Nr. 236 Zweites Blatt. Dienstag den 9. October
1894
Der Hicßcntr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags.
Die Gießener Aamirte-oräller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
vierteljähriger Avonncmentsprels: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Rcdaction, Expedition und Druckerei:
KLukstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
AZnts- und Anzeigeblutt für den Ttveis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Hießener Kamitienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 6. October. Die Großherzogliche Hofhaltung wird im Laufe der nächsten -Lage von Jagdschloß Wolfsgarten wieder hierher verlegt werden. Die Audienzen usw. finden daher von Mittwoch den 10. October ab im Neuen PalaiS statt.
Berlin, 6. October. In der Stille des Jagdschlosses Hubertus stock, wo Kaiser Wilhelm nach Beendigung seines Romintener Aufenthaltes zur Zett weilt, dürften die längst erwarteten Entscheidungen in den mancherlei schweben« den Fragen der inneren Politik fallen. Am Sonnabend hat Reichskanzler Graf Caprivi seinem erlauchten Souverain Vortrag in Schloß HubertuSstock gehalten und darf man wohl annehmen, daß der Vortrag in erster Linie daS Thema der Bekämpfung der Umsturzbestrebungen zum Gegenstand gehabt hat. Indessen wird sich der Monarch endgiltige Ent- schließungen in dieser Frage wohl noch Vorbehalten haben, da er nächster Tage in HubertuSstock auch den Vortrag deS preußischen Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg entgegen« nimmt, wie man aus Berlin meldet. Neben rein preußischen Angelegenheiten dürfte die signalisirte Conferenz des Kaisers mit dem Ministerpräsidenten ebenfalls die Frage der Be« kämpfung der Umsturzparteien behandeln und steht alsdann wahrscheinlich die definitive Entscheidung des Kaisers zu er« warten. Inwieweit bei dem dienstlichen Besuche des Reichskanzlers in Schloß HubertuSstock auch das Gebiet der auswärtigen Angelegenheiten berührt worden ist, bleibt zwar noch abzuwarten, im Hinblick auf die kriegerischen Ereignisse in Ostasien kann jedoch eine solche Annahme nicht gerade von der Hand gewiesen werden.
— Der deutsche Botschafter am Petersburger Hofe, General v. Werder, ist von Rominten aus, wo er dem Kaiser Vortrag gehalten hatte, in Berlin eingetroffen. Mit Rücksicht aus die in Rußland durch die Erkrankung deS Czaren geschaffene Lage wird man dem gegenwärtigen Aufenthalte des Botschafters in der Reichshauptstadt schwerlich eine gewisse politische Bedeutung ab- sprechen können.
— Mit der in voriger Woche wieder erfolgten Wiederaufnahme der BundesrathS-Sitzungen hat das parlamentarische Winterleben in Deutschland seine Einleitung erfahren. In der Eröffnungssitzung des BundeS-
rathes sind allerdings noch keine hervorragenderen Sachen zur Erörterung gelangt, doch werden in der Zwischenzeit bis zum Zusammentritt des Reichstages dem BundeSrath zweifellos mehrere wichtigere Vorlagen noch zugehen. ES gilt dies namentlich vom neuen Etat, von welchem einzelne Theile bereits dem Bundesrathe unterbreitet worden sind. Auch die neue Tabakfabrikatsteuer-Vorlage wird bei demselben vermuthlich noch vor Eröffnung der Reichstagssession eingehen'. Lieber den Inhalt dieser Vorlage werden in der TageSpresse schon mancherlei Angaben gemacht, ob sie in- deffen zutreffend sind, muß noch dahingestellt bleiben. Mitte des gegenwärtigen Monats tritt auch der Eolonialrath zusammen, um vor Allem die neuen Etats für die Schutzgebiete festzustellen. Doch werden neben den Etatsdebatten auch Erörterungen über gewisie Vorgänge und Verhältniffe speciell in der ostafrikanischen Colonie von der bevorstehenden Session deS Colonialrathes erwartet.
— Nach der neuesten „AncienitätSliste der sämmtlichen Offiziere deS Beurlaubtenstandes des deutschen Reichsheeres" zählte das letztere am 15. August d. I.: 3 Majors, 467 Hauptleute bezw. Rittmeister, 1946 Premier« und 8139 Secondelieutenants, zusammen 10,555 Offiziere der Reserve und 1 Oberst, 3 Oberstlieutenants, 23 Majors, 1673 Hauptleute bezw. Rittmeister, 4577 Premier- und 3966 Secondelieutenants, zusammen 10,242 Offiziere der Landwehr. ES ergibt dies für das deutsche Reichsheer ins» gesammt 20,797 Offiziere des Beurlaubtenstandes, während das stehende Heer am 13. April d. I. 21,069 Offiziere zählte.
Bromberg, 6. October. Ein neuer kugelsicherer Panzer, der nur 10 bis 12 Pfund wiegen soll, ist von einem hiesigen Schneidermeister erfunden worden.
Arr-land.
Wien, 6. October. Fortdauernder Regen richtet in Oesterreich großen Schaden an. Von allen Seiten wird das Austreten der Flüffe gemeldet- besonders aus der Steiermark lausen Hiobsnachrichten ein. Für Wien besteht Hochwassergefahr.
Rom, 6. October. Von einer halben Million neugeprägter Nickelmünzen, welche die Firma Krupp in Essen an das italienische Finanzministerium sandte, sind fünf Säcke gestohlen worden.
Rom, 6. October. Mn dem Complotte zur Ermordung deS italienischen Ministerpräsidenten Crispi sind, wie jetzt festgestellt worden ist, 14Individuen betheiligt gewesen. Sämmtltche Verschwörer befinden sich in Haft. — In Casal Vecchio in Unteritalien ist cs unter der dortigen Landbevölkerung wegen Fragen des ländlichen Grundbesitzes zu einem förmlichen Aufruhr gekommen. Derselbe erforderte das Einschreiten deS Militärs -behufs seiner Unterdrückung.
Paris, 6. October. Der Pförtner des Palastes der Prinzessin von Sagan erhielt einen anarchistischen Drohbrief, den er der Polizeipräfectur übergab. In diesem Briefe heißt eS, wenn der Pförtner nicht an einer bestimmten Stelle eine gewisse Geldsumme zu genauer Stunde ntederlegen würde, würde er in Schwefel gelegt und seine Knochen aus dem Leibe geholt.
Parts, 6. October. Der internationale Congreß der Eisenbahnarbeiter veröffentlicht ein Manifest, in dem er ankllndigt, er werde durch Anwendung aller Mittel, selbst durch einen allgemeinen AuSstand, die Eisenbahngesellschaften zwingen, den auf dem Congreß gefaßten Resolutionen nachzukommen.
Pari», 6. October. Die MarineuntersuchungS- commisston besichtigte gestern daS Schiff „Borda", worauf sich die Osfizierschule befindet. DaS Schiff wurde in gutem Zustande befunden. Bei der Prüfung der Schüler erklärte Lockroy sein Erstaunen darüber, daß die jungen Leute nicht in der deutschen Sprache unterrichtet werden.
Loudon, 6. October. AuS Ke iw e ft wird gemeldet, daß 14 Mann der Bemannung deS Schiffes „Brandon" und die ganze Mannschaft deS Schiffes „Wandering" an der SUlfie von Florida während des letzten Orkans umgekommen sind.
Loudon, 6. October. Die „Morningpost" schreibt, die öffentliche Meinung zeige sich immer mehr für eine Intervention der Großmächte in Ostasien, damit die Japaner nicht zu weit gehen. Japan sei jetzt stark genug, um die Zukunft deS Orients zu bestimmen. Die Idee dieser Intervention werde von den Vereinigten Staaten bekämpft, weil die Jntereffen der Vereinigten Staaten rein handelspolitischer, dagegen diejenigen Europas handelspolitischer und rein politischer Natur seien.
Feuilleton.
Welche Bedeutung Hal die theoretische Ausbildung für den Gewerbestsnd?
Betrachtet man die Verhältniffe des Gewerbestandes und insbesondere die mit diesem verbundenen Zweige des Handwerks auS der letzten Vergangenheit, wie in der Gegenwart, so kann man fich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß bei ernster Beobachtung sich sehr betrübende Zeichen der Zeit entrollen, und würde der Momentphotograph seine schwarze Kunst anwenden können, noch so Manches würde dem Lichte nähergesührt werden, waS weniger auf den öffentlichen Tisch deS „Für und Wider" gelegt, sondern nur in Klagelieder allgemeiner Art gehüllt wird.
Richtig und durchaus nicht leicht zu nehmen ist es, daß der Handwerkerstand — eine Hauptstütze deS Gemeinwohls — seit den letzten Jahrzehnten nicht nur um daS Edelste — sein Ansehen — sondern auch um seine gesammte, wie individuelle Kraft zu kommen scheint, wenn nicht in geeigneter Welse durch Belehrung und daraus resultlrende inblrecte Unterstützung diesem Zweige der menschlichen Gemeinschaft eine neue Wandelbahn geschaffen werden kann.
Selbstverständlich muß der Handwerkerstand zuerst selbst für den Nährboden sorgen, damit reife Früchte daraus hervorpehen.
ES darf der Handwerkerstand eß nicht machen wie jener kranke Mann, welcher zu seiner Befferung eine Menge verschiedener Medicamente versucht, aber gar nicht daran denkt, daß er zu allererst seinen kranken Körper ftufciren müßte, um dann erst zu finden, waS wohl am' besten ist.
Es ist bekannt, daß man im Handwerkerstande für die Wiederherstellung der JnnungSverbände schwärmte und von diesen Heil und Gesundung erträumte; daß man das Lehrlings- und Gesellenwesen von staatSwegen geregelt wiffen wollte und zu diesem Zwecke den Befähigungsnachweis wieder obligatorisch etngeführt wünschte; ja, man ging theilweise sogar so weit, zu verlangen: nur der Staat kann uns helfen durch entsprechende gesetzliche Maßnahmen.
Niemals konnte man aber vernehmen, daß der Wunsch
Ausdruck gefunden hätte, zunächst im eigenen Lager erst ein« ! mal Umschau zu halten, ob da nicht etwa Manches befferungS- fähig fei, obgleich dieser Weg in allen Lebenslagen und persönlichen Verhältniffen stets der richtigste bleiben wird.
Denn wie eß im „Großen" ist — wie z. B. die Geschicke der Völker von ihrem Thun und Treiben abhängen — so ist eß auch im „Kleinen", so ist es hier im Hand- 1 werk.
Es kann nicht geleugnet werden, daß an den bestehenden Zuständen ohne Zweifel der Handwerkerstand zu allererst viel Schuld selbst trägt, als er die hastende Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht rasch genug begleitete und daS derselben anhaftende Wesen nicht genügend beobachtete, um für sich daraus Nutzen zu ziehen. Man vergaß eben, daß man auf dem Tanzboden nur bann mittanzen kann, wenn man deS Tanzens kundig ist.
Mtt anderen Worten: man lernte nicht von Zeitverhältnissen, sich in dieselben zu schicken, und so ist eS denn gekommen, daß das wirthschaftliche Gleichgewicht alterirt wurde.
Die Folge davon war, daß alle Bitterkeit auf die umgebenden Gesellschaftskreise ausgeschüttet und denselben die Schuld an den entstandenen Verhältnissen in die Schuhe geschoben wurde.
Zugegeben muß aber auch werden, daß leider aus den Kreisen, mit welchen die neue Zeit es gut gemeint hatte, die Anschauung sich breit machte: zu einem Handwerk gehört gar nicht viel Wissen; nur Handfertigkeit sei daS Erforoer- liche, denn die neue Zeit habe das Handwerk zum Anhängsel anderer Industriezweige gemacht.
Dergleichen Uttheile sind aber nicht nur sehr ungerecht, sondern laffen ohne Zweifel erkennen, daß das Wesen und der tiefinnerste Werth deS Handwerksstandes nicht verstanden werden. Denn wer nicht einsehen will, daß daS Lahmsein eines Gliedes sämmtliche andere Glieder in mehr ober weniger Mitleibeuschaft zieht, ist sehr zu bedauern.
Daß man heute dem Handwerkerstande nicht mehr die Bedeutung wie in früheren Jahren beilegt, hat derselbe aber vielfach selbst verschuldet dadurch, daß seine innere Kraft nicht fortwährend so gestärkt wurde, um den Wellen der Zeit entsprechenden Widerstand entgegensetzen zu können, b. h.
immerfort ben burch bie Zeit bebingt werbenden Anforderungen zu genügen.
Man würde nun einwenden: ja, wie konnte der Gewerbefreiheit entgegengetreten werden, ohne dabei zu Schaden zu kommen?
Hier zeigte sich eben, daß der Handwerkerstand in dem Ringwalle der privilegirten JnnungSverbände sich so eingewiegt hatte, daß dem Eingriffe der Gewerbefreiheit kein Widerstand in der Beziehung entgegengestellt werden konnte, daß man in der Lage war, sich mit den neuen Bestimmungen abzufinden, fich in die neuen Verhältniffe zu schicken.
Nicht zu leugnen ist allerdings, daß die Gewerbefreiheit auch ihren Schatten geworfen und manches Schädliche sich herausgebildet hat.
Aber n?o Licht ist, wird stets auch Schatten fein; eß kommt eben einzig und allein darauf an: die Fähigkeit zu besitzen, sich nicht In das Gebiet des Schattens verdrängen zu laffen, sondern in der Ebene beß Lichts ftanbfeft zu bleiben.
Wenn bie alten Hanbwerksmeister bie Worte Goethes beherzigt hätten:
Wer soll Lehrling sein?
Jed erm ann !
Wer soll Geselle sein?
Wer waS kann!
Wer soll Meister sein?
Wer maß ersann !
unb wenn bieselben sich nicht so vertrauensselig in ihren verbrieften Jnnungßrechten sicher glaubten, sondern daran auch dachten, daß die Zeit in Gestalt einer Windhose möglicherweise das Heim zerstören könnte, so würde die Erbschaft für die Nachwelt zweifellos eine bessere gewesen sein.
Hätte man s. Zt. der raschen Culturentwickelung dieses Jahrhunderts ein aufmerksames Auge geschenkt und hätte nicht träge der Entwickelung der Dinge zugeschaut, so würde man sicherlich den anstürmenden neuen Verhältniffen Stand gehalten und dem Handwerkerstande von „heute" den saueren Apfel erspart haben.
(Schluß folgt.)


