Ausgabe 
7.11.1894 Zweites Blatt
 
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1891

Nr. 261 Zweites Blatt. Mittwoch den 7. November

Der

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Deutsches Reich.

Berlin, 5. November. Der Kanzlerwechsel ist auch auf die Dispositionen für die Einberufung des Reichs­tages nicht ohne Einfluß geblieben, denn die auf den 15. November festgesetzt gewesene Eröffnung des Reichs- parlamentS ist nunmehr auf den 5. December verschoben worden. Die Reichsboten werden also ungewöhnlich spät zu ihrer neuen Session zusammentreten und es wird deshalb in dem Sessionsabschnitt vor Weihnachten schwerlich noch sonderlich viel geleistet werden. Bis zum muthmaßlichen Beginne der parlamentarischen Weihnachtsferien dürften es dann kaum noch zwei Wochen sein und diese überaus knappe Frist wird höchstens für die Generaldebatten über den Etat und über die Tabakfabrikatsteuer-Vorlage ausreichen, welch' letztere zusammen mit dem Etat dem Reichstage gleich bei seinem Zusammentritt unterbreitet werden soll. Die deutsche Volksvertretung hat demnach erhöhten Anlaß, diesmal ihre Zeit zusammenzunehmen und es wäre da namentlich eine stärkere Frequenz der Sitzungen dringend zu wünschen- die Beschlußunfähigkeit des Reichstages gerade in seinen letzten Sessionen war ja beinahe eine Calamttät geworden.

Das elsaß - lothringische Unter st aats- secretariat für Justiz und Cultus, welches durch die Berufung Herrn v. Köllers an die Spitze des preußischen Ministeriums des Innern zur Erledigung gelangt ist, harrt noch immer seiner Wiederbesetzung. Einstweilen wird der erledigte Posten vom Staatösecretär v. Köller mitverwaltet.

Verurtschtes

* Hamburg, 1. November. Das italienische Schiff Sintolo" wurde an der afrikanischen Küste von See­räubern überfallen, welche demselben etwa 1000 Ballen und Kisten raubten.

* Hamburger Platt im Gerichtshöfe.Ich ersuche das verehrliche Gericht um einen Vertheidiger, da ich der deut­schen Sprache nicht genügend mächtig bin, um mich mit dem Gerichte zu verständigen," lautete der Inhalt eines Briefes, den ein vielfach vorbestrafter Arbeiter in Hamburg, da er sich wieder gegen eine Anklage wegen Diebstahls zu recht­fertigen hatte, vor einigen Tagen an den Vorsitzenden der Strafkammer übersandte. Vor Beginn der Verhandlung machte der Vorsitzende den Angeklagten darauf aufmerksam, daß es sonderbar erscheine, wenn er plötzlich kein Deutsch verstehen wolle, da er doch schon häufig mit den deutschen Gerichten in Conflict gerathen und sich stets sehr gut ohne Vertheidiger verständigt habe. Der Angeklagte entgegnete, daß er das Hochdeutsche meine, worauf der Vorsitzende im schönsten Hamburger Platt erwiderte:Datt beit nikS, ick spräck ganz prächtig platt, wi Beiden wöllt woll mit enanner torecht kamen." Und sie kamen auch Beidesehr schön I

zurecht" und der Angeschuldigte auf 18 Monate ins Zuchthaus.

* Wie man in Berlin Concurs macht. DerCou- fecttouär" erzählt: Kürzlich machte ein Berliner Kaufmann zum dritten Male ConcurS- etwa 180000 Mk. Passiven standen nur 12 000 Mk. Activa gegenüber. Die Bücher waren jedoch ordnungsgemäß geführt, der Bankrotteur daher nicht strafbar. Zugleich meldete ein kleiner Kaufmann der­selben Branche Concurs an - Passiven von 6000 Mk. standen Activa von 5000 Mark gegenüber. Dieser Geschäftsmann mußte der Staatsanwaltschaft überwiescü werden, weil die Geschäftsbücher nicht ordnungsgemäß geführt wurden. Vor drei Wochen machten in Moabit drei Schwestern, deren jede ein eigenes Geschäft besaß, ConcurS- in einem derselben sand sich so wenig Masse vor, daß gerichtltcherseits der Con­curs nicht angenommen werden konnte. Seitens der Gläu­biger fanden mit den drei Geschäftsinhaberinnen Vergleiche statt und nach Durchführung hatten die Damen wieder be­deutende Waarenlager, welche vor Anmeldung des Concurfes versetzt worden waren. Bei einem Concurse, den eine größere Firma über sich ausbringen ließ, wurde nach- gewiesen, daß sie wenige Tage vorher, Maaren im Werthe von etwa 100,000 Mk. empfangen und diese versetzt hatte. Da der Geschäftsinhaber Geld gebrauchte, wurden die Pfand­scheine verkauft, allerdings um deren Erlös zur Begleichung einer Rechnung zu benutzen. Bei einem Fallissement der in der Neuen Königstraße wohnenden Firma S. waren bei 100000 Mk. Passiva so wenig Activa vorhanden, daß die Gläubiger, um die Eröffnung eines Concurses und die straf­rechtliche Verfolgung des Schuldners herbelsührcn zu können, zur Masse 1500 Mark baaren Zuschuß leisten mußten. Es stellte sich später eine Dividende von pCt. heraus, eine Bestrafung S.'s konnte jedoch nicht erfolgen, da der Concurs ein ganz ordnungsgemäßer war.. Schließlich möchten wir noch einesFamilien-Concurs" erwähnen - vor etwa 30 Jahren eröffnete ein gewisser L. ein kleines Weißwaaren-Geschäst und machte kurze Zeit darauf Pleite. Seine Frau errich­tete ein neues Geschäft, das sich mehrere Jahre hindurch hielt, bis Ungunst der Zeitverhältnisse, wie es in dem ge­druckten Anschreiben an die Gläubiger hieß, sie zwang, in Coic.rs zu gehen. Nachdem die Angelegenheitgeordnet" war, übernahm in chronologischer Reihenfolge der Bruder und die Schwester, der Sohn und die Tochter des Geschäfts- begründers das Geschäft, und sie alle machten ausnahmslos Pleite, die jedesmal außergerichtlich oder durch Zwangs­vergleich geordnet wurde. Die Gläubiger haben im Laufe dcr 30 Jahre gegen 700 000 Mark in das L.'sche Geschäft hineingepulvert- der Patriarch, der alte Herr L. aber, der , von seinen Zinsen lebt, blickt mit gerechtem Stolz auf das Schild der Firma, das in prangenden goldenen Buchstaben t den Zusatz trägt:Gegründet 1864". 1

* Das Project eines Tunnels unter dem Canal zwischen Dower und Calais, welches vor etwa 15 Jahren nahe daran war, von der französischen und englischen Regierung sanctionirt zu werden, seitdem aber auf viele Gegner unter allen Par­teien gestoßen ist, muß jetzt wohl auf lange Jahre hinaus als bei Seite geschoben gelten. Hat sich doch ke^n Geringerer als der Premierminister selbst in den unzweideutigsten Worten dagegen erklärt. Lord Rosebery besuchte eines der großen Werke Sheffields, wo er der Herstellung von Panzerplatten beiwohnte, und auf einem darauffolgenden Lunch erklärte er, wegen der ausgedehnten Handelsiutereffen könne England nirgends gleichgiltig sein gegen die Folgen von Krieg oder Frieden. Doch hoffe er, daß Großbritannien seine eigene Neutralität bewahren werde, so lange dies in Ehren ge­schehen könne, und in erster Linie verdanke England dies seiner insularen Lage. Aus diesem Grunde hoffe er, daß Sheffield niemals sich damit beschäftigen werde, die Röhren zu einem Tunnel unter dem Canal zu schmieden.

* Grobe Höflichkeit.Fräulein, entschuldigen Sie, daß ich Ihnen den Rücken zuwende, aber dort sitzt so ein hüb scheS Mädchen!"

Technische Fortschritte.

Da» Bronciren von Figuren und Ornamenten au» Sip». Eine recht brauchbare und empsehlenswerthe Anleitung zum Bronciren von Figuren und Ornamenten hat vor einiger Zeit Johann Rhein angegeben. Nachdem die Gegenstände von ©taub und Unebenheiten gereinigt find, werden dieselben mit einem dem Gegenstand angemessenen Fischpinsel mit Leinölfirniß einige Male überzogen. Nach dem Trocknen soll der Anstrich gleichmäßig und hart und an keiner Stelle eingeschlagen fein. Alsdann bereite man sich einen Lack aus 1 Thell Leinölfirniß, 1 Theil Copallack und '/s Theil Terpentin und gebe mit diesem Lack einen Anstrich; ist dieser nicht schön gleichmäßig, dann gebe man einen zweiten. Auf diesen Anstrich kann man erst nach 12 bis 24 Stunden bronciren; beim Bronciren größerer Gegenstände lege man einen großen Bogen Papier unter, damit nicht so viel Broncestaub verloren geht. Zum Etnretben der Bronce nimmt man einen Haar- oder fein geschliffenen Borstpmsel. Die Kupfer-, Gold- oder Silberbronce wird zart und so lange eingerieben, bis ein schöner gleichmäßiger Glanz erreicht ist. Glanz gleiche Stellen, wie z. B. Fletschtheile an einer Figur u. s. w., reibt man vortheilhaft mit einem um den Finger geschlungenen zarten Leder ein, das mit Wachsterpentin benetzt und in die Bronce getaucht wird. Hierauf läßt man langsam trocknen und lacktrt mit Weingeistlack. Dies Verfahren gilt als besonders gut, aber viel einfacher und schneller ist folgende Art. Man streicht die gereinigten Gtpsgegenstände einige Male mit frischem Schellack, dieser verbtndert das Einschlagen des Eopallacks, welcher jetzt in Anwendung kommt, streicht alsdann mit fettem Copallack und broncirt, wenn die nöthige Dichtigkeit vorhanden ist; nach dem Trocknen überzieht man Silber mtt Aquarellack, Gold- und Kupferbronce mit rothltchem Weingeistlack. (Petersburger Möbellack.) Im Uebrigen können bei einiger Hebung alle Bronctrungsverfahren mit Anwendung einer Lackgrundlage auf Gips angewandt werden.

Feuilleton.

Einr Etrphantrnjsgd.

Don Martin Herrmann.

(Nachdruck verboten.)

Nachdem wir unser Frühstück eingenommen, stiegen wir zu Pferde und sprengten in der Richtung nach Bintenne da­von, da man die Elephanten nur zwischen Bintenne und Badulla*) vorfindet. j

Ungefähr eine Viertelmeile von dem Orte, an dem wir gerastet hatten, machte der Weg eine Biegung. Als wir uns dieser näherten, gaben unsere Pferde Plötzlich Zeichen von Unruhe zu erkennen und das meinige, mit welchem ich an der Spitze ritt, scheute und bäumte sich.

Mein horse-keeper so nennt man den Neger, der den Zügel des Pferdes halten muß gab mir zu ver­stehen, daß mein Pferd zweifellos die Fährte eines Ele­phanten gewtttert hätte. Ich gebrauchte nun alle möglichen Mittel, Kniee,j Sporen, Gerte, um das Thier vorwärts zu bringen, allein es weigerte sich standhaft, auch nur noch einen Schritt zu gehen. Endlich sprang ich zur Erde, nahm mein Gewehr in die Hand und wandte mich der Land­straße zu.

Mein Schwarzer hatte sich nicht getauscht. Hundert Schritt vor mir befand sich ein Elephant, der mit seinem ruhigen und regelmäßigen Schritt eine jener ungeheuren cylinderförmigen Eisenmaschinen zog, die angewendet werden, die Erde der Gärten und Straßen zu ebnen. Um diese schwere Maschine zu schleppen, wären acht bis zehn Pferde

*) Bintenne und Badulla sind zwei Städte auf Ceylon.

nöthig gewesen- der Elephant zog sie anscheinend ohne die geringste Anstrengung.

Ein anderer Elephant, der von seinem Kornak geführt wurde, rollte große Steinblöcke herbei und stapelte sie am Rande eines Vorgebirges auf.

In Bintenne angekommen, ließen wir die Pferde zurück und arbeiteten uns durch die Dschungeln hindurch übrigens eine recht angenehme Beschäftigung, da man fich mit dem Messer seinen Weg durch das Gestrüpp bahnen muß.

Die Gegend, an der wir diese Arbeit vornehmen sollten, war uns von Negern gezeigt worden, welche hier drei Tage vorher die Spuren einer Elephantenheerde entdeckt hatten.

Ungefähr zwei Meilen mußten wir zu Fuß zurücklegen und uns mit dem Messer durch die Dschungeln hindurch­arbeiten.

Unser Führer ging vor uns her- jeder that nach Kräften seine Pflicht, und war einer zurückgeblieben, so warteten die andern auf ihn.

Schaaren von Goldfasanen umflatterten uns. Ich fragte, ob es mir nicht gestattet sei, einen solchen zu schießen, aber diese Erlaubniß wurde mir nicht gewährt, da dadurch nur die Elephanten aufgescheucht worden wären.

Je mehr wir uns der Gegend näherten, in der wir auf unsere Feinde stoßen sollten, empfahl uns unser Wirth, Sir Williams, uns rechts ruhig zu verhalten und möglichst leise zu sprechen.

Nach einem Marsche von ungefähr zwei Stunden, während deren wir eine wahre Pionierarbeit verrichteten, kamen wir auf einen freien Platz und bemerkten, daß der­selbe erst vor kurzer Zeit von den Elephanten verlassen worden war.

Aus ettoa hundert Schritte im Umkreise lagen Stämme, junge Bäume und Sträucher zerstreut - das Getreide am Wegrande war niedergetreten, Bäume von 50 Fuß Höhe waren von den Colossen entwurzelt.

Zwei ungeheure Furchen gleich zwei Tunneln von je 30 Fuß Breite zogen fich durch die Dschungeln hin. Der Trupp hatte sich getheilt und nach zwei Setten entfernt.

Ich war sprachlos ob einer solchen Macht der Zer­störung und stellte Vergleiche zwischen den Kräften dieser Ungeheuer und des Menschen an.

Bald darauf waren wir an dem Platze angetangt und machten Halt.

Sir Williams, der von uns allen diese Jagd am besten kannte, gab uns nun seine Instructionen, die hauptsächlich an mich gerichtet waren.

Zu befürchten sei nichts, erklärte derselbe- er selbst hätte bereits 600700 Elephanten getödtet, bis zum fünf­hundertsten habe er gezählt. Nur ein Unfall wäre ihm begegnet und dieser hätte irgendwelche böse Folgen nicht gehabt.

Eines Tages hatte er die Unklugheit besessen, zwei Schüsse auf einen kleinen Elephanten abzugeben, von dessen Mutter er dann sofort angegriffen worden fei. Er wandte sich nunmehr um, um fein zweites Gewehr zu nehmen, be- merkte aber, daß fein Neger entsetzt entflohen war und das Gewehr mitgenommen hatte. Ihm sei weder der Gedanke zum Fliehen gekommen, noch habe er Zeit dazu gehabt, da der Elephant ihn mit dem Rüssel gefaßt und von der Erde in die Höhe gehoben hatte.

(Schluß folgt.)