Ausgabe 
9.5.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 106 Zweites Blatt. Mittwoch den 9. Mai

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Gießener Anzeiger

Kermat-Wnzeiger.

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Amts- und Anzeigeblutt für den Ttreis Gietzen.

I Hratisöeifage: chießener Aamilienötättrr. |

Feuilleton.

Meine txttt Rede.

Erinnerungen an 1848. Don Carl B.

(Nachdruck untersagt.)

Meine körperliche, wie nicht minder meine geistige Ge- staltung hat mit Hilfe des Gevatters Bakel mein Vater be­sorgt. Sr war ein Meister der Schule, ein Schulmeister durch und durch. Er war deßhalb eben auch arm, und so fehlte ihm natürlich das kleine Geld, mich ein Gymnasium oder eine Realschule besuchen lassen zu können, um auf Grund des Zeugnisses, in Secunda gesessen und sehr wenig gelernt zu haben, die Berechtigung für den einjährigen Dienst in der königlich preußischen Armee zu erlangen.

Demnach war eS mir auch nicht vergönnt, als Soldat dem, mit rühmlichen Ausnahmen, blafirten Chorus anzugehören, der es nicht lassen kann, beim ersten Eintritt in wildfremde Gesellschaft den knappen Sinn seiner Worte regelmäßig mit dem Satze zu eröffnen:Als ich mein Jahr diente." Bei Schwachköpfen hat sich diese Redensart factisch stereotyp gestaltet.

Ich dagegen wurde mit genau 17 Jahren Soldat und diente also freiwillig die meinem Könige gehörenden drei Jahre und sogar noch ein halbes Jahr darüber. Mit meinem achtzehnten Jahre wurde ich bereits Unteroffizier und zwanzig und ein halbes Jahr alt, trat ich schon wieder in das bürger­liche Leben zurück mit der Bezeichnung als Feldwebel bet der Landwehr im Falle einer Mobilmachung. DaS war am 1. April 1846.

Im Jahre 1847 wurde die politische Luft etwas unrein und schwüler, Bassermann'sche Gestalten tauchten schon da­mals aus. Der 18. März 1848 brachte uns die Berliner Revolution, wie eS die Mode damaliger Zeit, echte Pariser Mode, in allen Residenzen mit sich brachte.

Wir wollen gerecht sein. Diese Revolutionen hatten bei ihrer Traurigkeit doch einen gesunden Beweggrund. In den Tagen tiefster Erniedrigung durch napoleonischen Uebermuth war eS der deutschen Fürsten einziges und letztes Mittel, ihre Throne zu retten, sich an das Volk zu wenden, dieses durch Versprechungen zu begeistern für den heiligen Kampf. DaS Volk thar seine Schuldigkeit in vollstem Maße, eS zermalmte den Unterdrücker. Aber die Fürsten hielten nicht Wort. Nichts war natürlicher, al- daß die Völker in Mißmuth und Mißtrauen verfielen.

Die Berliner Märzrevolution war nun auch die Ur­veranlassung für meine erste Rede, wenngleich ich sie nicht von den Barrikaden herabgeredet habe.

ES begab sich nämlich zu derselben Zeit, daß allerorten sogenannte Bürgerwehren errichtet wurden. So bildeten sich auch in meinem heimathlichen Orte Neuhaldensleben zwei Compagnien Bürgerwehr, bei deren einer ich der schneidige Hauptmann durch Wahl wurde, natürlich ohne Gage. ES war das die Frucht meiner im stehenden Heere erlangten Krieg» rüchtigkeit.

Diese Bürgerwehrzeit war eine gar köstliche Zeit. Zwei­mal in der Woche wurde exercirt und deS Sonntags Nach­mittags Felddienst geübt, wobei eS einmal so heiß und ernst herging, daß selbst wir beiden Hauptleute mit unseren Säbeln auseinander loSgingen. Wir wußten allesammt, welche Stunde angetreten werden sollte, trotzdem wurde jedeSmal Generalmarsch geschlagen und ich muß es gestehen, daß mich stets ein electriicher Strom durchflog, wenn das Getute und Gebummere loSgtng. Eiligst kroch ich dann in die Blouse, schnallte mich an meinem Pallasch an und stülpte die Dienst­mütze mit der schwarz-roth-goldenen Kokarde auf. Dann, auf Ehre, that es mir Keiner gleich!

Mein Kamerad, der Hauptmann der anderen ^Com­pagnie, war der OrtSvorsteher, ein schon älterer Herr, aber auch kriegserfahren. Die Hauptperson deS Ganzen aber war, mit dem RangeOberst", der hocharistokratische Gutsherr

I und Schriftsteller Philipp NathusiuS. In diesem Herrn hatten wir für unser KriegSspiel den richtigen Mann ge­sunden. Er sympathisirte keineswegs mit der Neuerung, war nie Soldat gewesen, hatte keine Idee vonrechts um" und links um", aber er unterwarf sich dennoch in patriotischer Hingebung einer kleinen militärischen Dressur meinerseits in seinem großen Bibliotheksaale.

Die Hauptsache für unsere Bürgerwehr war: Der Herr Oberst war cm reicher Mann und Eigenthümer der Kloster­brauerei, und es war als ganz in der Ordnung gesunden, baß der Herr Oberst für die gute Ausstaffierung deS MarkelenderkarrenS aus seinen Kellern sorgte, wenn wir deS Sont tags Felddienst übten. Dafür eben war er Oberst. Unsere Fahne war ein Geschenk der genialen Frau Marie NathusiuS, geb. Scheele, Gemahlin deS Herrn Obersten.

Außer den genannten Exercitien bestand der Dienst nur in einem organisirten nächtlichen Nachtdienst, denn eS ging das Gerücht, der Pöbel der nachbarlichen Kreisstadt wolle eine Suche bei uns abhalten. Unser Wachtlocal war ganz natürlich an eine Quelle deS heiligen GambrinuS verlegt. Jn unruhigen Zeilen verdoppelte sich ja der Durst- er ist überhaupt nicht zu löschen.

Wilhelm NathusiuS war mir an LetbeSlänge gleich, , er hatte auch an die fünf Fuß, aber an Knochenbau war er mir doppelt über, ich hätte meine beiden Hände mehr al- bequem in einer der seintgen verstecken können und auf chinesischen Füßen spazierte er auch nicht einher. Kurz und bündig gesagt: NathusiuS war eine vierschrötige Figur, die, um mit den Abgeordneten damaliger Zeit zu sprechen, gern Fractur geschrieben hätte. In seinen politischen Gefühlen war er Demokrat vom reinsten Wasser- er war Freund und Verehrer deS berühmt gewordenen Volks- und KanzelrednerS Uhlich, des Pastors der freien Gemeinde in Magdeburg.

(Fortsetzung folgt.)

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Mittwoch den 23. Mai

Nachmittags 8 Uhr,

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titlet, Gerichtsvollzieher.

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Gießen, den 4 Mai 1894-

Gr. Bürgermeisterei Gießen-

Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Gnauth.

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Vor KeobehaMyen »W gewarnt.

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Wtr bringen hierdurch zur Kenntniß, daß Herr Stadtverordneter Louis ftktt als Mitglied des Wiesenvorstandes verpflichtet worden ist. Gießen, den 5. Mai 1894.

Bekanntmachung

Wir bringen hierdurch zur Kenntniß, daß Herr Louis ftauf als Feldgeschworener für die Gemarkung Gießen von Großherzogl. Kreisamt Gießen ernannt und verpflichtet worden ist.

Gießen, den 4. Mai 1894.

Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Sffentlich meistbietend versteigert werden Gießen, 10 April 1894.

Großh. OrtSgerichl Gießen.

I. A.: Bogt. 3206

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Hungen, am 5. Mai 1894. ! sowie täglich frisch gekochten

Seipel, 3989 Schinken, beides stets im Aus-

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