Ausgabe 
10.6.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 133 Zweites Blatt. Sonntag den 10. Juni

1894

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Tas Frühaufstehen der Lchnlkinder.

Man hat vielfach aus die erheblichen Gefahren hinge« wiesen, welche unserer Jugend auS den gesteigerten Anforde» rungen de» Unterrichts, der geistigen AuSbltldung für die körperliche drohen und als ein Gegengewicht zur naturgemäßen Begleichung die Anordnung geeigneter, geordneter Leibes­übungen empfohlen. DaS ist schön und gut, aber mindestens ebenso dringend muß ein genügender Ausweis geistiger und körperlicher Leistungen durch eine angemessene Zeitdauer des Schlafes fein. Ein Vergleich mit der Gewohnheit des Schlafens zu der Zeit, in welcher Schule ist, sowie während der Ferien, wird fast in jeder Familie zeigen, daß unsere Jugend namentlich zur Sommerszeit infolge der Fülle von Lust und Wärme, sowie geräuschvoller Umgebung (Clavier- spielen bet offenem Fenster u. s. w.) zu wenig schläft. Lange Nächte geben aber nicht nur zur Ruhe, sie geben auch Anlaß zur Aufspeicherung von Sauexstoff, dem für das Gedeihen aller Lebensvorgänge unentbehrlichen Element. Pettenkofer und Volt haben nachgewiesen, daß wir im Schlaf nicht allein nur halb so viel Sauerstoff verbrauchen, als am Tage, sondern auch fast doppelt so viel aufnehmen, als in wachendem Zustande. Das Reservoir^- das der Organismus durch den Schlaf als erforderlichen Bestand an Sauerstoff für die Thätigkeit aufnimmt, wird bei der Jugend während der Schulzeit, insbesondere im Sommer, entschieden nicht aus- reichend gefüllt, obgleich der Körper gerade zu dieser Zeit jener Sättigung mit Sauerstoff am meisten bedarf. Unver­kennbare Zeichen von Schwäche, Schlaffheit, Unlust, Erschöpfung, sind als die Folgen der Beschränkung deS Schlafes bei Kindern von Aerzten vielfach beobachtet worden. Von diesen Erscheinungen zur Entstehung folgenschwerer Krankheiten ist nur ein Schritt.Wir müssen bedenken", sagt Dr. Kühner gelegentlich einer aikdsührlichen Abhandlung in der Monats­schriftHygieia",daß Blutarmuth, Bleichsucht, Scrophulose, Nervosität, kurz eine Menge tiefgreisender, hartnäckiger Störungen bet Kindern gewiß nur in seltenen Fällen auf einer Ursache, einem Verstoße gegen hygieinische Gesetze, fehler- hastcr Nahrung, Mangel an Licht, Lust u. s. w. beruhen, sondern daß das Zustandekommen von derartigen Erkrankungen desto leichter geschieht, je mehr ein Zusammentreffen gewiffer Schädlichkeiten im KindeSalter stattfindet. Ich erachte am verderblichsten den andauernden Mangel an Schlaf." Der­

jenige Dichter, welcher den VerS geschaffen:Wer über sieben Stunden schläft, wird faul zu jeglichem Geschäft", hat die kindliche Natur entschieden nicht ausreichend gekannt. Ein zu zeitiges Aufstehen, oft bedingt durch einen frühzeitigen Schul­anfang. ist deshalb fast ebenso bedenklich, als ein zu spätes Schlafengehen. Was den letzteren Punkt betrifft, da wird nun besonders in den Großstädten viel gesündigt, indem un­verständige Eltern ihre Kinder in später Abendstunde mit in die Bierhäuser schleppen und dort ohne Rücksicht auf die Kinder fo lange verweilen, als es ihnen gerade paßt. Fallen dem Kinde vor Schlaf die Augen zu, so wird eS genöthigt und gezwungen, sich durch öfteres Trinken kalten Bieres frisch und munter zu erhalten. Daß die Gesundheit deS Kindes hierunter leiden muß, hieran wird nicht gedacht. Schlaff, träumerisch und mit verdorbenem Magen kommen die Kinder dann zur Schule und man möchte wohl gar die Schule für das Uebelbefinden des Kinde- verantwortlich machen. Wie verkehrt! Wollte man doch das Kind immer der nölhigen Nachtruhe überlaffen, so würden mancherlei krankhafte Er­scheinungen unbekannt bleiben.

OermWftM.

* Frankfurt a. M., 7. Juni. Große Hindern- rennen finden Sonntag den 10. Juni, Nachmittags 3 Uhr auf der Rennbahn am ForsthauS zu Frankfurt a. M. statt. Auf dem Programme stehen 6 Rennen und zwar 2 Flach- und 2 Hinderntßrennen, sowie 2 Steeple-Ehase, fo daß Alle, welche die Rennen, besuchen, einen genußreichen Nachmittag haben werden.

* Frankfurt a. M., 7. Juni. Der Thierbestand deS Zoologischen Gartens hat in den letzten Tagen ganz bedeutende Erweiterungen erfahren. Die Sammlung deutscher Vögel ist jetzt nahezu vollständig, da selbst Vögel, die man sonst nie im Käfig sieht, vertreten sind, wie Wiede­hopf, Baumläufer, Ziegenmelker, Wendehals und andere. In der neuen Reptilien-Sammlung ist eine äußerst giftige Schlange, die Lederstrumpfviper aus Amerika eingetroffen, sowie einige Dutzend Chamäleone, die im frischen grünen Strauch, in den sie aus ihrem dunkeln Reisekosten gesetzt wurden, schon anfangen, zeitweise die Farbe zu wechseln. DaS Merkwürdigste an diesen Thieren ist ihre Fähigkeit, jedes Auge für sich zu

bewegen, und da die Augen gleich Perspectiven auS de» Kopfe hervorstehen, erhält daS Thier bet seinen Augenver­drehungen ein Überaus komisches Aussehen. AuS Neu-Guinea trafen prachtvolle Krontauben ein, und daS Aquarium zeigt als intereffante Neuheit an Korallen aufgehängte Eier de« Katzenhaifischs. Auch kostbare Geschenke gingen in den letzten Tagen dem Garten zu, so eine prächtige Tiger-Riesenschlange und die seltene Steppenweihe.

* Kaufmännischer Verein in Frankfurt a. M. Am 2. Juni d. I. wurde die 30000ste Stelle besetzt. Der verein, gegründet im Jahre 1864, hat gerade der Stellenvermittlting seit vielen Jahren seine besondere Ausmerksamkett und Sorgfalt zugewandt und Dank des stetig gewachsenen Vertrauen« und erhöhter Inanspruchnahme seiner Dienste Seiten« der Geschäfts­welt, die seinen zweckmäßigen, durch reiche Praxis erprobten Einrichtungen die wärmste Anerkennung zollt, beachtenSwerthe Erfolge erzielt. Denn während z. B. die ersten 5000 Stellen in dem langen Zeiträume von 12'/, Jahren (1865 bis Mitte 1877) besetzt wurden, ist die 16-20000ste in 1042 Tagen, die 25000ste nach 858 Tagen und jetzt die 30000ste Stelle, trotz der Ungunst der Zeitverhältniffe, in 823 Tagen, vom August 1892 ab, zur Besetzung gelangt. Für Handlung«- Häuser und die Mitglieder de« Verein« erfolgt die Vermittlung vollständig kostenfrei, aber auch Nichtmitgliedcr werden zu vortheilhasten Bedingungen als Bewerber zugelassen.

* Hanau. 4. Juni. Auf dem Fußwege zwischen Kessel- stadt und Dörnigheim wurde gestern Abend unterhalb Schloß PhilippSruhe ein schon bejahrter Mann von zwei auS dem Hinterhalt hervorbrechenden Burschen überfallen und beraubt. Sodann schleppten ihn die Strolche an den nahe vorbeifließenden Main und warfen ihn in den Strom, woraus sie verschwanden. Glücklicher Weise ist der Main an dieser Stelle nicht sehr tief, sodaß der Mann Grund soffen und sich retten konnte.

* Hanau, 5. Juni. In der vergangenen Nacht versuchte ein zwölfjähriges Mädchen sich nahe bei der Philipp« ruher Allee im Main zu ertränken, wurde aber rechtzeitig gerettet und auf die Polizeiwache verbracht. Dort erklärte das nach Steinheim gehörige Kind, cS habe auS Furcht vor seinem dem Trünke ergebenen, in zweiter Ehe verheirateten Vater Selbstmord begehen wollen, da dieser ihm mit Todt- schlagen gedroht habe. Auch vermöge eS die beständigen Mißhandlungen zu Hause nicht mehr zu ertragen.

Feuilleton.

Wochendriese ans der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt. 8. Juni.

Hin Eommerfest. Die vergangene Winterfaifon. DaS Mufikfest.

Im vorigen Jahre konnten wir unseren Lesern an dieser Stelle über ein wohlgelungenes Sommerfest berichten, daS der tüchtige MännerchorHumanilaS" auf dem Gipfel des Frankensteins veranstaltet hatte. DaS Gelingen dieses Unternehmens ermuthigte den jungen Verein, eine gleiche Veranstaltung in noch größerem Maßstabe zu unternehmen, und der Erfolg deS am letzten Sonntag in den Räumen deS Auerbacher Schlosses abgehaltenen SommerfesteS hat denn auch den vom Vorjahre noch übertroffen. Die mächtigen Ruinen des alten SchloffeS an der Bergstraße waren prächttg herauSgeschmücki worden. Schon am Vormittag und dann hauptsächlich am Nachmittag nach dem Eintreffen deS Extra- zugeS, der die vielen Hunderte von Festgästen brachte, sammelte sich in den Räumen des Schlosses eine stattliche »ahl von Festtheilnehmern. Den eigentlichen Beginn der Feier bildete die Aufführung eine« hübschen Festspieles,auS- gedichtet und zugerichtet" von E. HarreS, betiteltDie Waldfee im Odenwald." Zunächst erschienen bret Heine Erd- Männchen, die sich auf die Anfrage des Sprechers der Humanitas als Untertanen der Waldfee zu erkennen gaben. Dieser mächtigen Schutzgöttin zu Ehren ertönte nun der ChorgesangWer hat Dich, Du schöner Wald. Plötzlich erscheint nun von einer reizenden Dame verkörpert die holde Fee selbst, geleitet von den ihr dienstbaren Geistern, Nixen, Nymphen, Erdmännchen usw. Mit freundlichen Worten bewillkommt sie die Schaar der Erdenkinder in ihrem und PrinzWaldmeisters" buntem Reiche. In dem Gespräch mit dem Sprecher fragt sie nach dem hohen Fürstenhause, daS in Hessenland regiert und erfährt, daß nun wieder eine jugend- schönc, liebliche Fürstin aus der Thüringer edlem Stamme Linaezogen sei und an der Seite ihres hohen G-mahls gütig

und geliebt vom ganzen Volke herrsche. Auch der Verlobung der jungen Prinzessin Alix mit dem russischen Thronfolger wird in sinniger Weise gedacht. Ein dreifaches Hoch auf das hessische Fürstenhaus schallt brausend durch den Wald und nun begibt sich die Waldfee mit ihrem Gefolge unter die Erdenkinder, um selbst am Feste theilzuuehmen. Dem Festspiel folgte einMusikdrama" von geradezu erschütternder Wirkung. Des Sängers Fluch", jedenfalls eine der bedeutendsten Schöpfungen der Musikliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, ihrer ganzen Anlage nach daS bewiesen die zahlreichen localen Anspielungen, die sogar den sHoskrauteinschneider" nicht unverschont ließen ein durchausmodernes" Stück, das, vortrefflich dargestellt, einen stürmischen Erfolg erntete und mit coloffaler Heiterkeit ausgenommen wurde. Auf der Darmstädter Hosbühne soll, wie verlautet, das musikalische Drama jedoch trotz der grandiosen Erfolges und seiner zwerchfell­erschütternden Wirkung nicht aufgesührt werden, doch hoffen wir zuversichtlich, ihm zur Zeit deS CarnevalsulkeS nochmals zu begegnen. Die aufregende Handlung zu erzählen, möge mir der Leser freundlichst zu unterlaßen gestatten, die Feder sträubt sich, die graufigschönen ©eenen aufzuzeichnen. Nach Schluß dieserVorstellung" gingS nun zur Besichtigung deS großen Jahrmarktes, der ganz sensationelle Neuheiten auf dem Gebiete des Schaubudenwesens und deS Humors auf­zuweisen hatte. So dauerte daS bunte, festliche Treiben bis zum Abend, dann gingS nach Auerbach '.hinunter und dort wurde in derKrone" noch lange jubilirt und flott getanzt, bis der Extrazug zu später Stunde die Festtheilnehmer wieder nach Darmstadt zurückführte. DieHumanitaS" aber ist von der Preffe übereinstimmend zu dem Erfolg ihrer höchst originellen Veranstaltung beglückwünscht worden, und das hat der rührige Verein, der sich auch durch seine künstlerischen Leistungen mit Ehren behauptet, redlich verdient.

Für heute sei noch eine interessante Statistik in Kürze mitgetheilt, die über die Thätigkeit unserer Hofbühne während deS verflossenen Winters manch Interessantes mit« theilt. ES haben danach vom 3. September 1893 bis 18. Mai 1894 im Ganzen 163 Vorstellungen und 5 Concerte im Hoftheater stattgesunden. Darunter waren Festoorstellungen zu Ehren der Anwesenheit deS Prinzregenten Luitpold von

Bayern, de« Herzog« Alfred von Coburg, deS König« Wilhelm von Württemberg und die Festvorstellung zur Feier der Ver­mählung unseres Großherzogs. Die Oper hatte 85 Vor­stellungen, die Operette 6, daS Ballet 20, da« komische Genre mit Musik 8, da« Schau- und Lustspiel 89 Aufführ­ungen zu verzeichnen. In der Oper erschien neu Berlioz Benvenuto Cellini", dannLakme",Der Brautgang" und Hänsel und Gretel". Die Operette brachte al« Novität denVogelhändler", da« Schau- und LustspielZwei glück­liche Tage",Talisman", 'Dasantasena",Der Herrgott«- schnitzer von Ammergau",Iägerblut",S'S Lieserl vom Schliersee",Mauerblümchen",Kaiser Friedrich I", EharleyS Tante",Eingeschloffen",Der ungläubige Thomas",Die Schweden in Altdors",Die Huldigung der Künste". Von Mitgliedern sind ausgeschieden die Damen Roth, Schickhardt, Lengin und die Herren Director Wünzer, Döbber, Leib, Sachs und Stende. Von berühmten Gästen erschienen in der verflossenen Spielzeit unter anderen die Damen Signorina Prevosti, Frau Rosa Sucher, Frau Bau­meister und die Herren Signor Fumagalli, d'Andrade, Alvary, Anthe« usw. Die Concerte der Hofmusik brachten viele berühmte Jnstrumentalvictuosen neben gefeierten GesangS- größen. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß die meisten Aufführungen derSerpentintanz" erlebte, der eine ganz außerordentliche Anziehungskraft auöübte. Die angegebenen Zahlen auS dem officiellen Bericht geben einen Einblick in die Thätigkeit des HoftheaterS im Winter 1893/94.

Unsere letzten Notizen über daS Mufikfest sind heute dahin zu ergänzen, daß nunmehr die Mitwirkung von'etwr 950 Damen und Herren im Chor und 150 Künstlern im Orchester gesichert ist. Der Festausschuß hielt erst jüngst eine Sitzung in derStadt Pfungstadt" ab und berichteie über seine seitherige Thätigkeit. DaS volle Gelingen de« großen Unternehmens scheint schon jetzt in jeder Beziehung gesichert und die Besucher deS Feste« sehen gewiß künstlerisch genußreichen Tagen entgegen, die auch durch zahlreiche gesellige Veranstaltungen noch verschönt werden sollen.