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Sonntag den 8. April
1894
Nr. 81 Drittes Blatt.
Gießener Anzeig er
Aeneral-Mnzeiger.
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Zlints- und Zlnzeigeblutt für den Urei* Gietzcn.
Rrbachon, rrpcöittsie und Druckern:
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Birrlkljährign' APemnnnrntSFrri»: 2 Mark 20 Pfg mit Lrmgerlohn. Durch dir Post txjogm 2 Mark 5o ffg.
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Der Hie^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Aurnahme bei Montags
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Gratisbeilage: Gießener Aamitienölätter.
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Amtliche^ Theil.
Nr. 12 de- Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. v. M., enthält:
(Nr. 2159.) Bekanntmachung, betreffend die Ber« langerung des Handelsprovisoriums zwischen dem Reich und Spanien. Vom 30. März 1894.
Gießen, den 7. April 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagerri.__
ivefuuden: 1 Trauring, 1 Brille, 1 Portemonnaie, 1 Glac handschuh, 1 Knabenmütze, 1 leinenes Tuch, 1 Belociped- laternenfcheibe und 1 Rosenkranz.
Gießen, den 7. April 1894.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutsche» Reich.
Vertin, 6. April. Am Donnerstag empfing der > aiser in Abbazia den japane fischen Thronfolger, Prinzen Komatsu, welcher sich auf einer Tour durch Europa befindet.
— Das preußische Abgeordnetenhaus berieth in der DonnerStagSsitzung zum ersten Male den Eisenbahn- «achtragSetat, welcher 300000 Mark zur Durchführung der Vermehrung der Eisenbahn-Direcrionen und Aufhebung der BetriebSämker fordert. In der Debatte hierüber vertheidigte und beleuchtete Eisenbahnminifter Thielen in längerer Rede die geplante Neuorganisation der preußischen StaatSbahnver- svaltung, unter Hervorhebung der hiervon zu erwartenden Bortheile. Die wettere Debatte ließ erkennen, daß die geplante Reform bei allen Parteien im Allgemeinen auf Zustimmung stößt, nur wurden hierbei eine Reihe von Einzelwünschen laut. Die DtScussion endete mit dem Beschlüsse, die zweite Lesung deS Nachtragsetats ohne vorherige Commissionöberathung gleich im Plenum vorzu- nehmen.
— Der Plan einer in den Jahren 1896 oder 1897 in Berlin zu veranstaltenden allgemeinen deutschen Gewerbe-Ausstellung ist gescheitert. Der Reichskanzler hat in einer Zuschrift an den Arbeits-AuSschuß für eine Berliner Gewerbe-AuSstellung sich mit einer Einschränkung
des Unternehmens auf die Stadt Berlin einverstanden erkärt und weiter in einer dem Geh. Commerzienrath Frentzel ertheilten Audienz mitgetheilt, das Reich würde zu einer etwaigen deutschen Ausstellung in Berlin keine Beihilfe gewähren können.
totale» rrnd provinzielle».
Gießen, den 7. April 1894.
♦* Die Kriegerkameradschaft „hassia" hatte im Jahre 1893 in ihrer Sterbekasse 14000 Mitglieder mit 3i/t Mill. Mark BersichcrungScapital. DaS Vermögen beträgt 200,000 Mk. Versicherungen können in Höhe von 100—600 Mk. abgeschlossen werden. — Die Einnahmen der Kriegerkameradschaft „Hasfia" betrugen 13,877 Mk., die Ausgaben 11,877 Mk. 25 Pfg., die Einnahmen der Prinz Ludwig-Stiftung 2372 Mk., der Verband besitzt ein Baarvermögen von 29,442 Mk. 7 Pfg., das Baarvermögen der Prinz Ludwig - Stiftung beträgt 25,635 Mk. — Der „Hassia" schlossen sich 36 Vereine mit 1374 activen und 149 passiven Mitgliedern an; der Stand der „Hassia" stellt sich Ende December 1893 auf 622 Vereine mit rund 33,000 Mitgliedern. Die Kapitalien der einzelnen Vereine betrugen 227,551 Mk Seit dcm Bestehen der „Hassia" sind 24,903 Mk. für Unterstützungen verwendet worden. Die Localvereine haben an Unterstützungen bezahlt 24,937 Mk., insgesammt seit dem Bestehen der Vereine 324,836 Mk. DaS Grsammtpräsidium hielt drei Sitzungen ab, während der geschästSfllhrende Vorstand sich oft zur Erledigung der Geschäfte in Darmstadt zusammenfand. Der Vorstand besteht auS einem Ehrenpräsidenten: Seine Großh. Hoheit Prinz Heinrich von Hessen, auS einem ersten und zweiten Präsidenten: Oberst Gerlach und Major v. Hehl, aus zwei Schriftführern, einem Rechner und neun Beisitzern. Die Providentia - Bonification, welche dem Landesverband zufloß, betrua 3869 Mk. 68 Pfg., inSgesammt 49,617 Mk. 96 Pfg. Für das Kyffhäuser - Denkmal sind bis jetzt 13,045 Mk. gesammelt, hiervon sind in diesem Jahre 10,000 Mk. an den DenkmalS-Ausschuß in Berlin abgeliefert worden. Hassiakalender wurden 10,000 Exemplare abgesetzt und betrug der Gewinnantheil hieraus 1100 Mk.
*♦ Der Getreidemarkt. Der Getrkidemarkt zeigte in der abgelaufenen BerichtSwoche im Allgemeinen eine ziemlich feste Haltung; auf die Tendenz des Marktes übte der Apriltermin
keinen sonderlichen Einfluß au«. Die Umsätze waren an b<r meisten Plätzen nicht sehr erhebliche, Anregungen von außen fehlten fast gänzlich oder wurden nicht beachtet. Für Hafer machten sich jedoch die fortdauernden billigen russischen Offerten immerhin einigermaßen empfindlich bemerkbar. Notirungcn an der Berliner Productenbörse: Weizen von 132 bis 143 Mark per 1000 Kilogramm, Roggen von 112 bis 119 Mark, Hafer von 132 bis 173 Mark, Gerste von 104 bis 180 Mark.
e* Da« Einkommen der Postagenleu. Zum 1. April d. I. traten für alle Kaiserlichen Postagenturen im Reichspostgebiet, deren es jetzt etwa 7300 geben dürfte, wichtige Neuregelungen bezüglich des Einkommen- der Agenten und der ihnen zugewiesenen Postunterbeamten in Kraft. Vom genannten Tage ab werden alle Bestellgelder, welche bislang den Agenten zu- flössen, zur Postkasse verrechnet und die Agenten, sowie die Unterbeamten, welche auS den Bestellgeldern Nebenbezsige hatten, erhalten entsprechende Erhöhungen ihres Einkommens au« der Postkasse. Die persönlichen Einkommensverhältnisse ber Betheiligten werden damit also festgelegt und zugleich auch meist etwas erhöht.
*• Vom 1. April d. I. ab ist eine Ermäßigung des Tarif» für Reisegepäck eingetreten. Bisher waren bekanntlich 25 Klgr. Gepäck durchgängig für alle Wagenkiafsen frei. Dagegen wird ein Uebergewicht von 1—6 Klgr. für 10 Klgr. berechnet und mußte danach bezahlt werden. DaS ist nun vom 1. April anders. ES tritt eine Abrundung in dem Sinne ein, daß ein Uebergewicht nur bis 5 Klgr. zu berechnen gestattet ist. Ein Gewichtsstück z. B. von 27 Klgr. kostet nicht mehr 10, sondern nur 5 Pf., ein solches von 36 Klgr. nur 15 Pf., anstatt wie sonst 20 Pfennig.
** 3« Amerika verstorbene Hessen. New - York, City: Franz Hänlein aus Mainz; Emma Mühl, T. von Jakob Mühl, 25 Jahre alt, aus Mommenheim. Albany, N. Margaretha Sautter, geb. Böhm, auS Wörrstadt. Belleville, Jll.: Elisabetha Steinhauer, geb. Leinert, 31 Jahre alt, auS Ober-Klingen: Peter Kilian, 82 Jahre alt, aus Rein heim, Philipp Ruh, 88 Jahre alt, auS Hofheim. Dubuque, Ja.: Christian Jacobi, 59 Jahre alt, auS Jügesheim. Erie, Pa.: Carl ClauS, 94 Jahre alt, auS Friesenheim. Giard, Bezirk Iowa: Louise I., Ehefrau von Friedrich P. Datismann, 70 Jahre alt, auS Büdingen. Jeffersonville, Jnd.: Philipp Roth, 76 Jahre alt, auS WeningS. Jeffersonville, N.-d).
Feuilleton.
In Nauheims größter Stunde.
Erzählung von Wilhelm Wagner.
(2. Fortsetzung.)
Damit wollte Amelie rasch zur Thüre eilen, aber Ecke- Hard rief sie zurück.
„Mette, trauere nicht ob unserer Liebe; heute will ich eS Dir sagen, ich habe Dich schon lange geliebt und bin ich auch bald nicht mehr bei Dir, so wird doch meine unsterbliche Seele Dich begleiten auf allen Deinen Lebenswegen. . . Er kommt, öffne ihm, Mette!"
Sie tauschten noch einen innigen Blick und dann öffnete Amelie leise die Thüre.
Ein hünenhafter junger Mann trat in daS Zimmer und Amelie huschte hinaus.
„Guten Abend, Höri," sagte der Kranke lächelnd und streckte seine schmale Hand dem Besucher entgegen.
Der Große trat hastig naher. Da aber sein Tritt schwer auf dem Boden dröhnte, zuckte er erschrocken zusammen und ging die letzten Schritte bis zum Bette auf den Fußspitzen.
„Aber, lieber Eckehard, ist es denn wirklich so schlimm, wie der Doctor gesagt hat?"
„Ja, ja, lieber Höri. — Haben Sie denn einen großen Bogen Papier von der Saline mitgebracht? Sie sollen mir einige Briefe schreiben. — Setzen Sie sich, bitte, ganz nahe zit mir."
Mechanisch kam Höri der Weisung nach, blickte bann, pnj betroffen von der Schwere dieser Minute, voll tiefer Traurigkeit nach dem kranken Freunde und sagte leise: „Lieber Eckehard, wie das aber alles so schnell gekommen ist ujib — aber ich will Sie ja nicht aufregen. Bitte, sagen Sic nur, waS ich schreiben soll."
Eckehard nickte dem Freunde zu und bictirte bann leise, i« abgebrochenen Sätzen, brei kurze Briese: ein letztes Lebewohl unb die Anzeige seines Todes an seine Eltern und Äreunde.
„So, lieber Höri, diese Briefe bitte ich Sie zu schreiben unb abzuschicken."
Der Schreiber blickte auf. Die entschetbende, aber unaussprechliche Frage lag in seinem Blicke: Wann abschicken?
Eckeharb hatte aber in den Blicken beS Freundes gelesen und sagte jetzt leise: „Ach ja, — wann schicken wir die Briefe ab?"
Sinnend schaute er vor sich nieder auf die Bettdecke. — Tiefe Stille im Gemach, nur die Uhr an der Wand machte langsam ihr Tick, Tick, Tick, Tick.---
Langsam hob Eckehard die Augen; etwa eine halbe Minute hatte er über seine letzte Stunde nachgedacht. „Lieber Höri, kommen Sie — " Er stockte. Noch einmal senkten sich die Augen, die feinen Hände bebten leise, dann sprach der Kranke fest: „Kommen Sie morgen früh um acht Uhr wieder — da fragen Sie wiederum nach mir."
Der Hüne machte eine hastig abwehrende Bewegung, griff zärtlich nach den Händen des kranken Freundes und drückte sie leise und vorsichtig.
Amelie kam mit einer Lampe herein und sagte besorgt: „Herr Eckehard, Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen durch langes Sprechen."
Der Kranke drückte noch einmal innig des Freundes Rechte und sagte mit einem bedeutungsvollen Blick: ,Alfo um 8 Uhr morgen, lieber Höri I"
Der Freund nickte und schritt dann lautlos aus dem Zimmer.
Amelie trat näher.
„Herr Eckehard, darf der Pfarrer kommen, er ist draußen?"
Eckehard blickte Amelie in die Augen und nickte zerstreut.
DaS junge Mädchen schritt rasch zur Thüre und ließ den Pfarrer herein.
Der Pfarrer, ein sehr liebenswürdiger Mann, trat zu dem Kranken, spendete ihm daS Abendmahl und sprach von den Tröstungen der Religion. Die nach Leben unb Liebe berlangenbe Seele deS Jünglings umfaßte in heißem Sehnen noch einmal alle Erbenlust wie zum Abschied.
Der Pfarrer ging unb Amelie trug ihm bie Insignien bes heiligen Abenbmahls hinaus.
Eckeharb war allein.
An der Wand machte die Uhr immerzu ihr Tick, Tick, Tick, Tick, und in Nauheim schlug die Thurmuhr die fünfte Abendstunde an.
Der Kranke dachte daran, daß er alle diese Vorbereitungen sehr muthig ertragen hatte. Er schloß die Augen, aber erschrocken öffnete er sie gleich wieder. Das war so ganz allein, so weltentfernt gewesen. — Sein Herz begann zu klopfen, der Athem ging ächzend, angstvoll starrten die Augen nach der Thür und die bebenden Lippen stammelten: „Mette k Mutter!"
Tick, Tick, Tick, Tick machte die Uhr langsam, gleichmäßig weiter.
Da wurde die Thür geöffnet und Amelie erschien — wie eine Erlösung. Sie trug ein Brett mit einer Flasche Champagner daraus.
„Sie sehen so erregt auS!" rief das junge Mädchen erschrocken. — Schnell stellte sie daS Brett auf den Ttsch und trocknete die Stirn deS Kranken.
Mit innigen Blicken dankte Eckehard. Sein Herz wurde ruhiger in Ameliens Nähe.
„Sie müssen jetzt jede Viertelstunde Champagner trinken, denn — aber regen Sie sich nicht auf — Ihre Mutter hat durch einen vorbeireitenden Offizier eben sagen lassen, daß sie morgen früh um zehn Uhr hier ankäme.
„Morgen früh um zehn Uhr," wiederholte der Kranke. „Ach, Mette, sie wird zu spät kommen! Und in drei Tagen ist Weihnachten!"
„O, spreche nicht so! ES kann ja der Himmel nicht wollen, daß Du mich verläßt!" flüsterte Amelie zärtlich und sich plötzlich rasch über Eckehard beugend, küßte sie ihn zum erftenmalc auf die Lippen, lange unb innig.
Bald danach kam Ameliens Mutter, um ihre Tochter für die Nacht in ber Pflege deS kranken FreunbeS abzulösen.
Amelie ging und im nächtlichen Fiebertraum flüsterte Eckeharb, zur Verwunberung ber Mutter, sehr oft den Namen Mette.
(Fortsetzung folgt.)


