Nr. 56 Erstes Blatt
Donmrstag den 8. März
1894
Amts- und Zlnzeigeblutt füv den Tiveis Gietzen
chratisbeitage: Gießener Aamilienbsätier
Amtliche^ The»!
Weißbinderrneister G. Möhl,
W. Seipp,
M
Berlin, 5. Marz.
die die
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für bni folgenden Tag erscheinenden Nummer bi« vorm. 10 Uhr.
in
zur deS
Vertrag, welcher den Mtltelweg geht und immerhin noch namhafte Schutzzölle auch für die Landwirthschaft aufrecht erhält, angenommen werden.
des Großherzoglichen Paares stattfinden werden. Für Cour bei Hof sollen die langen englischen Schleier, sowie Courschleppen eingesührt werden.
Dir Gießener AamilieußtLiter werben brm Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt.
Ter chi,heuer -«zeiger erscheint täglich, mit Au«nahme de« Montag«.
beide zu Gießen, zu Beauftragten im Sinne des § 182 rubricirten Gesetzes und zwar für den Bezirk des Kreises Gießen ernannt hat.
Gießen, den 6. März 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Die wirthschaftlicherr Interessen der l Producenten und die Handelsverträge.
Mehr als je werden in Deutschland alle Interessenten, mögen es nun Landwirthe oder Industrielle, Kaufleute oder Gewerbetreibende sein, jetzt von der Wirkung der Annahme oder Ablehnung des deutsch. russischen Handelsvertrages beherrscht und sehr schroff stehen sich in dieser brennenden Frage die Melnungen in dem großen Streite der Parteien und Interessenten gegenüber. Um da zu einem gerechten Urtheile Uber die Ausgaben der deutschen Handelspolitik zu kommen, darf man wohl nicht nur aus eine Meinung hören, sondern muß von verschiedenen das Faci! ziehen. Da fällt nun sofort die Thalsache in die Augen, daß die Interessen der einzelnen deutschen Bundesstaaten resp. Provinzen und GebietStheile gegenüber einem Handelsverträge, mag er nun tm Sinne einer Zollermäßigung oder einer Zollerhöhung ab- geschloffen werden, durchaus nicht gleich sind. In den östlichen Theilen Deutschlands, in denen die Landwirthschaft über, wiegend vertreten ist, besteht zum Beispiel eine große Ab- neigung gegen den Handelsvertrag mit Rußland, in den industriellen Gegenden des Deutschen Reiches, zumal im Königreiche Sachsen, Westfalen und Rheinland, ebenso auch in den Industrie, und Kohlengebirten Schlesiens erblickt man indeffen in dem Abschluffe des Handelsvertrages einen Hebel für die Wiederbelebung von Industrie und Handel. Und so find noch weiter die Meinungen verschiedener Berufskreise in den süddeutschen Staaten getheilt. Ganz entschieden für den Abschluß deS deutsch-russischen Handelsvertrages find aber sämmtliche deutsche Seehandelsplätze, weil sich diese davon erne Hebung des ebenfalls in vielen Waarenzweigen schwer darniederliegenden Handels versprechen. Durch die Ablehnung des Handelsvertrages würde daher keineswegs eine Befriedigung in Deutschland hervorgerufen werden, sondern viel eher daS Gegentheil, zumal der Landwirthschaft dadurch auch nicht so großer Bortheil erwachsen würde, als man sich einbildet, denn kann das russische Getreide nicht über die deutsch-russische Grenze zu uns gelangen, so kommt eS doch über Oesterreich, England und Holland auf den Weltmarkt. Nun gibt der deutsch.russische Handelsvertrag ja auch nicht die landwirth- schaftlichen Zölle preis, sondern er ermäßigt sie nur, wogegen auch Rußland seine Jndustriezölle ermäßigt und dadurch den Absatz deutscher Producte in Rußland erleichtert. Davon darf man aber ein größeres Geschäft in Industrie und Handel und damit größeren Verdienst für M llionen von Arbeitern erwarten, was theilweise auch der Landwirthschaft zu Gute kommen muß. Ganz unvereinbar sind aber in einem Handelsverträge die Interessen aller Producenten, deshalb sollte ein
Statistik deS Tabaks
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Deutsche- Reich.
Darmstadt, 6. März In Folge der bevorstehenden Vermählung Seiner Königlichen Hoheit deS Groß- Herzogs werden am hiesigen Hose einige Personalverände- rungen eintreten, da die zukünftige Großherzogin selbst, verständlich ihren besonderen Hofstaat erhalten wird. Wie man dem „Franks. Journ." von hier mittheilt, sei Freifrau von Schenk zu SchweinSberg, geb. van der Capellen, als Oberhosmeisterin in Aussicht genommen, während Fräu« lein von Rotsmann, die lange Zeit in England gelebt hat und deren Mutter eine geborene Engländerin ist, die Stelle der Hofdame bei der jungen Großherzogin übernehmen solle. In der Hofgesellschaft werden jetzt schon Vorbereitungen für verschiedene Festlichkeiten getroffen, die nach dem Einzuge
Bekanntmachung,
betreffend Abhaltung von Faselschauen.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der am 15. l. M. zu Grünberg stattfindende Frühjahrsmarkt zugleich mit einem Viehmarkt verbunden wird; auch soll an genanntem Tage eine öffentliche Faselschau durch die Kör-Commission abgehaltcn werden. Bei der Schau, welche Vormittags 9 Uhr beginnt und nur zum Zwecke der Ankörung stattfindet, werden seilens der Kör-Commission nur sprung- fähige Bullen der Vogelsberger und Berner, spectell Sim- menthaler Raffe, berücksichtigt werden.
Die Fasel muffen sicher gefeffelt werden, sonst ist Weg. Weisung zu gewärtigen.
Gießen, 6. März 1894.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Alle Annoncen-Vureaux bf« In- unb AuSlandr« ntbrnrn Anzeigen für brn „Gitßtntr Anzeiger" cntflfflm.
Tabaks im deutschen Zollgebiet ergibt, daß in Deutschland, soweit sich vergleichen läßt (d. h. seit 1871), noch nie so wenig Tabak gebaut worden ist, als im Jahre 1892. Im Ganzen waren in diesem Jahre nur 14 730 ha mit Tabak bepflanzt gegen 18 533 ha im Jahre 1891 und 19 280 ha im Durchschnitt der letzten 10 Jahre - und namentlich ist der Anbau von Tabak beträchtlich zurückgegangen in der Pfalz (1891: 6086 ha, 1892: 4055 ha) und im badischen Ober- land (1891: 4793 ha, 1892: 3856 ha). Als Grund für diesen Rückgang ist die geringe Ernte, der unsichere Absatz und der gedrückte Preis des Tabaks in den letztvergangenen Jahren anzunehmen. Die Tabakernte des Jahres 1892 ist zum Theil gut, stellenweise sogar vorzüglich ausgefallen, wird jedoch meist nur als gute Mittelernte bezeichnet. Geerntet wurden im Ganzen 30350 t (zu 1000 kg) trockene (dach' reise) Blätter oder 2,06 t aus 1 ha gegen 1,88 t im Jahre 1891 und 1,96 t im Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Auch die Beschaffenheit des 1892 geernteten Tabaks har meist befriedigt; der Absatz war in der Hauptsache leicht und der erzielte Preis saft durchweg besser als der für die 1891er Ernte. Als mittlerer Preis für 100 kg trockener Tabakblätter ist für die Ernte deS Jahres 1892 ein Betrag von 80 Mk. (einschließlich der Steuer) ermittelt gegen 74,5 Mk. für die 1891er Ernte und 76,6 Mk. für den Durchschnitt der letzten 10 Ernten. Im Ganzen ist für die Tabakernte deS JahreS 1892 ein Geldertrag von 13,4 Millionen Mark (ausschließlich der Steuer) oder von 913 Mk. auf 1 ha der mit Tabak bebauten Fläche berechnet, gegen 727 Mk. im Jahre 1891 und 801 Mk. im Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Die Einfuhr von Tabak und Tabakfabrikaten stellte im Erntejahre 1. Juli 1892/93 einen Werth von 73 Millionen Mark dar. Die Tabaksteuer hat einschließlich der Abgabe von Surrogaten 1892/93 12,09 Millionen Mark und der Eingangszoll vom ausländischen Tabak 44,57 Millionen Mark ergeben; abzüglich der Ausfuhrvergütungen stellt sich der Ertrag der Abgaben vom Tabak zusammen auf 56,27 Millionen Mark oder 1.11 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung.
Bekanntmachung, betreffend Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes, hier Ernennung von Beauftragten.
Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß die Hessen # Nassauische Baugewerks - Berufsgenossenschaft die Herren
Deutschland. Die im neuesten Vierteljahrsheft
Statistik deS Deutschen Reichs veröffentlichte Statistik
Versucher Reichstag.
64. Sitzun-. Dienstag den 6. März 1894.
Das Gesetz betr. den Schutz der Brieftauben wird aus Antrag des Abg. Lenz mann an eine Commission verwiesen.
Die Berathung der MitttäretatS wird sodann fortgesetzt.
KriegSmtntster Bronsart v. Schellendorss: Wenn eine Bettung heute schreibt, ich hätte gestern meire Aeußerungen vom Sonnabend abgeschwächt, so ist das irrig. Ich habe gestern nichts von dem, was ich am Sonnabend gesagt hatte, abgeschwächt. Ich habe vielmehr gestern nur der Auffassung widersprochen, als sei ich ein Vertreter des Faustrechls. Ich denke auch gar nicht daran, ein Wort vom Sonnabend zu stretchm oder abzuschwächen. Ich habe nur gesagt, daß em solches Vorgehen ungesetzlich war, daß man aber rnUdernde Umstände bewilligen muh, das ,muß" unterstrichen! Eine mir zugegangene Zuschrift deS Tageblatts behauptet übrigens, das Tageblatt habe in dem Prccesse einen Wahrheitsbeweis nicht angebolen. Aber das Gegentheil hiervon steht in dem gerichtlichen Erkenntnisse. ES zeigt das, wie geduldig Papier ist. Es ist kein Wort weiter darüber zu verlieren.
Abg Bebel (Soc.): Es ist tomit festgestellt, wie bei ums noch immer das alte System herrscht. Durch die gestrigen Erklärungen des Geh. Rath Seidenspinner ist constatirt, dah der General Kirchhoff nicht erst am Tage deS von ihm verübten Attentats
Kenntniß davon erlangt hat, daß er mit der betr. Zeitungsnotiz gemeint war.
Zur Berathung steht zunächst da« Capitel „Geldverpstegung der Truppen".
Abg Bebel (Soc.) tadelt die Offizier- und Beamtmveretne, durch welche die Prtvataewrrbetreibenden schwer geschädigt würden. Diese Vereine wie auch die Cantinen nehmen trotz Etnsühtung der zweijährigen Dienstzeit noch immer die Dienste alter Mannschaften in Anspruch. Auf diese Weise werden alljährlich Hunderte von Mannschaften dem Dienste entzogen. Die Ueberschüsfe der Cantinen werden ost in ungerechtfertigter Weise verwendet zum Ankauf von Equipagen,Kutschpferden. Auffälligsind auch dteZetlungSmitthetlungen über Beanspruchnahme der Mannschaften zu Treibjagden. Heißt da« Ausbildung für den KrtegSdienst? Ferner werden bet Banken Unteroffiziere und Vicefeldwebel diätarisch gegen geringen Lohn beschäftigt. Bet OsfizterdtnerS werden Mannschaften zum Bedienen gebraucht. AlleS das find Ungehörigkeiten, die abgestellt werden müffen.
Krieg-Minister Bronfart v. Schellendorff: Ich bedauere, daß der Abg. Bebel neben so viel Interesse so wenig Verständnis für die Armee besitzt. Militärische Consumveretne kenne ich nicht, Cantinen sind sehr nützliche Einrichtungen. In Forts (detachirten) müssen wir sie haben. Ganz neu ist mir, daß auS den Ueberschüssen Kutschpserve gekauft werden. Zu Treibjagden kommen die Leute freiwillig. Die Jägerbatatllone haben daS Ehrenrecht, bei Jagden Sr. Majestät als Treiber mttzuwirken. Die Leute lernen auch dabet. Eine Tretberltnie hat große Aehnltchkett mit einer aufgelösten Schützenlinie. Erst recht lernen fie bei Feldjagden auf Hafen. Was die Nebenverdienste der Soldaten anbelangt — weshalb soll man sie nicht die Gelegenheiten dazu wahrnehmen lassm in ihren freien Stunden? Bei OsfizterdtnerS haben niemals Civtltsten aufgewartet.
Abg. v. Kar darf f (Rp.) bemerkt kurz, die Truppm seien froh, wenn sie bet Treibjagden Mitwirken dürsten.
Abg. Bebel (Soc.): Sind die Treibjagden wirklich so nützlich, so sollte man fie doch in da» Exerzier-Reglement ausnehmen. Bisher Sehörten die Treibjagden jedenfalls nicht zur dienstlichen Ausbildung er Truppen. Der Minister meinte, über Verwendung ihrer freien Zett würden den Soldaten keine Vorschriften gemacht. ES wäre gut, wenn es so wäre.
KriegSmtntster Bronsart o. Schellendorsf erwidert, er habe bte Thetlnahme an Treibjagden nicht alS nothwendig, sondern nur als nützlich bezeichnet.
Sächs. Militär-Bevollmächtigter Major Vitzthum v. Ernst aedt stellt fest, in Sachsen gebe e« allerdings militärische Consum- d er eint; nicht richtig sei e« aber, daß die Mannschaften beiHaststrase zur Dttnstleistung in diesen Confumoeretnen commandtrt mürben.
Bei bem Titel „Zu Gefechtübungen ic." bemängelt
Abg. Broekmann (Ctr.), daß die Entschädigungsgelder für Eirquarttrungen während Der Manöver zu niedrig seien.
Referent v. Podbielski: In der Commtsston habe Ueber- einstimmung darüber geherrfcht, ob Abhilfe erforderlich sei, auch der vreußtsche KriegSmtntster habe Entgegenkommen gezeigt. Der erhöhten Kosten halber, welche eine anderweite Regelung — etwa durch Magazinoerpflegung — mit sich bringen müsse, sollen aber zunächst erst Versuche bei Armeecorps angestellt werden.
ES folgt Capitel „Naturalverpflegung", wo die Commtsston bet Titel Dictualten-Derpflegung von 30 Millionen Mark den Betrag von 1 700 000 Mk. gestrichen hat.
Eine Anzahl Abstriche hat die Commtsston auch bet den Forderungen für Neubauten und Reparatur bauten bet Magaztngebäuden vorgenommen.
Abg. Hammacher (natl.): An dteser Stelle werde durch übergroßes Sparen nur eine Vertheuerung und Erhöhung der Ausgaben des Reiches herbeigefühit. Bei der Unterhaltung der Substanz leinefl Vermögens darf kein guter Familienvater sparen. Eine unterlassene Reparatur zieht hinterher viel größere Ausgaben nach fich. Man möge daher die hier geforderten Summen ohne Abstrich bewilligen.
Abg. Lingen« (Ctr.) unb v. Stumm (Rp.) äußern fich in gleichem Sinne. ,, t ,
Abg. Richter (fr. Vp): Die Abstriche betragen überhaupt nur 8pCt. bet geforderten Summen, unb sie beträfen außerdem überhaupt nicht Reparaturen, sondern kleinere Neubauten und Re- tabltssementSbauten. .. . ,
Gegen Naltonalliberale, Rcichspartetler und einen Theil d«s Centrums werden die Abstriche nach den Beschlüssen der Commisston genehmigt.
Auf eine Anfrage des Abg. Hammacher erklärt
Kriegsmtnister Bronsart v. Schellendorsf: Es fei der Wunsch Sr. Majestät, die Belastung bet Mannschaften mit Gepäck, Munition rc. herabzusetzen. Es seien Seiner Majestät auch Vorschläge gemacht worben, welche auf eine Entlastung um 13—14 Pfb. abjtelen. Es müßten aber im Lause deS Sommers noch Versuche gemacht werben. Er habe jeboch die Hoffnung, baß btese Versuche von Erfolg sein würden. (Beifall.)
Bet Capitel „Garnison-Verwaltungs- und Serviswesen" hat die Commission '/, Million abgesetzt, wiederum an dem Titel „bauliche Unterhaltungen, kleinere Neu- und Retablissementsbauten".
Auch hier beantragt Abg. Hammacher die Bewilligung der vollen Summe.
Nachdem Generallieutenant v. Funk, Abg. v. Stumm diesen Antrag empfohlen, dagegen Abg. Richter ihn wiederum bekämp't, wird der Antrag Hammacher abgelehnt.
Bet dem Captlel „MUitär-Medictnalwesen" führt Abg. Lingen S (Ctr.) aus, daß im bürgerlichen Leben die Selbstmorde am ftltenfnn unter den Ka'holikm vorkämen; bei dem Militär weide eS wohl tbenso sein, wie die Statistik ergeben würde.
Beim Capitel „Reisekosten, Tagegelder rc." beantragt die Corr- Mission eine Resolution, welche für die Reisekosten und Tagegrldrr eine reich-gesetzliche Regelung verlangt, namentlich auch nach der Richtung, daß bei den Reisekosten möglichst nur die wirklichen Auslagen vergütet werden. ,, , _ , , M
Geh. Rath Plahn erklärt, der erste Theil der Resolution, welcher die reichSgefetzliche Regelung an sich verlange, schaffe ganz neues Recht und sei deshalb für die Regierung unannehmbar. Dm
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.


