Ausgabe 
9.12.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Sonntag den 9. December

Nr. 289 Zweites Blatt.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Kchukstraße Ke. 7.

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Vierteljähriger AO«nnem< ntspret* r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch dir Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Dir Gießener DamikienSkälter werden dem Anzeiger rvöchentlich dreimal bcigelegt.

Der

<f»irßenrr Zlnreiger .irtiniit täflhd), mit Ausnahme de»

Montags.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

rlmts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

chratisöeitage: Hießener Kamitienbkätter

Zum 9. December 1894

sie sein innerster Besitz war.

da für das Geschlecht unserer

schildert:

zeugter evangelischer Christ, ein für die Wahrheit, wie

Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

An diesem Ruhm wird dadurch nichts geschmälert, wenn Gustav Adolf neben den religiösen Zielen auch politische verfolgt haben sollte. Er wird solche gehabt haben. Aber auch hierin erwies er sich groß. Als ein weitsehender und thatkräftiger Politiker hat er durch sein Eingreifen das über­mächtige Anschwellen der Macht des habsburgischen HauseS verhindert. So ist für das Wachsthum der brandenburgischen evangelischen Vormacht in Deutschland Raum geworden. Auch politisch angesehen können wir feiner nur dankbar gedenken.

Doch eignet seinem Auftreten eine noch viel tiefere und umfassendere Bedeutung.

Der ganzen mittelalterlichen Auffasiung war die Freiheit der persönlichen Ueberzeugung ein fremder Begriff. Die Kirche reglementirte Alles, auch die Wiffenschaft. Und wer mit ihr in Widerspruch gerieth, den traf Bann und Acht. Als Luther unter dem Zujauchzen eines großen Thetls der

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den fofnenben Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Literatur rrir- Knnft

Joses Laufs: Die HauptmannSfrau. Ein Todten- tanr aus den, 16. Jahrhundert. Mu dem Bttdntß des Verfassers, Original-Radirung von Frank Willis in Düsseldotf. Octav. Preis broichirt 6 Mk.; in vornehmem Original-Einband 7 Mk. (Albert Abn, Berlin, Köln, Leipzig.)Die HaupimannSfrau, welche das ebenso figuren- wie farbenreiche Ki iegs- und Lagerleben zur Zeit des Schmalkaldtschen Bundes, die Kriegszüge Karls V. gegen den abtrünnigen Kursürsten von Sachsen und die protesttrenden Stände sich zum Inhalt wählte. Ein gewaltiger Stoff und gewaltig be- metstert! Wie kernig und lebenswahr führt uns Lauff die Gestalten jener großartigen, leider vielfach traurigen Epoche vor, wie erhebend schildert er uns die bominirenden Figuren Kaiser Karls V. und seines berühmten Feldhauptmanns Pochner und dessen Gattin, der so schwer hetmgesuchtcn Hauptmannsfrau. In so großem und glänzendem Stile die geschichtlichen Momente durchgkführt sind, welche den Leser fesseln und mit sich sortreißen, ebenso anmuthig und liebreizend sind die Frauengestelten geschildert, die in dem Drama der damaligen bewegten Z^it gewissermaßen den Ruhepunkt bilden, und mit welch vollendeter Seelenkenntniß und mit welch psychologischer Wahrheit zeigt uns Lauff, als Meister menschlicher Characteristik, die Freude und den Kummer des liebenden weiblichen Herzens. In dieselbe Eategorie, nur nach einer aanz anderen Richtung hin, gehören die Figuren deS unheimlichen Meisters Grielach, des Feldscheers, der das

Schrffsnschvichten.

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl. Loos und I. M. Schulhof.

Bremen, 6. December. (Per transatlantischen Telegraph.) D« Schnelldampfer Trave, Eapitän R. Sander, vom Nordd. LUA in Bremen, welcher am 27. Novbr. von Bremen und am 28. Noolw. von Southampton abgegangen war, ist heute, 8 Uhr Morgens, wohlbehalten in Newyork angekommen.

Auch ein politisches Blatt kann den 300jährigen \ Geburtstag Gustav Adolfs von Schweden nichts Vorbeigehen lasten, ohne ehrend dieses wahrhaft großen ManneS : zu gedenken, dessen Eingreifen in die Geschichte Deutschlands ; von den weittragendsten Wirkungen gewesen ist man darf , sagen: bis auf unsere Tage. :

AlS Gustav Adolf im Jahre 1630 an der pommerschen ! Küste mit seinen 13 000 Mann landete, um in dem damals l wüthenden dreißigjährigen Kriege sein starkes Schwert in die i Wagschale zu werfen, stand es um die evangelische Sache >, nahezu hoffnungslos. Die kaiserlichen Feldherren Tilly und ; Wallenstein hatten die Heere der evangelischen Fürsten ge- \ schlagen und der Kaiser Ferdinand II., dem ganz Nord- ; deutschland besiegt zu Füßen lag, hatte das Restitutionsedict ; erlassen, wonach alle seit dem Augsburger Religionsfrieden - von den Protestanten eingezogenen Kirchengüter herausgegeben, i die Calwinisten vom Religionsfrieden ausgeschlossen und die ! katholischen Stände an der Bekehrung ihrer Unterthanen nicht \ verhindert werden sollten. Was das für die Evangelischen im ganzen Deutschen Reich bedeutet haben würde, können wir ; an der gewaltsamen Unterdrückung sehen, der sie später in des Kaisers Erblanden thatsächlich ausgesetzt gewesen sind. Gustav Adolfs Siege bet Breitenfeld und Lützen haben die evangelische Sache gerettet. Daß darum überall in evange- schen Landen der Name deS Schwedenkönigö gefeiert wird, daß seiner mit Dankbarkeit gedacht wird, ist selbstverständlich. ;

Gustav Adolf, Christ und Held, Rettete bei Breitenfeld Glaubensfreiheit für die Welt.

für die Welt überhaupt.

Gustav Adolf hat für die hohen Güter, für die er kämpfte, sein Leben eingesetzt. Darin ist er vorbildlich für unsere Zeit. Für Freiheit der persönlichen Ueberzeugung schwärmen heute Viele, die nur in öder Verneinung das Freisein von allen religiösen und sittlichen Idealen darunter verstehen. Gustav Adolf hatte eine feste Position, er war ein gläubiger, über» ~ " Er trat mit Leib und Seele

So steht er als Mahner 1

Tage, wie ihn die Inschrift auf dem Denkstein in Breitenfeld

Fatum tn der Erzählung darstellt, ferner des KirchmeisterS Sche« v Sp-rrhahn u. A. Die Spannung deS LeserS wächst mit itba» Eapitcl und klingt doch zuletzt, trotz der vielen erschütternden va» oft sogar grauenhaften Semen, am Schluß wohlthuend und ver­söhnend aus.

- Anleitung ,«« Vbstbn«. Der Obstbaum, seine Er­ziehung, Pflanzung und Pflege, seine Freunde und Feinde sowie die Verwerlhung seiner Ernten. Ein Letdsaden für den Ussterricht im Obstbau in landwtrlhschastlichen Lehranstaltm und tn Fortb"d»mg^ schulen, sowie auch zum Selbstunterricht für Gärtner, Obstzüchter, Landwirthe und Gartenbesitzer von F. Rebholz, Kreisobstbaulebr« in Wiesbaden. Mit 93 Abbildungen. 88 Octavsetten. Wiesbaden 1894. Druck und Verlag von Rud. Bechtold & Eomp. Pr« 1 Mt. 50 Pf. - Vorliegendes Merkchen tn erster Ltnte als Letd- foden tm obstbaulichen Unterricht für Schüler landwirthschastlicher Winter- und Fortbildungsschulen bestimmt, aber auch für jedar Landwtrth, der mit Obstbau in Garten und Feld sich besaßt, sehr schätzbar. Außerdem ist es den Lehrern, denen die Wartung und Pflegr der Gemeinde-Obstboumschulen obliegt, ein zuverlässiger Rathgeb«. Obgleich es besonders den obstbaultchen Verhältnissen des Regterung»- bezirkes Wiesbaden, wo der Verfasser seit einer längeren Reihe vo» Jahren als Kretsobstbaulehrer des Landkreises Wiesbaden ongestelu tst langepaßttst, so ist es aber doch würdig, nicht nur iu den sämml- Itchen Kreisen des diesseitigen Bezirks, sondern auch über die Grenze« desselben hinaus allgemein verbreitet zu werden, um so J «K die darin gegeben« Winke und Rathschlage für dm p.raacW£* Obstbaubetlieb aus einer vierteliahrtgen segensreicheni Pr-VS tn dm verschiedenen Gegenden Deutschlands geschöpft sind. In diesem Weilchen find zunächst die wichtigsten Obstarten, sowie die tzaupt- thetle eines Baumes, die Function der etnzelnen Thetle, insbesondere die Ernährung und der Saftumlauf in populärer Weise behandAt, sowie auch sämmiliche Zweige des Obstbaubetriebes, Anzucht, Sortenwahl, Anpflanzung, Pflege und Schutz der BaumeObst- verwerthung, die Heilung von Krankhe en, sowie die B kämpsun« der schädlichen Jnsecten in leicht verständlicher, kurzer, bündiger Wme behandelt, so baß Interessenten in Allem Belehrung ftndem An Abbildungen in schöner Ausführung, die zum Verständnitz de» Wortes sehr viel beitragen, hat die. D-rlagSbuchvandlung zum Bor^ thetl der guten Sache durchaus nicht gespart; die sonstige Ausstattmi- des Buches ist ebenfalls vorzüglich zu nennen. In der Hand der Landwirthschasts- und Fortbtldungsschuler leistet rs zum btffcr« Erfassen des tm obstbaultchen Unterrichte Gehörten äußerst roeribDoO* Dienste- aber auch beim fleißigen Zuratheztehen wird es sehr balr für jeden Landwtrth und Obstzüchter überhaupt ein willkommener Helfer in dtefem landwirthschaftltchen Betriebszweigs Deshalb M es wünschenswerth, wenn derAnleitung -um Obstbau vou F. Rebholz in der Bücherei jeden ObstzüchterS und Obstbaumfreunde» ein Plätzchen, welches das Werk wohl verdient, eingeräumt wird.

Deutschen sein:Ich kann nicht anders, Gott helfe mir" I gesprochen hatte, war eine neue Zeit angebrochen. Aber die Freiheit der persönlichen Glaubensüberzeugung drohte wieder verloren zu gehen in der Gegenreformation, welche die Jesuiten schürten. Daß sie doch erhalten worden ist, daß eine Zeit freier wissenschaftlicher Entfaltung, religiöser Duldung sich anbahnen konnte, ist Gustav Adolfs Verdienst, oder richtiger ausgedrückt: dazu ist er das Werkzeug gewesen in der Hand der göttlichen Weltregierung. Und damit ist er ähnlich wie Luther ein Sieger geworden nicht nur für die evangelischen Nationen, sondern rückwirkend auch für die katholischen Völker,

Feuilleton.

Wochendriese aus der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 7. December.

Enthüllung des Ohly-Denkmals. Darmstädter BerufSfenerwehr. Bazar. Allerlei.

Am vergangenen Sonntag hat die Stadt Darmstadt eine Ehrenpflicht gegen ihren verstorbenen Oberbürgermeister Ohly erfüllt, dem sie unleugbar großen Dank schuldet. Aus dem Grabe des Entschlafenen erhebt sich nun das einfache, würdige Denkmal, das den Verdiensten des beliebten Stadtoberhauptes gewidmet ist. Eine jugendliche Frauen­gestalt, die aufstrebende Stadt Darmstadt verfinndildlichend, sitzt auf einem Steinsockel und bekränzt das medaillonartig gearbeitete Bild Ohlys. Das Ganze macht einen künstlerisch schönen Eindruck und dem Verfertiger, Herrn Bildhauer Hausmann in Frankfurt a. M., gebührt für fein Werk große Anerkennung. Die Einweihungsfeier selbst verlief unter zahlreicher Betheiligung recht erhebend und würdig. Be­kanntlich soll Albrecht Ohly noch ein zweites Denkmal erhalten, das im hessischen Odenwalde ausgestellt werden wird. Ein hochtalentvoller Darmstädter Bildhauer, Herr Ludwig Habich in München, ist der Schöpfer, und die Ausführung ist auch schon soweit vorgeschritten, daß die Enthüllung im nächsten Frühjahre wird von flauen gehen können.

Da in dem sonst so wenig von Feuersbrünsten heim­gesuchten Darmstadt nach dem furchtbaren Brande in der Alter'schen Möbelfabrik auch in dieser Woche ein Brand vor- gekommeu ist, der leicht große Ausdehnung'hätte gewinnen können, so ist verschiedentlich die Frage erhoben worden, ob eS nicht Zeit sei, in Darmstadt eine Berussseuerwehr zu schaffen. Eine eigentliche, für alle Brandfälle ausreichende Wehr von berufsmäßigen Feuerwehrleuten wird freilich nicht nöthig fein, denn glücklicherweise brennt hier nur sehr

selten und Großfeuer ist etwas kaum Dagewesenes, doch die mächtige Ausdehnung der Stadt erschwert die rasche Aus­nahme der Löscharbeit doch sehr, und darum hat man an Errichtung einer ständigen Feuerwache gedacht, deren Mit­glieder stets zu sofortigem Auörücken bereit sein müßten. Die Stadtverordnetenversammlung hat sich bereits mit der Frage befaßt und wird wohl auch bald nochmals auf dieses Thema zu sprechen kommen, einstweilen wird die Debatte in den Tagesblättern und in Prtvatgesprächen eifrig fortgesetzt und man darf auf den Ausgang mit Recht gespannt sein.

Ein großes Wohlthätigkeitsfeft hat der Alice- Frauenverein mit schönstem Gelingen am Mittwoch im Saalbau veranstaltet. Das reichhaltige Programm bot für jeden Geschmack etwas und außer ästhetischen Genüssen wurden auch materielle in Hülle und Fülle geboten. Ein schönes Concert eröffnete die Darbietungen des Abends. Frau Ende-Andrießen vom Franksueter Opernhaus und Herr Stury von der hiesigen Hosbühne hatten ihre Kunst in den Dienst der Wohlthätigkeit gestellt, desgleichen der Männerchor Humanitas, deffen trefflicher Dirigent, Herr Musikdirector Frttz Keifer, daö Arrangement übernommen hatte. Dem Concerte folgte ein hübsches Märchenstück, daö die Zuschauer durch alle beliebten deutschen Kindermärchen führt. Schön zusammengestellte lebende Bilder zeigten die hauptsächlichsten Scenen aus den einzelnen Märchen und erregten lauten Jubel unter den Zuschauern. Nach Beendigung des künstlerischen Theiles des Festes begann ein kleiner B aza'r, deffen reizende Verkäuferinnen natürlich glänzende Geschäfte machten, und zum Schluß wurde auch noch eifrig das Tanzbein ge­schwungen bis zum frühen Morgen. Der Großherzog und die Großherzogin besuchten die Veranstaltung und verließen sie vollauf befriedigt.

Im Kun stieben dieser Woche nahm das Gastspiel Mak Alvarys daö Hauptintereffe in Anspruch. Der gefeierte Künstler begann sein Gastspiel mit dem Walther Stotzing in denMeistersingern", Josef in MehulSJosef und seine Brüder" folgte am Dienstag, für gestern war

Tannhäuser" festgesetzt. Natürlich erregte der berühmte Tenorist auch diesmal gewaltige Beifallsstürme und den Enthusiasmus deS sonst etwas zurückhaltenden Darmstädter Publikums. Am Donnerstag sang Alva, y übrigens zu wohl- thätigem Zwecke, nämlich zum Benefiz deS Pensionsfonds deS Hoftheaters und der Hofmusik. Am Montag gastirte ein Mitglied des Mainzer Stadttheaters mit viel Glück auf Engagement für das Fach deS zweiten jugendlichen Lieb­habers. Am nämlichen Tage gab der Musikverein sein zweite« Concert, bei dem Scenen aus SchumannsFaust" zur Auf­führung gelangten. Die Veranstaltung hatte sich, wie alle Concerte deS leistungsfähigen Vereins, gebührenden Beifalls zu erfreuen. Am kommenden Montag tritt der gefeierte Geigerkönig Pablo de Sarafate im Shmphonieconcert der Hofmusik auf.

Sonst fcheint's vor Weihnachten nicht mehr viel Inter- effantes an Concerten zu geben, doch wollen wir nicht ver- geffen, das Concert des Baritonisten E. O. Nodnagel zu erwähnen, daß dieser ja auch in Gießen bekannte Künstler am vergangenen Freitag hier mit recht schönem Erfolge ver- : anftaltet hatte. Herr Nodnagel ist ein geschmackvoller Com- ponist und besitzt als Sänger einen echt künstlerischen Vortrag, I darin stimmt die gesammte hiesige Kritik überein.

An diesem Samstag geht das vielbesprochene Judith - | fest in Scene, doch dürfte es schwer fein, über dessen Pro­gramm Näheres mitzutheilen, da dasselbe nur für einen geschlossenen Tbeilnehmerkreis bestimmt ist.

Der Großherzog zeigt sich mit seiner jungen Ge- rnahlin jetzt, nach Beendigung der Hoftrauer für den ver­storbenen Czaren wieder häufig bei öffentlichen Veranstaltungen und im Hoftheater.

Von größeren Hoffestlichkeiten verlautet freilich noch nichts und die Meldung auswärtiger Blätter von dem für den Anfang des nächsten Jahres in Aussicht stehenden Be such des russischen Kaiserpaares ist zum Mindesten al» versrüht zu bezeichnen.