 Pr. mit 33'/» P. Otto Bergen, M.-T.-V., den 15. Pr. mit 32 P. Carl Weidig, T.-V., den 16. Pr. mit 3P/2 P. F rd Nennstiel, M.-T.-V., den 20. Pr. mit 29«/, P. Wilh. Brühl, T.-V , den 22. Pr. mit 28«/2 P. Wilh. Montanus, M.-T.-V. Betheiligt hatten sich bis zum Schluß 113 Turner. ®Ut ö-^Der GesangvereinGemütlichkeit" feierte vergangenen Samstag sein 9jährtges Stiftungsfest in Steins Saal. Die Feier verlief in der schönsten Weise. Jede Nummer des ,ehr reichhaltigen Programms wurde tadellos avsgeführt und den anwesenden Gästen wird wohl dieses Fest in schöner Erinne- runa bleiben. Es ist dem Verein zu wünschen, daß er seine Festlichkeiten immer so schön feiern und feinen Wahlspruch: % Freud und Leid zum Lied bereit" hochhalten möge.

" * Marine-Verein Gießen.Nach des Tages Last und

m>ühn, Soll Humor und Frohsinn blüh'n". Darum hatte sich auch am Samstag den 7. d. ^./ Abends, wieder eine zahlreiche Zuhörerschaft eingesunden für die vom Marine- i Verein zum Besten der Gesellschaft zur Rettung

Neueste 2lad?rid^tett.

WokffS telegraphische? Correspondenz-Bureau.

Paris, 8. Juli. Der heute Abend zusammentretende Ministerrath wird über einen Gesetzentwurf Beschluß fassen, wonach alle durch Aufreizung zu Mord, Plünderung, Brandstiftung, Bombenattentaten und Anschlägen gegen die Staatssicherheit begangenen Verbrechen, sowie die Verherr­lichung dieser Verbrechen nicht mehr den Geschworenengerichten, sondern der Zuchtpolizei zugewiesen und die bezüglichen Strafen erhöht werden. Der Gesetzentwurf soll morgen in der Kammer eingebracht werben.

Chicago, 8. Juli. Als gestern Nachmittag ein Zug unter dem Schutze bet Polizei die Halle verließ, griff die Volks­menge denselben an und begann die Wagen zu zerstören. | Die Polizei ließ die irregulären Truppen rufen, welche auf die Menge Feuer gaben und mehrere Personen, darunter vier tödtlich, verwundeten. Der Menge gelang es schließlich, die Truppen zurückzutreiben- die Truppen kehrten nach der Stadt zurück und die Menge setzte die Zerstörung des Zuges fort. Neue Verstärkungen von Polizei und Truppen haben sich nach dem Thatorte begeben.

Zwölftes Mittelrheinifches Musikfest in Darmstadt.

Originalbericht für denGießener Anzeiger".

Dr. M. Darmstadt, 8. Juli 1894.

Erster Tag.

Nach den Begrüßungsacten, die am Mittwoch und am Samstag in der Fefthalle stattfanden und in welche sich die Herren Prof. Dr. Klinglhoeffer, der an Stelle des durch einen Todesfall in der Familie an der Fortführung des Präsidiums verhinderten Herrn Otto Wolfskehl den Vor­sitz führt, und Herr Oberbürgermeister Morne weg theilten, ersterer hieß die Gäste im Namen des Festausschusses, letzterer im Namen der Stadt willkommen, nahm das eigentliche Ton­fest seinen Anfang mit der Generalprobe zurSchöpfung" Samstag 4 Uhr Nachmittags, die ca. 3 Stunden inet. Pause währte, und zu der sich bereits ein zahlreiches Publikum ein- gefunben hatte. Nachdem die Enttäuschung, daß bie mit so großer Freude erwartete Elisabeth L e i s i n g e r aus Berlin krankheitshalber abgeschrieben, einigermaßen verwunden war, gab man sich willig dem Genuß des ewig jungen Werkes hin. In 3 Jahren kann HaydnsSchöpfung" ihren hundertsten Geburtstag feiern. Wo sind die Opern, welche es mit der Lebenskraft dieses Tonwerkes aufnehmen können?!

Unter der sicheren, ruhigen Leitung des Hofcapellmeisters de Haan, dessen ganze Art der festen harmonischen Ton- sprache Joseph Haydns gefühlsverwandt ist, entfalteten die riesigen Chöre eine imposante Kraft und Größe, deren Wir­kung auf das Gemüth sich dem Strebesystem, der Höhen- richmng gothischer Dome vergleichen läßt. Haydn ist ein objekiver Geist - in dem objectiven Leben seiner Chöre ruht das Geheimniß der Wirkung, die von derSchöpfung" und denJahreszeiten" ausgeht, und um die plastische Heraus­stellung dieses Lebens bemühte sich Herr de Haan mit seinen besten Kräften.

Chorsätze wie jener gewaltige Schlußchor:Singt dem Herrn alle Stimmen!" oder jener Lobgesang:Von deiner Güt', o Herr und Gott", den die Solisten einleiten und der bann von der Masse aufgenommen und weitergearbeitet wird,